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Filme, die mein Leben veränderten II
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Nichtraucher
Fun Bobby


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BeitragVerfasst am: 30.04.2005, 02:26                                  +/-

Den alten Thread gibt's hier.

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Die Jungfrau findet man ziemlich weit unten

So, ich überspring mal "Zurück in die Zukunft", weil ich hier immer noch auf Arwen-gegen-den-Vulkan hoffe, und auch den "Club der toten Dichter", weil ich immer mehr ein Problem habe, zu erkennen, was ich daran eigentlich so toll fand, damals. Daher nun direkt zu einem anderen Meilenstein meiner Filmographie, Local hero, die schottische Kultkomödie von 1983.

Es war an einem warmen Sommerabend an meiner FH, Unikino war angesagt, ein beliebter Event, für eine kleine Mark gab es all die coolen Klassiker als Doppelvorstellung im großen Hörsaal. Diesmal waren "The Commitments" und "Der kleine Horrorladen" angesagt. Beide kannte und liebte ich, der Besuch war Pflicht. Mit Bier und Chips bewaffnet hatten wir es uns zusammen mit ein paar hundert anderen Studis gerade auf den harten Bänken bequem gemacht, als ein dürrer ASTA-Vertreter uns mit Piepsstimme verkündete, sie hätten die angekündigten Filme leider nicht bekommen, stattdessen gäbe es nun "Local hero" und "Karnickels". Beide Filme waren mir unbekannt, schienen mir aber keineswegs geeignet, einen Kultfilmabend zu bestreiten. Groß war das Gebuhe und die allgemeine Enttäuschung, etliche gingen wieder, aber wir blieben, immerhin war "Local hero" britisches Kino und ich war auch schon mal in Schottland gewesen, ich wollte dem Film eine Chance geben.

Der Film begann und in den ersten 15 Minuten war kaum Dialog zu verstehen, so hoch war der Lärmpegel im vollbesetzten Hörsaal, Chipstüten raschelten, Bierflaschen wurden entkorkt, alle redeten munter durcheinander, niemand fühlte sich verpflichtet, dem "aufgezwungenen" Film übermäßige Aufmerksamkeit entgegen zu bringen. Doch dann geschah etwas, was ich nie vergessen werde: nach und nach, ganz langsam, wurde es stiller und stiller. Die Gespräche versiegten, die ganz Unwilligen waren irgendwann gegangen, die anderen begannen den Ereignissen auf der Leinwand zu folgen und immer ruhiger wurde es. Mark Knopflers brillante Gitarrenmusik schwebte schwerelos durch den Saal und eroberte den verlorenen Raum Akkord ür Akkord zurück... irgendwann war es mucksmäuschenstill, 500 angetrunkene Studenten hingen an den Lippen der Protagonisten und von Zeit zu Zeit wehte ein leises Gelächter über die gedrängt sitzenden Reihen wie der Wind über ein sommerliches Kornfeld geht. Irgendwann hatte er uns alle! Wie ein so ruhiger und feinsinniger Film eine Horde zerstreuter Partygänger in seinen Bann schlug, das war pure Kinomagie!

McIntyre, ein texanischer Bilderbuch-Yuppie, wird zum Herrgott persönlich bestellt, zum Großen Happer, dem Big Boss von Knox Oil, einem multinationalen Energiekonzern. Beklommen ersteigt er die Designertreppe, die ihn ins Allerheiligste führt. Und schnell ist er ernüchtert - Happer (grandios gespielt vom alten Burt Lancaster), ist ein astronomievernarrter Multimillionär, für den das Wort "verschroben" noch recht schmeichelhaft wäre. Eine burleske Mischung aus Vito Corleone und Dagobert Duck. Happer, der Allmächtige, hat ein Auge auf den kleinen, aber fleißigen Vorzeigeangestellten McIntyre geworfen, er soll für ihn nach Schottland, dem Land seiner Väter fliegen und ein Dorf kaufen, dass einem ehrgeizigen Raffinerieprojekt von Knox Oil im Weg steht. McIntyre ist eigentlich Ungar, aber das verschweigt er lieber und macht sich stante pede auf den Weg in ein Land, das für ihn so fremd ist wie der Mond. Dass ihn kurz zuvor seine Freundin verlassen hat, erleichtert ihm die Entscheidung, Hauptsache raus hier.


Tolle Pullover

In Schottland wird er erst einmal mit den Wundern moderner Raffinerietechnologie vertraut gemacht, schon ganz toll, was alles so machbar ist, eine komplette Küstenlinie soll umgestaltet werden, um der größten Raffinerie der westlichen Welt Platz zu machen. Öl! Das einzige Business, das der Rede wert ist! Noch ist McIntyre voll drin, in der riesigen Geldmaschine des Megabooms der frühen Achtziger. Alles ist machbar, und wenn nicht, machen wir es machbar. Ihm wird ein "schottischer Laffe" zur Seite gestellt, Denny, ein linkischer, schlaksiger Brite, zusammen ergeben die beiden das filmtauglichste Gespann seit den Blues Brothers. Und so macht man sich auf den Weg in den wilden Westen Schottlands, zum kleinen Fischernest Ferness. Es ist ein Weg in eine andere Welt, die Straßen sind eng und kurvig, die Schilder irgendwann nur noch auf gälisch beschriftet und diese Sprache ist, wie der hyperbegabte, multilinguale Denny gestehen muss, keine von meinen. Man übernachtet im Wagen und als der Tag anbricht, ist man in den Highlands. Ich liebe diese Morgenszene, sie hat etwas fast Mystisches.



