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All the world's a stage - Theaterthread
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Lothiriel
Wissende


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BeitragVerfasst am: 02.12.2009, 23:04                                  +/-

Nation
National Theatre


Adaption eines Romans von Terry Pratchett, diesjähriges Weihnachtsprogramm des National Theatre für Familien. Ein junges, weißes, adliges Mädchen namens Daphne erleidet Schiffbruch in einem Tsunami, strandet auf einsamer Insel und trifft dort auf den jungen Eingeborenen Mau, dessen Stamm durch den Tsunami ausgelöscht wurde. Beide müssen lernen miteinander umzugehen und ihre Vorurteile gegenüber dem jeweils anderen zu überwinden, um eine Chance zum Überleben zu haben. Im Laufe des Stückes tauchen noch mehr Überlebende auf, gemeinsam gründen sie eine neue Nation, von Grund auf neu, mit neuen Regeln, Gesetzen, Traditionen. Pädagogisch wertvoll für die politische und gesellschaftliche Erziehung von Kindern, hätte ich welche oder wäre ich Lehrerin, ich würde die Kinder da reinschleppen. Optisch ein Hochgenuß, was mir vorher nicht so klar war: Da wären jede Menge Puppen als Inselgeschöpfe, verantwortlich dafür sind die gleichen Leute, die die Puppen für den König der Löwen geschaffen haben. Außerdem gibt es atemberaubende 3-D-Projektionen, ich hatte noch nie so viel Angst, von einem Hai gefressen zu werden, das Vieh war gruselig!
Für die Erwachsenen bietet Nation dazu noch jede Menge gutaussehende Menschen in halbnackt, man will ja schließlich auch selber was für's Auge, wenn die lieben Kleinen gebannt der Geschichte folgen. Und es gibt jede Menge Witze über die Monarchie, wer könnte das mit mehr Spaß zelebrieren als die Briten? Außerdem wäre da noch Milton, ein Papagei, der manchmal sehr unanständige Klopper von sich gibt, besonders die Jungs im Publikum und ich mochten ihn.
Dummerweise gibt es kein Happy End für das knuffige Pärchen, Daphne wird von ihrem Vater gerettet und muss daheim in England in ihre Rolle als Prinzessin schlüpfen, Mau bleibt alleine auf der Insel zurück. Es gibt lediglich eine Art Ausblick auf die Zukunft, wenn Jahre später Touristen auf der Insel sind und die Geschichte von Daphne und Mau erzählt bekommen, deren Seelen nach ihrem Tod als Delphine gemeinsam durch die Meere schwimmen. Todtraurig! Rotz und Wasser habe ich geheult!


War Horse
National Theatre/New London Theatre




Hatte vor über zwei Jahren Premiere, es geht um ein Pferd im ersten Weltkrieg. Vor zwei Jahren habe ich es noch mit "Jaja, die Briten und die Weltkriege, ich kann's nicht mehr hören/sehen." abgetan, ganz ehrlich: Wer braucht noch eine weitere Geschichte drüber?!
Jetzt, zwei Jahre später, ist es immer noch unglaublich schwer an Karten zu kommen, unglaublich viele Leute schwärmen von den Pferdepuppen, die Kritiken waren und sind ebenfalls unglaublich und absolut jeder, der es gesehen hat, ist begeistert. Okay, einige bemängelten die etwas dünne Story, aber dafür wäre es so wahnsinnig bewegend inszeniert, ich solle das uuuuuuunbedingt gucken, man müsse das gesehen haben. Ja, nee, is' klar. Zwei Jahre nach der Premiere hatte man mich also weichgeklopft und ich saß tatsächlich drin.

Das Programmheft erläutert:
Area of France invaded and devastated: 10%

Livestock numbers in that area: pre-war 1918
Cattle and draft oxen 892,000 58,000
Horses and mules 407,000 32,000
Sheep and goats 949,000 25,000
Pigs 356,000 25,000

Agricultural production lost in that area:
Wheat 50%
Sugar beet 60%
Oats 30%
Potatoes 18%

Damage in that area:
Houses destroyed 293,000
Houses seriously damaged 435,961
Trenches and shell holes to be filled 436 million cubic yards
Barbed wire to be removed 448 million yards
Munitions to be destroyed 21 million tons
Wells to be restored 121,108
Railway track destroyed 1,500 miles
Roads to be remade 33,000 miles

One million horses were taken to France from Britain. 62,000 were brought back.

War Horse erzählt die Geschichte eines der 62000 Pferde, die zurück kamen. Albert, der Sohn eines Bauern, zieht ein Fohlen namens Joey auf. Später wird Joey an die Kavallerie verkauft und Albert macht sich auf die Suche nach seinem Pferd. Er folgt Joeys Spuren durch's besetzte Frankreich, wo Joey in die Hände der deutschen Armee fällt, bis beide am Ende wieder zueinander finden, beide schwer verletzt, aber immerhin am Leben.
Ich fand es sehr erstaunlich, daß keine Seite in diesem Krieg als die komplett gute oder schlechte Seite dargestellt wurde, es gab auf englischer, französischer und deutscher Seite sympathische und weniger sympathische Charaktere, man hat stur die Geschichte des Pferdes erzählt, dadurch wirkten aber die Verluste und Schrecken des Krieges drum herum um so erschütternder, es wurden Einzelschicksale gezeigt und es war egal, welche Nationalität die gezeigte Person hatte. Mutig war in meinen Augen (oder Ohren?) die Entscheidung, die Texte in verschiedenen Sprachen zu lassen und nicht alles auf Englisch vorzutragen, es gab immer wieder minutenlange Passagen, in denen nur deutsch oder französisch gesprochen wurde. Man konnte der Handlung zwar auch ohne das exakte Verständnis dieser Texte folgen, aber die fremdsprachigen Texte boten immer dann, wenn Menschen mit unterschiedlichen Muttersprachen aufeinander trafen, ein paar seltene Momente zum Aufatmen und sogar Lachen, wenn sich durch Mißverständnisse zum Teil haarsträubende Kommunikationsprobleme ergaben. An einem Großteil des Publikums dürfte das vorbeigerauscht sein, ich habe immer die gleichen ca. 10 Leute prusten hören. Es machte die Charaktere auf der Bühne menschlicher und jeden einzelnen Tod dieser Personen härter. Ganz, ganz schlimm wurde es gegen Ende, als das Pferd versuchte, in die Freiheit zu entfliehen und dabei in den Stacheldraht rannte, grausam! Und unheimlich, wie real so eine Puppe wirken kann! Nichts für schwache Nerven, es ist wirklich insgesamt gesehen sehr heftig.



