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rareb liest französische Literatur
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rareb



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BeitragVerfasst am: 11.11.2005, 21:31                                  +/-

Ich bin gerade daran, eine etwas peinlich Bildungslücke zu füllen. Ich studiere im 4. Jahr im französischsprachigen Raum und hatte vorher bereits 6 1/2 Jahre Französischunterricht. Trotzdem ist die französische Literatur für mich ein unbeschriebenes Blatt. In der Schule hatten wir wegen der Krankheit unserer Französischlehrerin über ein halbes Jahr lang keinen richtigen Unterricht und dementsprechend keine Literaturbildung.

Ich habe vor kurzem endlich die Stadtbibliothek von Genf entdeckt und mache mich nun daran, ein paar Klassiker zu lesen. Ich gehe dabei nicht nach Kanon vor, sondern wonach mir gerade ist, welche Bücher mir zur Verfügung stehen usw.

Das erste Buch, das ich gelesen hatte, war von
Charles-Ferdinand Ramuz, "Jean-Luc persécuté.

Ramuz war ein Westschweizer Autor um die Jahrhundertwende (19./20. Jahrhundert). Er ist besonders bekannt für seine Bücher über die Berge. Jean-Luc persécuté ist eine dieser Novellen.
Es handelt von einem Mann, der eines kalten Novembertages durch Zufall bemerkt, dass seine Frau ihn betrügt. Der Leser erfährt dann, als er seine Frau konfrontiert, dass ihr Herz schon immer einem anderen Mann gehört habe und er sie in diesem Wissen trotzdem geheiratet hatte. In seiner Wut nimmt er das gemeinsame Kind mit zu seiner Mutter und verlässt seine Frau. Im Frühling kehrt er jedoch wieder zurück, weil sie scheinbar Reue zeigt und alles scheint wieder gut.
Doch bald darauf erfährt er, dass der Geliebte seiner Frau wieder im Dorf ist - und nach langem hin und her vermutet er plötzlich, dass sie ihn wieder betrügt. Sie spielt jedoch weiterhin die brave Ehefrau und erzählt ihm, sie sei schwanger. Sie ist tatsächlich schwanger, allerdings weiss er nicht von wem. Das beichtet sie ihm, nachdem er sie zwingt, bei Gott zu schwören. (Die Leute in den Bergen sind schliesslich gläubig)
Er jagt sie zum Teufel, behält das erste Kind aber bei sich - "eines für mich, eines für dich". Alles läuft eine Weile gut - bis eine maskierte Person zum Fasching ihm den Zweifel in den Kopf setzt, ob das erste Kind wirklich von ihm ist. Von diesem Moment an geht alles den Berg hinunter. Erst wird er zum Säufer, bis sein Kind im See vor dem Haus ertrinkt. Dann wird er wahnsinnig, weil er glaubt, das Kind würde noch leben. Die Katastrophe ereignet sich schliesslich, als seine Frau wieder im Dorf auftaucht, weil sie das Haus ihres Vaters geerbt hat. Jean-Luc, der Verrückte, glaubt, das erste Kind hätte sich versteckt. Er bittet erst den Liebhaber, dann die Frau persönlich, sie soll das Dorf verlassen, sonst würde etwas schlimmes passieren. Sie antwortet jedoch bloss, dass sie das Recht hätte, im Dorf zu wohnen wie er auch. Daraufhin sperrt er sie mit ihrem zweiten Kind in einen Heustall ein und zündet diesen an. Er flüchtet und springt schliesslich über einen Felsen in den Tod.

Das spannende an dieser Novelle sind die wahrscheinlich ziemlich authentischen Schilderungen der Natur und des Dorflebens zu dieser Zeit in den westlichen Schweizeralpen. Ich fand die Geschichte zuweilen etwas deprimierend, weil sie quasi den Weg eines Menschen ins Verderben zeichnet. Ausserdem konnte ich mich nicht entscheiden, wer nun eigentlich Schuld an diesem Schlamassel war.

