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Triskel
Dressed-Pugly


Beiträge: 20050
Wörter pro Beitrag: 22

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BeitragVerfasst am: 02.04.2007, 22:04                                  

Manchmal, wenn ich eigentlich was für die Uni zu tun hätte, mache ich Dinge, die ich eigentlich nicht tun sollte. Beispielsweise im Boardy nach Reviews stöbern. Voilà:


Wayne interessiert's? - John Waynes Western Boardy-Thread
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The searchers

Pfeifenkrautler

(spoilers ahead)

Ich hatte mir vorgenommen, chronologisch vorzugehen (auf meine Sammlung bezogen), aber es ist natürlich etwas undankbar, wenn man gleich mit dem dreckigsten, zynischsten und vielleicht besten John-Wayne-Western anfangen muss. Nun gut, so sei es. Meisterregisseur John Ford schrieb damit 1956 Filmgeschichte, "The searchers" wurde zu einem der einflussreichsten Filme überhaupt, er war der Höhepunkt und zugleich Abgesang auf den klassischen amerikanischen Western und nahm mit seinem schonungslosen Erzählstil und seiner kompromisslosen Optik in vielen Punkten den Italowestern vorweg. Viele große Regisseure haben sich daran orientiert und ihn immer wieder zitiert, von Leone in "Once upon a time in the West" bis Tarantino in "Kill Bill II".


Der Held kommt immer über die Ebene

Das ist die allererste Einstellung von "The searchers" und sie bricht radikal mit der Bildsprache des klassischen US-Westerns. Eine sonnendurchglühte, staubige, monumental-abweisende Landschaft, ein einzelner Mann, er kommt nach Hause. Ethan Edwards kehrt aus dem Bürgerkrieg zurück, zu seinem Bruder und dessen Familie. Der Krieg ist seit drei Jahren vorbei, was Ethan seitdem gemacht hat, was er im Krieg erlebt hat, man erfährt es nicht. Er spricht nicht viel. Ein Berg von einem Mann, wenn er einen Raum betritt, ist der Raum voll. Schnell kristallisiert sich heraus, der Mann ist eine Ruine. Ein zynischer müder alter Krieger, der sichtlich Mühe hat, sich ans Zivilleben anzupassen. Er verschenkt seinen Säbel und seine Orden und schnell zeigt sich auch, dass zwischen ihm und seiner Schwägerin Gefühle existieren, die über das "schickliche Maß" hinausgehen. In der trauten häuslichen Umgebung seiner Ersatzfamilie wirkt Ethan wie ein Fremdkörper, wie ein Sprengsatz, ein Mann, der den Tod mit sich trägt wie einen alten Mantel.

[Bild kaputt]
Der Blick in die Zukunft oder der Blick in den Tod?

Und der Tod holt Ethan ein, kurz nach seiner Ankunft wird die Farm von Comanchen niedergebrannt, die Familie seines Bruders wird ausgelöscht. Ein brutales Massaker zehn Minuten nach dem Titelsong, das muss damals, in der heilen Welt des US-Western, wie ein Knüppel auf den Kopf gewirkt haben. Ethan verzieht keine Miene. Tod, damit kennt er sich aus. Zusammen mit einem zusammengewürfelten Haufen nimmt er die Verfolgung der Indianer auf. Die beiden Töchter der Familie, Ethans Nichten, befinden sich in der Gewalt der Comanchen und Ethan befürchtet das Schlimmste. Er trägt einen lodernden Hass gegen die Indianer in sich, vielleicht das Einzige an ihm, was überhaupt noch lebt. Bald zersplittert die Gruppe, während sich die Siedler auf den Nachhauseweg machen, zieht Ethan alleine weiter, begleitet vom halbindianischen Ziehsohn der Familie seines Bruders, Marty, ein Milchgesicht. Ein Waise der Indianerkriege, auch seine Familie wurde einst angeblich von Comanchen ermordet. Vielleicht aber ist er auch Ethans Sohn, einiges spricht dafür, man wird es nie erfahren. Ethan lässt Marty seinen Indianerhass bei jeder Gelegenheit spüren, er schikaniert den Jungen, wo er kann, aber nimmt ihn gleichzeitig unter seine Fittiche und schätzt dessen glühenden Willen, seine Ziehschwestern zu befreien.

Dann finden sie Lucy, die ältere, tot und geschändet. Etwas zerbricht in Ethan und die Suche nach Debbie, der Kleinen, vielleicht Zehnjährigen, seiner letzten Blutsverwandten, wird zu seinem Lebensinhalt. Gemeinsam mit Marty, der langsam zum Mann reift, durchstreift Ethan rastlos den wilden, weiten Südwesten der USA, auf der Spur eines berüchtigten Comanchenhäuptlings, "Scar", einer der letzten, die sich weigern, in die Reservate zu ziehen und den verhassten Eindringlingen den Krieg erklärt haben. Eine kleine, todesverachtende Truppe von Kriegern, verfolgt von zwei unerbittlichen Rächern.

Monate gehen ins Land, auf Sommer folgt Winter und ein neuer Sommer, Ethan und Marty kämpfen sich durch Schnee und Berge, durch Wüsten und Wälder, sie stoßen bis in die Great Plains des Nordens vor und überqueren die Grenze nach Mexiko, immer auf der Suche nach einem Kind, das längst zur Indianerin geworden sein muss. Es ist irgendwann nicht mehr als eine fixe Idee, ein Wahn. Während Marty es immerhin noch schafft, den Kontakt zur realen Welt nicht völlig zu verlieren und sich ein Mädchen anlacht und so etwas wie ein "nachher" im Auge behält, scheint für Ethan die Suche nach Debbie zum Selbstzweck geworden zu sein.


Ziemlich cool - Marty und Ethan

Die "Searchers" durchkämmen die Indianerreservate, fragen sich durch, sehen sich unter dem Treibgut der Indianerkriege um, unter den Gefangenen, den Entwurzelten, den Vertriebenen, ob sie ein weißes Mädchen entdecken. Die US-Kavallerie treibt Indianer zusammen, zwingt sie in die Reservate, Ethan und Marty finden Überreste von Massakern der Armee, sie sind abgestoßen von den Methoden der verachteten Yankees, rastlos irren sie zwischen den Fronten dieses schmutzigen Krieges umher. Sie führen ihren ganz eigenen, privaten Indianerkrieg und als es ihnen schließlich, nach fünf langen Jahren gelingt, Scar ausfindig zu machen, dämmert dem nicht gerade hellen Marty allmählich, dass Ethan eine zur Comanchin gewordene Debbie nicht akzeptieren wird. Aus der Suche nach Debbie wird der Wettlauf um ihr Leben. Marty muss sie vor den Indianern und vor Ethan retten, dessen Beweggründe immer weniger zu deuten sind. Was wird passieren, wenn er sie findet?

"The searchers" ist radikal anders als alle US-Western, die ich kenne. Er ist dreckig, zynisch und bitterböse. John Wayne spielt hier die Rolle seines Lebens, er spielt natürlich sich selber, den gleichen harten Mann, wie in allen seinen Filmen, aber mit einem zutiefst kaputten Kern. Ein Mann, der keinen Widerspruch duldet, der geborene Führer, wo er ist, ist kein Platz für einen anderen Befehlshaber, das macht er immer wieder klar. Er hat in seiner Armeezeit, über die er nicht spricht, genug Befehle entgegen genommen, das hier ist sein Krieg, hier bestimmt nur er, wo es langgeht. Marty steht ihm loyal zur Seite, aber kommt nicht an ihn ran. Ethan braucht keinen Menschen oder wenn, zeigt er es nicht. Vielleicht sind auch alle tot, die er mal brauchte. Er kann charmant sein, er ist nett zu Kindern, er hat Respekt vor anständigen Kerlen und er kann sogar lustig sein und findet Gefallen an einer zünftigen Prügelei und einem guten Glas Schnaps. Aber das sind nur kurze Momente. Ethan Edwards ist gefährlich, für seine Feinde und vielleicht auch für seine Freunde. Das ist nicht gerade der amerikanische Held. John Wayne verdient mit dieser Rolle den Ruhm, sein eigenes Klischee überwunden zu haben. Wie auch in den anderen Filmen, die ich mit ihm kenne, ist John Wayne immer ein Held mit Macken, mit Ecken und Kanten, mit Ironie, Sarkasmus bis hin zum Zynismus wie hier. Würde man Wayne auf das Stereotyp des harten Burschen reduzieren, des "american hero", tut man ihm unrecht, spätesten mit "The searchers" wird das klar.


Sieht so ein Held aus?

Es fiel mir nicht leicht, nach der Rolle des Ethan Edwards Wayne in Filmen wie "Rio Bravo" wieder als jovialen und gutgelaunten Vertreter der Gerechtigkeit zu erleben, das war schon eine Umstellung. Aber mehrschichtig ist er eigentlich immer, zumindest in seinen späteren Filmen. Er ist nicht umsonst eine der größten Legenden Hollywoods geworden. Er verkörperte ein Hollywood, das es schon bald nicht mehr gab und er ging mit ihm unter und gab dieser versinkenden Epoche sein Gesicht. Der Held, den bald keiner mehr braucht und der das ganz genau weiß. "That'll be the day", sagt Ethan immer, wenn ihm einer dumm kommt, und das klingt erstmal nach Spott, "Sicher, soweit wird's noch kommen..", aber irgendwo schwingt da auch die Ahnung mit, dass es wirklich soweit kommen wird. Ja, der Tag wird kommen.




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Rio Bravo

Pfeifenkrautler

Drei Jahre nach John Fords Meisterstück drehte Howard Hawks, der andere große Westernregisseur seiner Zeit, einen so gradlinigen und aufrechten Western, als hätte es „The searchers“ nie gegeben. Rio Bravo ist das Hohelied auf den einsamen Helden des Westens, der eben tun muss, was ein Mann tun muss. Der Kinomythos sagt, Hawks habe sich über den grüblerischen und von Zweifeln geplagten Sheriff in „High noon“, der jeden in der Stadt vergeblich um Hilfe anbetteln muss, so geärgert, dass er beschloss, einen Sheriff zu zeigen, der so etwas nicht nötig hat. Und wer anders käme dafür in Frage als John Wayne?

Der Film beginnt mit einer vierminütigen Stummszene, kein Wort wird gesprochen. Ein abgerissener, heruntergekommener Säufer betritt den Saloon, Dean Martin, auch im echten Leben Alkoholiker, da gehört schon eine gute Portion Selbstironie dazu, so eine Rolle zu übernehmen. Man macht sich über ihn lustig, ein Mann wirft einen Dollar in den Spuckkrug. Dean Martin, „Dude“ wie sie ihn hier nennen, hat nun die Wahl, anderen beim Trinken zuzusehen oder sich den Dollar aus der ekligen, verspeichelten Tabakbrühe zu fischen. Er schluckt seinen Stolz runter, doch gerade als er die Hand in den Messingkrug stecken will, tritt ein Stiefel den Krug weg. Dude schaut auf, über ihm steht ein Hüne, als ob John Wayne mit seinen fast zwei Metern nicht schon groß genug gewesen wäre, filmt ihn Hawks hier in seinem ersten Auftritt von schräg unten. John Wayne betritt die Bühne in übermenschlicher Größe, der Film lässt keinen Zweifel daran, wer der Held ist.


Ein Mann, ein Stern und ein Gewehr - was braucht es mehr?

John T. Chance, T for trouble, Raubein und Sheriff der kleinen Gemeinde, macht klar, wie es laufen wird: er wird Dude, seinem alten, abgestürzten Kumpel helfen, aber mit strenger Hand. Aus der Kneipenszene entwickelt sich ein Handgemenge, es fällt ein Schuss, ein Mord ist geschehen und John T. Chance handelt sich sofort Ärger ein, den er bis zum Ende des Films nicht mehr los wird. Der Mörder, den er an Ort und Stelle verhaftet, ist der missratene Bruder von Nathan Burdette, einem ebenso reichen wie skrupellosen Viehbaron. Der Film steckt die Eckpfeiler der Geschichte früh ab, ein gradliniger klassischer Westernplot, zigmal erzählt und simpel genug, um Raum zu lassen, für das, was Hawks uns eigentlich erzählen möchte, eine Geschichte über Freundschaft, Loyalität und Pflichtbewusstsein.

Joe Burdette sitzt im Gefängnis, bewacht von Stumpy, einem alten, hinkenden Veteranen, die rechte Hand von Chance. Ein ewig grummelnder Kauz, zuständig für den derben Humor, ganz ähnlich der Figuren des Fuzzy und Festus aus einschlägigen Westernserien. So etwas wie ein Archetypus des Genres. In sechs Tagen wird der Marshall aus der Kreisstadt eintreffen, um den Mörder abzuholen und der Gerechtigkeit zuzuführen. Nathan Burdette kann das nicht zulassen, er hält nicht viel von seinem nichtsnutzigen Bruder, aber auch er glaubt als guter Amerikaner an die „family values“. Er wird versuchen, seinen Bruder zu befreien, und wer sich ihm und seinen gedungenen Revolverschwingern in den Weg stellt, hat schlechte Karten.

John T. Chance weiß das, und er stockt seine Kräfte auf, er gibt Dude den Deputystern zurück, den er einst trug, vor seiner Alkoholkarriere. Er gibt ihm die zweite Chance, die jeder Mann, so lehrt uns der klassische Western, verdient hat. Ein weiterer Mord geschieht, ein alter Freund von Chance, der ihm helfen will, wird erschossen, die Sache wird ernst. Für Chance geht es nun nicht mehr allein darum, dem Gesetz Geltung zu verschaffen, das ist nun auch seine private Schlacht. Auf der einen Seite steht ein in die Jahre gekommener Sheriff, ein Trinker und ein Krüppel, auf der anderen Seite sammeln sich die Handlanger Burdettes in der Stadt wie die Krähen um das verendende Rind. Die rau-herzliche Stimmung der ersten halben Stunde weicht einer Atmosphäre der Beklommenheit. Doch Chance bleibt gelassen. Man merkt, er hat schon einiges erlebt, das wird nicht das erste Mal sein, dass jemand seinen Kopf will. Er war nicht immer Sheriff, er lässt ein, zwei mal eine raue Vergangenheit durchblicken, er stand wohl auch schon auf der anderen Seite. Auf jeden Fall ist er nicht der feingeistige Mann des Gesetzes wie sein Kollege in „High noon“, er ist eher das, was man wohl „streetwise“ nennt. Ich habe auch das Gefühl, dass er den Job nicht unbedingt deshalb durchzieht, weil ihm das Gesetz so am Herzen liegt, sondern einfach, weil er jemand ist, der Jobs durchzieht, auch wenn sie so schlecht bezahlt und vollkommen lebensmüde sind wie dieser. Niemals legt er sein Gewehr aus der Hand und die schmale Winchester wirkt in John Waynes mächtigen Pranken wie ein Spielzeug. Ein Spielzeug allerdings, das zielsicher Blei spuckt. Auf die Frage, warum er immer das Gewehr mit sich trage, antwortet Chance so ehrlich wie lakonisch: „Weil ich mal feststellen musste, dass ich mit dem Colt nicht schnell genug bin.“ Diese uneitle, pragmatische Einstellung charakterisiert Chance besser als jeder lange Dialog.


Suchttherapie nach Doktor Wayne

Die Lage spitzt sich zu, für Chance und den blitzgetrockneten Dude wird jeder Weg in der Stadt zur Gefahr, an allen Ecken lungern Revolvermänner herum, jeder ihrer Schritte wird beobachtet und es kommt zu blutigen Zusammenstößen. Burdette selber hält sich im Hintergrund und betreibt eine Zermürbungstaktik. Er macht klar, dass es nicht gesund ist, Chance zu helfen. Und dennoch wird ihm Hilfe angeboten, aus unerwarteten Richtungen. Colorado, ein blutjunger, aber schon sehr abgebrühter Halbstarker, ein Cowboy, der durch den letzten Mord seinen Arbeitgeber verlor und nun in der Stadt quasi gestrandet ist, zeigt Interesse an der misslichen Lage des Sheriffs, und sei es nur aus Lust an der Gefahr. Und „Feathers“, eine junge, bildhübsche Falschspielerin, die Chance mal so eben nebenbei enttarnt hat und mit der nächsten Postkutsche aus der Stadt und der Schusslinie bringen will, verguckt sich in den Hünen, bleibt da und geht Chance gehörig auf die Nerven. Sein Problem ist: er will keine Hilfe! Er ist Profi, er will das auf seine Art, mit seinen zwei Männern, die ihm treu ergeben sind, durchziehen. Er will keine Zivilisten und fremde Glücksritter da hineinziehen, die stehen ihm im Ernstfall ja doch nur im Weg rum. Er verhält sich entsprechend mürrisch allen Hilfsangeboten gegenüber, das genaue Gegenteil also zum bettelnden Sheriff aus „High noon“.

Doch Feathers läst nicht locker, sie ärgert ihn, schäkert und flirtet, und liefert sich manch Wortgefecht mit dem eher einsilbigen Chance, dass es nur so eine Wonne ist. Das sind die heitersten Momente des Films, John T. Chance, ein Mann wie ein Baum, steht wie ein Tölpel im Hotelzimmer einer nur halbangezogenen Lady und weiß nicht mehr, wo ihm der Kopf steht. Sie dreht ihm jedes Wort im Mund rum und macht den armen Mann fast wahnsinnig. Ich vermute, hier hat sich Hawks etwas von Screwballklassikern wie „Leoparden küsst man nicht“ inspirieren lassen. Auf jeden Fall ist die Rolle von Feathers eine originelle Bereicherung des klassischen Plots und bringt einen ungewohnten Schuss Sexappeal in das staubige Heldenepos. Ich mag Feathers. Überhaupt ist jede Nebenrolle liebevoll besetzt, bis hin zum überdrehten, winzigkleinen mexikanischen Hotelier, auch ein John-T.-Chance-Fan, der arme Mann kann sich vor Loyalität kaum retten.


150kg und eine Winchester vs. Sex - unfair

Vorher hat er aber noch eine Kleinigkeit zu erledigen und nun steuert der Film sehr gekonnt auf den Showdown hin. Man merkt die hohe handwerkliche Qualität, es gibt keine Durchhänger, aber auch keine Hast. In 136 Minuten wird eine sich zuspitzende Geschichte langsam, aber zielsicher über die Bühne gebracht. Burdette ist nun aufgetaucht, er dirigiert die Einkesselung von Chance selber. Er bezahlt eine Mariachi-Band dafür, Tag und Nacht den „Cutthroat-Song“ zu spielen, eine getragene, wehmütig-bedrohliche Weise, psychologische Kriegsführung, und plötzlich weiß man, woher der Italowestern seine Musik nahm. Die mexikanisch-spanische Folklore, das sind die Wurzeln der Gänsehautmusik von Morricone, hier bereits von Hawks stilsicher eingesetzt.

Chance beschließt, den Gefangenen nicht mehr aus den Augen zu lassen, er verbarrikadiert sich mit seinen wenigen Getreuen, Colorado ist mittlerweilen auch dazu gestoßen, im Gefängnis, wo sie eine Art Junggesellen-WG aufziehen, drei Generationen von Außenseitern. Sie kontern in einer sehr schönen Szene die mexikanische Todesmelodie mit herzschmelzenden Cowboy-Weisen, Dean Martin darf seine Samtstimme zum Einsatz bringen und John Wayne lehnt im Türrahmen und lächelt. Irgendwo tief drin ist er nämlich doch ein Netter. Herzerwärmend auch die Szene, als er Dude dessen alten Revolver schenkt, den Chance von dem Mann heimlich zurückgekauft hat, dem Dude die Waffe für eine Flasche Schnaps verscherbelt hatte. Dean Martin hat Tränen in den Augen, als er die Waffe in den Händen hält, er weiß gar nicht, was er sagen soll, John Wayne winkt ab und wendet sich zur Seite und auch sein Blick trübt sich verdächtig, eine sehr romantische Szene. So sagen sich harte Männer, dass sie sich lieb haben, sie schenken sich gegenseitig Pistolen.

