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DDR - das große Mysterium
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Oxford
Dr. Olympics


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BeitragVerfasst am: 25.02.2008, 22:18                                  +/-

Im Rahmen der Äußerungen von CDU-Mann Böhmer, der die Mütter in der DDR pauschal als Kindsmörder dargestellt hat (leicht dramatisiert), habe ich eben im "Report München" (ARD) erstmals davon erfahren, dass es in der DDR so genannte Wochenkrippen gab, in denen die Kinder die ganze Woche über "kaserniert" waren und die Mütter erst wieder am Wochende zu Gesicht bekamen.

Im Bericht hieß es, dass die Folgen bisher so gut wie unerforscht seien.

Da frag ich mich doch: HALLO? Wieso wissen wir alle so wenig über die DDR? Wieso ist das kein Thema in den Medien (wie bspw. das 3. Reich)?

Weil es noch Menschen gibt (Zeitzeugen), die man vor den Kopf stoßen könnte (Stichwort: Sensibilität)? Oder was?

Ich bin ein politisch sehr interessierter Mensch, dennoch habe ich (was die DDR angeht) absolute Wissensdefizite Geschockt In der Schule (ich war ab 1992 auf dem Gymnasium) haben wir über die DDR nichts gelernt.

Das meiste Wissen habe ich aus einer Führung durch die Stasi-Zentrale in Berlin, sowie durch Filme wie Good Bye Lenin und Sonnenallee...

Wie armselig ist das, bitte schön? Immerhin leben die damaligen DDR-Bürger unter uns. Manchmal wird mir das so richtig bewusst und da denk ich: das kann doch nicht wahr sein!!

Wie seht ihr das?

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Mond



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BeitragVerfasst am: 25.02.2008, 22:27                                  +/-

Die DDR hat nie existiert, klar soweit?
Hab heute verstehst du unter der Abkürzung DDR nur noch "Double Data Rate".


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The Art of Happiness
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Oxford
Dr. Olympics


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BeitragVerfasst am: 25.02.2008, 22:29                                  +/-

Ja, mein Meister!


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little lurker



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BeitragVerfasst am: 26.02.2008, 13:05                                  +/-

Ich BIN ehemaliger DDR Bürger (Jahrgang 1979) und selbst mir war die Existenz dieser Wochenkrippen nicht bekannt. Das scheint auch laut verschiedener Quellen im Internet mehr eine abstruse Idee der 50-60 Jahre gewesen zu sein. Gruselige Vorstellung, dass Eltern so einfach ihre Kinder aufgeben.
Aber zu den Äußerungen des Herrn Böhmer, der die erhöhte Anzahl an Kindstötungen in den "neuen Bundesländern" relativ pauschal auf das Abtreibungsrecht zu DDR Zeiten bezieht - das scheint mir etwas zu einfach. Meiner Meinung nach muß man das auch in Relation zu den finanziellen Umständen sehen, Arbeitslosigkeit und Verschuldung. Extreme Taten wie die Tötung des eigenen Kindes entstehen ja eher aus Notlagen heraus und nicht, weil Ostdeutsche im Allgemeinen das Leben eines Kindes für weniger wertvoll halten. Das scheint mir eine ziemlich abstruse Idee zu sein.

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Oxford
Dr. Olympics


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BeitragVerfasst am: 26.02.2008, 13:22                                  +/-

Zitat:
Extreme Taten wie die Tötung des eigenen Kindes entstehen ja eher aus Notlagen heraus


Ähm, wie bitte? Die einzige Erklärung ist eine gestörte Persönlichkeit. Egal wie groß die finanzielle Not ist, niemand tötet deswegen sein Kind hmmmm

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little lurker



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BeitragVerfasst am: 26.02.2008, 14:18                                  +/-

Ok, ich habe wohl die kausale Kette etwas schief dargestellt. Natürlich ist die Voraussetzung für so eine Tat eine massive psychische Störung, keine Frage. Aber ich denke (ohne dafür Daten ausgewertet zu haben), dass damit meist verschieden geartete finanzielle oder soziale Notlagen einhergehen. Und die sind sicherlich bei den höheren Arbeitslosenzahlen in den neuen Bundesländern einfach häufiger.

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Glaurung



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BeitragVerfasst am: 26.02.2008, 14:32                                  +/-

Ich denke, an Böhmers Äußerungen ist jedenfalls was dran. Aber für derartige "Beleidigungen der Ostdeutschen" wurden ja schon mehrere Politiker abgestraft.