Das zweite Buch, das ich gelesen habe, war
Jules Verne, Voyage au centre de la terre

Ich hatte dieses Buch schon vor längerer Zeit zum Geburtstag geschenkt bekommen und es bisher nie gelesen. Den Inhalt muss ich hier wohl nicht beschreiben, da das Buch doch sehr bekannt ist. (Ansonsten - Wikipedia hat eine Zusammenfassung)

Die Geschichte fand ich mässig interessant, da mir die Protagonisten alle nicht sonderlich sympathisch waren - viel zu "klugscheisserisch". Allerdings bietet das Buch einen sehr interessanten Einblick in den "esprit du temps" des 20. Jahrunderts. Der Professor Lidenbrock ist quasi der Nachfolger eines Humboldt - der "savant-voyageur". Es war die Zeit der grossen Abenteuerreisen, der grossen wissenschaftlichen Entdeckungen.
Da Geographie mein Nebenfach ist, bin ich diesem 19. Jahrhundert, in dem die Erdwissenschafter die Stars am Gelehrtenhimmel waren, natürlich mehrfach begegnet. Ich fühlte mich sehr stark an meine Vorlesungen in klassischer Geographie oder in Geschichte und Erkenntnislehre der Geographie erinnert.
Trotz seines offensichtlich pädagogischen Anspruchs - die Belehrung des belesenen Bürgertums, wie sie im 19. Jahrhundert Hochkonjunktur hatte - konnte ich dem Buch nicht viel mehr als persönliche Belustigung abgewinnen. Einige der Informationen, wie die Beschreibung Islands Mitte des 19. Jahrhunderts oder die geologische Schichtung des oberen Teils der Erdkruste.

Etwas irritiert war ich ob des "Science-Fiction-Aspekts" des Romans. Ich fand es sehr gewagt, harte wissenschaftliche Fakten (zumindest zum Stand jener Zeit) so unverfroren mit der eigenen Fantasie zu mischen. Als aufmerksame Leserin glaube ich zumindest meistens den Punkt erkannt zu haben, wo er das Terrain der "echten Wissenschaft" verlässt. Ich bezweifle jedoch, dass dies jedem Leser mühelos gelingt und ich könnte mir vorstellen, dass sie einige doch ziemlich verraten vorkamen, als sie erfuhren, dass es im Krater des Sneffels in Island keinen Tunnel zum Mittelpunkt der Erde gibt.
Beeindruckt war ich in diesem Zusammenhang hingegen wieder, wie Jules Verne es geschafft hat, diese Reise auf der Basis einer unglaublichen Theorie zu konstruieren und trotzdem in seinem Buch die Botschaft zu vermitteln dass er (durch den Mund des Ich-Erzählers Axel) nicht an die Wahrheit dieser Theorie glaubt, sondern denkt, dass es sich dabei um eine seltsame Ausnahme handelt.

Als hingegen die beiden kämpfenden Meeresssaurier auftauchten, dachte ich, ich les nicht richtig. Das kam mir echt billig vor. Effekthascherei.

Alles in allem kann ich zumindest dieses Buch von Jules Verne jedem empfehlen, der einen Einblick in die Denkweise des Bildungsbürgertums des 19. Jahrhunderts erhalten möchte. Ausserdem allen, die ein unterhaltsames Buch mit wissenschaftlichen Kuriositäten lesen wollen. Immerhin gilt Jules Verne heute als erster Science-Fiction-Autor. Ansonsten ist das Buch nix besonderes und auf jeden Fall schnell gelesen.

Das Buch hat mich insofern neugierig gemacht, dass ich wissen wollte, was dahinter steckt:
Arne Saknussemm ist eine fiktive Person - es gibt aber einen Arne Magnussen, der zu ungefähr dieser Zeit gelebt hat und isländische Sagas aufgeschrieben hat.
Graüben ist ein fiktiver Vorname - jedenfalls habe ich bei Google keinen Hinweis darauf gefunden, dass er ausserhalb von Jules Verne als Mädchenname verwendet wurde. Es gibt jedoch eine Pflanze, die "so heißt.

