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Der Philosoph des Tages
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Morgi



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BeitragVerfasst am: 19.10.2010, 15:52                                  +/-

Nach der schmählichen Ermordung des Bärenphilosophen mal wieder etwas Philosophie. In diesem Thread stelle ich in unregelmäßigen Abständen in knapper Form einen Philosophen und sein Werk vor, das mich - weil ich es unterstütze oder besonders heftig ablehne - besonders interessiert.

Otto Neurath (1882-1945)



Der sozialistische Philosoph Otto Neurath begann seine Laufbahn überraschend unpolitisch - und das, obwohl er der Arbeiterbewegung nahestand und mit einer damals berühmten Frauenrechtlerin verheiratet war. Nach seinem Studium der Mathematik, Ökonomie, Philosophie und Geschichte lehrte Neurath zunächst an der Wiener Handelsakademie und schlug sich in seinen Forschungen über soziale und wirtschaftliche Fragen nicht eindeutig auf die Seite einer bestimmten politischen Richtung - bis zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges. Dass bis dahin eher unpolitische Menschen durch das Erlebnis des Krieges politisiert wurden und nach links neigten, war nicht selten - Neuraths Erwägungen waren allerdings nicht sentimentaler und nicht einmal direkt humanitärer, sondern intellektueller Natur. Neurath hatte bereits in den Balkankriegen 1912 die Auswirkungen von Kriegshandlungen auf das Wirtschaftsleben von Staaten untersucht und war dabei zu einem erstaunlichen Ergebnis gelangt. Eigentlich sollte man ja annehmen, dass große, verlustreiche Kriege die Produktivität eines Landes verringern - das genaue Gegenteil war allerdings der Fall: Sowohl in den Balkankriegen als auch im Ersten Weltkrieg explodierte die Produktivität der Kriegsteilnehmer, ihre Industrie erreichte Produktionszahlen, von denen man im Frieden nur träumen konnte. Neurath kam zum Schluss, dass die Ursache dafür in der rationalen, zentralen Wirtschaftsplanung des Staates liegt, der in Kriegszeiten de facto die Kontrolle der Wirtschaft übernimmt und, da sein Überleben davon abhängt, sie zu äußerster Leistung antreibt. Wenn es nun schon möglich war, mitten im verheerendsten Krieg der bisherigen Weltgeschichte einen Produktivitätsrekord nach dem anderen aufzustellen - welche phantastischen Leistungen mussten dann erst möglich sein, wenn man dieselben rationalen, staatlichen Planungsstrukturen im Frieden zur Produktion von Konsumgütern nutzte!

Unmittelbar nach Kriegsende ging Neurath - der zwischenzeitlich als Direktor des Kriegswirtschaftsmuseums in Leipzig seine Studien fortgesetzt hatte - nach Bayern, um der jungen Räterepublik seine Hilfe anzubieten. Dort wurde der Wirtschaftsexperte gerne aufgenommen und erhielt eine zentrale Position in der Behörde, die die bayerische Wirtschaft kollektivieren und Bayern innerhalb von 5-10 Jahren in ein wirtschaftlich sozialistisch geordnetes Land umwandeln sollte. Bald geriet Neurath allerdings zwischen die Fronten - er wollte sich nicht zwischen den rivalisierenden Hardcore-Kommunisten und den gemäßigten Sozialisten entscheiden und betonte, nur ein technischer Fachmann ohne dezidierte politische Stellungnahme zwischen den einzelnen Lagern zu sein. Allerdings sympathisierte er eher mit den gemäßigten Sozialisten und äußerte sich in Briefen sehr besorgt über den Fanatismus, die Dumpfheit und Gewaltbereitschaft der radikalen Kommunisten. Bald wurde er dieser Sorgen allerdings enthoben, denn inzwischen waren die rechtsextremen Freikorps im Auftrag der Berliner Regierung in Bayern einmarschiert, hatten die Räterepublik zerschlagen und in einem wahren Blutrausch in München alles und jeden niedergeknallt, was irgendwie "links" oder "liberal" aussah (Junge Männer wurden teilweise erschossen, weil sie Brillen trugen und dadurch "linksintellektuell" aussahen). Die meisten Führer der Räterepublik wurden sofort abgeschlachtet oder nach lächerlichen Prozessen hingerichtet. Neurath selbst kam mit dem Leben davon, wurde zu einer Haftstrafe verurteilt, aber vorzeitig entlassen und nach Österreich abgeschoben.