I`ll take the high road and you`ll take the low road,
and I'll be in Scotland afore you...


In Ferness verläuft erst mal alles anders als geplant. McIntyre war sich sicher, den Deal an einem Vormittag über die Bühne zu bekommen, doch der "Haufen Kartoffelbauern" zeigt sich widerspenstig. Die geldbewehrten Neuankömmlinge müssen erst mal schlucken, dass der erschreckend gewiefte und aalglatte Bürgermeister, eine Art Highland-Yuppie, über die Alleinverhandlungsrechte für die gesamte Gemeinde verfügt, um dann zu lernen, dass sich die ganze Sache etwas hinziehen wird. Urquhart, der selbstsichere Bürgermeister und Besitzer des einzigen Pubs im Ort, hat sich die Sache nämlich ganz schlau ausgedacht: die Yankees sollen gemolken werden wie Kühe, und je länger sie verurteilt sind, untätig in der tiefsten Provinz herumzusitzen, umso höher wird ihr Angebot klettern, so rechnet er. Ein Nervenkrieg beginnt.

"Entschuldigung, haben sie einen Adapter? Ich muss meinen Aktenkoffer aufladen."

Bis hierhin hat der Film bereits mit dem klassischen politisch korrekten Plot gebrochen, den sympathischen Schotten geht es keineswegs darum, das Land ihrer Väter gegen den bösen Ölmulti aus den USA zu verteidigen, sondern nur darum, es möglichst gewinnbringend zu verkaufen. Sie haben alle Dollarzeichen in den Augen! Und gerade, wenn man sich an diesen Plot-Twist gewöhnt hat, kommt der nächste: die Rechnung geht nicht auf. Denn je länger die beiden Großstadtpflanzen gezwungen sind, ihre Zeit in dem idyllischen Fischerörtchen totzuschlagen, umso mehr gerät ihnen ihr eigentliches Ziel aus den Augen. McIntyre steckte sowieso schon in einer Sinnkrise, jetzt, in diesem Zwangsexil am Ende der Welt, kommt seine Desillusionierung zum Vorschein. Stundenlang spaziert er am Strand, sammelt Muscheln, freundet sich mit den schrulligen Dorfbewohnern an und während diese in Gummistiefeln und Öljacken darüber diskutieren, ob ein Rolls Royce besser sei als ein Jaguar, verliert McIntyre immer mehr den Biss und nach und nach überhaupt das Interesse, den Deal in absehbarer Zeit abzuschließen. Urquharts Plan geht nach hinten los. Denny ist auch keine Hilfe, das Lowland-Gestell hat sich mittlerweilen in eine Meerjungfrau verliebt und fährt seinen ganz eigenen Film, eine kleine skurrile Romanze am Rande.

- "Ist das Wasser kalt?"
- "Nicht so kalt wie es sein müsste. Der Golfstrom kommt hier herein. Hier kommt Zeug angetrieben, das kommt von den Bahamas."
- "Oh, ein langer Weg!"
- "Sie schwimmen auch?"
- "Nicht so weit."


Und so driftet die Geschichte, die anfängt wie eine klassische Öko-Moralität, nach und nach in einen Zustand "zwischen Wachen und Träumen".. Die Langsamkeit des Lebens, die Schönheit der Landschaft, die ewige See, das Nordlicht, das den Himmel verzaubert.. es ist schwer, in diesem Umfeld ein knallharter Businessman zu bleiben. Das Schottland in "Local hero" ist Balsam für McIntyres Seele, hier findet sein Frust Linderung, sein Suchen ein Ziel. Dollars oder Muscheln, wo ist der Unterschied? Aber gerade dann, als ein Abdriften in eine fast esoterische Schiene zu befürchten wäre, nimmt der Film noch einmal Fahrt auf, als eine neue Erkenntnis die Pläne beider Verhandlungsseiten über den Haufen wirft und letztendlich Happer selber, den Allmächtigen, auf den Plan ruft...

"Jetzt ist in Houston Arbeitszeit.. ich müsste anrufen..."