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Kaylee



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BeitragVerfasst am: 11.11.2005, 22:53                                  +/-

rareb


Etwas irritiert war ich ob des "Science-Fiction-Aspekts" des Romans. Ich fand es sehr gewagt, harte wissenschaftliche Fakten (zumindest zum Stand jener Zeit) so unverfroren mit der eigenen Fantasie zu mischen. Als aufmerksame Leserin glaube ich zumindest meistens den Punkt erkannt zu haben, wo er das Terrain der "echten Wissenschaft" verlässt. Ich bezweifle jedoch, dass dies jedem Leser mühelos gelingt und ich könnte mir vorstellen, dass sie einige doch ziemlich verraten vorkamen, als sie erfuhren, dass es im Krater des Sneffels in Island keinen Tunnel zum Mittelpunkt der Erde gibt.



Macht das nicht jeder Science Fiction Autor??

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rareb



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BeitragVerfasst am: 11.11.2005, 23:03                                  +/-

Ich muss zugeben, dass ich mich in der Science Fiction nicht so gut auskenne. Allerdings schreibt Jules Verne wirklich sehr detailliert und beschreibt akribisch z.B. die geologischen Gesteinsschichten, was selbst nach heutigem Stand der Wissenschaft, also einenhalb Jahrhunderte später, noch zutreffend ist.
Dann wieder beschreibt er mit fast der selben Akribie dieses unterirdische Meer, auf das sie treffen. Es ist echt schwierig zu unterscheiden zwischen "echten" wissenschaftlichen Fakten und seiner eigenen Phantasie.
Das Problem, das ich ein bisschen damit habe, ist, dass ich nicht mehr weiss, was ich ihm nun glauben soll und was nicht. Da das Buch ja auch belehrend sein soll, hat mich diese Kombination etwas erstaunt. Aber wie gesagt - Science Fiction ist für mich ein ziemlich unbeschriebenes Blatt.

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Arbrandir



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BeitragVerfasst am: 11.11.2005, 23:28                                  +/-

Zitat:
Ich fand es sehr gewagt, harte wissenschaftliche Fakten (zumindest zum Stand jener Zeit) so unverfroren mit der eigenen Fantasie zu mischen.


"harte wissenschaftliche Fakten" = science

"(eigene) Fantasie" = fiction



Genau diese Kombination prägte doch den Genrebegriff.

Aber Jules Verne ist mir schon manchmal unheimlich, ähnlich wie H.G. Wells. Beide verfügten über eine beinahe prophetische Gabe. Eventuell mehr, wenn die akute Gegenwart mich aus ihren Klauen entläßt.


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rareb



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BeitragVerfasst am: 12.11.2005, 11:47                                  +/-

Arbrandir

"harte wissenschaftliche Fakten" = science

"(eigene) Fantasie" = fiction



Genau diese Kombination prägte doch den Genrebegriff.



So hab ich das noch nie gesehen. Dann muss ich wohl davon ausgehen, dass mich das ganze Genre irgendwie irritiert. zwinkern
Kleines Detail am Rande: "Science-Fiction" ist auch ein französisches Wort, wenn man es statt englisch "seiens fiktschn" französisch "siöns figsion" ausspricht. Beide Wörter "science" und "fiction" sind "reine" französische Wörter, genau wie sie auch englisch sind. Ist mir gestern aufgefallen, nachdem ich mich gefragt hatte, warum die Franzosen hierfür keinen eigenen Begriff erfunden hatten.