Gerade ehemalige DDR-Bürger und deren Kinder wissen erschreckend wenig über die DDR. Ich würde ja noch nichtmal verlangen, daß ein heute 20-jähriger viel darüber weiß, wenn's ihn halt einfach nicht interessiert. Schlimm wirds allerdings, wenn so jemand (ich denke da an mehrere Arbeitskollegen) die DDR verklärt ("da war auch nicht alles schlecht"-) und glaubt, daß es damals echt besser war als heute. Das muß aus den Elternhäusern kommen, denn Tatsachen kennen die keine. Wenn man denen erzählt, daß das eine waschechte Diktatur mit Folter und vielen politischen Morden war, halten die das für Märchen und West-Propaganda

(gleichzeitig glauben sie aber alles nur erdenklich Schlechte über die USA hmmmm )


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little lurker



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BeitragVerfasst am: 26.02.2008, 14:43                                  +/-

Was hat denn die Meinung Böhmers mit mangelndem Wissen über die DDR zu tun? Meinst du die Menschen werden nur noch "unbewußt" von ihrer Vergangenheit beeinflusst? ?????


Zitat:
Ursachen in der Gegenwart
Auch der hallesche Psychoanalytiker Hans Joachim Maaz hatte Böhmers Äußerungen kritisiert. Maaz sagte MDR 1 RADIO SACHSEN-ANHALT, das Problem auf das Erbe der DDR zurückzuführen, sei sehr verkürzt. Mit dem Blick in die Vergangenheit bagatellisiere Böhmer die heutige Problemlage. Maaz sieht Ursachen für die größere Zahl von Kindstötungen im Osten vielmehr in der Gegenwart, in der unsicheren Existenzgrundlage, Zukunftsängsten und unerfüllten Hoffnungen.


Quelle

Das meine ich.

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Glaurung



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BeitragVerfasst am: 26.02.2008, 14:49                                  +/-

little lurker
Was hat denn die Meinung Böhmers mit mangelndem Wissen über die DDR zu tun?

Nichts. Mein erster Satz steht nicht in direktem Zusammenhang mit den folgenden, deshalb ist da auch ein Absatz zwinkern


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sphinx



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BeitragVerfasst am: 26.02.2008, 14:50                                  +/-

Oxford


Da frag ich mich doch: HALLO? Wieso wissen wir alle so wenig über die DDR? Wieso ist das kein Thema in den Medien (wie bspw. das 3. Reich)?


hm...könnte unter anderem daran liegen, dass der zeitliche Abstand doch noch relativ gering ist; die Aufarbeitung des 3. reichs innerhalb der breiten öffentlichkeit hat ja auch gedauert.
und dann handelt es sich hier eben zynisch gesagt um eine vergleichsweise milde diktatur, die das rückwärts-verklären schondeswegen leichter macht, weil sie nicht mit einem krieg beendet wurde.

also das wär so mal meine von jeglichem historischen detailwissen unbeleckte antwort. zwinkern

wobei einem schon verschiedenes hochkommt, wenn man manche in der ddr geborenen 20-25-jährigen reden hört, wie schön sicher es damals war und welchen zusammenhalt es gab und weiß der teufel was noch ugly


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GuyIncognito



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BeitragVerfasst am: 26.02.2008, 14:56                                  +/-

Naja, nichts ist nur schelcht... wie auch heute bei uns nicht alles gut ist.
Das Gehirn selektiert halt... das Vergangene wird verklärt und schöngeredet, die gegenwart verteufelt. Mal überpsitzt ausgedrückt. Das ist alles kein objektiver Vergleich.


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little lurker



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BeitragVerfasst am: 26.02.2008, 15:00                                  +/-

Nunja, sie sehen die DDR eben aus ihrem eigenen Blickwinkel, bedingt durch die Erfahrungen, die sie gemacht haben. Mir ging es als Kind in der DDR auch gut, ich fühlte mich nicht unterdrückt und ein höheres "Sicherheitsgefühl" (=planbarere Zukunft) war auch vorhanden. Ich denke sphinx hat schon recht, dass der Abstand und die Aufarbeitung noch fehlen. Bleibt zu hoffen, dass das für die Verklärten noch kommt und die DDR nicht irgendwann soweit idealisiert wird, dass sie etwas wieder anzustrebendes darstellt.