Viel Zeit bleibt den Eingeschlossenen aber nicht für derlei Liebesbeweise, nun nimmt Burdette das Heft in die Hand, er muss eine Entscheidung erzwingen, bevor der Marshall eintrifft und noch eine ganze Reihe von Männern müssen ins Gras beißen, bis das Gute siegen darf. Das explosive Finale ist beste Unterhaltung, aber fast schon nicht mehr wirklich wichtig, fast schon Routine. Was der Film erzählen will, passiert vorher, in den dramatischen Tagen, in denen sich eine Stadt zum Kampfplatz wandelt. Der Film meistert den Spagat zwischen düsterer Spannung und launigen Betrachtungen über Freundschaft und Liebelei höchst professionell und bringt immer alles unter einen Hut. Feuergefechte wechseln mit Wortgefechten und stillen Momenten, es ist alles da, was man sich von einem klassischen US-Western nur wünschen kann, die volle Ladung.

„Rio Bravo“ ist extrem professionell gemacht, das Timing stimmt, jeder Charakter ist überzeugend angelegt, nirgends wurde geschlampt. Daraus ergibt sich ein pralles, rundes Bild, eine sicher naive, aber sehr unterhaltsame Geschichte, die man sich gut anschauen kann, ohne dass sie sich abnutzt, ein echter Klassiker. Wenn Howard Hawks mit diesem Film dem aufrechten US-Western ein Denkmal setzen wollte, bevor dieser noch weiter durch „Verräter-Filme“ wie „The searchers“ und „High noon“ demontiert wird, so ist es ihm voll und ganz gelungen.




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The man who shot Liberty Valance

Pfeifenkrautler

Achtung, jetzt wird's anspruchsvoll. Nichts gegen Howard Hawks und “Rio Bravo” war wirklich ein Augenschmaus, aber The man who shot Liberty Valance kickt in einer Liga mit „High noon“, das ist einfach eine andere Klasse.

Es ist auch der erste meiner Wayne-Filme, in denen das alte Raubein nicht die Hauptrolle spielt. Im Mittelpunkt steht ein Kindheitsidol, James Stewart, ebenso schlaksig wie großartig. Wenn es einer schaffen kann, sich neben John Wayne zu behaupten, dann er. Allein das Wechselspiel dieser beiden grundverschiedenen Männer ist jede Minute des Films wert. Wie Hund und Katze, wie Wasser und Öl kreisen sie umeinander, jede Szene, in der beide zusammen auftreten, ist voller Energie. Man sollte meinen, dass John Ford nach geschätzten 2000 Western irgendwann einfach nichts Neues mehr zu erzählen hat, aber von wegen: mit „The man who shot Liberty Valance“ lieferte er 1962 das Spätwerk ab, das wohl jeder große Regisseur irgendwann bringen muss, will er in den Kino-Olymp eingehen. Wie auch in „High noon“ bedient sich „The man who shot Liberty Valance“ des Westerngenres, um eine komplexe Geschichte über Zivilcourage zu erzählen, bei John Ford kommt noch die Macht der Medien und der Abschied vom Westen dazu, ein ziemlicher Brocken, der dem klassischen Westernpublikum damals recht viel zugemutet haben dürfte.

Der Film beginnt damit, dass ein Zug einläuft. “High noon” und “Once upon a time in the west” beginnen ebenso. Soweit, so typisch. Aber dann wird es verwirrend, sowohl Kostüme wie Technik deuten auf eine sehr viel moderne Epoche hin als es der Wilde Westen war. Es gibt Strom und Telefone, niemand trägt einen Revolver, die Stadt ist sauber und aufgeräumt, der Westen ist endgültig erschlossen. Rance Stoddard (James Stewart), Senator der Vereinigten Staaten und dreimaliger Gouverneur, kehrt als angegrauter Mann auf dem Gipfel seiner Karriere in das Städtchen Shinbone zurück, in dem alles anfing. Nur seine Frau begleitet ihn, er kommt nicht in offizieller Mission, er kommt, um einem Freund Lebewohl zu sagen, er kommt zur Beerdigung von Tom Doniphon. Der, wir ahnen es, kein anderer ist als John Wayne. Ein Western beginnt damit, dass John Wayne beerdigt wird, geht es noch symbolischer?

Rance Stoddards Ankunft sorgt für Aufregung und bald schon kommt er nicht umhin, dem aufdringlichen Herausgeber des "Shinbone Stars" Rede und Antwort zu stehen. Noch bewegt vom Wiedersehen erzählt Rance in einem staubigen Schuppen, vor der spinnwebenverhüllten Ruine einer Postkutsche, die Geschichte von ihm, Tom Doniphon und Liberty Valance. Es muss für einen so großen Westernregisseur wie John Ford schon merkwürdig gewesen sein, den Wilden Westen in Rückblenden als eine versunkene Epoche zu beschreiben, eine Epoche, die er zuvor jahrezehntelang in zahllosen Filmen zum Leben erweckt hatte. Wenn es einen "Abschied vom Western" gibt, dann ist es dieser Film.

Wir drehen also die Zeit zurück, 30 oder mehr Jahre, Stoddard, ein milchgesichtiger Jurist, frisch von der Akademie, folgt dem Ruf des Westens und kommt in das kleine, raue Städtchen Shinbone, am Rande der Wüste, irgendwo im Nirgendwo. Noch vor der Stadtgemarkung wird die Postkutsche überfallen und Rance macht seine erste, unerfreuliche Bekanntschaft mit Liberty Valance, dem berüchtigtsten Schurken der Umgebung. Ausgeraubt und zusammengeschlagen findet ihn Tom Doniphon und bringt das halbtote Greenhorn ins örtliche Lokal, dass eine schwedische Einwandererfamilie führt. Sie sind so was wie Doniphons Ersatzfamilie, ein kleiner, eingeschüchterter Vater (John Qualen, der fast dieselbe Rolle bereits in „The searchers“ spielte), seine resolute Frau und ihre nicht minder resolute, gutausehende Tochter Hallie. Ihr Lokal, eher ein Steakhaus als ein Saloon, ist das warme Herz der Stadt. Hier bekommt jeder sein gigantisches Steak mit Bohnen und Kartoffeln, die ständig dampfende, brutzelnde Küche ist die zentrale Bühne des Films, immer wieder treffen sich hier die Protagonisten, viele wichtige Szenen spielen sich zwischen Pfannen und Töpfen ab.

Schnell zeigt sich, dass Rance Stoddard, das Milchgesicht, aus härterem Holz geschnitzt ist, als man meinen möchte. Noch kaum ärztlich versorgt schmiedet er schon Pläne, wie er Liberty Valance vor Gericht bringen kann. Rance ist ebenso naiv wie eigensinnig, ein sturer Bock, der sich auch nicht einschüchtern lässt, als es ihm nach und nach klar wird, in welcher Diaspora er da eigentlich gelandet ist. Der Arzt ist ständig betrunken, der Marschall ein feiger, nichtsnutziger Fettsack und die halbe Stadt kann nicht lesen und schreiben. Seine Gesetzbücher, die ihm Liberty wie zum Spott ließ, scheinen von keinem großen Nutzen zu sein, hier draußen. Tom macht ihn das freundlich, aber unmissverständlich klar, besonders, als er von Stoddards Absicht erfährt, eine Kanzlei zu eröffnen.

"If you put your sign out in the street, you'll have to defend it with a gun, Pilgrim." Tom nennt Rance den ganzen Film hindurch liebevoll-spöttelnd Pilgrim, er kann diesen komischen, schlaksigen Kerl schlecht einschätzen. Kommt in den Westen, beladen mit Gesetzesbüchern, weigert sich, eine Waffe zu tragen, aber will Liberty Valance zur Strecke bringen! Bei Tom mischen sich Mitleid, Spott und Respekt. Tom Doniphon ist eine wundervolle Rolle für den sichtlich gealterten Wayne: ein Mann der alten Schule, Viehtreiber, Rumtreiber und Abenteurer, aber mit dem Drang, sich irgendwann zur Ruhe zu setzen, ein Mann, der sieht, dass die alte Westernherrlichkeit nicht ewig dauern wird, ein Mann, der tief drinnen weiß, dass die Zukunft schlaksigen Rechtsanwälten gehört. Falls sie nicht vorher von Kerlen wie Liberty Valance umgenietet werden.


Irgendjemand auf Ärger aus?

"Liberty is fast, Pilgrim. And he's the toughest guy south of the Picketwire. Next to me." Natürlich. Tom stellt sehr früh klar, wie die Hierarchien verteilt sind. Er ist sein eigener Boss, und ein verdammt harter Knochen, das sollte keiner vergessen. Aber ist ein "Guter", er will keinen Streit, nicht mal mit Schurken wie Valance. Er fürchtet Valance nicht, als vielleicht der einzige Mann der ganzen Gegend, aber er sieht auch keinen Grund, sich mit ihm und seinen Spießgesellen anzulegen. Es wird schnell deutlich, dass Tom und Liberty sowas wie die beiden Seite derselben Münze sind: beide sind sie Vertreter des rauen Westens, Männer, die nur ihrer Waffe vertrauen und die ihr unabhängiges, unstetes Leben lieben. Wobei Tom noch was vor hat, er hat schon lange die hübsche Hallie ins Auge gefasst, er kann sich einen geruhsamen Lebensabend im Familienkreis vorstellen. Liberty und Tom sind zwei Männer, die aus derselben Richtung kommen, aber verschiedene Wege einschlugen. Tom weiß, dass die ständig wachsende Bauernbevölkerung südlich des Flusses irgendwann die freie, wilde Ära der großen Ranchen beenden wird, er muss das nicht gut finden, aber er stellt sich drauf ein. Liberty weiß es vielleicht auch, stemmt sich aber mit Gewalt gegen jede Änderung. Und mittendrin steht nun dieser merkwürdige Rechtsanwalt, der anscheinend keine Angst kennt und wie ein Katalysator die Dinge ins Rollen bringt. Vorher aber will ich eine Schlüsselszene beschreiben, die Szene, in der alle drei Protagonisten erstmalig zusammentreffen:

Es ist Samstagabend, das Lokal ist brechend voll, in der Küche herrscht Hochbetrieb. Rance spült Geschirr, er will sich nützlich machen und ist sich für keine Arbeit zu schade. Die Frauen schmeißen den Laden und Tom hat sich in Schale geworfen, er wandelt, noch etwas unbeholfen, auf Freiersfüßen. Alle sind sie da, der Marshall stopft sich mit Steaks voll und Mr. Peabody, Gründer und Herausgeber des winzigkleinen "Shinbone Stars", versucht mal wieder vergeblich, der dickköpfigen Hallie etwas Zivilisation beizubringen, "I told you a hundred times, the fork on the left side, the knife on the right!“ – „Why, are you superstitious?“ .

Da geht die Tür auf und Liberty Valance und seine beiden Handlanger, die ihm nie von der Seite weichen, kommen rein. Schlagartig wird es totenstill. Liberty genießt die Wirkung, die er hervorruft, sie schmeichelt seinem Ego (einer seiner Handlanger ist übrigens Lee van Cleef, der später als Bösewicht in „The good, the bad and the ugly“ selber Schurkengeschichte schrieb). Sporenklirrend schreitet er durch den Raum, schmeißt drei kleine Cowboys kurzerhand raus und er und seine Männer machen sich über deren Teller her. Lee Marvin liefert hier einen prachtvollen Schurken ab, roh, ungezügelt, verkommen, aber mit einem gewissen Stil. Schwarze Klamotten, protzig mit Silbernieten und Stickereien verziert, eine Reitpeitsche mit Silberknauf, sein Markenzeichen, ja, er liebt den großen Auftritt. Leider kommt ihm sein jähzorniges Wesen immer wieder selber in die Quere, er kann letztendlich nicht aus seiner Haut, er ist und bleibt ein Rabauke. Das ärgert ihn vielleicht am meisten und niemand ist vor seiner Wut sicher. Raubtierhaft, lauernd und gefährlich sitzt Liberty zwischen den biederen Siedlern und breit grinst er, als Rance mit einem Tablett beladen in die Wirtsstube stolpert. "Look, the new waitress!" höhnt Liberty und lässt Rance, der ihn zu ignorieren versucht, samt Tablett über sein Bein stolpern. Die Schurken amüsieren sich köstlich, da steht Tom Doniphon auf. Er steht nur auf, sonst nichts, aber schlagartig kippt die Stimmung: Liberty und seine Handlanger springen auf, die Hand am Colt, alle Augen sind auf Tom gerichtet, niemand mehr beachtet den Rechtsanwalt am Boden. Tom steht einfach nur da, mitten im Raum, die Daumen lässig unter den Gürtel geschoben, er fixiert Liberty. "That was my steak, Valance." Liberty blinzelt nervös, Mist, dumm gelaufen. Tom Doniphon ist der einzige, vor dem Liberty Respekt, wenn nicht sogar etwas Angst hat. Liberty tut etwas, was er sichtlich ungern tut, er lenkt ein und wendet sich an Rance, der immer noch am Boden liegt. "Okay, you heard it, dude, so pick it up!" Doch so einfach lässt ihn Tom nicht gehen, Liberty hat sich in letzter Zeit bereits zuviel herausgenommen und nun ist Schluss. "No, Valance. YOU pick it up." Es riecht nach Ärger.


"One against three, Doniphon..." Liberty steht angespannt wie eine Katze vor dem Kampf im Raum, er weiß nicht, wie weit Tom gehen wird. Tom schüttelt den Kopf und zeigt in einer unbeschreiblich lässigen Geste zur Küchentür. "My boy Pompey in the kitchen door." Nur nicht zuviel Worte machen, wir sind im Westen. Alle Blicke gehen zur Durchreiche, dort steht Pompey, ein baumlanger, wortkarger Schwarzer, Toms rechte Hand und ihm in einem altmodischen Herr-Diener-Verhältnis treu ergeben (Woody Strode, der in der ersten Szene von „Once upon a time in the west“ erschossen wird. All die Querverweise wären noch mal eine eigene Untersuchung wert..). Pompey lässt den Hahn der Winchester knacken, die er auf Liberty gerichtet hat und keinen Zweifel daran, was passieren wird, wenn dieser auf dumme Gedanken kommt. Das ist eine wichtige Stelle, sie zeigt, Doniphon ist kein Draufgänger, er sichert sich immer den Rücken. Er will keinen Streit um des Streites Willen, aber er wird ihm auch nicht aus dem Weg gehen, wenn es denn sein muss. Die Ruhe selbst wiederholt er: "I said, you pick it up!" Liberty und Tom stehen sich nun auf Armeslänge gegenüber, keiner lässt den anderen aus den Augen, ein Kampf scheint unausweichlich. Da durchbricht plötzlich Rance, bohnenbekleckst wie er ist, die angespannte Stille, wütend blafft er die beiden Streithähne an: "I pick it up! You see?! I pick it up, here is your steak!! For christ’s sake, is everybody kill-crazy in this country?"

Sein Wutausbruch lässt die Duellanten leicht lächerlich aussehen, wie sie da immer noch Nase an Nase stehen, die Stimmung schwenkt nun wieder um, es wird keinen Kampf geben. Rance ist vielleicht kein Westernheld, aber er hat Mumm in den Knochen. Liberty tritt den Rückzug an, kochend vor Wut. In dieser grandiosen Szene ist John Waynes Ausstrahlung fast körperlich zu spüren. Unglaublich seine Leinwandpräsenz, der Raum ist bis in jeden Winkel angefüllt nur mit ihm. Er macht praktisch nichts, er benutzt extrem reduzierte Mimik und Gestik und seine Sprechzeilen des ganzen Films könnte man auf eine Serviette kritzeln, aber was für eine Ausstrahlung! So eine körperliche Wucht kenne ich sonst nur noch bei Marlon Brando.

Nach diesem Zusammenstoß ist Rance in den Familienkreis aufgenommen und während Tom für eine Weile nach Norden geht, Pferde treiben, beginnt Rance sein Zivilisierungsprojekt: er steigt beim "Shinbone Star" ein und zeigt dem ebenso idealistischen wie versoffenen Mr. Peabody, was professionelle Medienarbeit ist und er unterrichtet Kinder und Erwachsene im Hinterzimmer der Redaktion in Lesen, Schreiben und Verfassungskunde. Er lässt Pompey die Unabhängigkeitserklärung aufsagen, "We held these truth for be self-evident, that all men are created equal..", das aus dem Mund eines Schwarzen muss 1962, zu Zeiten strikter Rassentrennung, eine recht klare Aussage gewesen sein. Pompey bekommt es nicht mehr richtig zusammen, "Sorry, I plumb forgot the words..", Rance winkt ab, "A lot of people forget these lines." Und da soll noch einer sagen, Western wären unpolitisch... Und Hallie, die süße Hallie, hat sich mittlerweilen hoffnungslos in den langen Lulatsch verguckt. Armer Tom.

Dann kehrt Tom aus dem Norden zurück und mit ihm kommen Probleme - die Viehbarone haben den Siedlern südlich des Flusses den Krieg erklärt. Jetzt wird's erst richtig kompliziert: die Siedler streben an, dass das territory zum Bundesstaat erklärt wird, das würde ihnen Bundesrechte bringen, Gesetz und Fortschritt würden einziehen, Rance unterstützt diese Forderungen mit all seiner neuen Autorität. Die Viehzüchter wollen den Status der open range erhalten, der uralte Kampf zwischen Bauern und Nomaden. Sie haben Liberty und seine Männer angeheuert, um die anstehende Wahl zu stören. Liberty sieht diesen Job als Gelegenheit, auch gleich seine privaten Dinge zu regeln. Tom und Rance stehen dabei ganz oben auf seiner Liste. Es kommt zu einer tumultartigen Abstimmung, Liberty kämpft gegen die Fortschrittsbegeisterung der Siedler wie gegen Windmühlen, schließlich besinnt er sich auf das, was er kann und fordert Rance unmissverständlich heraus: "You'll leave the town today or you'll meet me in the street tonight!"


So sieht übrigens ein Schurke aus.

Der Abend bricht herein und Rance muss sich entscheiden: gehen oder bleiben? Sich einem killwütigen Revolverhelden stellen oder alles aufgeben, was er erreicht hat? Tom bietet ihm eine Fluchtmöglichkeit an, weiter gehen seine Hilfsangebote nicht. Er hat Rance immer gewarnt, da muss das starrköpfige Greenhorn nun selber durch. Es wird dunkel, in den Kneipen geht das Licht an und die ganze Stadt wartet auf das, was kommen wird..

Nun, der Titel des Filmes verrät es bereits, Liberty Valance wird erschossen, von wem auch immer, und mit ihm stirbt der alte Westen und der Fortschritt kann einziehen im staubigen Grenzland. Die Eisenbahn wird kommen, neues Ackerland wird erschlossen werden, Schulen und Kirchen werden aus dem Boden schießen, Einwanderer werden sie füllen und für Leute wie Liberty und Tom wird kein Platz mehr sein.

Der Film geht nach dem Duell noch eine ganze Weile weiter, der politische Aufstieg von Rance scheint unaufhaltsam und noch einmal taucht Tom auf, unrasiert, staubig, alt, wie ein Schatten aus der Vergangenheit, und die beiden ungleichen Männer sprechen sich aus, in einer bewegenden und großartigen Szene. John Wayne gibt alles, er spielt vielleicht immer ähnliche Typen, aber die immer mit Haut und Haar. Hier, in der letzten gemeinsamen Szene der beiden, lässt sich zwischen den Zeilen das ganze Ausmaß der Geschehnisse herauslesen, eine großartige und todtraurige Geschichte über Freundschaft und Verzicht, über Liebe und Loyalität. Und dann verschwindet Tom wie ein Gespenst und die Zukunft kann kommen. Der Film endet, wie er begann, mit einer Zugfahrt. Und mit dem berühmten Resümee des Zeitungsmannes (dem ja die ganze Geschichte erzählt wurde): "This ist the west. If the legend becomes fact, print the legend."




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The Shootist

Helcaraxe

Dramatis personae

J.B. Books, der berühmte Revolverheld




Die Witwe Rogers




Gillom Rogers, ihr Sohn




Dr. E.W. Hostetler, Arzt und Freund Books



Die letzten acht Tage im Leben einer Western-Ikone

Schauplatz der Handlung dieses Spätwesterns aus dem Jahre 1976 ist - wie könnte es anders sein - die Stadt Carson City; der Ort, der in jedem respektablen Western mindestens einmal erwähnt werden muss. Doch wir schreiben das Jahr 1901 und so prägen die ersten Straßenbahnen und das ein oder andere Automobil das Stadtbild. In einigen Häusern sind bereits Telefone installiert - von staubiger Westernromantik ist wenig zu spüren.
Der Film beginnt nun damit, dass die Nachricht vom Tode Queen Victorias die Stadt erreicht, fast zeitgleich trifft der alternde Revolverheld J.B. Books (John Wayne) ein, der seinen langjährigen Freund Dr. Hostetler (James Stewart) besuchen will. Schon seit einiger Zeit quälen ihn schmerzhafte Beschwerden. Der Arzt diagnostiziert Krebs, unheilbar, weit fortgeschritten, und verschreibt umgehend Laudanum zur Linderung der Schmerzen - ein alkoholisches Hausmittelchen, durchsetzt mit Opium und gesüßt mit Zucker, welches sehr schnell abhängig macht. Auch rät ihm Hostetler, einen heldenhaften Tod zu sterben und sich so eines längeren Martyriums zu entziehen. Doch daran denkt der sturköpfige und leicht exzentrische Books zunächst gar nicht; er quartiert sich lieber im Haus der Witwe Rogers (Lauren Bacall) ein, die davon wenig begeistert ist. Ein Revolverheld im Haus sorgt für Gerede unter den Nachbarn und Unmut unter den prominentesten Bürgern der Stadt.