"Local hero" feiert die schottische Seele, vermeidet dabei aber doch gängige Klischees. Anders als z.B. im (auch sehr schönen) "Lang lebe Ned Divine" ist der Ort Ferness kein Bilderbuchdorf wie aus dem Freilichtmuseum, sondern ein reales Fischernest, das man auch jederzeit besuchen kann (der Ort Pennan an der Ostküste, nördlich von Edinburgh). Gelangweilte Jugendliche mit 80er-Punkfrisur und aufgebohrtem Mofa gehören ebenso zur Idylle wie moralisch lose Ladenbesitzerinnen und die üblichen Trunkenbolde. Auf dem Pier aber steht Das Rote Telefonhäusschen, eine der kultigsten Filmrequisiten aller Zeiten, es steht da angeblich noch heute, und immer noch verlangt es der Kult, in den Pub zu platzen, um sich Kleingeld für ein Gespräch nach Amerika wechseln zu lassen.



Der Film ist ruhig, aber entfaltet nach einer Weile seinen Sog, nicht umsonst wurde er zum Schottland-Kultfilm, ich kann ihn nur jedem empfehlen, den es irgendwann mal in diese Ecke zieht. Es ist alles so echt, und doch zugleich ein wunderschönes Märchen über Geld, Gier und Menschlichkeit und über die Macht eines verwunschenen Landstrichs. Ein Land, das jeden klein kriegt, oder wie der lebenslustige russische Fischer Victor zu McIntyre sagt: "Für einen Ölmenschen hast du ein verdammt großes Herz, mein Freund." Nebenbei aber bringen viele skurrile Elemente echt britischen Humors genug Gelegenheit zum Lachen, besonders die Szenen mit Happer und seinem durchgeknallten Therapeuten hähö Der Film birgt viele schöne Zitate, leider kenne ich ihn nur auf deutsch, es ist eine Schande. Mit den verschiedenen Akzenten ist er sicherlich nochmal so toll.



Das Ganze ist vielleicht an John Millington Synges The playboy of the western world angelehnt, ein satirisches Bühnenstück, in dem ein exotischer Fremder ein kleines Kaff in Irland durcheinander wirbelt. Wir haben es mal in der Schule aufgeführt, ich war der dicke, stets betrunkene Wirt Mit den Augen rollen Local hero ist einer schönsten, menschlichsten, bezaubernsten Filme, die ich kenne und hat meine Schottlandsehnsucht gehörig gefüttert. Ein Film, der Lust macht auf grüne Hügel, raue See, Bier und Regen.


P.S.: "Karnickels" haben wir nicht mehr gesehen. Das hätte danach nicht mehr gepasst. Ich kenn ihn bis heute nicht.



Zuletzt bearbeitet von Nichtraucher am 30.04.2005, 11:12, insgesamt 3-mal bearbeitet
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Arbrandir



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BeitragVerfasst am: 30.04.2005, 04:05                                  +/-







Ich war zehn. Der "Held" starb. Hat mich ungemein beeindruckt und für alle Filme mit einem künstlichen Happy End verdorben.


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Nichtraucher
Fun Bobby


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BeitragVerfasst am: 30.04.2005, 12:07                                  +/-

Wenn ihr Das Rote Telefonhäusschen mal anrufen wollt: 0044 1346 561210. Allerdings kann es sein, dass niemand rangeht, es leben nur noch 5 Menschen in Pennan, die anderen Häuser sind Feriendomizile.

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titania



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BeitragVerfasst am: 30.04.2005, 12:22                                  +/-

Den Helden aus WestSideStory fand ich nie so pralle. Da schon eher die Gang-Jungs ... (Bad guys are the best Mit den Augen rollen )

edit: und gleich kommt sicher Loth und schickt mich in den Musicalthread q:


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titania



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BeitragVerfasst am: 30.04.2005, 12:35                                  +/-

Hier sollte jetzt ein langer, wohlfeil ausformulierter Beitrag über "Die 12 Geschworenen" stehen und wie er mich dereinst beeindruckt hat. Aber das wäre so kneipoid geworden, dass ich das jetzt doch lieber lasse.

Und wie ich die entsprechende Klientel hier einschätze und/oder kenne, kennen sowieso alle den Film und können auch ohne große Worte nachvollziehen, wie er eine 10-jährige beeindrucken und ihren Gerechtigkeitssinn prägen kann.


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GuyIncognito



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BeitragVerfasst am: 30.04.2005, 12:41                                  +/-

titania
Und wie ich die entsprechende Klientel hier einschätze und/oder kenne, kennen sowieso alle den Film und können auch ohne große Worte nachvollziehen, wie er eine 10-jährige beeindrucken und ihren Gerechtigkeitssinn prägen kann.

Ich hätte den Beitrag gerne gelesen, denn ich kenne den Film nicht und weiß deshalb auch nicht, wie er eine 10-jährige Tine beeindrucken kann :(

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Kaylee



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BeitragVerfasst am: 30.04.2005, 14:38                                  +/-

titania
Aber das wäre so kneipoid geworden, dass ich das jetzt doch lieber lasse.