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Eiranion
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BeitragVerfasst am: 26.02.2008, 15:15                                  +/-

Nun, das Leben in der DDR hatte sicher seine Vorteile, nach denen sich die Leute teilweise zurücksehnen, Planwirtschaft hat halt auch für jeden einen Plan an dem er sich durch Leben hangeln kann, vieles wird staatlich geregelt, dagegen ist halt die soziale Marktwirtschaft der BRD ein ganzes Stück liberaler und es wird mehr Eigenverantwortung von den Bürgern gefordert.

Ein Problem in der Wahrnehmung ist glaube ich, das die DDR-Wirtschaft erst zusammenbrach als die Treuhand anfing alles abzuwickeln was wirtschaftlich nicht lebensfähig war, und das numal fast die gesamte Volkswirtschaft der DDR. Es wäre da wahrscheinlich besser gewesen, wenn die Wirtschaft schon in der DDR den Bach runter gegangen wäre und dieses "Als die Mauer noch stand hatten wir wenigstens alle Arbeit" nicht gelten würde, was natürlich auch Humbug ist, weil die BRD die DDR-Wirtschaft schon damals künstlich mit durchgefüttert hat um damit politische Zugeständnisse zu erkaufen.

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Quar



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BeitragVerfasst am: 26.02.2008, 15:39                                  +/-

Interessantes Thema. In meiner Abschlussarbeit untersuche ich ja die Darstellung der DDR in "Das Leben der Anderen" und die Rezeption in Ost und West. Deswegen habe ich mich im letzten Jahr sehr in die Thematik eingelesen und mit Menschen darüber gesprochen.
Dabei ist es schon logisch, dass Menschen, die eben ihre Jugend in der DDR verbracht haben, sich auch gerne an diese positiv erinnern. Das ist nun mal ein Lebensabschnitt, der unter besonderen Vorzeichen steht. Sobald man aber eben nachfragt, inwiefern das politische System Einfluss auf das eigene Leben hatte, kommen die Geschichten von bespitzelten Nachbarn und geschmuggelten Schallplatten. Ich kenne natürlich auch Leute, die die DDR verklären (ein Lehrer sprach gar davon, dass es geheime Wahlen in der DDR gab), aber ein Großteil der Leute, mit denen ich mich darüber unterhalten habe, sehen die DDR schon kritisch. Die Tatsache, dass man nach der Wende oft arbeitslos wurde, ist mir gegenüber nicht immer der Wiedervereinigung zugeschrieben sondern eher als Folge der kaputten DDR Wirtschaft dargestellt worden.
Diese Wochenkrippen gab es übrigens bis in die 80er Jahre, eine Kollegin meiner Mutter brachte ihr Kind das zweite Jahr dorthin. Eltern waren beide berufstätig, Babysitter zu teuer, da wurde die Krippe genommen. Meiner Mutter war das zu "krass".
Ich bin immer wieder erstaunt, wie wenig manche Leute über die DDR wissen. Bei uns in der Familie wurde immer viel darüber geredet. Eine Kommilitonin wusste nicht mal, wie das mit der Prager Botschaft ablief. Überrascht

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Eiranion
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BeitragVerfasst am: 26.02.2008, 16:22                                  +/-

Das Problem ist, das man in der Schule echt nur dann was über die DDR lernt, wenn man Geschichte bis in die 13 belegt, bis dahin haben wir jedenfalls an unserer Schule absolut nichts über die Zeit nach 45 gelernt.
Ich finde das fast schon fahlässig, denn auch im schönen Fach Politik habe ich so gut wie nie irgendwas wirklich relevants gelernt, und ein Wissen um das Wie und Warum in den politischen Abläufen ist eigentlich sehr wichtig.

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Celebrian
Katen-Löwin


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BeitragVerfasst am: 26.02.2008, 18:41                                  +/-

Glaurung
Ich denke, an Böhmers Äußerungen ist jedenfalls was dran.


Solange sich nicht herausstellt, daß sämtliche Kindsmörderinnen und deren Eltern just die einzigen Ex-DDR-Bürger waren, die die Wochenkrippen nutzten, ist da nullkommanix dran. Das ist genauso albern wie die Ansicht, ein Ballerspiel würde jemanden zum Amokläufer machen. hmmmm Sowas kann im Einzelfall ein Faktor unter anderen sein, mehr aber auch nicht. Böhmer wird völlig zu Recht so angegangen - letztlich geht es ihm nur um alte Feindbilder (de Kommonästen!! chrrrr) und hintenrum vermutlich wieder um "Abtreibung-ist-des-Teufels"- bzw. "Ein-Kind-gehört-zu-seiner-Mutter"-Litaneien. Kindstötung als Familienplanung - und das mal eben so als Mentalität aller ostdeutschen Frauen definiert. Nimmt man ihn beim Wort, müßten ja wirklich alle ostdeutschen Frauen so empfinden, so eine "Mentalität" konzentriert sich schließlich nicht nur auf depressive/alkoholkranke/sonstwie prekäre Frauen. Der Mann hat echt 'ne Schraube locker.