Nach der Rückkehr nach Österreich schloss Neurath sich dem von Wittgenstein inspirierten Wiener Kreis an und entwickelte in Auseinandersetzungen mit Rudolf Carnap und Karl Popper seine Philosophie, die ich weiter unten skizzieren werde. 1934, als nach dem Bürgerkrieg zwischen Sozialisten und rechtsautoritären Verbänden der austrofaschistische Ständestaat etabliert wurde, musste Neurath wie viele andere linke Intellektuelle erneut aus Österreich fliehen und starb 1945 im Exil.

Worin bestanden nun die Kernpunkte von Neuraths Philosophie?

Erstens im Kampf gegen die Metaphysik, die er als Hauptaufgabe moderner Denker betrachtete. Neurath formuliert die Ansicht, dass religiös, esoterisch und metaphysisch argumentierende Philosophen wie die deutschen Idealisten Fichte, Hegel und Schelling für das, was sie sagen möchten, das falsche Medium gewählt haben. Nach Neuraths Ansicht möchten idealistische Metaphysiker keine Sachaussagen tätigen, sondern eine Emotion, ein Lebensgefühl, äußern. Das passende Feld zur Äußerung von Gefühlen seien aber Kunst, Literatur und Musik, nicht aber Philosophie und Wissenschaft. Mit Religiösen und Idealisten zu diskutieren sei somit völlig unmöglich, weil sie überhaupt keine Sachaussagen aufstellen, die man prüfen und sinnvoll kritisieren könne - denn gegen ein dunkel formuliertes Gefühl, wie man es bei Hegel finde, lasse sich keine wissenschaftliche Kritik verfassen.
Religiöse oder idealistische Aussagen sind für Neurath nicht einmal falsch, sondern sinnlos, d.h. sie drücken nichts aus, sind nur leere Worthülsen ohne einen Sachinhalt, mit dem man sich auseinandersetzen könne. Damit kommen wir zu einem zweiten wichtigen Anliegen Neuraths:

Neurath plädiert für die Etablierung einer universalen Wissenschaftssprache, in der es unmöglich ist, eine logisch falsche, sinnlose oder missverständliche Aussage zu konstruieren. Beeinflusst von Wittgensteins Sprachtheorie ist Neurath der Ansicht, dass die meisten philosophischen Probleme Scheinprobleme seien, die nur auf sprachliche Unklarheit und Missverständnisse zurückgehen. Sobald die Sprache so strukturiert ist, dass man man mit ihrer Hilfe nur noch klare, logisch korrekte Sachaussagen treffen kann, werden im Grunde nur noch philosophische Fragen aus dem Gebiet der Ethik übrig bleiben. Eine religiöse Aussage oder idealistisches Geschwätz wäre in dieser Sprache gar nicht mehr formulierbar. Zwar ist Neurath nicht mehr dazu gekommen, selbst an der Entwicklung einer solchen Wissenschaftssprache zu arbeiten, aber er hat einige Grundzüge skizziert. Insbesondere sollte man versuchen, Definitionen auf das Kleinste und Einfachste zurückzuführen, d.h. möglichst wenige Sammel- und Oberbegriffe verwenden und stattdessen nur einzelne, empirisch wahrnehmbare Entitäten zu bezeichnen. Auch sollte die Sprache so strukturiert sein, dass sie so weit, wie es nur irgend möglich ist, rein deskriptiv bleibt, ohne die bezeichnete Sache irgendwie zu bewerten. Und schließlich sei es nötig, für jede Sachaussage einen Protokollsatz zu formulieren, d.h. immer anzugeben, wer wann, wo und unter welchen Bedingungen eine Sache wahrgenommen bzw. beschrieben habe, um zu verhindern, dass die Beschreibung eines subjektiven Eindrucks von einer Sache für eine objektive Beschreibung der Eigenschaften dieser Sache gehalten wird - bspw. nicht "Erdbeeren schmecken gut", sondern "Peter formulierte am 21.2.1992 um 13:38 den Eindruck, dass er Erdbeeren als gutschmeckend empfinde."