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sphinx



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BeitragVerfasst am: 16.11.2005, 21:07                                  +/-

*sphinxnutztdiegelegenheitumreklamezumachen*:
lies rimbaud!
lies rene crevel!
gehe hin!lies! zwinkern Yes


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worauf wartet ihr noch? stopft euch den schmuck
in die busen, den büchsenöffner, das cembalo,
bietet der nemesis eine pauschale an
und packt! die vergütungen ein,
die gasmaske und den unterleib!
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rareb



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BeitragVerfasst am: 05.12.2005, 17:22                                  +/-

So, mein nächstes Buch ist gelesen:

Gustave Flaubert - Madame Bovary

Eine eigentliche "Geschichte" hat das Buch nicht. Es ist sowas wie die Biographie eines Ehepaars, Charles und Emma Bovary. Charles war ein Mama-Kind mit einem Idioten von einem Vater. Auch Charles wird nicht unbedingt als der intelligenteste dargestellt. Auf der Schule wird er für sein bäuerliches Verhalten gehänselt, die Ärzteschule schafft er erst im zweiten Anlauf, weil seine Mutter sein Leben so geplant hat. Auch geplant hat die Mutter, dass er eine reiche Witwe irgendwo in der Provinz heiratet und dort als Arzt praktiziert.
So richtig los gehts aber erst, als er Emmas Vaters Beinbruch erfolgreich behandelt. Charles trifft Emma und ist fasziniert von ihrer Schönheit - er ist aber noch mit seiner anderen Frau verheiratet. Das "Glück" kommt ihm zu Hilfe, als seine erste Frau bald darauf stirbt und Emmas Vater ihn dazu einlädt, öfter an seinem Hof vorbeizuschauen um sich über den Verlust zu trösten. Da verliebt sich Charles richtig in Emma und hält beim Vater um ihre Hand an. Er fragt sie und sie sagt ja.

Wenig später heiraten sie. Charles ist überglücklich, Emma jedoch fehlt etwas.
Sie hat eine Klosterschule besucht und hat sehr viele Romane gelesen. Sie weiss, dass sie schön ist, will immer nach der Mode gehen und hat mit den Bauern und Kleinbürgern in ihrem Umfeld wenig am Hut. Sie beginnt sich als Frau des Arztes schnell zu langweilen. Er gibt ihr nicht, was sie möchte. Weder interessante Gespräche über Kunst und Philosophie, noch die Möglichkeit, ihn heiss und innig zu lieben.
Denn Madame Bovary glaubt an die ewige, glühende Liebe wie sie in den romantischen Romanen beschrieben wird, die sie verschlingt.
Emma wird depressiv (so würde man das heute nennen) und ein Arzt empfiehlt Charles einen "Klimawechsel". Weil er seine Frau liebt, ziehen sie in ein anderes Kaff um, in dem sie dann auch bleiben.

Zuerst geht es Madame dort auch wirklich besser. Sie lernt Léon kennen, mit dem sie endlich die Gespräche führen kann, die sie mit ihrem Mann nicht führen konnte. Léon verliebt sich in sie. Sie jedoch möchte ihre Ehre wahren und weist ihn ihrer Familie zu Liebe zurück, obwohl sie das sehr betrübt.

Bald darauf lernt sie jedoch Roudolphe kennen. Ein Schürzenjäger, der sofort ein Auge auf sie wirft. Er verführt sie und sie lässt sich nicht lange bitten. Endlich die Liebe! Die Liebschaft dauert zwei Jahre, während denen Charles seine Frau mehr den je liebt. (Er glaubt, es ginge ihr seinetwegen so gut) Emma möchte mit Roudolphe durchbrennen, er verspricht ihr, dass sie zusammen in den Süden reisen, dass alles schon organisiert sei - nur um sie dann in einem Brief zu versetzen.

Über ein Jahr wird Emma apathisch nach dem Schock. Dann wird sie plötzlich fanatisch gläubig.

Eines schönen Tages lädt sie Charles ins Theater nach Rouen ein, um einen Opernsänger zu sehen. Auf diesem Ausflug trifft sie Léon wieder und fängt diesmal eine richtige Affäre mit ihm an. Sie ist überglücklich, erfindet Ausreden, warum sie nach Rouen fahren kann. Ihr Mann und sie fangen an, Schulden zu machen.