Noch dazu wird das ganze von Musik untermalt, irischer Folk sage ich da nur.

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Wichtel



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BeitragVerfasst am: 14.12.2009, 22:13                                  

Was Hitler mit der RAF zu tun hatte – oder Elvis lebt. Und Schmidt kann es beweisen.



Martin Leutgeb, rechts, machte auch in Schlaghose, Hemd und mit Perücke eine gute Figur und sang großartig. Thomas Eisen, links, trug knallenge rote Hosen mit weißen Seitenstreifen, sang Elvis und spielte Hitler mit verrutschtem Bart. Der Engel im Hintergrund ist Benjamin Grüter. Ebenfalls Elvis, Publikumsstürmer (was war ich froh, nicht die Karten in der ersten Reihe genommen zu haben … dort, wo er sich gymnastisch verlustierte hätten wir ungefähr sitzen können :Panik: ), Schlaghosen- und Perückenträger.


Harald Schmidt vor von Hartz IV-Empfängern gebügeltem und aufgehängtem Lametta. Sagt er. Sang, schimpfte, wirrte. Rezitierte Biermann und Brecht, schwang sogar mal die Hüfte und – zertrümmerte eine Kinderplastikgitarre! !!!


Die Band Baby Grand war ganz super! Murat Parlak am Klavier war der mit dem irren Grinsen. Erinnerte mich an Tony Marshall , Sebastian Schwab mit schicker blonder Perücke am Schlagzeug (:Herzchenaugen:) und Christian Hof Bassist, ebenfalls im hellen Anzug.




Toller Liederabend. *hingerissenbin*

Die Hoooseeee!


Alle Bilder vom Staatstheater Stuttgart.

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Lothiriel
Wissende


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BeitragVerfasst am: 16.12.2009, 21:59                                  +/-

Inherit the Wind
The Old Vic




Hillsboro, eine Stadt in den Südstaaten. Mittendrin. The buckle of the bible belt, bibeltreuer religiös verblendeter geht kaum noch. Ein Junge und ein Mädchen treffen sich auf der Straße, der Junge sammelt Würmer zum Angeln, das Mädchen ekelt sich, der Junge entdeckt ungeahnte Spaßmöglichkeiten und fängt an, das Mädchen noch ein wenig mehr zu ärgern. Er erklärt ihr, daß die Menschheit von Würmern abstammt. Und von jelly blobs.

So beginnt ein Drama von Jerome Lawrence und Robert E. Lee, das zu einem amerikanischen Klassiker mutiert ist und mehrfach verfilmt wurde, pk erwähnte einen Film mit Spencer Tracy.
Zusätzlich zum optischen Kulturschock einer südstaatlerischen Kleinstadt, in der die Zeit stehengeblieben ist, gab es für mich noch den akustischen Schock, sämtliche Städtchenbewohner sprachen quäkigsten Southern drawl, ich habe mich die ersten Minuten wirklich konzentrieren müssen, um überhaupt irgendetwas zu verstehen. Wie gut, daß es am Anfang nur darum geht, dieses Südstaatenflair aufkommen zu lassen, es geht gemächlich zu, als größte Handlung (im Sinne von "Bewegung") fächeln sich ein paar Damen Luft zu, es wird Leeeeeeeeemonaaaaaaaaaaade verkauft, das Damenkränzchen diskutiert über Selbstgebackenes, der Reverend beschäftigt seine Schäfchen mit der Organisation des Empfangs von Matthew Harrison Brady, der immerhin dreimal fast zum Präsidenten gewählt wurde und glühender Verfechter des Kreationismus ist. Bertram Cates sitzt im Knast, weil er als Lehrer es wagte, Darwins Evolutionstheorie anstelle von Gottes Wort zu unterrichten, seine Geliebte Rachel, Tochter vom Reverend, kann das nicht mit ansehen und möchte ihn überreden, seine Aussagen zu überdenken, die Evolutionstheorie als Witz darzustellen, schließlich wäre dann alles wieder in Butter. Bißchen naiv, die Guteste. Der Zuschauer erfährt vom bevorstehenden Prozess um Bert Cates, Brady soll die Anklage übernehmen. Irgendwann taucht ein E.K. Hornbeck auf, Journalist, sarkastisch, zynisch, böse, und enthüllt, daß Henry Drummond die Verteidigung übernehmen wird. Drummond ist ein alter Freund von Brady, aber glühender Verfechter des Rechts auf eigenes Denken, und ein bekannter Anwalt.

Das Stück braucht tatsächlich den kompletten ersten Akt, bis es überhaupt zum Gerichtsprozess kommt, was ich schon bemerkenswert finde in einem Stück, in dem es um einen Gerichtsprozess geht. Alles bis dahin ist Vorgeplänkel, Personen werden vorgestellt, es ist warm, noch mehr Personen werden vorgestellt, die Temperatur steigt, es gibt noch mehr Dramatis Personae, und erwähnte ich schon, daß es warm und schwül und stickig ist? Sogar das Old Vic ist mal geheizt, nachdem wir uns in diesem Theater im Sommer den Allerwertesten abgefroren haben. Aber nun ja, es spielen bei "Inherit the Wind" 41 Menschen und ein Affe mit, da kann man schon mal einen Akt lang brauchen zum Etablieren der Stimmung und der Personen.