@DDR in der Schule
Leider wohl weitgehend Fehlanzeige... Deutsche Geschichte geht bis 1945. Man muß schon froh sein, wenn sie nicht erst 1871 beginnt... Geschockt
Die jetzigen (West-)Schulkinder dürften eine Generation der DDR-Unwissenden sein. Wir haben immerhin großenteils den Mauerfall miterlebt und gemischt studiert, und die übernächste Generation wird schon genug Abstand haben, um in der DDR wirklich Geschichte zu sehen. Aber im Moment ist da wohl eine ähnliche Lücke wie bei Thema Nazizeit in den 50ern und frühen 60ern...

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sphinx



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BeitragVerfasst am: 28.02.2008, 13:53                                  +/-

GuyIncognito
Naja, nichts ist nur schelcht... wie auch heute bei uns nicht alles gut ist.
Das Gehirn selektiert halt... das Vergangene wird verklärt und schöngeredet, die gegenwart verteufelt. Mal überpsitzt ausgedrückt. Das ist alles kein objektiver Vergleich.


gerade dessen sollte man sich aber bewusst sein. und gerade weil es auf erden schlichtweg nichts gibt, das keine vorteile böte, wenigstens für ein paar der beteiligten, ist dieser hirnverbrannte "es war nicht alkles schlecht" satz ja auch so unbrauchbar als politisches argument zwinkern


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Nichtraucher
Fun Bobby


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BeitragVerfasst am: 28.02.2008, 18:38                                  

Mal was hochgradig Subjektives:

Als Kind und Jugendlicher war ich oft bei unseren Verwandten im Osten zu Besuch. Als Kind sehr gerne, meine Verwandten leben sehr ländlich, im tiefsten Ost-Harz, da gab es viel Natur, einen Badesee im Wald, Fassbrause und sehr künstlich schmeckendes Eis für ein paar Pfennig. Es war immer etwas wie ein Ausflug in die Vergangenheit, in ein Erich-Kästner-Buch: die Straßen waren mit Kopfsteinen gepflastert, es gab kaum Verkehr, man hielt sich Kaninchen im Garten, die Fernseher waren schwarz-weiß, man konnte niemanden anrufen, weil keiner Telefon hatte, man schaute einfach vorbei, wenn man in der Gegend war und dann wurde erstmal im Garten gegrillt. Es wurde andauernd gegrillt.

Das Prozedere an der Grenze war spannend und ein bisschen gruslig, wir durften kein Wort sagen und dass meine Mutter, eine sehr resolute Frau, vor den Grenzern offensichtlich Angst hatte, hat mich besonders beeindruckt. Einmal wurden uns unsere Kinderbücher weggenommen, geene Druckerzeugnisse vom Glassenfeind bitte. Aufregend.

Später bemerkte ich immer mehr das Drückende, das auf allem lastete, das allmächtige System, vor dem es sich unsichtbar zu machen galt. Nur nicht auffallen. Unser West-Auto musste immer außer Sichtweite der Straße geparkt werden, hinterm Haus, wohin wir auch kamen. Dass immer gegrillt wurde, war eine Art der Freizeitgestaltung, die sicherstellte, dass nicht zuviele neugierige Augen den Westbesuch zu sehen bekamen. Zuviel Westkontakt konnte Schwierigkeiten bereiten. So blieb man im sicheren Refugium des eigenen Schrebergartens, im Kreis derer, denen man vertraute. Alles spielte sich im Kreis von zwei, drei Familien und in deren Gärten und Datschen ab, Ausflüge gab es selten. Unsere Mitbringsel, Kaffee, Schokolade ect. steckte meine Mutter meinen Tanten mit verschwörerischer Miene in der Küche zu, fast wie Schmuggelgut. Obwohl, vielleicht war es Schmuggelgut?