Fear nothing. Mit was Kneipoidem bist du hier genau richtig. *smileee*
Nur keine Scheu, kaum einer kann so begnadet formulieren wie der pk… *beruhig* *inRichtungpkverneig*

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Lothiriel
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BeitragVerfasst am: 30.04.2005, 16:06                                  +/-

Kaylee

Nur keine Scheu, kaum einer kann so begnadet formulieren wie der pk… *beruhig* *inRichtungpkverneig*


Es gibt hier noch mehr Leute, die schreiben können. *michinRichtungALLEUserverneige*

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Triskel
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BeitragVerfasst am: 30.04.2005, 16:25                                  +/-

[kurzer Einwurf]

Ich glaube Kaylees Festellung sollte keine Herabwürdigung aller anderen User sein, sondern stellte ihre Würdigung von pks Beitrag und seinem Schreibstil im allgemeinen dar. (Vielleicht ein wenig missverständlich formuliert.)

[/kurzer Einwurf]

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titania



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BeitragVerfasst am: 30.04.2005, 16:57                                  +/-

Hiermit verleihe ich Triskel die güldene Gedulds- und Wiederholungsmedaille am purpurnen Bande.


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Kaylee



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BeitragVerfasst am: 30.04.2005, 18:39                                  +/-

Triskel
[kurzer Einwurf]

Ich glaube Kaylees Festellung sollte keine Herabwürdigung aller anderen User sein, sondern stellte ihre Würdigung von pks Beitrag und seinem Schreibstil im allgemeinen dar. [/kurzer Einwurf]


Yesss! That it was. Danke Triskel. Da möchte ich mich der Dolmetscher- und Vermittler-Bandverleihung für dich absolut anschliessen. Es sollte auf keinen Fall eine Herabwürdigung irgendeines anderen Schreibers andeuten, im Gegenteil tatsächlich lediglich eine Aufmunterung sein, selber was zu schreiben. Gerade wenn man schon ein Thema/Film weiß, aber sich noch nicht so richtig traut. Deswegen meinte ich, 'keine Bange'…

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titania



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BeitragVerfasst am: 30.04.2005, 20:41                                  +/-

Ich hatte keine Angst oder Scheu, ich war lediglich der Meinung, dass eh jeder den Film kennt. Maybe I talk to the wrong ones...

Also: In "Die zwölf Geschworenen" von Sidney Lumet geht es um eine Gerichtsverhandlung (how surprising) und sich darin befindende 12 Geschworene (es wird immer unvorhersehbarer), welche nach eben jener Verhandlung ein Urteil fällen sollen. Dabei sind sich an sich alle einig - bis auf einen( played by Henry Fonda), welcher nach und nach die anderen zum Nachdenken bewegt. Mehr mag ich dazu nicht sagen, denn der Rest macht einfach den Film aus - und bringt ganz nebenbei der kleinen 10-jährigen Tine eine Menge über Gerechtigkeit, eigene Meinung und "Dinge hinterfragen" bei.

Natürlich reden wir hier vom Original von 1957 und nicht vom seltsamen Remake. Welches ich mir gar nicht erst ansah, weswegen ich eigentlich nicht sagen darf, das es verdammenswert und nur das Original brilliant ist. Aber ich sag es trotzdem. Denn es ist grandios. Liegt in einer Linie mit "To kill a Mockingbird"


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Gimli



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BeitragVerfasst am: 16.05.2005, 21:05                                  +/-

"12 Angry Men" heißt er im Original, soweit ich weiß. Nicht dass ich das Original kennen würde, aber ich habe diesen absolut genialen Film zumindest ohne Werbung gesehen, irgendwann spät Nachts auf einem der Öffentlich Rechtlichem, dem praktisch einzigen Ort wo solche Filme noch laufen. Ist auf jeden Fall sehr gut und zu empfehlen. Die Schauspieler, das Minimalistische an der Sache (ein einziger Raum, 12 Hauptdarsteller darin und viel, sehr viel Dialog) und die Aussage des Ganzen. Besonders die Frage "Wären einem all die Dinge die Fonda aufgefallen sind auch aufgefallen oder hätte man ebenfalls laut und vernehmlich 'Schuldig! Und jetzt macht schnell ich muss nach Hause' gerufen" kann einen noch sehr lange beschäftigen.

MfGimli


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Arbrandir



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BeitragVerfasst am: 16.05.2005, 22:03                                  +/-

Wie's der Zufall so will, läuft er heute nacht - werbefrei auf ARD. Schon um ein Uhr fünf. Damit ihn auch bestimmt niemand verpasst. Und ich reg mich nicht auf.


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titania



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BeitragVerfasst am: 17.05.2005, 00:45                                  +/-

Stell Dich nicht an - wach bist Du eh.
Wir schauen ihn ja auch, obwohl wir morgen nach Amsterdam fahren.





Urlaub .. . hach ... :sonnenbrille:


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Thanil
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BeitragVerfasst am: 17.05.2005, 12:09                                  +/-

Wer hat denn hier bitte Urlaub??? Ich glaube mein Schwein pfeift!!! hmmmm

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Gimli



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BeitragVerfasst am: 17.05.2005, 12:17                                  +/-

ICH! Und ich verbringe meinen Urlaub zu Hause, also hier. Toll, was? Zunge


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Nichtraucher
Fun Bobby


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BeitragVerfasst am: 25.05.2005, 00:41                                  +/-



"In unserer Famile gab es keine klare Trennlinie zwischen Religion und Fliegenfischen."