Im zweiten Akt geht es aber dann richtig los mit dem Gerichtsprozess. Nachdem der gänzlich unparteiische Richter der Ablehnung aller Zeugen der Verteidigung zustimmt, sieht sich Drummond gezwungen, den Anwalt der Anklage, Brady selbst, in den Zeugenstand zu zitieren. Plötzlich stehen sich zwei Giganten gegenüber, Brady auf der einen Seite, ein wahrer Koloss, dessen Körpersprache die Schwäche seiner Argumente ausgleichen muss, nicht wirklich bösartig, sondern im Gegenteil bei allem religiösen Eifer immer noch menschlich und irgendwie sympathisch, wenn auch ein wenig arg verblendet. Auf der anderen Seite Henry Drummond, vom Alter gezeichnet, aber lebenslustig und verschmitzt, ein Meister der Spitzfindigkeiten, mit einem unbändigen Spaß am Anpieken von anderen Leuten, am liebsten natürlich Brady.

Mit David Troughton als Brady und Kevin Spacey als Drummond stehen sich hier zwei Schauspielschwergewichte gegenüber, und bei aller - ich sag mal - Einfachheit des Stücks ist es unglaublich spannend, den beiden zuschauen zu dürfen. Troughton hat eine eher wuchtige Spielweise drauf, Spacey gegenüber spielt zwar auch um Leib und Seele, im sitzt aber eher der Schalk im Nacken. Ich glaube, der freut sich schon darauf, wenn er alt wird und wirklich mit einem Spazierstock um sich fuchteln darf, während er sich völlig abstruse, aber in sich logische Argumentationen zusammenbastelt. Und immer wieder mittendrin der fiese Reporter (Mark Dexter), der alle noch mehr anstichelt. Ich habe selten bei so wenig Handlung so einen grandiosen Theaterabend gehabt!

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Nichtraucher
Fun Bobby


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BeitragVerfasst am: 18.12.2009, 10:17                                  +/-

Hallo Loth

Es wird dich icher freuen zu hören, dass Steven Spielberg eine Verfilmung von War horse plant. Ja? Wusste ich Smilie Nichts zu danken.


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You met me at a very strange time in my life.
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Ramujan



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BeitragVerfasst am: 18.12.2009, 11:19                                  +/-

Der übrigens exakt heute 63 wird. Herzlichen Glückwunsch!

Spielberg muss allerdings erst einmal seinen Tim und Struppi in 3D fertigstellen, dann kann er sich um andere Projekte kümmern.


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😱
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Lothiriel
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BeitragVerfasst am: 22.12.2009, 19:14                                  +/-

Spielberg und War Horse klingt nach einer seltsamen Kombination.


Vermischtes:

La Cage aux Folles, London: Ich möchte seit Wochen darüber schreiben, finde aber nicht die richtigen Worte. Aber dafür habe ich eine kurze Reportage gefunden mit Ausschnitten, damit die Torchwoodgucker hier ihren Spaß haben können:

John Barrowman und Simon Burke

Hamlet:
Die Filmfassung vom Hamlet der Royal Shakespeare Company wird am 2. Weihnachtsfeiertag auf BBC 2 ausgestrahlt, der Trailer dafür hat es etwas vorzeitig ins Netz geschafft:

Ich will das gucken! Jetzt! Sofort!

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Wichtel



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BeitragVerfasst am: 11.01.2010, 16:40                                  +/-

Athene und ich haben uns gestern Der Prinz von Dänemark angesehen. Es war absolut oberspitze. Weil ich aber zu Athene sagte, dass ich es dumm finde, über Elvis schon gleich am nächsten Tag was geschrieben zu haben, weil ich es jetzt noch besser finde, als damals, wäre es doch blödsinnig, heute den Prinzen zu kommentieren. *wirr*
Aber es gab Feuerwerk und überaus passend eingesetzte Liederchens. *kicher*


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Wichtel



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BeitragVerfasst am: 25.01.2010, 23:00                                  +/-

Nachdem wir bis um 18.45 Uhr in der Schule rumsaßen und mit Informationen zugeballert wurden, es deswegen für jedwede Art von Gruppensport schon zu spät war, beschlossen eine Kollegin und ich, ins Theater zu gehen. Nicht in so ein großes, sondern in irgendwas kleines, kuschliges, am besten mit bequemen Sitzen.
So landeten wir im Erdgeschoss, einer Lokalität auf Stuttgarts Partymeile (die ich sonst meide, wie nichts anderes). Auch hier das Heussche Aquariumfeeling, das lässt sich wohl nicht vermeiden, abgemindert aber dadurch, dass das Erdgeschoss irgendwie am Straßenanfang (oder -ende, je nachdem) liegt. Wir waren beide überrascht, wie nett es drinnen war. Die Bühne klein, das Publikum überwiegend weiblich (man braucht nicht zu raten, woran das bei einer one-man-show liegen könnte), die Sofas waren leider vergeben, als wir uns dann auf die Publikumsplätze begeben wollten. So viel zum Thema Bequemsitzen. Na, egal, geht ja um Theater. Sibylle Bergs Ein paar Leute suchen das Glück und lachen sich tot, gespielt von Sebastian Schwab. Die grobe Handlung zitiere ich mal aus dem Standard:

Zitat:
Vera ist frustrierte dreißig und mit Helge verheiratet. Helge ist frustrierter Barpianist und sexuell mit Barpianistenlauscherinnen ausgelastet. Nora ist noch ganz jung, magersüchtig, liebessüchtig. Tom wird aus Frust norasüchtig, und das wird zum Problem. Taucht doch Bettina auf der Bildfläche auf, die harmoniesüchtig nach dem einzigen Richtigen sucht – „Ich weiß alles. Und warte trotzdem“. Das Richtige ist mit Treffsicherheit alle zwei Monate der Falsche, Folge: Frust.