Freilich kann die Rogers dem charismatischen Books nicht lange grollen. Er neckt die attraktive Witwe zuerst mit trockenem Humor und resoluten Anweisungen, erweist sich dann als Charmeur der alten Schule. Er kümmert sich um ihren Sohn (Ron Howard), der ihn bewundert, und bringt ihm - zunächst widerwillig - das Schießen bei. Diese kontemplative Idylle währt allerdings nicht lange: Ein nächtlicher Einbruch im Haus der Witwe findet statt, Books muss die Strolche in Notwehr erschießen - hier fällt der erste tödliche Schuss des Films. Von da an überschlagen sich die Ereignisse: Nach und nach stellt sich heraus, dass nicht wenige Bürger mit Books eine Rechnung offen haben. Dem Alten läuft sein Ruf voraus, jedoch nicht Bewunderung und Anerkennung prägen diesen, nein, es ist Abscheu und manchmal sogar der blanke Hass. Books ist ein Raubtier, verletzt zwar, aber immer noch gefährlich, er will sich nicht anpassen und verachtet technische Neuerungen. Mehr noch: Er hat sich in der Vergangenheit, kompromisslos wie er ist, viele Feinde gemacht.

Diese Situation wird immer schlimmer, die Flasche mit dem Laudanum neigt sich dem Ende zu, es geht ihm von Tag zu Tag schlechter und die Leute spotten. Gerade letzteres ist für den stolzen Mann unerträglich: "Ich dulde es nicht, dass mir Unrecht getan wird. Ich dulde es nicht, dass ich beleidigt werde. Und ich dulde es nicht, dass man Hand an mich legt. Ich tue diese Dinge nicht anderen Leuten an und verlange das gleiche von ihnen."

Aber als eine Handvoll Killer in der Stadt auftauchen und ihn zum Duell herausfordern, muss er wieder zum Schießeisen greifen. Er fährt mit der Straßenbahn zum Saloon, dem standesgemäßen Schauplatz eines jeden Showdowns, nimmt unerschütterlich einige Schlucke zu sich und wartet auf das Eintreffen der Schurken.
Diese glauben natürlich, leichtes Spiel mit ihm zu haben, denken, er sei eingerostet – er, der ja kurz zuvor noch mit dem Sohn der Witwe geübt hat. Nach kurzem Palaver kommt es zu der erwarteten Schießerei. Books zieht seine Waffe, zieht seine Waffe gegen eine Übermacht, zieht sie so schnell wie vielleicht noch nie zuvor in seinem Leben --- und erledigt die Schweinepriester einen nach dem anderen! Eine blutige Angelegenheit und das Blut auf der Weste unseres Helden ist sein eigenes. Siegreich und doch tödlich verwundet zieht er das Fazit: "In general, I've had a helluva good time!"



Das Vermächtnis des Dukes

"The Shootist" ist ein netter kleiner Film. Sehr ruhig erzählt, fast kammerspielartig und nichtsdestoweniger vielleicht einer der besten Western der 70er Jahre. Ich mag ihn sehr, er ist großartig gespielt und die sarkastischen Bemerkungen des Dukes geben ihm die rechte Würze. Wie viel Waynes Leistung noch mit Schauspielkunst zu tun hat, und ob der Oskar für seine Darstellung des todkranken J.B. Books verdient war, vermag ich nicht zu sagen. John Wayne - alt und feist geworden - war zum Zeitpunkt der Dreharbeiten natürlich schon selbst vom Krebs gezeichnet, dem Krebs, den er in den 60er Jahren besiegt zu haben glaubte. So spielt er mit nur noch einem Lungenflügel, wird in den Drehpausen mit Sauerstoff versorgt und treibt die gesamte Crew mit seiner mürrischen Art in den Wahnsinn. Wer könnte es ihm verdenken?

Angeblich lassen sich viele Anspielungen auf 'John Wayne'-Klassiker in "The Shootist" finden, die ich aber größtenteils nicht erkannt habe. ('John Ford'-Film-Ignoranz) Alles in allem klingt das schon sehr nach pks Beschreibung von "The man who shot Liberty Valance".
Der Film ist mal melancholisch, mal schwarzhumorig witzig - der örtliche Leichenbestatter bietet Books ein kostenloses Begräbnis an - und immer spannend. Die Anzeichen für den baldigen Tod des Westernhelden verdichten sich nach und nach zur Gewissheit. Vielleicht hat auch John Wayne schon den Hauch des Todes gespürt, als er das Drehbuchteam und Regisseur Don Siegel überredete, das Ende etwas optimistischer zu gestalten.

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Thanil
Iniesta de Toto


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BeitragVerfasst am: 02.04.2007, 22:20                                  +/-

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Triskel
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BeitragVerfasst am: 02.04.2007, 22:20                                  

Filme, die mein Leben veränderten Boardy-Thread
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Robin Hood

Pfeifenkraulter

Das Lachen im Wald - Robin Hood, König der Vagabunden

Wir schreiben das Jahr 1938: Faschismus und Stalinismus knechten ihre Völker, Europa steht an der Schwelle des Krieges und in Hollywood wird der Farbfilm erfunden. So hat alles zwei Seiten. Und die neue und sehr teure Technik wurde nicht leichtfertig verfeuert, zwei der ersten Farbfilme der Welt wurden direkt zu unsterblichen Klassikern: "Vom Winde verweht" und "Robin Hood", die kurz hintereinander in die Kinos kamen. Das waren Zeiten...


Mitten ins Herz...

Die erste Liebe vergisst man nie

Ich habe diesen Film abgöttisch geliebt, seit ich ihn als Kind erstmals sah, wahrscheinlich an einem trüben Dezembernachmittag, ohne Werbeunterbrechungen und mit knisternder 50er-Jahre-Synchronisation. Und danach immer wieder, wenn irgendwo Errol Flynn drauf stand, saß Kleinpfeifenkrautler vor dem Fernseher, ich glaub', ich war ein bisschen in ihn verknallt. Er war ja auch der schönste Mann der Welt, mit seinem Oberlippenbärtchen und seinem unwiderstehlichen Lachen. Allerdings waren seine Filme durch die Bank auch genau das, was ich damals sehen wollte: furiose Piratenstreifen, schmissige Mantel- und Degenburlesken und ergreifende Rittersagen. Errol Flynn war der Held meiner Kindheit, noch bevor ich Gregory Peck und James Stewart und all die anderen (besseren) Schauspieler kennen- und lieben lernte. Und von allen grandiosen Errol-Flynn-Filmen ist "Robin Hood" der größte. Letzten Sonntag sah ich ihn erstmals im Original, auf der Special-Edition, frisch restauriert und reich kommentiert, ein Schnäppchen mit erstaunlich hoher Bild- und Tonqualität (viel besser als die Fotos, die ich im Web fand) Und ich kann sagen, er hat nichts von seinem Charme eingebüßt. Die befürchtete Ernüchterung, die so oft ein Wiedersehen mit unseren Kindheitshelden trübt, blieb aus. Sicher, der Film ist simpel gestrickt, naiv erzählt und voll von albernem Slapstick, über den man heute dann doch nicht mehr so aus vollem Halse lachen kann, aber er ist immer noch beste Kinounterhaltung. Wie gern würde ich ihn mal auf der großen Leinwand sehen!


Stylish – Guy of Gisborne

Helden in Strumpfhosen

Das der Film immer noch funktioniert und nicht nur von seinen Lorbeeren als Klassiker zehrt, ist nicht ohne Grund. Eigentlich ist es sogar die Definition eines Klassikers, "zu funktionieren", zeitlos zu sein. "Der dritte Mann" ist immer noch spannend, "Vom Winde verweht" ist immer noch ergreifend und "Casablanca" ist sowieso unsterblich. "Robin Hood" ist immer noch witzig, unterhaltsam und glamourös. Dazu trägt der Technicolor-Farbrausch ein gutes Stück bei. Damals muss es den Kinogänger schlichtweg geplättet haben, nach 30 Jahren Schwarz-weiß-Kino direkt die volle Ladung der völlig übersättigten Kunstfarben. Heute wirkt der Film gerade, weil die Farben so unecht und übersteuert sind, immer noch irgendwie "prachtvoll", opulent, berauschend. Realistisch ausgesteuert würde der Film viel von seinem naiven Charme verlieren, so wie Zuckerstangen knallrot geringelt sein müssen und auf den Weihnachtsbaum Lametta gehört. Soviel Kitsch muss sein. Ein zweiter wichtiger Punkt ist, dass für die Zeit erstaunlich wenig im Studio gedreht wurde. Alle wichtigen Außenaufnahmen, und das sind viele, spielen in einem richtigen Wald, mit Bäumen aus Fleisch und Blut, der Film verzichtet völlig auf Pappfelsen und Kunststoffgebüsch, wie es noch bis in die 70er in Enterprisefolgen zu bewundern war. Das schützt "Robin Hood" davor, unfreiwillig komisch zu wirken, man muss eigentlich nie über schlecht gemachte Kulissen oder billige Tricktechnik lachen, denn die Kulissen sind großartig gemacht und die Tricktechnik bleibt dezent im Hintergrund und beschränkt sich auf ein paar opulente Matte-Paintings. So ist der kalte Waldfluss, in den Robin von Little John befördert wird, immer noch ein kalter Waldfluss und Sherwood Forrest kein staubiges Studio, wo man sich anstrengen muss, um die Aufhängungen der Kulissen zu übersehen, sondern immer noch der sonnendurchflutete Ort für Kleinjungenträume.


Die Schöne und das Biest – Sir John Ohneland baggert bei Lady Marian

Fettige Finger und schneeweiße Beißerchen

Zwei Dinge blieben mir bei "Robin Hood" immer als besonderes Merkmal im Gedächtnis hängen, zwei höchst unterschiedliche Dinge, aber beide auf ihre Art für diesen Film unerlässlich: Das Lachen und das Fleisch:

Ständig wird irgendwas gebraten und gebrutzelt, gleich in der allerersten Szene wird ein Hirsch gewildert und das legt die Linie fest: Fleisch ist wichtig, Fleisch ist gut, Fleisch ist Leben! Wer Fleisch hat, hat das Sagen. Die sächsischen Bauern hungern, während die normannischen Herren sich die Bäuche voll schlagen, doch dann dreht Robin den Bratspieß um und im Wald wird dem Volk die Tafel gedeckt und alles, was vier Beine oder zwei Flügel hat, kommt auf den Tisch. In einer Szene dreht sich ein ganzer Ochse am Spieß, in einer anderen mehrere Spanferkel, in einer dritten wird eine riesige Schüssel gebratene Rebhühner auf den Tisch gestellt und Robin spießt sich eins mit seinem Dolch auf und fängt an, das Fleisch in großen Fetzen herunterzureißen, ohne dabei aufzuhören, die schmollende Lady Marian anzuflirten. Das waren Zeiten, als man Frauen noch mit gebratenen Rebhühnern anbaggern konnte... So wie das alles aussieht, waren das auch keine Gummihühner, sondern das muss alles tatsächlich und vor Ort gebrutzelt worden sein. Auf dem Drehgelände muss ständig irgendwo ein kleines Heer von Köchen ganze Tiere über Feuergruben gewendet haben, es muss ständig unglaublich lecker gerochen haben, wie konnten die sich dabei noch auf ihre Dialoge konzentrieren? Und wie oft mussten neue Rebhühner herangeschafft werden, bis so eine Szene im Kasten war? Ich weiß noch genau, wie mich diese Fleischgelage als Kind nachhaltig beeindruckt haben, wie sie das Wildbret mit beiden Händen packen und loslegen wie Obelix beim Wildschwein. Ich habe den Film im Verdacht, daran schuld zu sein, dass ich großen Fleischbrocken nicht wiederstehen kann (erst letztes Wochenende habe ich mit völlig unmotiviert und ohne jemanden zum Essen zu erwarten, einen 2,5kg-Schweinebraten in den Ofen geschoben. Hab' bis Mittwoch von gezehrt).



Treppauf, treppab...

"Robin Hood" ist ein heiterer Film. Nicht nur, dass er unterhaltsam und lustig ist, nein er ist zutiefst heiter, alles ist leicht, fließend, beschwingt, alles Schwere und Herabdrückende ist daraus verbannt. Die Kämpfe sind choreographiert wie ein Ballett, die Schwerter werden geführt wie Florette, es ist kein Hauen und Stechen, es ist ein Tanz. Das wahrscheinlich leichtfüßigste Mittelalter, das es je gab. Sicher werden auch die Macher von 1938 gewusst haben, dass im Mittelalter etwas anders gekämpft wurde, aber das wollten sie eben nicht. Sie wollten die Leichtigkeit, hinter der ein unglaubliches Maß an Training und Schweiß und endlose Proben stecken mussten. Was man dem Film aber niemals ansieht, da blitzen die Klingen und es wird treppauf, treppab gefochten, dass es nur so ein Spaß ist (im Schloss von Nottingham gibt es sogar extra nur dafür eine Treppe, die sich ohne erkennbaren architektonischen Grund mitten in der großen Halle die Wand hinaufschlängelt). Und zack, geht's über Tisch und Stuhl, Leuchter fliegen, Schüsseln und Krüge werden zweckentfremdet, und selbst im heißesten Kampf hat Robin immer noch einen kessen Spruch auf den Lippen. Für ihn ist das alles ein Heidenspaß, er ist in seinem Element, ohne einen Schweißtropfen zu vergießen, ficht er seinen Kampf gegen die Unterdrückung, der fröhlichste Revolutionär seiner Zeit. In seiner Leichtigkeit und unbändigen Lebensfreude wirkt der Film mit dem heutigen Wissen, in welche Götterdämmerung die Welt kurz darauf taumelte, fast schon tragisch. Wie ein letztes Sich-Aufbäumen gegen die immer düster werdende Realität.


*schmacht*

Das Lachen im Wald

Aber noch hat Robin Spaß! Immer wieder lässt er seine schneeweißen Beißerchen blitzen, je mehr plumpe Krieger die Normannen gegen ihn ins Feld schicken, ums heller seine Freude, man könnte ihm keinen größeren Gefallen tun. Und daheim, im Wald, mit seinen frohen Spießgesellen, wird dann der Sieg gefeiert, und wenn es mal keinen Sieg gab, wird trotzdem gefeiert. Robin betont zwar immer wieder, wie wichtig ihm die Sache der geknechteten Bauern ist, aber irgendwie werde ich den Eindruck nicht los, dass das alles für ihn in erster Linie so was wie die Erfüllung eines Jungentraums ist. Mit seinen Kumpels im Wald leben, das Wild schießen, wie es einem gefällt und die Obrigkeit narren, ein herrlich freies Leben! Robin Hood lebt es stellvertretend für alle kleinen Jungs der Welt und das macht sicher einen großen Teil seiner nie endenden Faszination aus. Ein erwachsener Peter Pan, ein fröhlicher Waldgeist, und vielleicht geht das etwas weit, aber ich musste an den uralten keltischen "Gott mit den Hörnern" denken, der tief im Wald ein lustiges Leben führt. Verwandt mit dem griechischen Pan symbolisierte er die unverfälschte Triebhaftigkeit des Menschen, eins mit der Natur, immer geil, immer für einen Spaß aufgelegt, "Das Lachen im Wald", wie ihn die Kelten auch nannten. Das Christentum hat ihn vertrieben, im Mittelmeerraum sogar wortwörtlich verteufelt, aus dem bocksbeinigen gehörnten Pan wurde der mittelalterliche Gottseibeiuns. Vielleicht ist die keltische Erinnerung an den fröhlichen Gesellen in England über die dunklen Kanäle des Unterbewusstseins im mittelalterlichen Robin Hood wiedererwacht? Politisch kann man die Robin-Hood-Legende, die bis ins Hochmittelalter zurückreicht, als Widerstand gegen die normannische Vorherrschaft interpretieren, aber vielleicht steckt auch eine religiöse Seite darin, die Wiederbelebung eines keltischen Fruchtbarkeitsgottes als Auflehnung gegen die allmächtige und lustfeindliche Kirche? Müsste man sich mal mehr mit befassen. Arianrhod könnte so was wissen.



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Stand by me

Pfeifenkrautler

Stand by me – das Geheimnis eines Sommers

Ich hatte nie wieder solche Freunde wie damals, als ich zwölf war. Aber mein Gott, wer hat die schon?

1986 war ich nicht zwölf, sondern fünfzehn und mittendrin im pubertären Durcheinander. Und ich sehe es bis heute als schicksalshafte Fügung an, dass ich „Stand by me“, einen Film über das Ende der Kindheit, am gleichen Tag sah, an dem ich zum ersten mal betrunken war. Kann man Pubertät besser symbolisieren? Wir waren auf Klassenfahrt in Trier, und nachdem uns unser Lateinlehrer den ganzen Tag lang durch staubige Ruinen geschleift hatte, stand eine Weinprobe auf dem Programm und wir schlugen alle gehörig über die Strenge. Komische Idee für eine Klassenfahrt, so im Nachhinein gesehen, am hellichten Nachmittag taumelten 30 deutlich angetrunkene Halbwüchsige durch die Trierer Altstadt. Der Abend war frei und ich zog, wieder halbwegs nüchtern, mit Freunden durch die Stadt, um die kurze Zeit bis zum jugendherberglichen Zapfenstreich zu nutzen. In die Kneipen kamen wir nicht rein, die Mädchen hatten wir irgendwie verloren, da lief uns ein Kino über den Weg. Ein Film nach einer Stephen-King-Novelle, vier Jungs, die eine Leiche suchen, das klang vielversprechend. Mit brummenden Köpfe machten wir es uns im winzigen Plüschkino bequem und obgleich die Erwartung eines Gruselschockers nicht erfüllt wurde, war ich nicht enttäuscht, ganz im Gegenteil.


Ich war zwölf, als ich zum ersten mal einen toten Menschen sah. Das war 1959, das ist lange her. Aber nur, wenn man die Zeit in Jahren misst.

Es ist der Sommer 1959 in Castle Rock, dem Archetypus der amerikanischen Kleinstadt, Heimatort für zahlreiche King’sche Schreckensszenarien, von „Cujo“ bis „Es“. Hier nun aber friedlich unter einer glühenden Septembersonne dösend. Es sind die letzten heißen Tage eines ungewöhnlich heißen Sommers und der kleine Gordon Lachance, Stephen Kings jüngeres Ich, spielt mit seinen Freunden Karten im selbstgebauten Baumhaus auf einem zugewucherten Brachgelände. Stephen King stammt aus ärmlichen Verhältnissen, seine alleinerziehende Mutter musste ihre drei Kinder mit Näharbeiten durchbringen und an Urlaub war nicht zu denken. Während die Kinder der bessergestellten Familien in den Ferien verreist waren, verbrachte der kleine Stephen die langen heißen Sommer seiner Kindheit mit den Kindern der Trinker- und Herumtreiberfamilien, mit dem „white trash“ seiner Heimatstadt. Und so schlägt auch Gordie die letzten Ferientage mit dem dicken, etwas unterbelichteten Vern tot, mit dem halbverrückten Brillenträger Teddy und mit dem bulligen, aber großherzigen Chris, dem jüngsten der berüchtigten Chambers-Brüder. Diebe und Kleinkriminelle und jeder in Castle Rock wusste, dass auch aus Chris ein Dieb werden würde, inklusive ihm selbst. Sicher nicht die Art Freunde, die sich Mittelschichtseltern für ihren Sohn erhoffen, aber Gordon war diesen Sommer zu Hause zum „unsichtbaren Mann“ geworden: sein älterer Bruder Dennis war im Frühjahr bei einem Verkehrsunfall gestorben und seine Eltern taumeln seitdem wie Schlafwandler durch den Alltag. Was Gordie tut, wann er kommt und geht, es kümmert sie nicht. Er ist nicht existent und er leidet furchtbar unter dem Gefühl, ignoriert und ungeliebt zu sein. Unter dem Äußeren eines dürren, kleinen Jungen brodeln düstere Emotionen, Wut, Trauer und Schuldgefühle. Ab und zu blitzen sie in kurzen Ausbrüchen überraschender Aggressivität durch und nur Chris, der älter und reifer ist als die anderen und der bereits die Schattenseiten des Lebens ausreichend kennengelernt hat, ahnt, was in Gordon vor sich geht. Ein unsichtbares Band schweißt die beiden äußerlich so unterschiedlichen Jungen zusammen, eine tiefe, nie ausgesprochene Freundschaft, bei der Teddy und Vern letztendlich außen vor bleiben müssen.