So beginnt Aus der Mitte entspringt ein Fluss. So ein schöner Film. Eine zweistündige Marlboro-Reklame sagen die Spötter und irgendwie haben sie recht. Aber andererseits ist das nicht das Schlechteste, was man über einen Film sagen kann. Drei Männer fischen, sonst passiert nicht viel, aber wenn man sich die Mühe macht, genau hinzuschauen, steckt soviel im Detail: die verlorene Unschuld der Jugend, die verlorene Unschuld des amerikanischen Westens, die gestörte Kommunikation zwischen den Brüdern und ihrem Vater. Die streng reglementierte Welt Montanas im letzten Jahrhundert mit ihrer warmherzigen, aber auch strikten protestantischen Prägung: die Art, maximales Missfallen auszudrücken ist, die Kaffeetasse klirrend abzustellen. Die maximale Zuneigungsbekundung ist, die gefangenen Fische des anderen zu loben: "Das sind schöne Fische, mein Sohn".



Je öfter ich den Film sehe, umso mehr entdecke ich die Details. Auch sonst ein ganz ganz toller Film. Einer der besten Literaturverfilmungen (die ich bewerten kann, d.h. wo ich beides kenne) und einer der optisch schönsten Filme überhaupt. Brad Pitt war nie schöner, das Licht, die Stimmung, die erlesenen Bilder, dazu all die großartigen und zeitlosen Zitate. Der ganze Film ist near to perfection. Wenn man Marlboro-Reklamen mag, vorausgesetzt.

"We can love completely, without complete understanding."

*schnüff* Gib es einen besseren Sig-Spruch?

Mehr ist heute nicht mehr drin. Vielleicht ein andermal.



Zuletzt bearbeitet von Nichtraucher am 25.05.2005, 10:01, insgesamt einmal bearbeitet
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Kaylee



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BeitragVerfasst am: 25.05.2005, 09:59                                  +/-



…pleeeeeaase! *leisewinsel*

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titania



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BeitragVerfasst am: 30.05.2005, 19:58                                  +/-

"Aus der Mitte entsopringt ein Fluss" ist ein Film meiner Kindheit *hach*. So wie "Grüne Tomaten".


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Nichtraucher
Fun Bobby


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BeitragVerfasst am: 07.08.2005, 02:20                                  +/-

Inferno und Ekstase



Als ich mit 16 Jahren zum ersten Mal bei einem Freund im Hobbykeller (seine Eltern waren Segeln gefahren) diesen Meilenstein des Trash-Pornos sah, ahnte ich ja noch nicht, wie sehr mein zukünftiges Geschlechtsleben hiervon beeinflusst werden sollte. Mit offenen Hos.. Mündern saßen wir auf der Kunstledercouch, über uns die Henkelbechersammlung seines Vaters, und wurden von Felicita Shagwell und Lorie Swinger in die hohe Kunst der Triebe eingeführt (eingeführt, höhö..). Erst als in den folgenden Jahren mein Ruf, der einfallsreichste und technisch versierteste Hengst am Platz zu sein wuchs und die jungen Dinger praktisch Schlange standen, um mit mir den "Doppelten Rittberger" oder den "tschechischen Purzelbaum" zu proben, als ich mit dem "Elfensprung" und dem "Schwedentrunk" ungeahnte Erfolge verzeichnete und die vielfältigen Möglichkeiten des "Einarmigen Banditen" mich immer wieder selber verblüfften, da erst wurde mir klar, wie viel ich Sally Tomatoe, dem Produzenten, Drehbuchautor, Regisseur und Hauptdarsteller dieses Genreklassikers verdanke. Und auch heute würde ich jederzeit unumwunden zugeben, dass Tomatoes Visionen mich... äh, nein, falscher Film, sorry. Nochmal:



Inferno und Ekstase



Was klingt wie ein Genreklassiker des erotischen Films ist ein wunderbares, großartiges Hollywood-Epos über die Erschaffung eines der größten Kunstwerke der Welt, die Fresken der Sixtinischen Kapelle. Die Buchvorlage von Irving Stone, die denselben, etwas unglücklich übersetzten Titel The agony and the ecstasy trägt, ist eine Romanbiographie über Leben und Werk Michelangelos, fesselnd geschrieben, berstend vor Details und jedem zu empfehlen, der sich die Hochkultur spannend und unterhaltsam nahe bringen lassen möchte. Der Prachtschinken von 1965 wählte aus dem dicken Wälzer mit Bedacht und einer glücklichen Hand nur den Abschnitt über die Decke einer eher schlichten Kapelle im Vatikan, ein bis dahin wenig genutztes Nebengebäude der päpstlichen Residenz.