Vera flieht mit Pit nach Kalifornien, er möchte dort gerne Rockstar werden, lässt sich aber lieber aushalten und bezahlt am Ende mit dem Skalp. (Ich werde keine Rücksicht auf Spoiler nehmen.) Helge orientiert sich sexuell dann doch anders, nämlich so, wie die Wahrsagerin es Vera prophezeite, und das auch noch in Venedig. Der muss auch sterben. Jämmerlich im dreckigen Kanal. (Sehr bildliche Darstellung, ich muss schon sagen … Neutral ) Überhaupt sterben am Ende alle außer Vera, ihr stirbt der Kuchen, was ungefähr genauso schrecklich ist. Das einzig Bunte, Schöne im Stück geht hinüber. Das Leben ist nämlich völlig sinnlos und kann deshalb auch keinen Spaß machen.

Ja, und das war dann auch mein Problem. Natürlich war es unterhaltsam, natürlich spielt Herr Schwab toll*, aber selbst sein Verlassen der Lokalität kann in seiner Unterhaltsamkeit nicht über die Traurigkeit des Stückes hinwegspielen.


Hingegen diese Kärtchen, elegant selbstklebend, reizten mich zu mühsam unterdrückten Kicheranfällen. Berufshysterie hat im Publikum nichts zu suchen. Trotzdem … *grins*

Am Ende bat uns Herr Schwab dann noch, weil er ja so jung und … den Rest habe ich vergessen … Schauspieler sei, doch am Mittwoch in seine andere Solovorstellung zu kommen. Die Werbetrommel könnte gefruchtet haben, aber ich habe etwas Bange, dass wieder alles so traurig ist.

"Das Schicksal lässt sich von Schafen nicht bestechen." wie schade

*er spielt auch Klavier …

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einBaum



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BeitragVerfasst am: 25.01.2010, 23:04                                  +/-

Oh Gott. Ich kenne das Buch, ein ganz schreckliches Machwerk. Ich erinnere mich, wie irgendein Typ seitenlang an der Ruhr krepierte, irgendwo in Asien (schluck den Wortwitz runter, Craggan!). Den Rest habe ich verdrängt. Sibylle Berg finde ich ohnehin seit jeher anstrengend. Schon, als sie noch für die Allegra schrieb. Geschockt

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Wichtel



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BeitragVerfasst am: 25.01.2010, 23:06                                  +/-

Der kam bei der Aufführung nicht vor … und würde ich manchmal Frauenzeitschriften eben doch lesen, hätte mir Frau Berg vielleicht was gesagt und ich wäre nicht ins Erdgeschoss gegangen. Nicht lustig.

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Wichtel



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BeitragVerfasst am: 14.03.2010, 15:26                                  +/-

Herr Terstegge (?)
Hier darf man die Filme komplett erzählen – mit Schluss.


Wenn ihr jemals die Möglichkeit haben solltet, zum Festival des nacherzählten Films – Total Recall – zu gehen, dann tut es!
Der Gast gestaltet das Programm, er darf kann soll seinen Lieblingsfilm nacherzählen. Zehn Minuten Zeit bekommt er oder sie dafür, dem geneigten Publikum den Film zu erzählen. Gestern unterhielten uns neun Personen im Stuttgarter Kammertheater, indem sie ihren jeweiligen liebsten Liebesfilm nacherzählten.
Vier Menschen meldeten sich vorher an, die nächsten Fünf erbarmten sich unser und ergänzten das Programm. Erzählt wurden
    1. Hiroshima mon amour … nein, ich kenne den Film nicht und jetzt will ich ihn mir erst recht nicht mehr ansehen. Ganz traurig und einfach nur nacherzählt. Okay, wenn man als erster muss, ist das sicher kein Spaß, aber mit verschränkten Armen sollte man, trotz aller Angst, nichts erzählen.
    2. Der unsichtbare Dritte … ein Liebesfilm? Ja, so wie wir den erzählt bekamen, ist es einer. Mit der größten Liebe zur Mutter. Der Herr erzählte prima, strukturiert und überzog die Zeit. Aber es war unterhaltsam und ich möchte den Film noch mal sehen.
    3. Viktor und Viktoria … einfach nur nacherzählt. Aber trotz allem nett nacherzählt.
    4. Heaven … der Herr kam ans Rednerpult und noch bevor er anfing, wusste ich, dass er einen Tykwer-Film erzählen würde. Tykwer oder Wenders. Tja, und wir bekamen voller Liebe den Himmel erzählt. Ich kenne den Film nicht, aber vielleicht möchte ich ihn mir mal der Landschaftsaufnahmen wegen ansehen. Die hat er uns so schön beschrieben. Die Filmerzählung war dann gut, wenn er … naja, irgendwie wechselte der Herr manchmal von der neutralen Nacherzählung zur emotional geführten Erzählung und dann war seine Aktion wirklich gut.
    5. Pretty Woman … eine diametrische Liebe, die nach normalem Verständnis nie stattfinden dürfte. Wunderbar, kurz und knapp erzählt, unvorbereitet, aber sehr gut. Leider kam es nicht unter die Top 4
    6. Über Kurz oder Lang … die erste Erzählerin und natürlich ein Film mit Alan Rickman. Schöner Film, so schön erzählt, dass ich die Szenen wieder vor mir sah.
    und dann kam
    7. Der müde Tod … erzählt von Roland, einem überaus sympathischen jungen Mann, der seinen ganzen Körper einsetzte, um uns diesen Film zu erzählen. Er war der Beste! Ich wünsche mir ja, dass auf die homepage sein Auftritt geladen wird, damit ich ihn mir noch mal ansehen kann. Großartig! "Eigentlich ist das ja ein Stummfilm, also die sprechen da alle gar nicht, aber man kann das halt so … hören." "Und die Musik hört man ja auch nicht, ist ja ein Stummfilm, aber die Musik war voll abgefahren." "Die Mauer war so hoch, im Film sieht man nicht, wo sie aufhört." und so weiter. Auch dieser Film mir unbekannt, aber den will ich unbedingt sehen. So toll erzählt! Höchste Punktzahl.
    8. Dirty Dancing … eine Frau erzählte ganz unterhaltsam mit Unterstützung anderer Frauen aus dem Publikum. Ja, hm. Den Film habe ich, wegen seiner Unerträglichkeit, noch nie am Stück gesehen, da hatte sie natürlich einen schweren Stand. Aber die Zurufe waren unterhaltsam.
    9. Wie im Himmel … langatmig erzählt von einer Frau, die tragische Liebesfilme mag. Ich konnte leider nicht konstant und konzentriert zuhören.