Doch erst mal ist es Vern, der die Sache ins Rollen bringt: er belauschte seinen großen Bruder, ein halbstarker Nichtsnutz, der bei einer Spritztour in einem gestohlenen Buick über die Leiche von Ray Brower gestolpert war. Ray war ein Junge in ihrem Alter, der vor einigen Tagen nicht mehr vom Blaubeerpflücken zurück kehrte. Die Suchaktion der Polizei war bisher erfolglos, kein Wunder, er war weit gekommen. Er musste getrampt sein, denn er lag nun 30 Meilen entfernt neben den Zuggleisen der GS & WM-Linie am Royal River, weit draußen in den Wäldern. Ein Zug musste ihn im aufkommenden Dunkeln erfasst haben und sein junges Leben wurde geknickt wie ein dürrer Zweig. Die vier Freunde beschließen, den Jungen zu suchen, sie würden berühmt werden, vielleicht sogar ins Fernsehen kommen! Und sie müssen es schnell tun, bevor die großen Jungs auf die gleiche Idee kommen (wegen des gestohlenen Wagens wollen diese die Sache erst mal unter den Teppich kehren). Es waren die 50er und Sommerferien, es ist für keinen der vier ein Problem, sich für zwei Tage von zu Hause abzusetzen, man campt in Verns Garten, so die offizielle Version. Eine glückliche, freie Zeit, heute kaum noch vorstellbar. Mit Schlafsäcken, Trinkflaschen und einem Rucksack notdürftig ausgerüstet, brechen die vier ungleichen Freunde gegen Mittag auf, in brüllender Hitze wandern sie zu den Gleisen, denen sie nun bis zum Royal River folgen wollen. So können sie die Leiche nicht verfehlen. Immer den Gleisen nach, und das Abenteuer beginnt.



Der Film schwelgt im Sommer, in der Darstellung eines Kindersommers, der nostalgisch und gleichzeitig ewig jung ist. Wer kennt es nicht, durch die Wiesen streifen, die Pollen verfangen sich in den Haaren, Gräser jucken auf der Haut, Insekten tanzen, die Nase pellt sich und jeder Tag ist so lang wie ein halbes Leben. Ich kenne keinen Film, der dieses Gefühl so überzeugend auf die Leinwand bringt. Man möchte sich seine kurzen Hosen anziehen, das Taschenmesser einstecken und noch mal zwölf sein. Ein handverlesener Soundtrack mit Fifties-Musik tut ein übriges.

Die Stunden ziehen dahin, die Kinder kommen gut voran. Sie singen und tanzen, sie erzählen sich Geschichten und verschlucken sich fast vor Aufregung über ihr großes Abenteuer. Allerlei Gefahren sind zu meistern, Teddy, der einen ganz klaren Dachschaden hat, will einem Zug ausweichen und wird von Chris, dem fürsorglichen und unausgesprochenen Führer der Gruppe, in letzter Sekunde von den Gleisen gezerrt. Sie müssen vor einem Schrottplatzköter flüchten (der auf einen realen Hund aus Kings Kindheit zurückgeht und nach dessen Vorbild auch Cujo entstand) und geraten bei der Überquerung einer schwindelerregenden Brücke in Lebensgefahr. Zwischendurch aber sind sie so ausgelassen und voller Lebenslust, wie man es als Kind nur sein kann:

“Es ist wirklich gut“, sagte Vern, und damit meinte er nicht nur die Tatsache, dass wir uns unerlaubt in der Deponie aufhielten, dass wir unsere Eltern angeschwindelt hatten und dass wir auf den Gleisen nach Harlow laufen wollten. Das alles meinte er zwar auch, aber wenn ich heute darüber nachdenke, scheint mir, dass noch etwas hinzukam und dass wir alle es wussten. Es war die ganze Atmosphäre. Wir wussten genau, wer wir waren und wohin wir wollten. Es war herrlich.
(Stephen King, „Die Leiche“)

Als die Nacht hereinbricht, machen sie ein Lagerfeuer und verbringen einen Abend, wie ihn sich ein Junge nur träumen kann: Hackfleisch grillen, gestohlene Zigaretten rauchen und über die Dinge reden, über die Jungen reden, solange sie die Mädchen noch nicht entdeckt haben: “Also gut, Mickey ist eine Maus, Donald eine Ente, Pluto ein Hund – was ist Goofy?“ Gordie, dessen Kopf voller kruder Geschichten steckt, erzählt eine wunderbare Moritat, „Riesenarsch Hogans Rache“, eine derbe, wilde Kotzgeschichte, die den eher ruhigen und ernsten Film auflockert.

Der nächste Morgen beginnt mit der stillsten und vielleicht schönsten Szene des Films. Gordon, der eher ruhig und in sich gekehrt ist, solange er nicht Geschichten erzählt, ist schon früh auf, sitzt auf den Gleisen und liest ein Comic, während um ihn herum der tauglänzende Wald erwacht. Da tritt ein Reh aus dem Unterholz, nur wenige Schritte entfernt. Die beiden schauen sich an, niemand bewegt sich und Gordie hat ein klassisches Zen-Erlebnis. Hier zeigen sich die Grenzen des Mediums Film, im Buch wird das deutlicher:

Ich bewegte mich nicht. Ich hätte es gar nicht können. Ihre Augen waren nicht braun, sondern ein dunkles staubiges Schwarz, wie der Samt, auf dem Juwelen ausgestellt werden. Ihre kleinen Ohren sahen aus wie abgetragenes Wildleder. Sie sah mich freundlich an und hielt den Kopf leicht gesenkt. Sie sah einen Jungen mit vom Schlaf zerwühltem Haar, in Jeans mit Aufschlägen und einem braunen Khakihemd mit geflickten Ellenbogen und hochgeschlagenem Kragen und war wahrscheinlich sehr neugierig. Was ich sah, war ein Geschenk, das mit einer Sorglosigkeit dargeboten wurde, die etwas Erschreckendes an sich hatte.

Nach wenigen Sekunden schreckt das Reh auf und verschwindet im Wald. Gordie gesellt sich zu seinen Freunden, die sich kratzend und gähnend erwachen:

Es lag mir auf der Zunge, ihnen von dem Reh zu erzählen, aber ich ließ es. Ich behielt es für mich und bis heute habe ich darüber weder gesprochen noch geschrieben. Ich muss gestehen, dass es sich geschrieben weniger wichtig ausnimmt, fast bedeutungslos. Aber für mich war es das schönste Erlebnis auf unserer Expedition und auch das reinste, und immer wenn ich später im Leben in Schwierigkeiten steckte, habe ich mich fast hilflos an diesen Augenblick erinnert. (....) Aber 800 Millionen Rotchinesen kümmert das einen Scheißdreck, nicht wahr? Die wichtigsten Dinge lassen sich am Schwersten ausdrücken, denn Worte verkleinern sie.

Am zweiten Tag wird die Stimmung zusehends düsterer. Allen ist klar, mit jedem Schritt kommen sie der verstümmelten Leiche eines Jungen näher und keiner fühlt sich wohl dabei. Gordon entdeckt, dass ihn ein immer stärker werdender Zwang antreibt, er muss die Leiche einfach sehen, es wird fast zu einer Besessenheit. Immer wieder treibt er Vern und Teddy an und je entschlossener und düsterer Gordon wird, umso mehr tritt Chris hinter ihn zurück. Nach einem traumatischen Erlebnis mit Blutegeln bei der Durchquerung eines ekelhaften Tümpels übernimmt nun der willensstarke Gordon vollends die Führung der kleinen Truppe. Alle, auch Chris, erkennen seine Autorität an, und Chris, hinter dessen Fassade eines Halbstarken sich ein großer Menschenkenner verbirgt, ahnt, was Gordon umtreibt. In zwei bewegenden Dialogszenen breiten die Jungen ihre Seelen voreinander aus, Chris verzweifelt an der Vorherbestimmtheit seines Lebens als „white trash“ und Gordon beweint die Hartherzigkeit seiner Eltern. Wie zwei Ertrinkende klammern sich die Jungen aneinander und geben sich den Halt, den sie von ihren Familien nicht bekommen. Dann finden sie die Leiche.



Das Wetter ist mittlerweilen umgeschlagen, ein Gewitter kündigt sich an und beim ersten einsetzenden Regen stolpern die Jungs die Böschung am Bahndamm herunter und stehen nun vor der Leiche von Ray Brower, die in den Büschen hängt wie eine zerbrochene Puppe. Ihre Suche ist vorbei und viel mehr als nur ein Jungenabenteuer geht damit zu Ende. Der Tod tritt in ihr Leben und der Film erspart seinen Zuschauern nicht den Anblick eines toten Jungen mit blutverkrusteten Haaren, der mit leeren Augen in den Himmel schaut. Und das ist gut so.

Er war barfuß und hinter ihm sah ich ein Paar flache dreckige Turnschuhe in den Brombeerranken hängen. Zuerst wunderte ich mich – warum war er hier und seine Turnschuhe dort? Aber dann wusste ich es und diese Erkenntnis traf mich wie ein Schlag. (...) Der Zug hatte ihn aus seinen Schuhen gerissen, genau wie er ihm das Leben aus dem Körper gerissen hatte. Der Junge war tot. Der Junge war nicht krank und der Junge schlief nicht. Der Junge würde nie wieder morgens aufstehen, er würde nie wieder Durchfall bekommen, weil er zu viele Äpfel gegessen hatte. Der Junge war tot, mausetot. (...) Der Junge würde nie wieder mit seinen Freunden, einen Rucksack auf dem Rücken, Pfandflaschen suchen, die der Schnee im Frühling freigibt. Er würde im Pausenraum kein einziges Mädchen am Zopf ziehen. Der Junge würde niemandem die Nase blutig schlagen und auch selbst keine blutige Nase bekommen, der Junge war nicht, kann nicht, will nicht, soll nicht, wird nicht, niemals, nimmermehr... (...) Ich könnte es den ganzen Tag lang versuchen und würde doch nicht die Entfernung zwischen seinen bloßen Füßen und seinen Turnschuhen ermessen können. Es waren etwas über 30 Zoll. Es waren Lichtjahre. Der Junge war so weit von seinen Turnschuhen entfernt, dass beides nie wieder vereint werden konnte. Der Junge war tot.


In diesem Moment taucht King und seine Bande auf wie ein böser Deus ex machina. King, der Führer der örtlichen Halbstarkenfraktion und eine wirklich fiese Type, hatte schließlich doch die Wahrheit aus Verns Bruder herausbekommen und die großen Jungs waren in ihren Autos zum Royal River gefahren. Sie sind die ganze weite Strecke einfach gefahren, das ist nicht fair. Es ist einfach nicht fair! Und nun werden sie die Leiche mitnehmen und sie werden den Ruhm ernten und die Kinder können froh sein, wenn sie nicht noch eins in die Fresse kriegen. Gordon weint vor Verzweiflung und vor ohnmächtiger Wut, King, grandios gespielt vom blutjungen Kiefer Sutherland, grinst wie ein Schachtelteufel. Was für ein Spaß! Doch die Rotzgören sind hartnäckig: während sich Vern und Teddy in die Büsche schlagen, stellen sich Gordon und Chris dem Feind entgegen, entschlossen, die Sache zusammen durchzustehen, komme was wolle. King lässt ein Schnappmesser aufklacken, die Stimmung kippt um. Es wird hässlich werden, sehr hässlich... aber letztendlich kommt niemand zu Schaden und die Leiche bleibt dort, wo sie ist. Mehr verrat ich nicht.

Die Kinder gehen zurück, den ganzen langen Weg und die ganze Nacht hindurch. Im Morgengrauen sind sie wieder in Castle Rock und ihre Wege trennen sich. Und diesmal gehen sie nicht einfach nur nach Hause, es ist jedem klar, dass nichts mehr so sein wird, wie es war, nicht nach diesem Abenteuer und nicht nach diesem letzten heißen Sommer der Kindheit. Im Herbst werden die Klassen aufgeteilt werden und Gordon wird die College-Kurse belegen, Vern und Teddy werden Vogelhäuser und Aschenbecher bauen, zusammen mit den anderen Idioten. Chris weiß es noch nicht, aber er wird zum College gehen und er wird Anwalt werden und mit 40 Jahren beim Versuch, eine Kneipenschlägerei beizulegen, erstochen werden. Das aber liegt noch weit in der Zukunft, jetzt gibt es erst mal Dresche und Ärger, von Eltern und Halbstarken, aber drauf geschissen, das war es wert!

Chris ging davon, immer noch lachend, und bewegte sich so leicht und elegant, als hätte er keine Schmerzen wie ich und keine Blasen wie ich und keine Stiche von Moskitos und schwarzen Fliegen wie ich. Als hätte er nicht die geringsten Sorgen und als ginge er an einen sehr schönen Ort anstatt zu einem Haus mit drei Zimmern, der Toilette im Hof, Plastik vor den zerbrochenen Fensterscheiben und einem Bruder, der sicher schon auf ihn wartete. Selbst wenn mir die richtigen Worte eingefallen wären, hätte ich sie wahrscheinlich nicht sagen können. Sprache zerstört die Funktionen der Liebe – das klingt wahrscheinlich seltsam, wenn ausgerechnet ein Schriftsteller das sagt, aber ich glaube dennoch, dass es stimmt. (...) Die Liebe hat Zähne, sie beißen, die Wunden schließen sich nie. Kein Wort kann diese Bisse heilen. Es ist genau umgekehrt, das ist der Witz. Wenn diese Wunden verheilen, sterben die Worte mit ihnen. Glauben Sie mir. Ich habe mein Leben auf Worten aufgebaut und ich weiß, dass es so ist.


Chris geht und dreht sich noch einmal nach Gordon um, dann verschwindet er buchstäblich, seine Figur löst sich in Luft auf. Der Film wollte mit diesem Effekt seinen späteren Tod andeuten, aber wenn man heute weiß, das River Phoenix als einziger der Mitwirkenden tatsächlich tot ist, mit 23 aus dem Leben gerissen, dann kommt man bei dieser Szene nicht umhin, einen kalten Schauer zu verspüren. River Phoenixs Talent ist fast schon unheimlich, selten hat ein Kind so dramatisch und überzeugend gespielt, seine Szenen sind allesamt Sternstunden des Kinderfilms. Er ist der stille, von Tragik umflorte Held, zugleich die Lichtgestalt des Films, sein Rückgrat und sein Herz. Sein früher Tod macht das Ganze natürlich noch dramatischer, es tut mitunter fast weh, ihm zuzusehen.

Stand by me ist ein großartiger Film und traf mich damals wie ein Schlag in die Magengrube. Als hätte jemand alles, was ich als Kind je gedacht, gefühlt und erlebt hatte, in Zelluloid gegossen. Eine wunderbare Verfilmung der wahrscheinlich besten Stephen-King-Geschichte überhaupt und ganz ohne Monster. Rob Reiner bewies hier seine Erzählkunst, bevor ihm mit „Harry und Sally“ der ganz große Durchbruch gelang. In nur zwei Drehwochen schuf er mit einer herausragenden Crew aus Kindern und Jungstars ein zeitloses Kleinod, ein Film, der selber mittlerweilen so klassisch, nostalgisch und doch ewig jung ist wie der Sommer, den er beschreibt.

Das Buch ist natürlich besser..zwinkern Kleinere Änderungen stören mich immer noch, aus der dreckigen Diesellok bei King wurde im Film eine romantische Tschu-tschu-Dampflok, das nimmt ihr einiges von ihrer Bedrohlichkeit. Der Ladenbesitzer ist eigentlich ganz nett und kein Kinderhasser wie im Buch und es ist im Buch Chris, Gordons Freund und Held, der die Situation mit den Halbstarken rettet, nicht Gordon, der Sympathieträger des Films. Hier beugt sich der Film dem Hollywooddiktat, aber das verzeih' ich gerne angesichts der grandiosen Umsetzung der Gesamtatmosphäre. Eine der besten Buchverfilmungen, die ich kenne, wenn nicht die beste.

Ich kann die King-Novelle "The body" im Band "Jahreszeiten" nur empfehlen, sie zerstört manches Stephen-King-Klischee. Wäre er nicht so krank im Kopf, hätte er ein richtiger Schriftsteller werden können.



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La Boum

Pfeifenkrautler

Diesmal gibt es keine sentimentale Vorgeschichte, zudem ich La Boum bisher sowieso nur im Fernsehen und nie auf der großen Leinwand sah. Wann? Ich weiß es nicht mehr. Ich war jung genug, mich sofort in Sophie Marceau zu verlieben, aber schon so alt, dass es mir peinlich war. 15, 16 vielleicht. Ich wusste nicht, dass sie vier Jahre älter ist als ich, sonst hätte ich’s sicher cool gefunden.

Die Kamera schweift über die grauen Schieferdächer des frühmorgendlichen Paris’, es ist still, nur die Vögel zwitschern. Dann schrillen die Schulglocken und die Kirchen stimmen ein. Ein unglaublich fieser Synthesizer-Sound mischt sich mit den Geräuschen der erwachenden Stadt, dip-di-dip-didi.. dip-di-dip-didi.., schon der Anfang ist so was von “eighties”, das gibt’s gar nicht. Die Glocken von 1980 läuteten nicht nur das neue Schuljahr ein, sondern direkt ein neues Jahrzehnt voll kitschigen Elektro-Pops und komischer Klamotten.



Die 13-jährige Vic kommt in eine neue Schule und freundet sich schnell mit der burschikosen Penelope an, ein handfestes Mädchen aus dem Arbeitermilieu. Die beiden Mädchen werden unzertrennlich und bald geht es nur noch um Jungs. Wenn ich gewusst hätte, dass wir damals schon so wichtig waren.. ich hatte ja keine Ahnung. Die Frage ist, wird man sie, die Neue, zur berüchtigten "Boum" einladen, zur Party der coolen Jungs? (cool = Mofa und lange Haare)

Man wird und die Geschichte nimmt ihren Lauf. Vic durchlebt die Irrungen der Pubertät, sie ist fasziniert von ihrer ersten Party, sie tanzt und trinkt sich einen Colarausch an, aber sie ist auch gelangweilt und genervt, die vielen Menschen, das Durcheinander, die Intrigen und Gerüchte, und irgendwann will sie nur noch nach Hause. Als ihre Eltern bereits vor der Tür stehen, sieht sie ihn, Matthieu, und nun wird alle anders. Sie wird bleiben, mal sehen, was der Abend noch bringt. Er bringt die wunderbare Szene mit dem Walkman, Matthieu, der Schwerenöter mit den zusammengewachsenen Augenbrauen , setzt modernste Technik ein, um das fremde, großgewachsene Mädchen zu beeindrucken. Eine klassische Liebesszene, die durchaus, und jetzt hau' ich mal auf die Kacke, mit „Play it again, Sam“ mithalten kann. Auf dem Niveau Dreizehnjähriger natürlich, aber warum soll man deren Gefühle nicht weniger ernst nehmen? „Wir lieben uns genauso wie die Großen!“ wirft später Vic unter Tränen ihren verständnislosen Eltern entgegen. Das ist ein wichtiger Schlüssel dazu, warum „La Boum“ so erfolgreich war: er nimmt seine Kinder ernst. Es ist eine ernst zu nehmende Liebesgeschichte, und noch mehr: Eine Geschichte über Freundschaft, über die nicht immer leichte Liebe zu den Eltern und, und das ist vielleicht das Erstaunlichste daran, über Eltern.