Da diese Wissenschaftssprache nun aber noch nicht zur Verfügung stand, tat Neurath sich mit dem Grafiker Gerd Arntz zusammen und entwickelte mit ihm ein Bild- und Zeichensystem, mit dem es möglich wäre, ohne die Verzerrungen der Sprache wirtschaftliche, mathematische und statistische Zusammenhänge so darzustellen, dass auch breite Bevölkerungsschichten wissenschaftliche Erkenntnisse verstehen könnten. Neurath und Arntz organisierten in Wien etliche Ausstellungen, in denen komplexe Zusammenhänge mithilfe dieser Isotypen veranschaulicht werden sollten. Hier einige Beispiel der von Arntz entworfenen Isotype:

http://www.gerdarntz.org/isotype

Dritter Kernpunkt von Neuraths Philosophie ist die im Wiener Kreis entwickelte Vorstellung von der Einheitswissenschaft. Neurath ist - ähnlich wie Carnap - der Ansicht, dass die Unterteilung der Wissenschaft in verschiedene Einzelbereiche wie "Biologie", "Chemie", "Philosophie" usw. willkürlich und sinnlos sei, da alle Phänomene im Universum miteinander zusammenhängen und auf denselben Naturgesetzen beruhen: Die Naturgesetze sind universal und unteilbar. Grundsätzlich müssten für jeden Forschungsbereich genau dieselben wissenschaftlichen Methoden gelten, sogar die Trennung in Natur- und Geisteswissenschaften lehnt er ab: Zwischen einer soziologischen und einer physikalischen Forschungsarbeit bestehe kein prinzipieller Unterschied, denn das Verhalten von Menschen werde von exakt denselben Naturgesetzen bestimmt wie das Verhalten von Himmelskörpern. Dementsprechen neigt Neurath auch zum Determinismus: Da Menschen in allen ihren Handlungen genauso den Naturgesetzen und den Gesetzen der Logik und Mathematik unterliegen wie alles andere, lässt sich bei ausreichendem Wissensstand und dessen korrekter Anwendung die Entwicklung menschlicher Gesellschaften sowie wirtschaftlicher und sozialer Systeme ebenso exakt prognostizieren wie die Umlaufbahn eines Himmelskörpers. Das ist besonders wichtig für die von Neurath favorisierte zentrale staatliche Planung der wirtschaftlichen Produktion, die sich auf genaue Prognosen stützen muss, welche Auswirkungen welche Produktionsveränderung haben wird.

In diesem Punkt allerdings kam es immer wieder zu Konflikten mit anderen Vertretern des Wiener Kreises: Während Neurath nicht nur selbst überzeugter Sozialist war, sondern auch in einem Manifest formulierte, dass streng rationales und wissenschaftliches Denken notwendig zur Favorisierung eines sozialistischen Gesellschafts- und Wirtschaftsmodells führen müsse, blieben die meisten anderen Mitglieder des Wiener Kreises eher unpolitisch oder zeigten sogar Abneigung gegen den Sozialismus. Carnap wies in einer Antwort auf Neuraths Manifest dann auch richtig darauf hin, dass die Bevorzugung eines kapitalistischen Wirtschaftssystems mit einer rational-wissenschaftlichen Weltsicht ebenso vereinbar sei wie die Bevorzugung eines sozialistischen Wirtschaftssystems. Mit wissenschaftlichem Denken unvereinbar seien nur Ansichten, die auf religiösen, esoterischen oder sonstigen irrationalen Annahmen beruhten.

In seinen letzten Lebensjahren beschäftigte sich Neurath vor allem mit der Vorbereitung seiner geplanten großen Enzyklopädie, die das Fundament für die Ausbildung der Einheitswissenschaft und die Fusion aller einzelnen Wissenschaftsbereiche bilden sollte - ein Projekt, das nie vollendet wurde.

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