Gewonnen hat, natürlich!, Roland. Wäre das nicht der Fall gewesen, hätte ich am Publikum gezweifelt. Super Abend. Trotz des Liebesfilmthemas.


Für nächsten Sonntag habe ich eine Theaterkarte geschenkt bekommen. Für das Stück "Hauptsache Arbeit" von Sibylle Berg. Jetzt habe ich ein bisschen Angst.

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Wichtel



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BeitragVerfasst am: 27.03.2010, 21:57                                  +/-

Frau Berg muss Menschen hassen. Anders kann ich mir ihren menschenverachtenden Zynismus nicht erklären. Das Stück hatte natürlich anfangs ein paar Lacher, aber spätestens ab der Stromstoß-Anwendung war überhaupt gar nichts mehr lustig. Ich habe echt keinen Schimmer, was in jemandem vorgeht, der
    - einen Gutmenschen als dumm darstellt (gute Menschen sind nicht dumm, sie schauen nicht penetrant an die Decke, haben keinen mangelnden Wortschatz und drehen auch nicht andauernd in ihren Haaren rum bzw. ihre Knie nach innen)
    - einen Chef mit Pomadehaar und Riesenschniedel charakterisiert ("Oooh, ich habe so ein Problem mit meinem Ding! Am Liebsten würde ich es mir abreißen! Und ich krieg auch nur noch einen hoch, wenn die Frau eine Plastiktüte über dem Kopf hat." und so weiter)
    - Unternehmensberater als Ratten sieht
    - der Meinung ist, Frauen würden sich prostituieren, um ihren Job behalten zu können. Mit Plastiktüte über dem Kopf, die sie sich selber überstülpen, und "Frau" als Name reiche auch
    - meint, in seinen Roman Folter einbauen zu müssen (man stülpe sich einen "Hut" über einen Finger, der per Stromkabel mit einem Knopf verbunden ist, den einer meiner Kollegen treten darf, wann immer er meint, es sei angemessen. Auch über die Dauer entscheidet der Drücker.)


und so weiter und so fort. Die geht mir auf die Nerven, die Frau Berg. Das ist un-unterhaltsamer Zynismus. Madame la Misanthrope.
Aber das Bühnenbild war echt gut. Wow.
edit: Und die Ensemble-Version von La Paloma. Hach, war die schön. hach

Gepostet am 27.03.2010, 22:14:

Stuttgarter Zeitung über "Hauptsache Arbeit!". Ach, wahrscheinlich bin ich einfach nur ein Sensibelchen, ein dummer Gutmensch und drehe mir dauernd in den Haaren rum. Stottere vor mich hin und komme nie zu Wort, weil ich einfach zu dumm und schwach bin.

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Waldelb



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BeitragVerfasst am: 27.03.2010, 23:13                                  +/-

Wichtel
Herr Terstegge (?)
Hier darf man die Filme komplett erzählen – mit Schluss.


Wenn ihr jemals die Möglichkeit haben solltet, zum Festival des nacherzählten Films – Total Recall – zu gehen, dann tut es!


Das erinnert mich an das Buch "Balzac und die kleine chinesische Schneiderin", in dem u.a. zwei Jugendliche im kommunistischen China unter Mao regelmäßig in die Stadt geschickt werden um sich Filme anzuschauen und diese dann dem Laoban, dem Ortsvorsteher des kleinen Bauerndorfes, und den Bauern zu erzählen. Da ich das Buch sehr gern habe und es wunderschön geschrieben ist, stelle ich mir auch das Festival des nacherzählten Films sehr romantisch, stimmungsvoll und schön vor. Ich befürchte ich wäre enttäuscht.


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Craggan



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BeitragVerfasst am: 26.08.2010, 09:59                                  +/-

Ich wohne ja wegen der SAIL aktuell bei Freunden am Torfkanal in Bremen, direkt am Bürgerpark. In selbigem findet gerade das jährliche "Shakespeare im Park" der Bremer Shakespeare Company statt. Die Holde war da gestern mit der Freundesfrau und anderen nordischen Damen mit eigenartigen Namen wie Imke, Inka und so.

Ich bin mit dem Freundeskumpel dann eben mal rübergelaufen, um mir das anzugucken und war zunächst einmal erstaunt, wie gut man hinter dem gerade einmal bauchnabelhohen Zaun sehen und hören konnte





Eigentlich wollten mein Freund und ich nur mal vorbeisehen. Dann haben wir uns über den Zaun zwei Hakebek geordert und ein bisschen zugesehen. Tja. Und dann haben wir uns "Wie es uns gefällt" von vorne bis hinten angeguckt (mussten ja sehen, wie es dann ausgeht und ob es in die Verlängerung geht und so). Schöne Inszenierung, netter Abend!

Heute abend gäbe es Macbeth, aber bei dem Dauerregen fällt das wohl leider aus...


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Lothiriel
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BeitragVerfasst am: 14.12.2010, 21:10                                  



Was ich vorher wußte: Es geht um eine Liebesgeschichte im ersten Weltkrieg, Ben Barnes spielt die Hauptrolle, Trevor Nunn führt Regie und John Napier ist der Designer.

Was ich mir daraus erwartet habe: Großes Blockbustertheater! Das Duo Nunn/Napier ist in London für die wirklich großen, spektakulären Inszenierungen bekannt, die haben viel für die Royal Shakespeare Company, das National Theatre oder die Royal Opera Covent Garden gemacht, hier kennt man wahrscheinlich diverse Musicalinszenierungen von ihnen, u.a. Les Misérables und Sunset Boulevard gehen auf die Kappe der beiden. Pearl Harbour meets Titanic, Schmachten galore (Herr Barnes ist ja nun nicht unansehnlich...) und bloß nicht den Kopf anstrengen. Es klang nach einem fantastischen Urlaubsabend.