Anders als in „Stand by me“, wo Erwachsene nur am Rande auftauchen, quasi nur als Beine wie bei den „Peanuts“, gibt es in „La Boum“ einen kompletten, wunderbaren Subplot darüber, wie die Ehe von Vics Eltern beinahe an einem Seitensprung des Vaters und einer sich daran anschließenden Affäre der Mutter zerbricht. Ich weiß es nicht mehr, mich muss diese Nebenhandlung damals eigentlich gelangweilt haben, zumindest konnte ich mich nicht an sie erinnern und sie war die größte Überraschung, als ich den Film viele Jahre später wieder sah und ich mich fast besser mit dem Liebesleid der Eltern identifizieren konnte als mit den Pausenhofspielchen der Kinder. „La Boum“ war also von vorne herein als Film für alle Altersschichten angelegt, das ist schlau und der Film meistert diesen Spagat bravourös. Claude Brasseur ist ein wunderbarer Vater, emotional, aufbrausend, aber mit einem großen Herz. Ein echter Kelte, gedrungen, behaart und dickschädelig, mit seiner mediterranen Körpersprache und seinem fröhlichen Wesen, er würde hervorragend ins Dorf der verrückten Gallier passen, das habe ich mir oft gedacht. Brigitte Fossey, die Mutter, ist anders, kühler, entgegen dem Klischee ist sie diejenige, die Probleme hat, an ihre Tochter ranzukommen, sie steht immer wieder außen vor, wenn sich Vater und Tochter wie blind verstehen. Sie erinnert nicht umsonst schon äußerlich an die Drehbuchautorin Daniele Thompson, die in „La Boum“ ihre eigenen Erfahrungen mit ihrer pubertierenden Tochter verarbeitet hat. Großartige Frauen, alle beide.

Und wenn Vic, in der nun die Rebellin erwacht, sich sowohl mit Vater wie Mutter verkracht hat, gibt es noch Poupette, Vics Urgroßmutter, eine starke, unabhängige Frau, eine Brücke zurück in die Tage der wilden, emanzipierten 20er, ein lebendes Fossil. Oft erinnert sie, sicher nicht zufällig, an die greise Revoluzzerin aus „Harold and Maude“. So würde Maude leben, hätte ihre Familie den Holocaust überlebt. Und so zanken und debattieren und lieben sich vier Generationen unter dem Dach einer federleichten Sommerkomödie, ein Geniestreich des französischen Films, der es wie keiner sonst in der Welt versteht, das Leichte und das Schwere zu verbinden. Es gibt wortkarge, unheimlich starke Szenen zwischen den Eltern, die mich heute so anrühren, wie mich damals die tränenreichen Liebesschwüre der Kinder anrührten. Der Film funktioniert auf mehreren Ebenen. Und es gibt wunderschöne Szenen zwischen Vater und Tochter, die mich wahrscheinlich zu Tränen rühren werden, sollte ich jemals selber Kinder haben (es gibt übrigens einen Film aus späterer Zeit, in dem Sophie Marceau mit Claude Brasseur poppt, das finde ich irgendwie krank. Ich will ihn unbedingt mal sehen, aber ich habe Angst davor, es kommt mir so..falsch vor).

Es gäbe noch viel zu erzählen, über die grandios schlechte Synthesizer-Mucke von Richard Sanderson, ein einziges Lied schmeißt im Alleingang den ganzen Film, Dreams are my reality, was für ein großartiger Kitsch! Eines der besten schlechten Lieder aller Zeiten. Oder über die handverlesenen Nebendarsteller, besonders die der kleinen Samantha, der Clown des Films, ein witziges, winziges Mädchen, das heute lustigerweise noch genau so aussieht. Sie wird mit 35 immer noch auf der Straße auf ihre Rolle als Elfjährige angesprochen, so wenig hat sie sich verändert. Und all die anderen, die "coolen Jungs", heute alles gestandene Vierziger, das Bonusmaterial der La-Boum-Box ist wirklich sehenswert, herrlich sentimental aufbereitet. Doch in Erinnerung bleibt natürlich in erster Linie Sophie Marceau. Damals verliebten sich spontan 20 Millionen Jungs in sie, was muss das für ein Gefühl sein für eine 14jährige? Es muss damals (war ja noch vor meiner Zeit) eine regelrechte „Sophiemania“ gegeben haben, das arme Kind. Irgendwas hatte sie, man kann es schwer beschreiben, man muss es sehen. Sie war der funkelnde Juwel, den der bereits handwerklich perfekte Film brauchte, um als Kinomärchen zu funktionieren. Sie brachte den Glamour, die naive Erotik und die bezaubernde Schönheit mit, die die Geschichte über eine herzerwärmende Familienstory hinaushebt. Ohne sie hätte es nicht funktioniert, aber sie allein wäre ohne das liebevoll-schnoddrige Drehbuch und ohne all die großartig besetzten Nebenrollen machtlos gewesen. Es ist schwer, genau zu sagen, worin sich dieser Film von der Masse an Teenie-Streifen abhebt, es stimmt einfach alles, ein Zusammentreffen der richtigen Leute am richtigen Ort zur richtigen Zeit. Das passiert nicht häufig, aber wenn, kommt eben so was bei raus, eine Sternstunde des Kinos, auch wenn das erst mal vielleicht gar nicht so aussehen mochte.



„La Boum“ war tatsächlich ein „grower“, er startete recht schlecht in Frankreich und wurde bereits vom Studio als Flop verbucht, als er in Italien zum Überraschungshit avancierte und nach und nach, über diesen Umweg und über Mund-zu-Mund-Propaganda, zum bis dahin erfolgreichsten französischen Film aller Zeiten wurde, und schließlich zu einem Klassiker, dem „Mercedes unter den Pubertätsfilmen“ Und das zu Recht. Daniele Thompson schrieb aus dem Bauch heraus einen Rohentwurf über ein pubertierendes Mädchen und quetschte dann, als es fest stand, dass der Film realisiert werden sollte, ihre arme Tochter täglich nach immer neuen Details aus: Wie reden Jugendliche? Was lieben sie? Wie sehen ihre Partys aus? Was denken sie über ihre Eltern? ect. ect. Caroline, ihre Tochter, war irgendwann nur noch genervt. Dennoch sprach sie für die Rolle vor, doch konnte nicht überzeugen. Wie alle anderen auch. Claude Pinoteau, der Regisseur, ein alter, belmondofilmgestählter Veteran des französischen Kinos, verteilte so lange Visitenkarten auf Schulhöfen an kleine Mädchen, dass er sich wie ein Kinderschänder vorkam. Zusammen mit Thompson castete er Hunderte von Kindern zwischen 11 und 15, und nach und nach hatte er die gesamte Clique zusammen, nur der Star fehlte, Vic, das Mädchen, um deren erste Liebe sich alles drehen sollte. Sie sollte kindlich sein, unschuldig, sanft, aber auch schon von erwachender Erotik, pubertierend und zerrissen. Emanuelle Beart sprach vor und wurde abgelehnt. Und dann, als schon keiner mehr dran glaubte, kam Sophie Marceau. Sie war perfekt, sie hatte das, was Pinoteau suchte: sie war wunderschön, doch noch voll kindlicher Naivität, zugleich fraulich genug und von einer aristokratischen Eleganz. Sie war anders als die anderen Mädchen und obgleich sie eigentlich zu großgewachsen war, bekam sie die Rolle. Sophie Marceau hatte nur nach einem Ferienjob gesucht, denn ihre Eltern hatten nicht genug Geld, wegzufahren und sechs Wochen nur rumhängen kam nicht in Frage. Nachdem sie etliche Bäckereien und Läden erfolglos abgeklappert hatte, ging sie halt auch mal zu diesem komischen Vorsprechen, warum nicht? Der Rest ist Kinogeschichte. Oder besser Kinomärchen.

Ihr Leben wurde vollständig umgekrempelt, eine Welt eröffnete sich ihr, aber sie verlor auch ihre Jugend. Die nächsten Jahre verbrachte sie nur noch in Flugzeugen und Studios, Freundschaften zerbrachen, sie schmiss die Schule und letztendlich zerstritt sie sich mit ihrem Entdecker und Mäzen Pinoteau, der eine starke, vielleicht zu starke emotionale Bindung zu ihr aufgebaut hatte. Eine übergroße Vaterfigur, von der sie sich lösen musste, um ein zweites Mal erwachsen zu werden und um nun nochmal, als erwachsene Schauspielerin, ganz von vorne anzufangen. Heute ist sie 38, Weltstar und furchtbar mager. Ich sollte sie mal zum Essen einladen. Tatsächlich hab ich sie bei aller Schönheit in ihrem erwachsenen Schauspielerleben nie mehr so besonders attraktiv gefunden wie damals, als sie Dreizehn und ich Sechzehn war. Eigentlich ist sie gar nicht mein Typ (während ich bei "21 Gramm" erst wieder feststellen musste, dass ich immer noch heillos in Charlotte verknallt bin. *seufz* Na ja..).

Ich würde gerne jedem, der "La Boum" nicht kennt, empfehlen, den Film zu sehen, aber ich weiß nicht, ob er so noch funktioniert, wenn man ihn als Erwachsener erstmalig anschaut. Vielleicht ja. Ich hoffe es, es wäre das Zeichen dafür, dass er wirklich ein Klassiker ist und ich ihm das nicht nur andichte, weil ich meiner eigenen Jugend hinterher trauere.

Oder, Kaylee, was sagst du..?



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Lawrence of Arabia

Alex

All men dream: but not equally. Those who dream by night in the dusty recesses of their minds wake in the day to find that it was vanity: but the dreamers of the day are dangerous men, for they may act their dream with open eyes, to make it possible. This I did.
Thomas E. Lawrence, introduction to "Seven Pillars of Wisdom"


Peter O'Toole, Omar Sharif, Anthony Quinn, Alec Guiness, Jack Hawkins, Claude Rains, Mel Ferrer: Große Namen, aber in diesem Film haben sie schwere Konkurrenz, denn in diesem Film spielt die Wüste die eigentliche Hauptrolle.

"Ich glaube, sie sind auch einer von den Engländern, die die Wüste lieben, wie Doughty, Stanhope, Gordon von Khartum," sagt Fürst Feisal zu Lieutenant Lawrence. Diese Bemerkung könnte auf David Lean zutreffen, denn Lean hat die Wüste geliebt und er hat ihr Bilder von atemberaubender Schönheit und wilder, gottverlassener Einsamkeit abgetrotzt.

Eine der unvergeßlichsten Szenen der Filmgeschichte – und vielleicht die bekannteste Wüstenszene – ist die Sequenz am Masturabrunnen. Die Szene ist lang – volle acht Minuten – und ohne Musik, aber keine Sekunde ist verschwendet, keine Einstellung unnötig, kein Wort zuviel.



Lawrence (Peter O'Toole) und sein Führer – ein Hassemi von den Beni Salem – haben den Brunnen erreicht, der den Harith gehört und – so will es der Film – die geben ihr Wasser nicht jedem X-Beliebigen. Meilenweit umher bis zum Horizont erstreckt sich ebene Fläche, Sandwüste in Gelb- und Brauntönen und darüber der tiefblaue Himmel (Ein Kontrast zu den vorhergehenden Szenen, die in hohen Sanddünen spielten.). Zu reden gibt es nicht viel; sie sind seit Tagen unterwegs, da ist alles gesagt, was zu sagen war. Stille. Lawrence legt sich auf einen Sandhaufen und hantiert mit seinem Kompaß, da blickt sein Führer plötzlich auf: Weit in der Ferne, hinter einer wabernden Luftschicht, erkennt man eine kleine Staubwolke.



Das Teleobjektiv beobachtet den schwarzen Reiter, der sich aus der Luftspiegelung löst und langsam, ganz allmählich näherkommt. Wohlgemerkt: Das Kamel ist kräftig am Rennen, die Beine fliegen nur so.




"Ein Türke?" fragt Lawrence und erst eine halbe Minute später stößt der Führer schließlich hervor: "Bedu!"




Wieder vergehen Sekunden um Sekunden. Dann rennt der Führer zum Kamel, zieht einen Revolver - ein Geschenk von Lawrence - aus der Satteltasche und legt auf den Näherkommenden an.




Ein Schuß kracht – der Führer bricht tot zusammen. Und wieder wartet der Zuschauer so gebannt wie Lawrence, bis der schwarzgekleidete Beduine mit dem rauchenden Gewehr ganz herangekommen ist, langsam sein Kamel niederknien läßt, absteigt und zu dem Führer schreitet. "Er ist tot" stellt er sachlich fest und Lawrence ruft, nein, er schreit ihn fast an: "Warum?"




Scherif Ali Ibn el Kharish löst den vor Mund und Nase gelegten Zipfel seines schwarzen Burnus und Omar Sharifs strahlendes Lächeln hat seinen ersten Auftritt in einem internationalen Film: "Dies ist mein Brunnen."
Lawrence (mit unterdrückter Wut): "Ich habe aus dem Brunnen getrunken!"
Ali (sehr zuvorkommend): "Du bist willkommen."




Lawrence (immer noch wütend): "Er war mein Freund."
Ali (verächtlich): "Das?"
Lawrence: "Ja! Das!"

Ali hebt die Waffe auf, die dem Führer entfallen ist und erkennt sie als britische Militärwaffe: "Deine Pistole?"
Lawrence, zu dem toten Führer blickend: "Nein. Seine."




Worauf Ali sich die Waffe in den Gürtel steckt. Er nimmt den Becher auf, der neben dem Brunnen liegt: "Seiner?"
Lawrence (ruhiger): "Meiner."
Ali: "Dann benutze ich ihn." Und er schöpft Wasser aus dem Brunnen.




Nun entwickelt sich ein Gespräch, das dazu dient, Ali Ibn el Karish einzuführen. Lawrence lehnt sein Angebot, ihn zu Fürst Feisal zu führen, ab. Als Ali sich auf sein Kamel geschwungen hat, kann er, mit dramatischen Gesten auf den toten Hassemi und auf den Brunnen zeigend, verkünden:
"Er war nichts. – Der Brunnen ist alles. Kein Hassemi darf aus unserem Brunnen trinken. Er wußte es."




Worauf Peter O'Toole Leans (nicht Lawrences!) Ansichten über die Araber aussprechen darf: "Solange die Araber Stamm gegen Stamm kämpfen, solange bleiben sie ein schwaches Volk, ein dummes Volk, habgierig, barbarisch und grausam! Wie du es bist!"

Wie die meisten Szenen des Films ist die Brunnenszene fast vollständig fiktiv. Lawrences Führer zum Masturabrunnen war Scheich Obeid, ein Hassemi von den Beni Salem; aber er wurde nicht erschossen, sondern brachte Lawrence glücklich ans Ziel. Die Person des Scherif Ali ist fiktiv. Und die Beduinen waren, was die Benutzung ihrer Brunnen angeht, im allgemeinen sehr gastfreundlich. Leans Berater in Arabien hatten sich energisch gegen diese unrealistische Szene ausgesprochen, aber Lean wollte sie unbedingt im Film haben. Und sie wirkt ja auch enorm – die Bilder, die Dialoge brennen sich ins Gehirn.

Die Macher eines Films sind gefährliche Menschen, denn sie schaffen Träume, die der Zuschauer – bei einem historischen Thema – für authentische historische Wahrheit halten kann. David Leans LAWRENCE OF ARABIA ist ein filmisches Meisterwerk, aber auch eine starke Verzerrung der geschichtlichen Tatsachen. Drehbuchautor Robert Bolt, Kommunist, Pazifist, Anti-Kernwaffen-Aktivist, wollte offenbar einen Antikriegsfilm schaffen. Das ist ihm stellenweise gelungen, auch wenn dabei die Wahrheit auf der Strecke blieb. Lean und Bolt schildern Lawrence als einen innerlich Zerrissenen, als einen sich selbst Suchenden, als einen gelegentlich zu Selbstüberschätzung und Exhibitionismus Neigenden, als einen, der manchmal Gefallen am Töten fand und sinnlos Türken massakrieren ließ. Nichts davon ist wirklich beweisbar, aber der Film hat rein durch das Gewicht seiner filmischen Qualität das Lawrence-Bild mehrerer Generationen geprägt.

Immerhin sind nicht wenige Leute – auch ich zum Beispiel – von diesem Film angeregt worden, mehr über Lawrence zu erfahren und "The Seven Pillars of Wisdom" zu lesen. Diese Leseerfahrung relativiert den Film gewaltig – nicht in seiner cineastischen Wirkung, sondern im Inhalt.

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Psycho Dad
Sultan der Rhetorik


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BeitragVerfasst am: 02.04.2007, 23:05                                  +/-

Spitze Aber ich mag die neuen PK-Reviews lieber. Die alten hatten so was Woltereskes.


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(Tyler D.)
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Nichtraucher
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BeitragVerfasst am: 03.04.2007, 08:53                                  +/-

Entweder meine Filmbegeisterung hat stark nachgelassen oder meine Stinkfaulheit zugenommen. Wahrscheinlich beides. Sowas könnte ich heute nicht mehr schreiben.

Naja, besser Filmkritiken als Ethikdebatten.


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Lass die Finger von dem ganzen neumodischen Kram.
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Triskel
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BeitragVerfasst am: 03.04.2007, 13:38                                  +/-

meisterdieb schaut die SZ-Cinemathek Boardy-Thread
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Der Leopard

Meisterdieb

Die SZ-Bibliothek war eine tolle Errungenschaft, obwohl noch nicht ansatzweise dazu gekommen bin, alles zu lesen. Und weil die Leute von der Süddeutschen Zeitung nicht blöd sind, werfen sie gleich noch 50 Filme hinterher (nicht zu vergessen Klassik Kaiser, die ich mir auch irgendwann zulegen werde). Was macht der dieb? Er schickt natürlich gleich die Bestellkarte an den Standard und schon hat er den Salat: vier Filme pro Monat zu je 7 Euro. Und weil der Standard so nett ist schenkt er mir die erste DVD gleich:

Luchino Viscontis Der Leopard

Ich hatte zuvoer noch nie etwas von diesem Film gehört. Ich bin sowieso ein unbeschriebenes Blatt, was Filme betrifft, naja, ein paar hab ich wohl schon gesehen.

Der Leopard ist in erster Linie ein Film über Sizilien. Er spielt 1860, zur Zeit der Revolution durch Garibaldi, und beschreibt die Entwickling einer Aristokraten-Familie in dieser Zeit. Die Revolution ist eigentlich nur ein Seitenaspekt des Films, der sich in erster Linie mit dem Schicksal der Familie beschäftigt. Das Familienoberhaupt, der Fürst von Salina, gibt sich dabei von der Revolution selbst völlig unbeeindruckt und verdrängt den Gedanken, dass sich auch nur das geringste für seine Familie ändern könnte.

Der Leopard wirkte auf mich in erster Linie wie ein langer Film. Ich muss zugeben, dass ich vor einer Prüfung stand und mich vielleicht nicht fallen lassen konnte, aber ich empfand ihn zunächst einmal als äußerst lang. Obwohl er nicht unbedingt langatmig war. Der Film ist in zweiter Linie sehr politisch. Teilweise war es für mich schwierig den Wirrungen der Revolution folgen zu können (wer ist dafür, wer dagegen), was auch daran liegen könnte, dass ich überhaupt kein geschichtliches Wissen darüber habe. Der Film ist aber auch ein sehr schöner Film mit starken Dialogen, einer zum Hinknien schönen Claudia Cardinale und wunderschönen Bildern von Sizilien. Was mir besonders gut gefallen hat, war die Darstellung des Fürsten durch Burt Lancaster: Er hat für mich die Zwiegespaltenheit, mit der er den Umstürzen in "seinem" Sizilien begegnet ist, überzeugend rübergebracht und ich konnte am Ende mit ihm fühlen.

Ich denke aber ich muss ihn noch einmal sehen und dabei im Kopf freier sein, um mir ein endgültiges Urteil bilden zu können. Sehenswert ist Der Leopard auf jeden Fall:


Claudia Cardinale und Burt Lancaster in der 30-minütigen Ballszene



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Wilde Erdbeeren

Meisterdieb

Und hier kommt der nächste schon, es geht jetzt Schlag auf Schlag. Eigentlich hatte ich mir vorgenommen, nur einen Film pro Woche durchzunehmen, da das eine schön Regelmäßigkeit hätte. Da wir uns aber gestern wieder einen zu Gemüte geführt haben, muss ich meine Eindrücke gleich schildern. Wir haben uns allerdings nicht für den nächsten der Reihe entschieden, sondern für den kürzesten (weil Inga heute früh raus musste):

Ingmar Bergmanns Wilde Erdbeeren

Alles beginnt mit einem Albtraum über eine Uhr ohne Zeiger, einen Mann mit zerknautschtem Gesicht und den Tod von Isak Borg, einem 78-jährigen Arzt. Er beschließt nach diesem Traum nicht mit dem Flugzeug zur Fünfzigjahrfeier seiner Promotion nach Lund zu reisen, sondern mit dem Auto und er nimmt seine Schwiegertochter Marianne mit. Isak Borg ist ein mürrischer alter Mann, selbstsüchtig und eiskalt wirkt er auf seine Schwiegertochter, die ihm gleich zu Beginn der Reise allerlei Vorwürfe macht. Die Fahrt nach Lund entwickelt sich für Isak Borg zu einer Reise in die eigene Vergangenheit, zu einer Reise in sein innerstes Selbst.