Eine Weile geht alles gut, aber auch der Liebhaber fängt an, Emma zu langweilien. Sie wartet praktisch auf den Schock, der sie trennen würde, weil sie nicht die Kraft hat, die Affäre zu beenden.
Plötzlich kommt auch noch der Gläubiger zu ihr und verlangt von ihr, dass sie alle Schulden sofort zurückbezahlt, sonst wird ihr ganzes Mobiliar gepfändet. Sie versucht verzweifelt, bei Léon, beim lokalen Notar, schliesslich sogar bei Roudolphe das Geld aufzutreiben, aber niemand hilft ihr. Ausserdem erfährt sie, dass Roudolphe sie nie wirklich geliebt hat. Sie schluckt Arsen und stirbt an den Folgen. (Der Verlauf der Vergiftung wird ziemlich detailiert geschildert)

Charles ist ein gebrochener Mann, nachdem sie stirbt. Er bezahlt die Schulden mit viel Mühe zurück und wird dabei übers Ohr gehauen. Er findet die Briefe von Roudolphe und Léon, ist noch betrübter, dass seine Frau ihn betrogen hat, liebt sie aber doch zu sehr um es ihr Übel zu nehmen. Er sitzt auf einer Bank vor dem Haus und stirbt.



Soweit in etwa die Haupthandlung. Natürlich gibt es da noch jede Menge Nebenfiguren.

Das Buch ist an sich sehr interessant. Einerseits konnte ich die Langeweile und die Verzweiflung von Emma Bovary verstehen, andererseits fand ich es aber auch sehr befremdlich, wie sehr sie an den Kitsch aus den Büchern glaubte. Hm, befremdlich ist vielleicht das falsche Wort. Ich kenne da leider lebende Beweise, die in die selbe Falle tappen wie sie. In vielerlei Hinsicht ist die Hauptfigur auch einfach eine ziemlich eingebildete Kuh.

Mit der Sprache hatte ich mehr Mühe. Flaubert beschreibt sehr exakt und es gab ganze Passagen, von denen ich einfach nichts verstanden hab, weil mir keines der Wörter bekannt vorkam. Ich konnte sie meistens als Beschreibungen der Kleidung oder der Umgebung identifizieren und in der Mode der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts kenne ich mich halt nicht so aus.

Madame Bovary ist eine der Personen, die unglücklich ist, weil sie zu viel will. Weil sie glaubt, mehr zu sein, als sie ist und deshalb einen Lebensstil führt, den sie sich nicht leisten kann. Finanziell wie emotional. Die Quittung ist allerdings brutal.
Im Übrigen ist das Ende des Romans sehr zynisch. Die Bovarys sind beide tot, ihre Tochter lebt in Armut - und ihr Nachbar, der Apotheker Homais, ein Opportunist sondergleichen, erhält das Ehrenkreuz.

Das Buch ist empfehlenswert, allerdings würde ich eher die deutsche Übersetzung lesen, wenn man nicht sattelfest in seinem Französisch ist. Sonst ist es ziemlich hart zu lesen.

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Nichtraucher
Fun Bobby


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BeitragVerfasst am: 06.12.2005, 15:24                                  +/-

Schöne Zusammenfassung Spitze . Hab ich auch mal gelesen, früher, kann mich aber nicht mehr an viel erinnern, außer dass die Frau mächtig nervt und man keine Schulden machen sollte.

Wann kommt Philippe Djian?


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Lass die Finger von dem ganzen neumodischen Kram.
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Triskel
Dressed-Pugly


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BeitragVerfasst am: 06.12.2005, 15:29                                  +/-

Nichtraucher
kann mich aber nicht mehr an viel erinnern, außer dass die Frau mächtig nervt

Ist das bei Ehebruch-Romanen eigentlich immer so, dass die Frau nervt? Mir ging es nämlich bei "Effi Briest" so, dass mir die Frau unglaublich auf die Nerven ging. Wie schaut´s bei "Anna Karenina" aus?