Ich erinnere mich noch, wie teils belustigt, teils entsetzt ich war, als ich alt genug war, die Propaganda in der dortigen Tageszeitung zu verstehen. Dass das alles starker Tobak war, was da über die blutgierigen zionistischen Verbrecher und die freiheitsliebenden palästinensischen Kämpfer stand, über die Armut in den Großstadtghettos des Westens und die neuesten sozialistischen Produktionsrekorde. Da hab ich mich öfter mal mit einer Cousine in die Haare bekommen, die es unerträglich anmaßend fand, wie ich die die DDR runterputzte und ich war, das muss ich dazu sagen, damals auch nicht gerade diplomatisch. Ihr Vater meinte nur abwinkend, ach, die glaubt halt noch alles, was ihr die Lehrer sagen. Wobei eine Tante selber Lehrerin und sie und ihr Mann in der Partei war, das muss ein ständiger geistiger Spagat gewesen sein. Die Regel war, man durfte schimpfen, aber dabei nicht ans Eingemachte gehen. Man versuchte sich zu arrangieren. Später bekam ich durch Anmerkungen hier und da mit, wie es lief, wenn man den Mund doch zu weit aufgemacht hatte.

Die Unterdrückung war latent und versteckt. In den stalinistisch geprägten Anfangsjahren der DDR war das sicher anders, aber später verbot sich zu offensichtliche Gewalt schon mit Rücksicht auf die lebensnotwendigen Handelsbeziehungen zur BRD. So arbeitete der Staat eher mit Gängelei. Störrischen Bürgern wurde das Leben schwer gemacht, die Abstufung ging vom Verlust bestimmter Privilegien über Berufsverbote, Reisesperre, regelmäßiges Melden bei der Polizei, Strafdienste auf Baustellen und in der Landwirtschaft bis zur Haft. Wer in Haft saß, hatte kaum Kontakt zu seinen Angehörigen, die oft völlig im Dunkeln gelassen wurden, wo und wie lange der Betroffene einsaß. Man kam dann auch irgendwann wieder raus, es waren keine Todeslager im NS-Stil, auch wenn CDU-Politiker und die Wolters dieses Landes diese Vergleiche zu gern benutzen. Aber man war eben rechtlos, man konnte die Mittel des Rechtsweges nur so weit nutzen, wie es genehmigt wurde. Die Politik diesbezüglich konnte sich täglich ändern. Man wusste quasi weder, warum man eingesperrt wurde, noch warum man gerade jetzt wieder rauskam.

Ein Staat, der alles kontrollierte, konnte in vielen Punkten des Lebens Druck ausüben. Ein Cousin konnte nur Maschinenbau studieren, wenn er sich 4 Jahre freiwillig zur Armee meldete. Sein Großvater(!) hatte mal wegen antisozialistischer Umtriebe gesessen, in den 50ern oder so, und sein Enkel galt daher als politisch ungefestigt. So wurde erwartet, dass er erstmal seine Loyalität zum sozialistischen Vaterland zu beweisen hatte. Hat er dann auch so gemacht, hat das Land aber praktisch am 10. November `89 verlassen. So schafft man eben keine Liebe.

Als ich älter wurde fuhr ich dann auch immer weniger gern nach drüben, immer mehr belastete mich die Atmosphäre der Trost- und Hoffnungslosigkeit. Es hatte alles sowas Deprimierendes. Die Häuser waren verfallen, es ging nirgends voran, alles war grau in grau, die Luft stank nach Braunkohle und es gab nichts zu kaufen. Niemand hatte den Ehrgeiz, was zu schaffen, da es nichts einbrachte. Vom Lohn konnte man sich nichts Interessantes kaufen, und alle Produkte, die was taugten, wurden in den Westen verkloppt. Es gab ja gute Produkte, aber die A-Ware ging sofort rüber, der Devisenhunger der DDR war unersättlich. Die B-Ware ging nach Russland und die Arbeiter bekamen maximal die C-Ware selber in die Hand. Man muss sich vorstellen, man baute tagsüber schöne Dinge, sagen wir Ferngläser, konnte aber nie ein vollwertiges Produkt seiner Arbeit kaufen, außer mit Devisen, aber die hatte man nicht. Klar, dass keiner einen Sinn darin sah, mehr zu leisten, als unbedingt nötig. In den späten 80ern wurde dann das Kopfsteinpflaster in den Dörfern aufgerissen und abtransportiert, es wurde in den Westen verkauft, weil es damals in westdeutschene Kleinstädten hip war, wieder Kopfsteinpflaster zu legen. Die aufgerissenen Straßen im Osten blieben dann so. Bei einem meiner letzten Besuche schauten wir uns Quedlinburg an, berühmt für seine mittelalterliche Altstadt. Viele Häuser waren schlicht und ergreifend in sich zusammengefallen und wurden nach und nach von Unkraut überwuchert und viele weitere waren mit Bauzäunen abgesperrt, weil sie kurz davor standen, zusammenzufallen. Gehwege waren notdürtfig überdacht, wegen Steinschlag. Gemacht wurde nichts dagegen, es verfiel einfach so vor sich hin. Ich habe das damals nicht begriffen, mitten in der Stadt fallen Häuser ein und niemand kümmert sich darum. Gehörte halt alles dem Staat, wer sollte sich drum kümmern? Ein Jahr später oder so kam die Wende. `89 war echt die Luft raus. Die DDR der 80er war ein Land, das kein bisschen Hoffnung mehr hatte.