Wilde Erdbeeren wirkt wie eine frühe Form des Road Movie. Jemand begibt sich auf eine Reise und erfährt dabei viel über sein eigenes Leben. So auch in diesem Film. Er lebt von den überzeugenden Darstellern und schwankt so fließend zwischen Leichtigkeit und Schwermut, dass es trotzdem nicht aufgesetzt wird. Ich konnte gestern herzlich lachen über die Streitereien zwischen Dr. Borg und seiner Haushälterin und ich hatte einen Kloß im Hals, als ihn die Einsicht über sein verkorkstes Leben und das seines Sohnes überkommt. "Es ist als wolle ich mir selbst etwas zu sagen, was ich nicht höre, wenn ich wach bin." Seine Schwiegertochter, drei junge Anhalter und seine Träume, seine Kindheitserinnerungen rütteln ihn mit 78 Jahren aus seinem Egoismus wach und als er weiß, dass er etwas ändern muss, geht einem als Zuschauer das Herz auf.

Ein toller film (wenn auch die Copyright-Bestimmungen, die gleich im Anschluss an das Ende gezeigt wurden etwas gestört haben). Unbedingt anschauen.


Victor Sjöström (Isak Borg) und Ingrid Thulin (Marianne)


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Lost Highway

Meisterdieb

und

So gingen wir Freitag Abend ins Bett. Richtig, wir haben uns

David Lynchs Lost Highway

zu Gemüte geführt.
Das ist ein wirklich verstörender Film - und ein gruseliger Film - und ein richtig guter Film. Ich kannte auch von Lynch bis Freitag noch nichts, nur vom Hören-Sagen hörte ich von seiner recht eigentümlichen Art, Filme zu machen. In Lost Highway habe ich das zum ersten Mal mit eigenen Augen gesehen, und eigentümlich ist gar kein Ausdruck.

Da ist also dieser Fred, der anscheinend ziemlich eifersüchtig ist und keine glückliche Ehe mit seiner Frau führt. Die Gespräche gehen selten über ein "Guten Morgen" hinaus - wenn es denn überhaupt ein "Guten Morgen" gibt. Das Ehepaar bekommt eines Tages Videobänder zugestellt: Zunächst wird dabei nur das Haus von außen gezeigt, später wird im Haus gefilmt und Fred ruft die Polizei, die den Fall aufnimmt. Eines Tages liegt wiederum ein Band vor der Tür, das Fred nach der Ermordung und Zerstückelung seiner Frau zeigt. Er wird verhaftet und zum Tode auf dem elektrischen Stuhl verurteilt. Und jetzt wird lynchesk: In der Todeszelle "verwandelt" sich Fred in den jungen Pete, einen Automechaniker.

Mehr möchte ich im Moment nicht verraten. Ich gebe zu, wir hatten den Film nicht verstanden - zumindest dachten wir das. Wir hatten so unsere eigene Interpretation im Kopf und die fanden wir dann auch von anderen Leuten so wiedergegeben, genauso wie gänzlich andere Interpretationen. Genau das ist es, was Lynch meiner und anderer Leute Meinung nach (und eigenen Aussagen zu Folge) erreichen will: Seine Filme sollen nicht erklärt werden, sondern der Zuschauer soll selbst überlegen, was er aus dem Film herausliest und das ist ihm in beeindruckender Art und Weise gelungen.

Lost Highway ist absolut sehenswert, aber nichts für schwache Gemüter. Ich muss gestehen, dieser Mann [kein Bild mehr da] hat mir Angst gemacht.



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Rio Bravo

ET

Ein Klassiker, der so klassisch ist, dass er fast wie eine Parodie wirkt.

Echte Männer mit echten Knarren auf echten Pferden, vorbeifliegende Windbüsche, John Wayne mit Zigarettenstummel im Mundwinkel, der junge Schönling, der schneller zieht als sein Schatten und eine überaus hübsche aber verrückte Frau, die mit der Postkutsche kam.
Der Sheriff und seine Helfer, verbarrikadiert im Knast, bewaffnet mit Flinte, Kaffee, Schnaps, Tabak und einer Gitarre, singen gemeinsam Countrylieder und warten auf Verstärkung.

Und natürlich die finster gekleideten Gangster auf ihren schwarzen Gäulen, die ihren Kumpel Joe aus dem Knast befreien wollen. Die Luft mit heißem Eisen durchsiebt, Mann gegen Mann, Schießeisen gegen Schießeisen. Fliegendes Dynamit jagd die Ratten schliesslich aus ihrem Loch, und John Wayne rettet fast im Alleingang die Stadt vor den fiesen bezahlten Auftragskillern.

Nicht einmal der typische chinesische Wäschereibesitzer/Totengräbertypus fehlt, und das Hotel wird von einem kleinen spanischen Pantoffelhelden geleitet, der fast einem Lucky-Luke-Heft entsprungen scheint. Am Ende kriegt die hübsche Frau den Sheriff und alle sind froh. Ausser die Gangster. Und man erwartet fast, dass es vier Stück sind und mit Nachnamen Dalton heissen.

Hach.


Schlussszene:
Sie: Was würdest du sagen, wenn ich in diesem kostüm runter in den Saloon gehen würde?
Er: Dann würde ich dich verhaften!
Sie: Oh Liebling, endlich sagst du, dass du mich liebst!
er: Ich sagte, ich verhafte dich, nicht ich liebe dich
Sie: ach, das ist bei dir doch dasselbe



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Rio Bravo

Meisterdieb

Howard Hawks' Rio Bravo

Western? Ach nö, das muss ja jetzt nicht unbedingt sein. Ich gebe zu, ich mag keine Western, aber ich lasse mich ja gern eines Besseren belehren.

Rio Bravo hat mich leider nicht eines Besseren belehrt: Ich mag Western immer noch nicht. John Wayne ist männlicher als männlich, der mexikanische Hotelbesitzer heißt Carlos, seine Frau heißt Conzuela und als die Hauptprotagonisten sich endlich zusammengerauft haben, singen sie ein fröhliches Country-Liedchen. Klischee, anyone? Und die Geschichte erst! Ein verkommenes Subjekt ermordet einen Wehrlosen und wird eingebuchtet, worauf sein Bruder ihn befreien möchte und der Sheriff mit einem humpelnden und einem versoffenen Hilfssheriff ausharren muss, bis Verstärkung eintrifft. Dass all das natürlich von Widrigkeiten begleitet wird, erklärt sich von selbst. Und dass am Schluss eine gewaltige Schießerei stattfindet, verwundert wohl auch niemanden.

Ja, ein netter Film, irgendwie, wenn man Western mag, aber mehr auch nicht. Ich mag halt keine Western

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Triskel
Dressed-Pugly


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BeitragVerfasst am: 07.04.2007, 10:05                                  +/-

The Godfather (I-III)
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The Godfather Part II Boardy-Thread

Thanil
Neues aus der Reihe: Thanil holt auf!

Er sah gestern The Godfather Part II.

Ich muss sagen, dass ich Michael Corleone langsam richtiggehend zu hassen lerne, und mich zugleich über das bittere Schicksal gräme, das ihn zu dem gemacht hat, was er geworden ist: ein eiskalter Killer, der inzwischen sogar seine eigenen Familienangehörigen töten läßt, wenn sie ihm in die Quere kommen.

Michael Corleone - im ersten Teil erklärt er ganz am Anfang seiner geliebten Kaye, in was für eine Familie sie geraten ist, dass es aber nur seine Familie sei, und nicht er selbst - ist erstarrt in seinem mythologisierten Dogma der heiligen Familie, die alles andere als eine Familie von Heiligen ist.

Er verabsolutiert die Grundsätze seiner Gesellschaftsordnung:
1.) Die Familie muss heilig und unantastbar sein.
2.) Die Frau muss fest an der Seite ihres Ehemanns stehen und darf ihn nie hinterfragen.
3.) Das patriarchale Familienoberhaupt ist Allein- und Gewaltherrscher zugleich.
4.) Verrat wird immer mit Tod bestraft.
5.) Die Welt ist voller Feinde und Verräter.

Michael Corleone ist auf einem Pfad der Zerstörung. Er wollte anfangs nur seine Familie vor der Auslöschung durch ihre Feinde bewahren. Er wollte die Familiengeschäfte in legale Fahrwasser führen. Doch irgendwo auf dem Weg sind diese guten Vorsätze völlig verloren gegangen. Am Ende verbannt er sogar seine eigene Frau aus seinem Leben, weil sie diesen Weg nicht mehr mitgehen will und die ihr zugewiesene passive Rolle als "Ding" nicht mehr ertragen will und kann. Ich habe mich letztendlich gewundert, dass er sie nicht auch terminieren ließ, und gefragt, ob dies im dritten Teil passieren wird. So wie Fredo, sein Bruder, am Ende des zweiten Teils ausgeschaltet wird.

Alles in allem eine sehr, sehr traurige Geschichte. Das Einzige, was mich etwas irritiert hat am zweiten Teil, war die Verflechtung mit der Lebensgeschichte von Vito Corleone, Michaels Vater. Das machte in meinen Augen nicht gerade unheimlich viel Sinn und erschien mir ein wenig als Selbstzweck. Ich habe diese Szenen dennoch sehr geschätzt, weil sie filmisch und ästhetisch auf höchstem Niveau sind und die Geschichte der Familie wirkungsvoll illustrieren.

Vielleicht kann man es so verstehen, dass die eingewobene Geschichte von Vito erst den Verständnishorizont für das Handeln von Michael schafft und damit aufzeigt, wie Vitos Lebenslauf als Matrize für Michaels Leben funktioniert. Zugleich jedoch werden auch Veränderungen zwischen den beiden Generationen sichtbar, denn die Welt ist im Wandel: Vitos Frau hat das Leben, das sie führen musste, scheinbar klaglos akzeptiert. Aber Kaye steht mehr für die moderne, emanzipierte Frau, die ihr Kind abtreiben läßt (in Michaels Augen eine Todsünde), um sich selbst zu verwirklichen und nicht einen stillen, "innerlichen" Tod zu erleiden.


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The Godfather Part III Boardy-Thread

Thanil

Neues aus der Reihe: Thanil holt auf!

Heute im Programm: The Godfather Part III

Der dritte Teil der berühmten Trilogie fällt meines Erachtens nach gegenüber den denkwürdigen ersten beiden Teilen leicht ab. Nach meinem Eindruck zu viel Geplänkel, zu viel Selbstreferenz im Sinne von Verweisen auf die ersten beiden Teile. Der dritte Teil zehrt von den ersten beiden Teilen, die demgegenüber originäre Filmkunstwerke zu sein scheinen.

Francis Ford Coppola versucht den langen Bogen zu einem würdevollen Abschluß zu bringen, aber im ersten Teil des Films hält er sich meiner Meinung nach mit zu viel Geplänkel auf. Der Film wirkt streckenweise zu familiär und zu harmlos, fast wie eine Best-of-Gala, wenn man als Vergleich die Schärfe und Unerbittlichkeit der ersten beiden Teile hinzuzieht. Doch in der zweiten Hälfte holt der Film stark auf und erfüllt doch noch einige Erwartungen. Einmal die etwas unglaubwürdige Wandlung Vincents vom Heißsporn zum Don ausgenommen, hat mir die lange Endsequenz in der Oper hervorragend gefallen. Auch das Ende war meines Erachtens nach ein würdiger Abschluß. Ich hatte schon fast befürchtet, dass alles in einem schnulzigen Happy End untergehen würde, doch dem war ja dann nicht so. Das bittere Ende passt zur Tragik der ganzen Trilogie, wenngleich vielleicht etwas zu dick aufgetragen wurde.


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The Godfather Boardy-Thread

Gimli

Michael Corlenoe. Er erschießt kaltblütig zwei Männer aus nächster Nähe, lässt den Mann seiner Schwester ermorden, lässt Tessio, den alten Freund seines Vaters töten, richtet ein Blutbad unter den New Yorker Familien an - er weißt Freunde von Früher kalt zurück, genauso seine Schwester, seinen Bruder, seine Ehefrau und geht dann sogar soweit seinen Bruder erschießen zu lassen.

Ein Monster? Ist er einfach nur kalt und gefühllos? Sollte man ihn dafür hassen? Denn was will Michael Corleone eigentlich? Will er Macht anhäufen, allein um ihres Selbstzweck willens? Will er Rache üben für all den Verrat und die Morde? Was will er?

Ich denke er will nichts weiter als seine Familie beschützen.

Mit dem Angriff auf seinen Vater beginnt er zu erkennen, dass dessen Macht im Schwinden begriffen ist. Die Familie ist in Gefahr und er nimmt viel auf sich, um dies zu ändern. Er trifft Solozzo und McClusky in dem kleinen italienischen Restaurant. Und für einen kurzen Moment verlässt er einen Weg, den sein Vater für ihn bestimmt hatte. Er wollte seinen Sohn außerhalb der Familiengeschäfte in Frieden leben lassen mit einer gesicherten Zukunft ohne die Methoden der Mafia, also das taktieren außerhalb des gesetzlichen Rahmens, anweden zu müssen. Doch in diesem Moment geht es nicht anders. Es ist wirklich anders als jemand auf eine Meile zu erschießen, wie Sunny schon sagte ("Badabing, spritz sein Gehirn auf dein Jacket!"-) und man merkt es der Szene an. Dem Höhepunkt entgegenstrebend rattert in der Nähe eine Straßenbahn vorbei und macht es beinahe unmöglich etwas zu hören. Es ist erschütternd und man kann es in Michaels Gesicht sehen und im Zittern des Raumens spüren.
Sollte man sagen er sei verführt worden? Nein, er hat nur eine Methode ausprobiert seine Familie zu schützen - und sie funktionierte. Aber er fand sie auch so erschreckend, dass er sich sofort wieder davon abwandte.
Weiter geht es Sizilien und langsam schleicht sich Michaels Entwicklung einem Umschwung entgegen. Der Knick im Restaurant war nicht entgültig, der nächste sollte es sein. Er findet in Sizilien die einfachen Freuden des Lebens, der Liebe, des Landes und als einer seiner Begleiter die vorbeifahrenden Soldaten bittet, ihn doch nach Amerika mitzunehmen, weiß er, dass es in Amerika gerade nicht so schön ist, wie man noch glaubt, wenn man nicht dort ist. Amerika bedeutet Gefahr, wenn man nicht ausreichend Macht hat und sie kaltblütig einzusetzen weiß. Sizilien dagegen erscheint in seinen Augen als das Paradies auf Erden. Die alten Strukturen der Mafia sorgen auf recht friedliche Weise für Ruhe und Ordnung und er fühlt sich sicher.
Dann folgen zwei Schläge kurz aufeinander. Appolonia tot - Sunny tot. Beide ermordet vom selben Feind. Michael ist erschüttert und kommt zu einer Erkenntnis:
Nur Macht, viel Macht, ihr eiskalter Einsatz und die völlige Vernichtung jeglichen möglichen Gegners kann dich und deine Familie beschützen!
Und hier verlässt er nun praktisch umumkehrbar den Pfad seines Vaters. Das Ziel ist klar, die Mittel auch. Sowohl zum Ende des ersten als auch durch den ganzen zweiten Film hindurch wird jeder Feind mit größtmöglicher Härte eliminiert! Doch Michael hat etwas vergessen, etwas an das ihn sein Vater noch ermahnt, in ihrem allerletzten Gespräch. Die Familie, sagt Don Vito, ist das wichtigste. Für einen Mann sollte absolut nichts über der Familie stehen. Paradoxerweise sollte dies für Michael bedeuten, dass nicht einmal der Schutz der Familie über der Familie steht. Ja, die Morde an Connies Mann und an Fredo schützen die Familie, aber sie schaden der Familie natürlich in erster Linie! Wenn Schutz der Familie bedeutet der Familie zu schaden, dann muss der Schutz hinten anstehen. Wenn das Anhäufen von Macht bedeutet die Familie zu vernachlässigen, siehe Kay und die Kinder, dann muss die Macht halt warten. Aber gerade das tut Michael nicht.

Im Endeffekt tut er alles für seine Familie, liebt sie über alles - und perverserweise fügt das der Familie den meisten Schaden zu. Die Trilogie ist ein American Nightmare und wenn Michael auf der Treppe der Oper kniet, den leblosen Körper eines weiteren Familienmitgliedes, das seinem Wahn zum Opfer fiel, in den Armen wiegend, er sein Gesicht zu einem stummen Schrei verzehrt, dann erkennt er auch endlich, was er seiner Familie angetan hat und das er schon längst einen Punkt erreicht hat, an dem Umkehr unmöglich ist und seine Familie mit jedem Tag mehr in den Abgrund gezogen wird. Und dann stirbt er. Allein. In dem Bewusstsein gerade darin versagt zu haben, was er am meisten wollte: Seine Familie lieben und ehren.

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Triskel
Dressed-Pugly


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BeitragVerfasst am: 08.04.2007, 21:09                                  +/-

King Arthur
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Boardy-Thread
Kaylee

King Arthur, 2. Teil
(Nein, es ist keine neue Trilogie in den Kinos und ihr braucht jetzt auch nicht hoch zu scrollen, um den 1. Teil der Filmbesprechung zu suchen. Der Film fängt hier an. Mittendrin. Für uns zumindest. [url=http://www.boardy.de/showthread.php3?postid=9177396#post9177396]Wisu? )



Kämpfende, schreidende, dreckige Gestalten, die fluchen, pinkeln und rotzen. Sieht angenehm authentisch aus! Nur Arthur erinnert mich an irgendeinen amerikanischen Schauspieler, auf den ich grad nicht komme. Nicht positiv übrigens. Ausserdem stört mich, dass Lancelot Galahad aus zwei Personen besteht, die auch von unterschiedlichen Darstellern gespielt werden. Aber ansonsten wären es bestimmt noch weniger Ritter geworden. Im moment sind es nur sieben. Vielleicht sind ja auch schon welche umgekommen als wir noch nicht da waren?!

Die Atmosphäre ist recht dicht (ein Zwischending von ' der 13. Krieger', 'die glorreichen Sieben' und diversen Samurai-Filmen) und die Gewandungen erinnern an die von Waldläufern. Die story dagegen reicht von schlicht bis unverständlich. Wieso siedelt ein Römer hinter dem Hadrianswall? Wieso will er trotz des Abzuges der römischen Truppen nicht evakuiert werden?? Wer kämpft genau weswegen gegen wen?? Wieso kann Arthus nur einen Gesichtsausdruck (ein früherer Kampfunfall?)? Oh! Auftritt, Keira. Süss!




Am Anfang nicht ganz so lebendig wie in PotC, man denkt minutenlang, sie hätte doch keine Sprechrolle, dafür aber nachher umso kraftvoller. Da! Unter bösen Blicken von dem einen Lancelot (der andere ist zu dem Zeitpunkt auch schon tot, glaub ich), folgt Arthur Keira in den nächtlichen Nebelwald. Jaa! Blaues Licht. Die Brückenszene! Gerade will Arthur sich den Arwenstern schnappen, da – taucht Merlin auf! Gut gelöst. Das war eh inzwischen ein wenig zu süsslich geworden. Nur, so düpiert will Arthur natürlich erst mal kein Führer der Pikten werden. Männer!



Dann der Kampf auf dem zugefrorenen Fluss! Wo genau gab es in England nochmal so hohe Berge? Egal. Die Bilder sind grandios. Keira Bogenschiessend ebenso.



Die erste Sexszene wird von Keira mit dem Satz in Angriff genommen: "Wer weiss was morgen ist!" Es gibt ambitionslosere Einleitungen, wie der pk treffend bemerkte.

Dann ziehen die Ritter endlich mal ihre römischen Rüstungen an und sehen aus wie eine Mischung zwischen Samurai und Römer. Nur Arthur sieht aus wie Nicholas Cage. Was keine Verbesserung bedeutet.