1508 beschließt Papst Julius II. (gespielt von einem meiner allerersten Lieblingsschauspieler, Rex Harrison), das kahle Bauwerk auszuschmücken. Fresken entlang der Wände und etwas aufgemalte Architektur und Schmuck sollen die Kapelle zum würdigen Ort für die päpstlichen Zeremonien machen. Julius, ein ebenso kunstsinniger wie zupackender Mann, sieht sich um in Rom und seine Wahl fällt auf den damals 33-jährigen Michelangelo Buonarotti aus Florenz (gespielt von Mikes allererstem Lieblingsschauspieler Charlton Heston), der praktischerweise bereits in pästlichen Diensten steht, er arbeitet am monumentalen Grabmal des Papstes, das dereinst das Zentrum des Petersdoms schmücken soll. Dieser wird gerade errichtet, unter enormen Anstrengungen, die größte Kirche der Christenheit. Ganz Rom ist eine Baustelle in diesen Tagen, aus einem tausendjährigen Dornröschenschlaf erwacht soll es in antiker Pracht erstrahlen und den Ruhm der Kirche in alle Welt tragen. Die größten Meister der Zeit haben sich am Hofe Julius' versammelt, nichts steht mehr der Auferstehung der Ewigen Stadt im Wege, außer permanentem Geldmangel, Intrigen und endlosen Kriegen mit einer ständig wechselnden Allianz aus Feinden natürlich, aber wann wäre es je anders gewesen? Julius ist guter Dinge.

Leider sieht sich der störrische Buonarotti als Bildhauer, nicht als Maler, zudem fehlt es ihm an Demut, er schreibt ein Spottgedicht über seinen Arbeitgeber und ist überhaupt eine unmögliche Person. Allerdings auch das größte Talent Europas, von geradezu erschreckender künstlerischer Kraft, seine Skulpturen stellen die Meister der Antike in den Schatten und unter seinen Händen erwacht kalter Marmor zum Leben. Julius will die Kapelle schmücken und er will Michelangelo für dessen Rebellion zurechtweisen, so verdonnert er ihn zum Pinselschwingen und schlägt damit zwei Fliegen mit einer Klappe. Zufrieden zieht Julius in den Krieg, der Feind steht in Norditalien, der Kirchenstaat, damals noch weit entfernt von der Machtfülle späterer Jahrhunderte, ist in seiner Existenz bedroht. Julius war eine schillernde Figur, mehr Krieger als Papst, aber fast noch mehr Kunstmäzen als Krieger. Religion, Macht und Kunst fanden unter seiner geschickten Politik zusammen und mit jedem Tag wandelte Rom sein Antlitz, aus dem mittelalterlichen Trümmerfeld erwuchs die Kulturhauptstadt Europas.


Ist der Wein sauer, schütte ihn weg!



Mürrisch geht Michelangelo ans Werk, einem Papst kann man nicht so einfach etwas abschlagen. Er pinselt also die ersten der zwölf Apostel an die Seitenwände, eine für ihn ebenso leichte wie langweilige Aufgabe, ohne Inspiration, ohne Größe. Und dann, eines Abends, in einer lärmenden Taverne, bricht sich die Frustration Bahn: er beanstandet den sauren Wein und der handfeste Wirt packt einen Hammer und schlägt dem Fass den Spund ab, der Wein schießt durchs Lokal. Herausfordernd blickt den Wirt den unzufriedenen Maler an und lacht grimmig: "Ist der Wein sauer, schütte ihn weg!" - Michelangelo steht auf, packt seinen Zeichenblock ein, auf dem er die Gesichter der Apostel entwirft, stürmt in die nächtliche Kapelle und zerschlägt alles, was er bis dahin geschaffen hat, denn ist der Wein sauer, schütte ihn weg! Bei Nacht und Nebel verlässt Michelangelo Rom und versteckt sich als einfacher Steinbrecher in den Marmorbrüchen von Carrara. Julius tobt, der aufsässige Toskaner raubt ihm den letzen Nerv, ihm, der doch täglich an so vielen Fronten kämpfen muss, im Innern wie im Äußern seines brüchigen Staates! Er lässt Italien nach dem Flüchtigen durchwühlen und Michelangelo muss vor den Häschern immer tiefer in die Berge fliehen, wo er dann, ganz biblisch in einer Höhle hausend, eine Vision hat, die Vision, wie die Decke aussehen soll, ja aussehen wird! Hier greift Hollywood ins Volle und malt die Erschaffung des Menschen in wuchtigen Farben in den Abendhimmel. Ganz so dramatisch war das alles nicht, in Stones Buch steht nichts von Vandalismus und Flucht, tatsächlich unterbreitete Michelangelo nach einer Reise durch die Romagna dem verblüfften Julius einen neuen, viel größeren Plan, der alle Fresken der Welt überstrahlen soll: die Genesis, das erste Buch Moses, soll die gesamte Deckenfläche der Kapelle bedecken, von der Erschaffung der Welt bis zur Arche Noah. Ein wahnwitziger Plan, der aber von Julius, der einem größenwahnsinnigen Künstler einfach nichts abschlagen kann, im Kanonendonner unterzeichnet wird : "Ich wollte eine Decke, er verspricht mir ein Wunder!"