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Glaurung



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BeitragVerfasst am: 28.02.2008, 22:29                                  +/-

Wow Überrascht



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Wolter



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BeitragVerfasst am: 29.02.2008, 01:50                                  +/-

Der Pk
Man kam dann auch irgendwann wieder raus, es waren keine Todeslager im NS-Stil, auch wenn CDU-Politiker und die Wolters dieses Landes diese Vergleiche zu gern benutzen.

????? Ich wüßte nicht, wo ich mal mit (dann natürlich unstatthaften) Vergleichen suggeriert haben sollte, daß es in der von Dir (übrigens sehr eindrücklich Spitze-) beschriebenen Spätzeit der DDR etwas den tödlichen Lagern der Nazis Vergleichbares gegeben hätte.
[Daß der sowjetische NKWD (KGB-Vorläufer) direkt nach dem Krieg keine Skrupel hatte, die KZs wie Buchenwald zur Inhaftierung von nicht nur tatsächlich schuldig gewordenen Nazis, sondern auch zur Festsetzung angeblicher "konterrevolutionärer Elemente" weiterzubenutzen, und daß die Todesrate da durchaus auch erschreckend hoch war (Heinrich George etwa starb in einem der NKWD-Lager), das ist Dir doch hoffentlich bekannt?]

Mangels Ostverwandtschaft hatte ich erst kurz vorm Staatsexitus einen "richtigen" (also nicht nur Transit von Westdeutschland nach Berlin oder innerhalb Berlins am Bahnhof Friedrichstraße) deutsch-deutschen Grenzübertritt in die D"D"R mit Privatbesuch, und so kann ich die "öffentlichen" Eindrücke (Braunkohlen-Gestank, übrigens kombiniert mit dem Trabi-Benzin, das Grau in Grau der putzabgeblätterten Häuserfassaden, die nervöse Grenzabfertigungsatmosphäre, die von den säggsischen Grenzkontrollören ausging etc.) nur voll bestätigen; allerdings war dieser eine Besuch ansonsten nur eine Momentaufnahme, für das Bemerken und Einschätzen der Stimmungsveränderung der Menschen über die Jahre hinweg fehlten mir frühere Erfahrungen... Die Besuchten allerdings sprachen über ihren Staat mir gegenüber schon sehr offen kritisch: heile Welt bekam ich ausdrücklich nicht vorgespielt.

[Kleine Korrektur: es waren für privilegierte Studiengänge nur 3 Jahre für die NVA zu opfern... / edit: oder ach so, wegen der großväterlichen "politischen Unzuverlässigkeit" mag es da vielleicht tatsächlich noch eine Zusatzrunde von 12 Monaten gegeben haben...]

Übrigens habe ich keinen Schimmer mehr, ob ich mir von dem Zwangsumtausch noch irgendwas Nützliches zum Ausführen in den kapitalistischen Westen geleistet hätte... ?????

Über den gynäkologischen (!!) Mediziner (!!) W. Böhmer und seine Sicht auf die "real sozialistische Familienplanung" (oder besser, über die unangemessenen Reaktionen auf ihn) werde ich am Wochenende mal ein paar kritische Worte verlieren... Smilie


W.

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Psycho Dad
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BeitragVerfasst am: 29.02.2008, 08:16                                  +/-

Manche Leute müssen den Wolter schon mit einer 1-Seitenhieb-pro-Posting-Quote verfolgen, so wie ich die Ethikterroristen.


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„Hm, ich hätte Appetit auf generell asiatisch.“
(Tyler D.)
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Glaurung



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BeitragVerfasst am: 29.02.2008, 18:49                                  +/-

Relativ fies, da pk den Wolter sicherlich auf seiner Ignoreliste hat, also eventuelle Gegendarstellungen gar nicht lesen wird. Ok, würde er auch ohne Ignoreliste nicht... hähö


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