Und dann kam alles anders.

Erster Akt:
Amiens, 1910, ländliche Idylle. Stephen Wraysford, ein junger Engländer und Erbe eine größeren Vermögens, wurde von seinem Vormund nach Amiens geschickt, um dort die Arbeitsweisen in einer Fabrik zu studieren und dieses Wissen nach seiner Rückkehr nach England dort anzuwenden. Während der Zeit in Amiens wohnt Stephen bei Fabrikbesitzer René Azaire, dessen Frau Isabelle und dessen Tochter aus vorheriger Ehe, Lisette. Alles ist ganz furchtbar idyllisch, nett, das Bühnenbild besteht aus Projektionen von französischen Landhäusern, Gärten, Flußlandschaften, blühenden Wiesen,...
Leben in der französischen Provinz scheint sehr langweilig, aber malerisch zu sein. Alle sind stets adrett gekleidet, alle haben perfekte Manieren, das Stück plätschert so vor sich hin. Bis Stephen sein Tagebuch zückt und man erkennt, daß der erste Akt als Rückblick erzählt wird. Ab hier bekommt die Geschichte ein paar bösere, zynischere Untertöne, René schlägt seine Frau, Isabelle und Stephen beginnen eine Affäre, in der Fabrik kommt es zu einem Arbeiteraufstand, Isabelles Schwester Jeanne flieht vor einer unerwünschten Zwangsheirat, die heimlich in Stephen verliebte Lisette erwischt Stephen und Isabelle in flagranti, großes Drama, das Liebespaar flieht noch weiter auf's Land.
Und auch da bleibt es malerisch, wieder gibt es Projektionen, wieder sieht man schöne Gegend, ein schönes Landhäuschen, Stephen sieht schön aus, wie er Dinge aus Holz baut, und Isabelle sieht bei der Hausarbeit schön aus. Ach ja, das Leben kann so schön und einfach sein.

Ungefähr hier fängt man spätestens an mit der eigenen Müdigkeit zu kämpfen, das Stück lullt einen so richtig ein, unterbewußt spürt man zwar, daß das alles nicht so nett bleiben wird, aber die ganze Geschichte plätschert so vor sich hin. Man guckt auf die Uhr, stellt fest, daß erst der erste Akt von dreien fast vorbei ist, und fragt sich, wie man denn die anderen beiden Akte wach bleiben soll. Und ob man überhaupt im richtigen Theater sitzt, schließlich ist das Duo Nunn/Napier am Werk und alles, was man bis jetzt zu sehen bekommen hat, sind ein paar kitschige Projektionen.

Es folgt der letzte Rückblick, Stephen tritt an die vordere Bühnenkante und spricht direkt zum Publikum. Er erzählt, wie Isabelle eines Tages in die Kirche ging und von ihrem schlechten Gewissen ihrer Stieftochter gegenüber gezwungen wurde, zu ihrer Familie zurückzukehren. Für ihn bricht eine Welt zusammen.

"Then you go to hell!"

Ich habe mich selten in meinem Leben so erschrocken wie bei diesem Satz. Stephen steht wie erwähnt an der Vorderkante das Bühne, direkt hinter ihm eine Projektionsfläche, auf der man das Innere einer Kathedrale sieht. Ganz hinten auf der Bühne steht eine Art Wand, zwischen Wand und Projektionsfläche wurden Unmengen an Bühnennebel gesammelt. Bei dem Satz mit der Hölle wurde die Projektionsfläche blitzschnell nach oben gezogen, Stephen nur von hinten beleuchtet, es erinnerte an "The Crow". Fast gleichzeitig wurde die hintere Wand umgeworfen, der Bühnennebel Richtung Publikum geweht und gleichzeitig für 3D-Projektionen von Glas- und Holzsplittern sowie Gesteinsbrocken genutzt, die ins Publikum fliegen. Ein Knall, alles dunkel, pechschwarz, Stille.

Dann ging im Publikum langsam die Pausenbeleuchtung an, aber es hat bestimmt zwei Minuten gedauert, bis man vor lauter Nebel die Hand vor Augen wieder gesehen hat. Herzfrequenz: rasend.


2. Akt:
Zeitsprung ins Jahr 1916, Schauplatz Kriegsfront. Stephen ist mittlerweile Offizier, jedoch sehr verbittert und bei seinen Männern nicht besonders beliebt. Wirklich Handlung hat der zweite Akt nicht, er zeigt das Alltagsleben der Soldaten und den Umgang miteinander, bzw. viele kleine Geschichten. Es läuft alles auf die Schlacht an der Somme zu, und dennoch ist das nur die grobe Rahmenhandlung, das Theaterstück konzentriert sich auf Einzelschicksale, wie z.B. Jack Firebrace und dessen Korrespondenz mit seiner Frau, speziell nach der Nachricht vom Tod seines Sohnes. Bei Stephen weiß man nicht, ob er noch nach dem Sinn des ganzen Wahnsinns sucht oder lieber so viel trinkt, daß ihm der Wahnsinn egal ist. Er weiß, daß nur wenige oder keiner seiner Männer die nächste Schlacht überleben wird, und so schreibt er einen letzten Brief an Isabelle, die er nicht vergessen kann.
Es ist alles sehr beklemmend, das Bühnenbild (ja, mittlerweile gibt es ein richtiges) düster und eng, speziell die Tunnel und Stollen, die gegraben werden, um hinter/unter die Feindeslinien zu kommen. Ganz, ganz furchtbar! Der zweite Akt endet mit dem Beginn der Schlacht an der Somme, es wird aber nach der ersten Explosion abgeblendet.

Pause. Auf dem stählernen Safety Curtain laufen die Namen der Gefallenen an einem vorbei, wie im Abspann eines Films. Am Ende der Pause sind die Namen beim Buchstaben "M" angekommen und man fühlt sich wie in den Magen geboxt beim Gedanken daran, daß dort eigentlich nochmal etwa genauso viele Namen vorbeilaufen müssten.