Ich habe keine Zeit für Feiertage!

Zurück in Rom macht sich Michelangelo wie ein Besessener an die Arbeit. Und das war er auch, besessen von der Kunst, ein Mann, der überzeugt ist, nur dafür geboren worden zu sein. Zu erschaffen, so viel und so großartig wie es nur geht. Er hatte Jahre zuvor unterschrieben, Julius' Grabmal mit über 40 Figuren zu meißeln, es zeigte sich aber schnell, für jede Figur braucht er zwei bis drei Jahre. Egal, dann muss er eben 100 Jahre alt werden, er muss es schaffen, den wer sonst sollte es tun? Er ist die Hand Gottes, mit dem Auftrag, die Schönheit seiner Schöpfung in Stein zu hauen, für die Ewigkeit. Kurz gesagt, er hatte sie nicht mehr alle. Das gefiel Julius, der in Michelangelos zerrissener Künstlerseele einen Verwandten im Geiste sah. Er selber hatte ja auch Pläne, die seine Kraft und Lebensspanne übersteigen mussten. Julius war damals 64, Rom eine Baustelle und sein Reich, und damit das Papsttum, wie er sich es vorstellte, schwer bedroht. Der Film schöpft seine Faszination zu einem guten Teil aus dem Aufeinanderprallen dieser beiden Männer, beide gleich an Starrsinn und Sendungsbewusstsein. Michelangelo auf eine eher bäuerliche Weise, oft wie ein bockiges Kind, dem man das Spielzeug wegnimmt, Julius sehr viel subtiler, sein eiserner Wille versteckt sich immer wieder unter seiner geschickten Diplomatie, seiner Kunst, Menschen zu manipulieren, sie dazu zu bringen, seinen Willen zu erfüllen, am Besten so, dass sie es gar nicht merken. Charlton Heston liefert hier solide Schauspielarbeit als Berserker im höheren Auftrag, aber Harrison spielt ihn mit Leichtigkeit an die Wand, seine Mixtur aus Raffinesse, Machtkalkül, Sarkasmus und einem Schuss Resignation ist ganz großes Kino! Eine seiner größten Rollen, auch wenn "Inferno und Ekstase" leider nie den Ruhm erlangte wie "Cleopatra" und "My fair Lady", seine beiden anderen großen Filme. Vielleicht war das Thema Kunst zu sperrig für das Publikum der Monumentalfilme, der Film ging bei fünf Oskarnominierungen letztendlich leer aus und verschwand schnell und ungerechtfertigterweise im Spätprogramm der Dritten.

Michelangelo malt also, auch wenn er das gar nicht kann, wie er immer wieder selber versichert. Tag und Nacht, in einem wahnsinnigen Tempo, auf dem Rücken liegend, in schwindelerregender Höhe, bei Kerzenschein, bei Frost und Hitze, ohne Heizung, ohne Kühlung, mit nur einer Handvoll Helfer, die ihm Farben mischen, den Gips auftragen und die Skizzen auf den Untergrund auftupfen. Mit ist es völlig schleierhaft, wie man so was planen kann, ein Bild, das sich über mehrere tausend Quadratmater erstreckt, mal senkrecht die Wand hoch, dann über Wölbungen und Säulenkapitelle und letztendlich zu einem großen Teil über Kopf, an der Decke. Die Figuren stehen mitunter komplett kopfüber, Michelangelo malte sie von den Haaren zu den Fersen, versucht mal, eine noch so primitive Figur umgedreht zu zeichnen. Es ist unglaublich! Er muss schnell malen, bevor der Putz aushärtet, die Farbe wird auf den frischen (fresco) Gips aufgetragen und im Aushärten verbinden sich Farbe und Untergrund unlösbar, Korrekturen sind dann nicht mehr möglich, jeder Strich muss sitzen. Dafür konserviert der Putz die Farbe für die Ewigkeit: als die Deckenbemalung vor einigen Jahren aufwändig restauriert wurde und all der Ruß und Schmutz der Jahrhundert ab war, erstrahlten Michelangelos Figuren so bunt und prächtig, wie sie vor 500 Jahren erschaffen wurden! Meine Dias aus der Bretagne von 1986 sind schon alle ganz gelb Geschockt