Aber die Wikinger…ääh Sachsen sind cool! *nuschel* wir nehmen nicht die Frauen unserer Feinde. guuute Einstellung! Wir mischen uns nicht mit ihnen. Äah…! Til Schweiger als Häuptlingssohn mit kahlem Schädel wirkt wie ein Wal mit Thomas D. gekreuzt.



Überhaupt erinnern die Bilder jetzt eher an 'der letzte Samurai' oder 'Troja'. Ein Krieger vor einer Mauer. Tausende auf der anderen Seite.



Der Sachsenkönig vermutet "Sie haben eine Strategie." Ich vermute das auch. Aber damit lag ich schon bei 'der letzte Samurai' daneben. Gut, hier haben wir noch die restlichen Ritter, Keira, Merlin und eine Handvoll Pikten in petto. Die haben sich den trojanischen Feuertrick abgeschaut und halbnackte, wilde Kriegerinnen, aber der granatenharten Kriegstrick erschliesst sich mir trotz mehrfacher Erklärungsversuche des pk, nicht.

Wahrscheinlich, weil ich nicht glauben will, wie Tausende heranstürmende Sachsen durch ein kleines Tor des Hadrianswall passen. Da liegt der Eindruck mehrerer Leute, die im Weihnachtseinkauf gleichzeitig ein Geschäft betreten wollen, wohl noch nicht weit genug zurück.

Aber insgesamt muss ich sagen, thumbs up. Ein unterhaltender Abenteuerfilm, den man sich gut anschauen kann…wenn man Nicholas Cage mag.



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Guy

Oh Mann, habe gestern King Arthur auf DVD gesehen... zu allem Überfluß auch noch im Directors Cut!

Für mich definitiv der schlechteste Film des Jahres 2004. Ich habe selten so an den Haaren herbeigezogenen Schlachten gesehen wie in King Arthur. Die Sachsen sind bis an die Zähne bewaffnet, aber keiner scheint mit Bogen oder Armbrust umgehen zu können - oder gibt es einen anderen Grund, warum keiner schießt. Und schiessen sie doch mal, treffen sie nicht. Überhaupt sind die Sachsen nur ein dummes und blutrünstiges Pack.
Die gute Keira scheint eine eingebaute Heizung zu haben, oder warum rennt sie selbst im Winter bei Minusgraden im leichten Sommerkleid rum?
Der rest der Story ist ebenso dünn, außerdem kam bei mir keine Spannung auf...

Lang Rede, kurzer Sinn - ich bin froh, dass ich ihn nicht im Kino ertragen musste.
Der Film war für den Arsch.

Wertung: 2 Schwerter von 10 (wegen der zum Teil gelungenen Optik)

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Triskel
Dressed-Pugly


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BeitragVerfasst am: 09.04.2007, 15:13                                  +/-

Alexander
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Boardy-Thread
Tyler

ALEXANDER ist kein perfekter Film. Es gibt zerfaserte Enden, Sprünge... Zum Beispiel wird nach der ersten Schlacht, die ganz und gar nicht glorios endet, schlicht mitgeteilt, dass "so das Perserreich verloren habe" und es folgt der grandiose Einzug in Babylon. Das ist unbefriedigend und etwas gezwungen.

Aber fangen wir beim Anfang an: Anthony Hopkins steht als Ptolemaios, bitte alle mal laut den Namen aussprechen, nein, das ist nicht schwer, im Deutschen gibt es nämlich auch Wörter mit dem PT-Laut wie z.B. "Das Auto hupt", also Ptolemaios steht auf so ner Art Balkon und schaut auf sein tolles Alexandria hinab: Im Hintergrund sieht man einen antiken Hafen und Triremen die entladen werden, während er seinen Schreibern seine Erfahrungen als Weggefährte von Alexander diktiert. Wunderschöner Anfang und hat mich gleich bezaubert und in eine lange vergangene Welt entführt. Auf imdb liest man dagegen öfters "What the F*ck??? Shut up old Man! I want see a movie and not the History Channel!"

Übrigens liebe ich Geschichtsbücher und die Szenen des Erzählers Ptolemaios die Kritiker als dröge schleppend kritisierten, fand ich toll.

Was danach kommt ist ein Monumentalfilm, aber anders. Die Ausstattung ist grandios und überaus prächtig, ganz anders als Troja und mehr im LotR-Detailwahn. Aber dafür sieht man sieht man nicht wie Alexander mit seinem Vater Philip zusammen Griechenland unterwirft und eint, man sieht nicht wie Alexander die griechischen Städte in Kleinasien und Ägypten vom persischen Joch befreien, stattdessen beschränken sich die Schauplätze auf Alexandria (Erzähler), Babylon, Pella, Indien und Baktrien. Nicht sehr viel, aber was man da sieht ist gigantisch! Und es gibt nur zwei Schlachten: Die von Gaugamela gegen die Übermacht des persischen Großkönig Dareios und dann gegen Ende eine stellvertretend für die Abenteuer im indischen Dschungel.
Aber dafür sind das wahnsinnige Szenen die man so und nicht anders zeigen muss! Die Kritik, dass das unübersichtlich und verwackelt war verstehe ich nicht, das Manöver mit dem Alexander Gaugamela gewann, fand ich genial anschaulich rübergebracht. Und eine Szene die mir in Erinnerung blieb: Alexander reitet mit seiner Kavallerie auf das Zentrum der persischen Armee zu, man sieht im aufgewirbelten Sand nur ein paar Dutzend Meter weit, und da plötzlich, sieht man drohend die Shilouette des königlichen Streitwagens vor Alexander aufragen. Ein fast magischer Moment von Gefahr und Wagemut lies mir einen Schauer über den Rücken laufen. Also selbst wenn man den Film sonst nicht mag, muss man ihm eins lassen: Er ist toll fotografiert!
Ganz zu schweigen von den Kinosaal erbebenden Mumakil...

ALEXANDER ist aber kein Actionfilm. Es ist ein Charakterporträt (das nicht stimmen muss) und vieles lässt Oliver Stone weg (z.B. die gnadenlose Plünderung von Persepolis) oder lässt er bewusst vage. Cirdan meinte in seiner Kritik, der Film sei einer, bei dem der Zuschauer selbst denken müsse und ihm nicht alles vorgekaut wird. Stimmt! Ein Beispiel ist Alexanders Heirat mit einer (politisch unbedeutenden) persischen Prinzessin mit großen Brüsten und rassiger Figur. Der Film bietet einem verschiedene Erklärungen an warum Alexander das tat: Aus echter Verliebtheit? Weil sie seiner Mutter ähnlich sieht? Weil er einen Nachfolger wollte? Es gibt nie nur ein Motiv und im Gespräch mit Hephaestion gibt er auch einmal lapidar als Grund für sein Handeln an "Wer weiß das alles schon".

Wundervoll auch Alexanders Heer, das anders als das Heer vor Petersens Troja wirklich die Realität einer "echten" Armee erweckt. Einer Armee verbrauchter und gealterter Soldaten und mitfahrenden Händler, Frauen, Huren, gezeugten Kindern, Gelehrten, Priestern, Gesinde...etc. Und Alexanders Rede vor den Schlachten zu Anfang und Beginn kann man gekonnt in Bezug zusammen sehen. Vor Gaugamela reißt er, also Colin Farrel, obwohl er kein Lawrence von Arabien ist, mit (ich fand das wirklich mitreißend) und hat eine reine und ehrenvolle Ausstrahlung, später in Indien, als seine Männer revoltieren, ist er nicht minder beeindruckend im Wahn mit abgewrackter Durchhaltehaltung.

In englischen Rezensionen wird öfters die Plattheit der Dialoge gescholten oder das die Makedonier irischen Dialekt sprechen (eine coole Idee um ihre Provinzialität zu den Rest der Griechen hervorzuheben. Die Kritik ist aber nachzuvollziehen, das wäre ja so wie bayrisch), in der Synchronisation sind mir seichte Dialoge aber nicht störend aufgefallen. Im Gegenteil! Kann natürlich sein, dass ich vom Film gefangen war, ich bin ja sehr leicht zu begeistern, und natürlich ist so ein kitschiger Dialog wie "Wir werden niemals auseinander sein" (oder so ähnlich) ganz furchtbar, bekommt aber mit dem Hintergrund der Ilias und der Freundschaft von Achilles & Patrokoles eine ganz andere, tiefere Bedeutung. Überhaupt gefiel mir die Erwähnungen Sagen, Mythen, Homer und besonders Achilles, ich musste da immer an Brad Pitt denken der arrogant mit seinem Bronzeschwert bewaffnet in die Sonne blinzelt.

Zu Schwulitäten: Es gibt nur tiefe Schmachtblicke von Kajalgefärbten Männeraugen. Das ist etwas over-the-top, aber mal was anderes und sicher nicht Wert des "Ih, was für ein schwuler Film"-Geschreis. Außerdem sieht man dafür ja seine Braut im Hochzeitsbett in ganzer Nacktheit, also was solls? *Schulterzuck*
Tatsächlich hätte man den Konflikt mit Aristoteles Ermahnung anfangs zur platonischen Liebe noch ausbauen können.

Übrigens, Cirdan liegt natürlich falsch wenn er behauptet er hätte kein einziges Mal während dem Film lachen müssen. Die Kampfszene gegen die kleinen behaarten Waldbewohnern ist nämlich komisch!

P.S.
Suchspiel: Einige mir passende Sätze habe ich aus anderen Rezensionen zusammengeklaut. Wer sie findet, bekommt ewigen Ruhm und große Reichtümer




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Boardy-Thread
Gwethil

Wie bereits erwähnt war ich mit im Kino und mir hat er auch sehr gut gefallen. Dazu muss ich sagen, dass mein Wissen über Alexander nicht über das herkömmliche hinausgeht und ich habe vorher auch nicht extra noch eine kurze Zusammenfassung o.ä. gelesen und den Film trotzdem gut verstanden, dementsprechend kann ich Kritiken nicht nachvollziehen die sagen, der Film sei dem unverständlich, der sich vorher nicht informiere.

ALEXANDER geht relativ lange, aber ich hab mich keinen Moment gelangweilt. Obwohl wirklich sehr viel geredet wird und weniger gekämpft, dafür sind die Schlachten dann, wie Tyler bereits sagte, wirklich spitze. Und ich fand vor allem die Schlacht von Gaugamela sehr übersichlich gestaltet, das hat mir gefallen. Die Schlacht im Dschungel Indiens war dafür hektischer, aber ich fand, das passte.
Wundervoll fotografiert ist der Film sowieso und die Ausstattung und der Aufbau der Städte grandios. Babylon! Innerlich hab ich vor Freude geweint als ich Babylon gesehen hab.

Ich bin mit recht niedrigen Erwartungen in den Film reingegangen, vielleicht bin ich deshalb so begeistert. Zu floppen hat er aber auf keinen Fall verdient. Meiner Ansicht nach war er um einiges besser als TROJA. Wobei es vielleicht ganz hilfreich ist, dass der vorher lief, jetzt weiß wenigstens jeder wer Patroklos und Achill sind.
Positiv überrascht war ich von Collin Farrel (wie schreibt man den?). Negativ überrascht bis hin zur Weißglut getrieben war ich von den Menschen rechts neben mir, wobei der Mann nerviger war als die Frau, denn er hörte nicht auf zu reden, kommentierte alles und jeden und das in einer beachtlichen Lautstärke. Und das waren keine Jugendliche, das waren Erwachsene ca. Mitte 30. Und wenn es nach mir gegangen wäre, wären sie nie älter geworden.

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Triskel
Dressed-Pugly


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BeitragVerfasst am: 07.05.2007, 21:14                                  +/-

The Incredibles
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Boardy-Thread
Pfeifenkrautler
The Incredibles ist ein... Pixar-Film. Also sehr sehr gut, was sonst. Nicht so lustig wie die anderen, ernster, durchaus erwachsener. Sie haben es zum Beispiel geschafft, dass ich eine Comic-Animationsfigur sexy fand (Elasticgirl *schmacht*). Die Liebe zum Detail ist einfach unglaublich (man verzeihe das naheliegende Wortspiel). Allein die Zeitungsausschnitte im Stil alter Orson-Welles-Filme, die perfekt-stylische Sixties-Atmosphäre und erst die grandiosen bondmäßigen Technikwunder...das war sogar größer als Bond, das übertraf alle Vorbilder an Gigantismus weit. Hier wurden Anlagen aus dem Computer gestampft, von denen die Bond-Macher seinerzeit vielleicht geträumt haben, die sie aber nie, mit all ihrem Geld (das sie ja durchaus hatten), hätten realisieren können. Grandios, ich konnte mich gar nicht satt sehen. Interessant die Parallelen zu der Optik von "Sky Captain and the world of tomorrow", scheint gerade in der Luft zu liegen, sowas. Die Rakete im Vulkan war in beiden Filmen fast austauschbar, keine Ahnung, wer da von wem abgeguckt hat, vielleicht müssen Raketen auch einfach in Vulkanen versteckt sein (zumindest seit "Man lebt nur zweimal"-).

Die Beziehungen innerhalb der Familie sind erstaunlich realistisch und erfreulich unkitschig dargestellt. Ich musste mehrmals an "Rosanne" denken, nur dass Elasticgirl natürlich etwas.. na ja, elastischer ist. Aber der verfettete Bob hätte real auch wunderbar von John Goodman gespielt werden können.

Kritik: Mir war es mitunter zu hektisch und zu actionlastig. Weniger wäre mehr gewesen. Für kleinere Kinder ist der Film sicher zu anstrengend und zu brutal, ständig fliegt was in die Luft und eine ganze Menge geht zu Bruch. Ob es jetzt eine Superheldenparodie war oder nicht, kann ich nicht sagen, da ich keine Superheldenfilme kenne. Ich sah mehr die James-Bond-Anspielungen und die waren klasse.

Edna, die Kostümschneiderin, ist übrigens der legendären, 1,56m kleinen und sehr schrulligen Hollywood-Kostümdesignerin Edith Head nachempfunden, das erkannte ich dank des Bonusmaterials zu "Roman Holiday". Gut getroffen, oder? [Bild weg]


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Boardy-Thread

Tyler
Also, zuerst mal kann ich dir nur zustimmen: The Incredibles ist ein sehr guter Film und der beste Bond seit Sean Connerys Goldfinger. Die Optik ist fantastisch, nichts genuin neues, aber dafür mit sehr viel Geschmack designt. Zum Beispiel hat der Anfang mit der Kleidung der Leute, Tommyguns und schwarz-weiß Färbung etwas sehr 40er Jahre mäßiges. In der Mitte des Filmes sind die Autos und die Bösewichtbasis im coolen sixties Style und beim Endkampf sieht alles sehr modern und wie heute aus. Trotzdem passt alles zusammen und wirkt wie aus einem Guß! Die Leute bei Pixar haben unglaubliches Talent.

Und bisher galt ja die Regel bei amerikanischen Animationsfilmen, dass Kinder die Zielgruppe sind, bei Pixar die jüngeren, bei Dreamworks die älteren, und gerade genug "Cpt.Subtext" und tolle Animationen eingebaut sind um auch die Eltern beim Kinobesuch mit ihren Stöpseln wach zu halten. Die Unglaublichen verschieben das ganze etwas und als die Superhelden verklagt werden, weil der Held einem Selbstmörder das Leben gerettet hat, fiel mir erstmal die Kinnlade kurz runter. Der Regisseur Brad Bird hat vorher die Simpsons gemacht und angeblich soll sein Kinderfilm mit diesem großen Roboter aus dem All ganz toll und erwachsen und völlig ungerechtfertig an der Kinokasse untergegangen sein. Später dann explodieren die Fluggeräte mit den Bösewichtschergen und Menschen werden durch ihr Cape in Flugzeugturbinen gesaugt. Nicht gerade Disneykinderhumor. Und schön auch: Endlich gibt es einmal nicht diese "Es mir eine Bürde"-Thematik bei Superhelden wie sie seit Batman, Spiderman etc ausgewalzt wird.

Wenn ich jetzt nochmal im Abstand von einigen Wochen darüber nachdenke, kann ich das Können der Macher nicht hoch genug loben. Obwohl es um sowas Comic-haftes wie gezeichnete Superhelden geht, und man aus den Konventionen weiß, das denen nichts geschehen kann, vermitteln die Actionszenen das Gefühl von Gefahr und wenn gekämpft wird, dann nicht, weil das im Drehbuch steht, sondern weil es für die Figuren um die Wurst geht. Dazu der direkte Vergleich mit Shrek 2, den habe ich nämlich einen Tag später auf DVD gesehen und vielleicht liegts daran, dass Kinoleinwand immer hautnaher als ein Fernseher wirkt, aber ich war enttäuscht. Die Handlung wirkte im Gegensatz zu den tollen Unglaublichen zusammen geschustert und selbst mit Ramujans Aussage im Ohr, es sei eine Sketchparade wie Nackte Kanone, musste ich nur ein paar mal Grinsen und nicht wirklich lachen.

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Nichtraucher
Fun Bobby


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BeitragVerfasst am: 07.05.2007, 23:55                                  +/-

Ich finde das gut. Ich kann mit Tyler sehr unterschiedlicher Meinung sein, was Filme betrifft, oder recht ähnlicher. Da ist Spiel drin! Alles andere wär auch langweilig.


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Lass die Finger von dem ganzen neumodischen Kram.
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Triskel
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BeitragVerfasst am: 09.05.2007, 19:04                                  +/-

The house of flying daggers
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Boardy-Thread

Pfeifenkrautler
Ich fand The house of flying daggers gut, aber nicht richtig gut. Ein optischer Rausch, das sicher, und der Kampf im Bambuswald ist pure Poesie. Aber irgendwie war mir zuviel farblose Handlung dabei. Handlung ist nicht die Stärke von Zhang Yimou, das hat man schon in "Hero" gesehen, dort aber kam sie vor lauter Kampfszenen kaum vor. "House of flying daggers" räumt dem Plot und den Charakteren mehr Raum ein und das ist nicht unbedingt gut. Sie können den Raum nicht wirklich ausfüllen und bei einigen gefühlsschwangeren Dialogen hab' ich schon mal Däumchen gedreht. Denn leider konnte mich die Liebesgeschichte nicht faszinieren, die Figuren haben mich nicht wirklich angesprochen. Da hat "Tiger and dragon" einfach ein anderes Niveau, an das Zhang Yimou so schnell nicht rankommen wird.

Die Bilder sind erlesen und man sollte sich den Film auf jeden Fall ansehen, wenn man wissen will, wohin die Reise geht, optisch gesehen. Das große, mitreißendes Drama ist es leider nicht geworden, dafür fand ich vieles dann doch zu simpel gestrickt.


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Boardy-Thread

Ramujan
Kurzkritik zu The house of flying daggers (in Stichpunkten):

+ Tolle Kameraarbeit; wirklich grandiose Bilder von Herbstlandschaften und Bambuswäldern; Bildaufbau und Farbkomposition sind wie erwartet perfekt (wenn auch nicht ganz so durchgestylt wie in Hero).
+ Toll choreographierte Kampfszenen - alles andere als realistisch, aber das ist in dem Genre egal, hier muss man den Film als Märchen betrachten: Die Verfolgung im Bambuswald ist - da gehe ich mit Pfeifenkrautler konform - geradezu lyrisch. Schweben bzw. fliegen können die Protagonisten nicht mehr, da bleiben die Kämpfe
bodenständiger als in Hero und T&D.

- Sehr süßlich das alles. Sehr, sehr süßlich. Der ganze Film ist eine einzige Liebesgeschichte, die sich recht krampfhaft darum bemüht, episch und grosses Kino zu sein und dabei an manchen Stellen recht überzeichnet
wirkt.

Fazit: Sieben von zehn Bambuspfeilen.

Zum Vergleich: H&D bekommt zehn Schwerter, Hero acht bis neun Kalligraphiefedern und Troja drei bis vier Galeeren.

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Triskel
Dressed-Pugly


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BeitragVerfasst am: 07.10.2007, 11:55                                  +/-

12 Monkeys
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Pfeifenkrautler


Scheiß Haarschnitt - Brad Pitt

Wenn man die aktuelle Ausgabe von "TV Spielfilm" kauft und 1,50 € drauf legt, bekommt man 12 Monkeys als DVD dazu. Leider ohne Originaltonspur, aber bei dem Preis darf man nicht mäkelig sein.