3. Akt:
1917-18, erzählt aus der Sicht von Jeanne. Jeanne trifft in einer französischen Stadt auf Stephen, der sich gerade von einer Verletzung erholt. Stephen versucht von ihr etwas über den Verbleib von Isabelle zu erfahren und Jeanne hat Mitleid mit dem frühzeitig gealterten und gebrochenen Stephen. Sie stellt für ihn den Kontakt zu ihrer Schwester wieder her, die beiden treffen sich und die von einer Splitterbombe verletzte Isabelle erklärt, daß sie mittlerweile mit einem Deutschen liiert ist und diesem nach Deutschland folgen wird, Isabelle und Stephen werden sich nie wieder sehen. Jeanne und Isabelle verschweigen Stephen auch seine Tochter, und so kehrt Stephen zurück an die Front, ohne einen Grund, für den es sich zu kämpfen und zu leben lohnt. Er begibt sich mit Jack Firebrace in die Tunnel, die beiden werden verschüttet, es vergehen Stunden, Tage, Wochen ohne Rettung, oben geht der Krieg zu Ende, unten stirbt Jack, Stephen wird irgendwann von einem deutschen Soldaten gefunden, der nach seinem vermissten Bruder sucht. Zuerst stehen sich die beiden Männer feindselig gegenüber, dann begreifen sie die Absurdität der Situation, sind erleichtert, daß der Krieg vorbei ist, und gehen ihrer Wege. Stephen kehrt zurück nach England, allein.
Jeanne hält so eine Art Epilog, sie liest aus einem Brief an ihre Nichte vor, in welchem sie ihre Gründe für ihr Schweigen zu verstehen versucht und sich eingesteht, daß niemand in dieser ganzen Geschichte glücklich wurde.
Das letzte Bild, das man sieht, ist ein Feld mit roten Mohnblüten, man hört Vogelgesang, sonst nichts.

In Großbritannien kennt wahrscheinlich jeder das Gedicht In Flanders Fields.

In Flanders fields the poppies blow
Between the crosses, row on row,
That mark our place; and in the sky
The larks, still bravely singing, fly
Scarce heard amid the guns below.

(Ausschnitt)

Und egal, was auch immer passiert, die Vögel werden nicht aufhören zu singen.

Hätte ich mal das Buch vorher gelesen, dann hätte ich gewußt, auf was ich mich an diesem Theaterabend eingelassen habe. Mit Schmachten war nicht viel an diesem Abend und wirklich was für's Herz war das auch nicht, keine einzige Person der Geschichte bekam ein Happy End und niemand hat sein Glück und sein Leben für etwas geopfert, für das es sich gelohnt hätte. Schwer depressiv, dieses Stück! Absolut nicht schlecht, aber nichts, was man mal eben nebenbei als leichte Kost gucken könnte. Schwer überrascht hat mich in der ganzen Nummer Herr Barnes als Stephen Wraysford, ich kannte ihn bis dahin nur aus Filmen und hätte ich etwas über ihn sagen müssen, dann hätte ich ihn als attraktiv bezeichnet und seine Schauspielkünste als nicht weiter störend, aber auch nicht oscarreif. In Birdsong war es dann offensichtlich, daß er eigentlich vom Theater kommt (National Theatre, nicht das unbekannteste Theater auf der Insel) und ihm die Bühne mehr liegt, es hat Spaß gemacht ihm zuzuschauen, wie er alles immer zynischer kommentierte und immer bitterer wurde, es war nicht so glatt wie in den Filmen.


Leider gibt es aus dem Stück nur ein paar wenige, nichtssagende Bilder online, die nicht im geringsten die Intensität des Stücks wiedergeben, von den Tunnelszenen habe ich sogar überhaupt keins gefunden, daher muss der Text für sich stehen, ohne Bilder.



Zuletzt bearbeitet von Lothiriel am 15.12.2010, 07:40, insgesamt einmal bearbeitet
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Schalk



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BeitragVerfasst am: 14.12.2010, 23:49                                  +/-

Würd ich auch gern sehn.


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Der Wahn betreugt.
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Lothiriel
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BeitragVerfasst am: 08.08.2011, 22:34                                  

Der Doctor-Who-Thread erinnert mich übelst daran, daß ich noch über ein ganz besonderes Theaterstück schreiben wollte.

Vor vielen, vielen Jahren, in einem weit entfernten Land:
RSC
Love's Labour's Lost

The Courtyard Theatre, Stratford-Upon-Avon



"Love's Labour's Lost" (ab hier nur noch als LLL abgekürzt) ist eines der sehr selten gespielten Shakespearestücke, auch die Royal Shakespeare Company hatte es vor dieser Inszenierung ungefähr 15 Jahre nicht mehr auf dem Spielplan stehen. Ich war eigentlich in Stratford, um Hamlet mit Patrick Stewart und David Tennant zu sehen, und habe mir gedacht, daß ich das Stück ja dann auch mitnehmen könnte, so als elendes Tennant-Fangirl. Zur Vorbereitung habe ich versucht, das Stück zu lesen. Zuerst auf Englisch, aber Fehlanzeige. Quasi null Handlung und unheimlich komplizierte Sprache, ich wurde das Gefühl nicht los, daß der Text dreiunddrölfzig Verständnisebenen hat und ich maximal eine oder zwei davon verstehe. Nächster Versuch: Deutsche Übersetzung. Wiederum Fehlanzeige. Wortwörtlich übersetzte Wortspiele verlieren einfach jeglichen Sinn und die Handlung wurde auch nicht mehr. Ich habe mich dann mit einer Inhaltsangabe zufriedengegeben und entschieden, daß ich den Text nicht unbedingt verstehen muß, zurücklehnen und die Optik genießen kann ja auch ganz nett sein. Gottseidank gab's dann aber ein Programmheft, daß einem lateinische Alltagsfloskeln aus Shakespeares Zeit übersetzte, kurz den politischen Klatsch am Hofe erläuterte, auf den sich ein bißchen was im Stück bezog, und einem wunderbare Beispiele erotischer Literatur aus dieser Zeit präsentierte (Choise of Valentines, ab Zeile 128 *räusper*). Stellt euch bitte ein temporäres Theater mitten in der Countryside vor, nur aus Holz und ein paar Stahlträgern gebaut, das schafft schon gleich die richtige Atmosphäre für solch ein Stück, und dann ein wunderschön gestaltetes Programmheft, über dem Leute in Grüppchen sitzen und kichern. hähö