Größer als das Leben

Das Werk wächst, aber zu langsam für Julius, dessen militärische Position immer unhaltbarer wird, immer wieder fragt er seinen Maler "Wann wird es enden?" und immer wieder antwortet Michelangelo "Wenn es fertig ist." Julius zieht in den alles entscheidenden Feldzug gegen den deutschen Kaiser und den König von Frankreich, gering ist seine Hoffnung auf Wiederkehr und so lässt er das halbfertige Werk der Öffentlichkeit zugänglich machen, ein unerhörter Akt, der Michelangelo wieder einmal an den Rand der Rebellion treibt. Aber das Volk fällt das Urteil, mit offenen Hos.. Mündern bestaunt es ein Wunder aus Farbe und Gips, ein Bild, wie es die Welt noch nicht gesehen hat. Der junge Raffael, "the next hot thing" in Rom, der gerade an seiner Schule der Philosophen arbeitet, beugt das Knie vor dem Meister, alle Konkurrenz zwischen den großen Malern, die Julius im Vorfeld ab und an geschickt ausgenutzt hatte, ist vergessen. Michelangelo, der mit seinem David zum Gott der Florentiner wurde, wird nun zum Gott Roms. Das hat er nie gewollt, er will ja eigentlich nur Marmor hauen, wenn die Decke fertig ist, so hat ihm Julius versprochen, darf er wieder an dessen Grabmal weiterarbeiten, mit dem er ungefähr um 40 Jahre im Verzug ist. Er ist Bildhauer, kein Maler! Aber Julis weiß, was er seinem Künstler zutrauen darf und was nicht, er hat ihn, so stellt es der Film etwas romantisierend dar, dazu gezwungen, der größte Freskenmaler der Welt zu werden, wir dumm aber auch... Der Film endet mit der Fertigstellung, vier Jahre nach dem Beginn der Arbeiten, immer wieder unterbrochen durch Krieg, Geldnot und Streitereien der beiden Dickköpfe, die Hassliebe zwischen Künstler und Papst ist neben dem Hohelied auf die Kunst das zweite große Thema des Films. Das teuerste Buddiemovie aller Zeiten sozusagen.. Smilie

Gedreht wurde an Originalschauplätzen im Vatikan, doch die Kapelle musste natürlich nachgebaut werden, um den Prozess der Entstehung zu zeigen, was für ein Aufwand! Ein gigantisches Gerüst bietet die Bühne für zahlreiche Dramen, immer wieder bockt der Künstler, immer wieder muss Julius ihn zur Vollendung seines Werkes zwingen, mit List, mit Überredung, mit Härte und mit Freundschaft. Ein Höhepunkt des Films ist der nächtliche Dialog der beiden vor dem Panel mit der Erschaffung Adams:

"So also siehst du Gott? Weise und gütig?"
"Ich kann ihn nur so sehen."
"Dein Leben war nicht einfach, und doch siehst du ihn mit soviel Liebe?"
"Ich glaube, er liebt seine Schöpfung. Das Böse ins uns kam nicht von Gott, sondern aus uns selber."


Und dann betrachtet Julius in einem Anflug von Resignation seine Hand.

"Könnte ich noch einmal leben, ich wünschte, ich wäre ein Künstler. Aber ich bin nur ein Papst."

Schließlich ist das Werk vollendet und wird mit einer prunkvollen Messe gefeiert und die Kamera streicht in einem schwindelerregenden Schwenk über die gesamte Breite der Decke, bis man nicht mehr weiß, wo oben und unten ist. "Und, bist du zufrieden?" fragt Julius den erschöpften Michelangelo.
"Ja, Herr"
"Es ist ein Wunder!"
"Es ist nur Farbe auf Gips, Herr."
"Nein, es ist viel mehr als das. Es ist größer als wir beide. Was hat dir die Arbeit an dieser Decke gezeigt?"
"Dass ich nicht allein bin."
"Mir hat sie gezeigt, dass die WELT nicht allein ist."


Der Film dramatisiert ordentlich, bei Stone liest sich das etwas ruhiger, sachlicher und weniger titanisch, aber so ist eben Film. Hier wurde dem bürgerlichen Geniekult in vollen Zügen gehuldigt, der Künstler, in dem die göttliche Flamme der Inspiration lodert ect., aber sowas stört mich nicht. Ich glaube ja auch an das Orm Smilie Außerdem liebe ich diese alten Schinken! Ich liebe sie einfach. Von den bonbonbunten Farben bis zu den theatralischen Dialogen. Ich liebe sie! grins

So, und heute abend schau ich mir "My fair Lady" an.



Zuletzt bearbeitet von Nichtraucher am 07.08.2005, 12:17, insgesamt einmal bearbeitet
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Helcaraxe



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BeitragVerfasst am: 07.08.2005, 12:06                                  +/-

uglylol
Was für eine geniale Rezension, Nichtpfeifler!
Leider kenne ich diesen Film des Meisters noch nicht. Aber ich könnte mir sehr gut vorstellen, dass du ihn bis zu Arbrandirs Symposium auf DVD besitzen und ihn zu diesem Anlass mitbringen wirst. Dann veranstalten wir einen Themen-Abend wie bei ARTE. "Charlton Heston"-Filme! Smilie

- "Soylent Green"
- "Inferno und Ekstase"

kurze Pause (d.h. Verzehr von Schafsmagen und Whisky-Verkostung)

- "Die Normannen kommen" (ein ebenfalls eher missverständlicher Titel)
- "Khartoum"

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