Ich hatte den Film damals im Kino gesehen und nicht wirklich verstanden. Jetzt gerade nochmal und ich muss sagen, das ist ein sehr guter Film. Ich hab ihn zwar immer noch nicht verstanden, stöber aber gerade bei imdb und bin sicher bald schlauer.

Ein sehr sehr cooler Zeitreise-Paradoxon-Film, der an allen Ecken und Enden neue Ideen in das ausgelutschte Genre einbringt und dem Zuschauer sowohl ein Happyend wie eine deppensichere Auflösung vorenthält. Die Vorstellung, dass Zeitreisende aus der Zukunft aufgrund technischer Unausgegorenheiten ständig in unser Geschichte herumspuken, mal als apokalyptische Prediger des Mittelalters, mal als Opfer des Ersten Weltkriegs, ist an sich schon einen Film wert, spielt hier aber nur einen Nebenrolle (dieses Gefühl, "durchsetzt zu sein" taucht später in "Man in black" wieder auf, dort sind es keine Zeitreisende, sondern Aliens).

Natürlich ist "12 Monkeys" in erster Linie ein waschechter Terry-Gilliam-Film, die Zukunft erinnert doch stark an "Brazil", seine Handschrift ist einfach unverwechselbar. Interessant aber wird es in der "Vergangenheit", unserer Gegenwart, hier lässt der Film kaum eine Idee aus, sich mit diversen Zeitreiseparadoxa spielerisch auseinander zu setzen. Da steckt zuviel drin, um alles aufzulisten, das überlasse ich den Nerds auf imdb. Was mir aufiel: die "Gegenwart" von 1990 gleicht der unseren, also der realen Gegenwart, während die Gegenwart von 1996 (der Film entstand '95) schon deutlich endzeitmäßig angehaucht ist, alles ist morbid und im Zerfall begriffen. Von der Zukunft brauchen wir ja gar nicht erst zu reden...

Bruce Willis spielt sehr stark, aber auch etwas konventionell, seine Figur ist eigentlich nur eine Weiterentwiclung des John McClane aus "Die hard". Aber gut, keine Frage. Wer aber wirklich im Kopf bleibt, ist Brad Pitt, der hier vielleicht am radikalsten gegen sein Schönlingsimage anspielte. Sein verrückter Jeffrey hat fast schon gruslig viel Ähnlichkeiten mit Tyler Durden, als wäre er eine Vorstudie gewesen. Wenn man beide Filme im Hinterkopf hat, ergibt das manch interessanten Überlagerungseffekt.

Aber um nochmal zum Stichwort "Hirnfick" zu kommen, das meint übrigens "superlava 7" zum Film:

I'm not sure but I don't think you understand the situation of time paradoxes that are the reason time is assumed set in stone. Since nobody to date has ever traveled in time there are multiple theories as to what happens in the event of a paradox (if time travel is possible) and this movie is making the assumption that paradoxes are in themselves impossible. If the people from the future change the past so that the virus doesn't kill everybody, then as time goes on from that point there would be no reason to go back in time and change the past to stop the event from occuring because it wouldn't have happened. But if nobody goes back in time to stop it from occuring it's going to happen all over again and we would have ourselves a time paradox. This movie is assuming that if someone goes back and changes something in the past, then it's already set in stone so that no paradox can occur. Think about it, relative to the time travelers they can't change anything, because if they change it then it would have already occured in their past, and the new reality created by that change would already be their current reality. This is actually the first time travel movie I've seen that didn't ignore the paradox issue.[i]

Ich find', wo er recht hat, hat er recht.





Shining
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Boardy-Thread

Pfeifenkrautler


[i]Er will nur spielen..

Ich habe endlich eine schmerzhafte Bildungslücke geschlossen und mir Kubricks Shining zugelegt. Toller Film, grandios! Und das, obwohl es gerade solche Megaklassiker schwer haben, wenn man sie dann zum ersten mal, vollgepumpt mit Erwartungen und Vorstellungen, anschaut. Wie toll muss es gewesen sein, ihn als nichtsahnenden Kinogänger 1980 erstmalig zu sehen!

Jack Nicholson ist der Star, ganz klar, und auch wenn sein Spiel mitunter schon grotesk überzogen ist, ist es doch schön, ihn mal wieder eine Rolle spielen zu sehen, und nicht nur sich selber. Wann hat er eigentlich aufgehört, verschiedene Figuren darzustellen? Bei Nicholson geht's mir ähnlich wie mit Robert de Niro: absolute Giganten mit viel zu vielen mittelmäßigen Filmen. Beide hatten ihre große Zeit in den 70ern und frühen 80ern und beide spielen seit 20 Jahen nur noch sich selber, das ist schade (Ausnahmen machen Hoffnung: De Niro in "Jackie Brown" und Nicholson in "About Schmidt", es geht also doch noch).

Der Film soll stark vom Buch abweichen, ich hab es mal gelesen, aber das ist so lange her, dass ich nur mit Sicherheit sagen kann, dass das Ende sich stark unterscheidet. Und dass mir das gefällt, denn die Showdowns sind immer Stephen Kings größte Schwäche. Ich würde mal etwas ins Blaue hinein formulieren, dass Kubrick hier wie auch bei "2001" aus einem soliden Vertreter der Trivialliteratur etwas Anderes, Größeres gemacht hat. Er bediente sich der Ideen origineller, aber eher zweitklassiger Autoren wie Clarke und King, und formte aus ihnen radikal neue Ansichten seines filmischen Kosmos'. Vieles bei "Shining" erinnert an "2001", die endlosen Einstellungen, die psychedelischen Farben, die weiten Räume, die Stille, die Klaustrophobie, die wenigen Protagonisten, der langsam sich einschleichende Wahnsinn... besonders deutlich in der Szene in der Toilette des "Golden Rooms" mit dem Butler/Geist: die popart-artige rot-weiße Bemalung, das kalte, gleißende Licht, die ruhige, eiskalte, unmenschliche Stimme des Butlers, man sieht förmlich HAL vor sich, wie er seine guten Ratschläge gibt, "Warum nehmen Sie nicht eine Beruhigungstablette und legen sich etwas hin..?" *gänsehaut*

Auf der anderen Seite hatte ich den Eindruck, dass Kubrick das eigentliche Genre des Horrors gar nicht besonders lag, die klassischen, nervenzerfetzenden Horrorzutaten benutzt er eher sparsam, sein Grusel spielt sich im Gehirn des Zuschauers ab. Die Badewannenszene mit der alten Frau z.B ist ziemlich trashig, ich hatte das Gefühl, er fühlte sich hier nicht ganz wohl in seiner Haut und drehte sie als "Pflichtsplatterszene" rasch runter. Vielleicht hat er sie auch aus einem italienischen Zombiefilm reingeschnitten..? Seine besten Szenen sind die ohne viel Blut, in denen er klassischen Thrill inszeniert: Die "Mit der Axt duch die Tür"-Szene ist eine Ikone des Schreckens, die ins kollektive Unterbewusstsein einging, wie vielleicht nur noch die Duschszene in "Psycho".

Und wenn die Kamera durch die endlosen Flure des Raumschiffs, äh, des Hotels fährt und die grellen Farbmuster der Auslegeware an uns vorbeiflitzen wie das Sternengefunkel in "2001" (ich kann's nicht lassen..), ist Kubrick wieder voll in seinem Element und erschafft aus den wenigen Zutaten, die er hat, aus einem Hotel, Schnee und drei Menschen, ein Meisterwerk, das völlig zu recht Filmgeschichte schrieb. Man merkt wieder, er war ein "optischer" Regisseur, der ganze Film ist wahnsinnig ästhetisch, jede Szene, jede Einstellung ist durchkomponiert, von der atemberaubenden Bergszenerie des Titelspanns über das verwirrend-opulente Innenleben des Overlook-Hotels bis zur nächtlichen Schneehölle des Finales. Das Licht, die Farben, die Inszenierung des Raums...das findet sich bei ihm durchgehend, von "2001" bis "Eyes wide shut", dieses Phänomen, dass ich immer wieder spontan denke, "DAS jetzt als Poster!"

Ich glaub, ich muss ihn mir gleich nochmal anschauen.


EDIT:
Besonders "scary" fand ich ihn nicht, aber dafür war ich sicher viel zu verspoilert. Er ist kein klassischer Horrorfilm, sondern vielleicht eher die Psychostudie eines Mannes, der den Verstand verliert, eine zynische Satire auf amerikanische "family values", ein rabenschwarzer Witz (Humor ist auf jeden Fall drin, Nicholsons Grimassen sind unbestreitbar komisch)..oder kurz gesagt: ein Kubrick-Film. Das ist quasi ein Genre für sich.

"2001" ist auch kein klassischer Sciencefiction und "Full metall jacket" mehr als ein Kriegsfilm, bei Kubrick überscneiden sich immer verschiedenste Elemente, die nur schwer auseinanderzudröseln sind. Er war halt ein Genie, so jemand muss man nicht mögen, menschlich muss er ein ziemlicher Arsch gewesen sein und "Clockwork Orange" fand ich einfach nur abstoßend (würde aber nie sagen, dass es kein guter Film ist). Kubrick macht es einem nie leicht, und das ist sicher ein Teil seines Genies.

Bei "Nachtwache" hatte ich die Hosen voll und den viel geschmähten "Psycho II" fand ich eigentlich auch grusliger als "Shining", DAS sind eben Thriller. Aber keine Kubricks.


Gepostet am 07.10.2007, 12:58:

Bridget Jones
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Boardy-Thread

Lothiriel


Oooookay, jetzt sitze ich allein am Rechner, nix ist los, Langeweile pur und anrufen tut mich auch keiner. Einziger Gefährte: Eine Flasche Rotwein für nachher. Es ist Samstagabend und ich muss nachher noch zu meinen Eltern, Papa kocht und Tochter ist eingeladen, meine Schwester ist rechtzeitig geflohen, ich kann mich jetzt nicht mehr drücken. Die perfekte Situation, um einen Beitrag über „Bridget Jones – Am Rande des Wahnsinns“ zu schreiben.

Story: Hmmm... hatte der Film eine Story? Eher nein, das bißchen an Story wirkte zu arg konstruiert, um als Geschichte zu überzeugen, man hat einfach Klischees aneinandergereiht: Bridget eckt mit den konservativen Juristenfreunden ihres Lovers Mark Darcy an, sie nervt, daß er seine Unterhosen faltet, seine junge, ausgesprochen attraktive Kollegin weckt rasende Eifersucht in ihr und der große Zoff folgt natürlich. Dann taucht auch natürlich wieder der arrogante Frauenflachleger Daniel Cleaver auf, als Bridgets neuer Arbeitskollege. Die beiden müssen eine Reisesendung moderieren, fliegen dafür nach Asien, Bridgets beste Freundin kommt als Anstandswauwau mit, steigt aber quasi noch im Flugzeug mit ihrem deutlich jüngeren Sitznachbarn ins Bett, was folgt ist eine Urlaubsaffäre. Und als ob das nicht schon genug Klischees wären, landet Bridget fast mit Daniel im Bett, die Freundin verstaut einen Teil ihrer Reiseandenken im Bridgets Gepäck, am Flughafen dann die böse Überraschung, daß in einem der Andenken dummerweise Drogen geschmuggelt werden sollten, die der neue Lover von Bridgets Freundin dort versteckt hatte, Bridget landet im Knast, Mark holt sie raus, tut aber seltsam kalt, da er glaubt, daß Bridget wieder mit Daniel zusammen sei, etc. blablubb.
Ach ja, Happy End gibt’s irgendwann auch noch.

Bei Shakespeare wären obige Irrungen und Wirrungen ja durchaus unterhaltsam und interessant gewesen, aber Bridget fehlen zum einen wirklich schlagfertige Charaktere, Daniel Cleaver taucht leider viel zu selten auf. Obwohl ich Hugh Grant ansonsten eigentlich nicht mehr sehen kann, aber seine Darstellung überzeugt. Zum anderen kann sich der Film nicht entscheiden, ob er jetzt eine überzogene Komödie sein möchte oder Bridget als real möglichen Charakter zeichnen möchte. Big Problem.

Version a) Die Komödie: Dafür hätte man konsequenter deutlich überzeichnen müssen und ein klitzekleines bißchen Ironie und Biß hätte dem ganzen auch gut getan. Oder wirklich so platt bleiben müssen, wie man das in der Mehrheit der Szenen auch schaffte. Dummerweise muß die arme Bridget aber als Identifikationsfigur für gefrustete Singlefrauen herhalten, die zugucken und dann denken „Hach ja, DAS habe ich auch schon erlebt.“ Doesn’t work. Wer nur annähernd so paddelig ist wie Bridget, der ist wahlweise einem tragischen Unglück zum Opfer gefallen, hat sich in dem Alter schon längst zu Tode gesoffen oder aber einen gesunden Hang zur Selbstironie entwickelt. Sagt jetzt die Frau, die es schafft, zur Begrüßung eines Freundes vom Stuhl aufzustehen, mit dem rechten Fuß auf den verrutschten Socken vom linken Fuß zu treten und elegant zu Boden zu gehen. Irgendwann sind einem solche Aktionen nicht mehr peinlich, da lacht man und macht eben weiter, wo man vorher weitermachen wollte. Eine Bridgetfrau würde auch nicht – wie im Film – beim Skifahren zu Boden gehen und in Slapstickmanier den Hang runterfahren, das kann ja jeder. Nein, das geht auch kreativer. Man kann z.B. nach einem gewonnenen Reitturnier mit einem Siegerlächeln vom Pferd springen und dabei die einzige Bodenunebenheit innerhalb eines Kilometers übersehen. Die Story, wie man zu den 3 angerissenen Bändern, 2 verstauchten Handgelenken, einem verdrehten Knie und einer Gehirnerschütterung kam, erheitert todsicher jede Partyrunde. Vorausgesetzt, man schafft es irgendwie auf besagte Party, denn 2 verstauchte Handgelenke vertragen sich nicht mit den Krücken, die man wegen des Knies und der angerissenen Bänder bräuchte. Bridgetfrauen sind sehr effektiv, wenn es darum geht, mit minimalem Aufwand den größten Schaden zu verursachen. *gg*

Version b) Bridget als echte Identifikationsfigur. Leider verschenkt, eine Frau, die so dermaßen tollpatschig ist, muss nicht noch extra dümmlich auf Stöckeln durch die Gegend trappeln, die würde auch von alleine im Kopfsteinpflaster hängenbleiben. Ebenfalls völlig daneben die Kameraführung, um Renee Zellweger so plump und unvorteilhaft wie nur irgend möglich aussehen zu lassen, was zu offensichtlich war. Bei anderen Filmen mogelt man, um Schauspielerinnen besser aussehen zu lassen, hier war’s genau umgekehrt. Völlig legitim, wenn es so geschickt gemacht worden wäre, daß man es nicht sofort durchschaut hätte. In Großaufnahme wirkten die 3 Fettzellen zuviel ja noch, aber sobald der Kameraabstand größer wurde, sah man eben auch, daß Renee Zellweger als Bridget trotz Gewichtszunahme weit von einem echten Moppelchen entfernt war.

Fazit: Ich habe bei ein paar Szenen richtig lachen müssen, eigentlich immer dann, wenn es so überzeichnet war, daß der Film weit weg von Version b war. Warum nur mußte der Film zwischendrin immer wieder versuchen, „echt“ zu wirken? Für einen Filmabend, an dem man nur mal lachen und sich berieseln lassen möchte und das Hirn nur auf Standby hat, ist der Film klasse. Aber auch nur dann, aufmerksames Betrachten schadet eindeutig.







The Phantom of the Opera – Ein klassischer Menarchefilm

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Boardy-Thread

Lothiriel

Die junge Christine, Tochter eines berühmten Violinisten, kommt als Waise an die Pariser Opéra Populaire, um dort Ballett zu studieren. Sie wird vom Phantom, einem mysteriösen Unbekannten, in Gesang ausgebildet. Besagtes Phantom der Oper hat im Laufe vieler Jahre die heimliche Herrschaft über das Opernhaus an sich gerissen und macht diesen Umstand beim Wechsel der offiziellen Betreiber des Opernhauses noch einmal deutlich, indem es bei einer Probe Kulissenteile vom Schnürboden auf die Bühne rauschen läßt. Carlotta, erster Sopran und Diva par excellence, ist darüber so echauffiert, daß sie das Opernhaus stehenden Fußes verläßt und Christine abends ihre Partie in der Opernaufführung singen muss. Zunächst ein Triumpf für das Phantom, welches Christine als neuen Star der Oper etablieren will, jedoch befindet sich im Publikum auch der junge Vicomte Raoul de Chatigny, der Christine noch aus ihrer Kindheit kennt und sich prompt in sie verliebt. Das Phantom wird natürlich eifersüchtig und Christine kann sich die nächsten zwei Filmstunden nicht zwischen beiden entscheiden.
Bei der Bühnenfassung gebe ich zu, daß ich normalerweise auf Seiten des Phantoms bin, Raoul ist einfach der totale Schleimer und Langweiler, das Phantom ist da trotz leichter Mängel in der Optik eindeutig der interessantere Part. Und nachdem ich nur Filmfotos gesehen habe, auf denen Raoul bei mir keinen Blumentopf gewinnen würde, war ich mehr als skeptisch, aber...............
Man kann ihn anschmachten, vor allem an einem Frauenabend. Singen kann er auch noch und er sieht lange nicht so geleckt aus wie auf den Fotos, feine Sache. titania und ich überlegen, ob wir unsere Angewohnheiten verraten können und uns diesmal innerlich auf die Seite des Vicomte schlagen sollen.

Dann irgendwann trat natürlich auch das Phantom in Erscheinung und ich muss sagen: Jaaaaaaaa, doch....

*rrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrr*

Okay, wir schlagen uns somit wieder auf die Seite des Phantoms, können bei dessen Abwesenheit von der Leinwand auch Raoul anschmachten und sind froh, daß wir einen Frauenabend machen, denn dies ist eindeutig ein Frauenfilm.

Ansonsten: Ein wahnsinnig detailverliebter Film mit traumhaften Sets und Requisiten, von der verfallenen, zugestaubten Oper über das prächtig für den Maskenball geschmückte Foyer bis hin zum verschneiten Friedhof. *schmacht*
Angenehm fallen auch die ganzen Nebenrollen und Charaktere im Hintergrund auf, man hat nicht das Gefühl, daß einfach haufenweise Statisten durch das Bild geschoben werden, sondern auch dort ließ man den Schauspielern Raum, um Charaktere zu schaffen. So sieht man z.B. während der Proben zu Hanniball, daß sich ein paar Bühnenarbeiter im Hintergrund die Hucke vollsaufen (die Szene kommt auch in der Bühnenversion vor) und es gibt zwei Putzfrauen, die sich jedesmal, wenn Carlotta eine Arie anstimmt, Watte in die Ohren stopfen. Letzteres ist besonders lustig, weil den beiden Germanistinnen neben mir der Film zu laut ist und die sich ständig Stöpsel in die Ohren stecken und bei den Dialogszenen wieder herausnehmen.

Und wo wir gerade so schön bei Carlotta sind: Alleine wegen Minnie Driver in dieser Rolle muss man in den Film gehen. Es ist ein absolutes Highlight, wie sie mit italienischem Akzent und dramatischen Temperamentsausbrüchen einen Hofstaat an Perückenmachern und Pudelpflegern durch die Gegend kommandiert und alle zu einem Kniefall vor ihrem armen, zerbrechlichen Divenego befiehlt. Schade, daß sie dafür keinen Oscar bekommen wird, es war im vergangen Jahr die beeindruckendste Darstellung, die ich im Kino gesehen habe.
Dann wären da noch Firmin und André zu nennen, die neuen Betreiber der Oper, ebenfalls herrlich skuril, und der Dirigent und musikalische Leiter der Oper, einfach knuffig, mit welchem Elan der immer seinen Taktstock schwang.

Nach dem Film hatten wir noch einen kleineren Lacher, als wir feststellten, daß der Film buchgetreuer ist als das Original. Obwohl der Film eine Verfilmung des Bühnenstückes ist, fanden diverse Buchszenen in den Film, die nicht in der Bühnenfassung enthalten sind, z.B. die Rückblende in die Kindheit des Phantoms und wie dieses in die Oper gelangte. Oder das Spiegelkabinett, in welchem sich Raoul beim Maskenball plötzlich wiederfand.

Definitiv ein Film, den ich mir auf DVD zulegen werde, und wehe die bringen hier nur so eine komische Fassung mit deutscher und ohne englische Tonspur raus.

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