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Celebrian
Katen-Löwin


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BeitragVerfasst am: 06.12.2005, 19:41                                  +/-

Triskel
Nichtraucher
kann mich aber nicht mehr an viel erinnern, außer dass die Frau mächtig nervt

Ist das bei Ehebruch-Romanen eigentlich immer so, dass die Frau nervt? Mir ging es nämlich bei "Effi Briest" so, dass mir die Frau unglaublich auf die Nerven ging. Wie schaut´s bei "Anna Karenina" aus?


Die nervt nicht im geringsten! Von den drei großen Ehebruchsromanen ist das meiner Ansicht nach mit Abstand der beste. Effi fand ich auch etwas anstrengend, Madame Bovary nervte mich nur deshalb nicht, weil das Buch sich so klasse herunterschmökert. Aber Anna Karenina ist wirklich eine Persönlichkeit, zwar auch nicht frei von Hysterien, aber sie treten eher in wirklich existentiellen Momenten auf, da kann man ihr das nachsehen, finde ich. Die Größe, die Effi am Schluß in der Begegnung mit ihrer Tochter erreicht (die einzige Stelle, die mich wirklich gepackt hat), hat Anna Karenina schon früher, sie ist eben kein ganz normales, jung verheiratetes Ding. Das Buch hat außerdem noch ein zweites Pärchen, das eigentlich ähnlich viel Raum einnimmt; dadurch hat man auch immer mal Pause von Anna. *g*

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rareb



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BeitragVerfasst am: 06.12.2005, 23:05                                  +/-

Naja, auf eine Art war es auch verständlich, dass sie den Ehebruch begehen wollte. Aus heutiger Sicht hätte ich wohl gesagt, sie hätte nie heiraten dürfen. Ich konnte die Verzweiflung verstehen, die sie hat, wenn sie ihr Leben betrachtet und keinen Ausweg aus der Öde sieht, die es umgibt.
Es muss schrecklich sein, den Mann, den man heiratet kaum zu kennen und dann sein ganzes Leben mit ihm verbringen zu müssen.

Andererseits ist Emma einfach grausam eingebildet und mir tat plötzlich der naive Charles ebenfalls leid. Naja, und sie ist so übersentimental.

Was die anderen Ehebruchromane angeht, kenne ich weder Effi Briest noch Anna Karenina.

Ich gehe am Donnerstag in die Bibliothek um mir das nächste Buch auszuleihen.

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Arbrandir



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BeitragVerfasst am: 07.12.2005, 01:08                                  +/-

Meine Lieblings-Liebesverräterin war immer Emily Brontes Catherine Earnshaw-Linton. Aber die kommt
a) aus England, wurde
b) von einer Frau erschaffen und bleibt
c) nur Ehebrecherin in Traum und Geist.

Wahrscheinlich ist sie auch nur deshalb weniger nervig. ????? (Unglücklich) sterben muß sie natürlich trotzdem, wo kämen wir sonst hin?


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Kaylee



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BeitragVerfasst am: 07.12.2005, 09:54                                  +/-

In welchem Buch? ?????


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Arbrandir



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BeitragVerfasst am: 07.12.2005, 12:29                                  +/-




*anschmacht*


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Celebrian
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BeitragVerfasst am: 07.12.2005, 22:29                                  +/-

Cathy nervt auf ihre ganz eigene Art - man verzweifelt beinahe an ihr, weil sie stur gegen ihre eigentliche Natur handelt... Aber das geht wohl nicht anders, denn, wahrhaftig, wo kämen wir sonst hin: eine rundum glückliche Liebesleidenschaft macht keinen Roman...

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rareb



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BeitragVerfasst am: 28.04.2006, 22:01                                  +/-

Vorbemerkungen: "Les misérables" liegen irgendwo halb gelesen in meinem Rucksack - ich finde das Buch zwar sehr spannend, muss aber für die Uni im Moment genug anspruchsvolles Zeug lesen - deshalb steht es zurück.

Das folgende Buch ist nicht direkt "französische Literatur" - die Autorin ist Belgierin, aber in Japan (und anderen, vor allem fernöstlichen Ländern) aufgewachsen. Sie schrieb jedoch auf Französich, weshalb sie natürlich doch hier reinpasst.



Amélie Nothomb - "Hygiène de l'assassin"

Prétextat Tach, 83-jährig, Nobelpreisträger, hat noch zwei Monate zu leben. Er leidet am seltenen Elzenveiverplatz-Syndrom, eine Krebsform, die bisher ausschliesslich Lustmörder befallen hat. Niemand weiss, woher er diese Krankheit bekommen hat - ja, warum er bei seinem Lebenswandel (unglaublich fett, kann sich seit mehreren Jahren kaum mehr bewegen, Misanthrop, Einzelgänger, der Keuschheit verschrieben) überhaupt so alt werden konnte. Die Journalisten stehen trotz seines Rufs, ein unerträglicher Interviewpartner zu sein, Schlange um ein letztes Interview. Vier Journalisten und eine Journalistin erhalten schliesslich die Gelegenheit dazu.

Die vier Journalisten reisen gemeinsam an und warten jeweils in der Kneipe gegenüber der "Höhle" (eine dunkle Parterre-Wohnung irgendwo in Belgien) des Schriftstellers auf das Los des Kollegen. Alle vier lassen sich von Tach auf eine andere Weise fertigmachen. Der Reiz dieser Passagen liegt darin, auf eine fast voyeuristische Weise - das Buch besteht praktisch ausschliesslich aus Dialogen - mitzuerleben, wie die Journalisten versuchen, mit "normalen" Interviewmethoden an den alten Misanthropen heranzukommen, ohne seine Bücher wirklich gelesen zu haben
Er führt sie nach belieben vor, wettert, sinniert und schickt sie schliesslich alle weg. Es ist offensichtlich, dass es ihm grossen Spass bereitet, diese jungen Leute scheitern zu lassen.

Die Journalistin hingegen steigt auf sein Spiel ein und kehrt den Spiess um. Sie hat seine Bücher gelesen - und nicht nur das, sie glaubt, dass der einzige unvollendete Roman "Hygiène de l'assassin" Tachs keine Fiktion, sondern eine akribische Beschreibung eines Mordes ist, den er mit 17 Jahren begangen hat...

Das Buch ist manchmal etwas langatmig und das Ende etwas wirr. Dennoch alles in allem sehr lesenswert, vor allem die zynischen Ansichten über die Weltliteratur, die Nothomb ihrer Hauptfigur in den Mund legt.

z.B. seine Meinung über Methaphern: (Der erste Journalist glaubt, dass eine Person ein einem der Romane Tachs ein Bild des Autors sei und seine Tätigkeit, Wachsmasken der Gekreuzigten anzufertigen, sei metaphorisch gemeint)

Zitat:
Les gens ne savent rien des métaphores. C'est un mot qui se vend bien, parce qu'il a fier allure. "Metaphore": le dernier des illetrés sent que ça vient du grec. Un chic fou, ces étymologies bidons - bidons, vraiment: quand on connaît l'effroyable polysémie de la préposition meta et les neutralités factotum de verbe phero, on devrait, pour être de bonne foi, conclure que le mot "métaphore" signifie absoluement n'importe quoi.


Auch sehr witzig ist die (zu lang zu zitierende) Stelle, in der die beiden darüber sinnieren, dass alle den autobiographischen Roman als "symbolische Vertreibung aus dem Paradies" gehuldigt haben und niemand auf die Idee gekommen wäre, dass die Symbolik zufällig entstanden war. (Eine Symbolik, hinter der sich der Mörder auch ein bisschen versteckt)

Zusammengefasst: Kurz, zum Teil mit einem zynischen Humor, manchmal etwas langatmig, aber mit interessanten Reflexionen über die Literatur.

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