Der Innenraum des Theaters mit der Bühne war auch einfach traumhaft hergerichtet: Als Bühnenrückwand raumhohe Spiegel, ein Baum als Bühnenbild, dessen Zweige durch Schnüre mit Plexiglasstücken in verschiedenen Farben dargestellt waren, die zum Teil von der Decke hingen und so die Illusion eines riesigen Baumes ergaben, und der Bühnenboden schwarz und spiegelnd, mit einer Art Riß, als ob die Baumwurzeln an der Stelle den Boden angehoben hätten. Dazu als Kontrast dann sehr prunkvolle, höfische, historische Kostüme.


Bißchen schlecht, mein Handy macht keine besseren Bilder

Solch eine Produktion kann sich nur die Royal Shakespeare Company leisten, parallel wurden der Sommernachtstraum und Hamlet gespielt, beides ausverkauft, um Hamlet gab es einen Riesenhype, LLL wanderte erst später und vergleichsweise unbemerkt auf den Spielplan und wurde auch nur ungefähr 20x gespielt, das dürfte sich nicht gerechnet haben, alleine von den Kostümkosten her.

Inhalt des Stücks: Nicht viel. Der König von Navarre und drei seiner Gefolgsleute schwören einen Eid, daß sie für ein Jahr nix von den Frauen wissen wollen, um sich in Ruhe und ohne Ablenkung dem Studium widmen zu können. Sowas kann natürlich nicht gut gehen und daher kommt die Prinzessin von Frankreich mit drei attraktiven Gefolgsdamen vorbei, es folgt das übliche Chaos, Verkleidungsspiele, es gibt einen verrückten Spanier mit einem Pagen, ein gutaussehendes Bauernmädchen, zwei weltfremde Gelehrte, einen spöttischen Ratgeber der Prinzessin und Contable Dull, der alles mit einem "WTF?!" kommentieren würde, wenn das nicht zu viel Arbeit wäre.

Im Gegensatz zu den meisten anderen Shakespearekommödien wurde diese hier wahrscheinlich für Publikum am Hof geschrieben, daher ist die Sprache wirklich sehr gehoben und je mehr Allgemeinbildung man als Zuschauer hat, desto witziger das Stück, solides Grundwissen über die Griechen hilft! Aber es war nicht so schwer zu verstehen, wie ich dachte, wenn es einem mit der richtigen Betonung und Aussprache vorgetragen wird und die Witze auch schauspielerisch umgesetzt werden, dann vereinfach es die Sache doch. Hauptsächlich geht es eh zwei Stunden lang um Sex und darüber, wer den dreckigsten Witz reißen kann. Ich habe nie in meinem Leben in einem Theater so gelacht. Hm. Ich korrigiere: Ich habe überhaupt nie in meinem Leben so gelacht wie an dem Abend. Es fing schon an, als in der ersten Szene das Bauernmädchen (das nebenbei bemerkt aussah wie ein Double von Eva Longoria) mit dem Schwengel von einem Butterfaß sehr eindeutig zwischen ihren Beinen rumfuhrwerkte, dabei völlig unschuldig guckte und kommentierte und die Hälfte vom Publikum große Stielaugen bekam und die andere Hälfte anfing sich wegzuwerfen.

Ansonsten muß ich noch anmerken, daß ich eine Hochachtung vor dem Ensemble habe, das Stück hatte in der Inszenierung ein hohes Spieltempo und verlangte großen, sportlichen Einsatz.

Leider, leider hat das Stück kein Happy End, gerade dann, wenn es richtig lustig wird und man den Eindruck hat, daß es auf ein großes Finale zugeht, trifft ein Bote ein, der die Prinzessin wegen des Todes ihres Vaters zurück nach Frankreich beordert, und die Damen entscheiden, die Herren ein Jahr lang nicht zu sehen, um ihre Liebe zu prüfen. Das Stück endete mit einem traurigen Lied, Berowne und seine Geliebte standen an entgegengesetzten Enden der Bühne, blickten einsam in die Ferne, und eine weiße Eule flog durch den Bühnennachthimmel. Ich habe Rotz und Wasser geheult.


Diese Kostüme! hach


Diese Kostüme! hach


Diese Kostüme!

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kpm



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BeitragVerfasst am: 09.08.2011, 10:03                                  +/-

Schreibst du auch so eine schöne Rezension zu Love's Labour's Won? Smilie


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Lothiriel
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BeitragVerfasst am: 23.08.2011, 01:23                                  +/-

Oh. Mein. Gott.

Ich glaube, ich habe gerade den beeindruckendsten Theaterabend ever hinter mir, "Anna Christie" in der aktuellen Donmar-Inszenierung ist der absolute Wahnsinn. Grandioses Ensemble, drei Hauptdarsteller, von denen man nicht weiß, wer jetzt besser ist, und ein Jude Law, der völlig entgegengesetzt zu seinem normalen Typ gecastet wurde und einen grimmigen Seebären mit irischem Akzent spielt. Wow!

Und das Meer! Ich habe Fernweh!!!

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Lothiriel
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BeitragVerfasst am: 26.08.2011, 16:45                                  +/-

The Donmar Warehouse


Stark vereinfachte Inhaltsangabe:

Akt 1:
Eine Hafenspelunke in New York, 1910. Ein alternder, schwedischer Seemann namens Chris Christopherson säuft wie ein Loch, kabbelt sich mit seiner Geliebten Marthy und bekommt einen Brief von seiner Tochter, die er seit 15 Jahren nicht gesehen hat, da er sie als fünfjähriges Mädchen nach dem Tod ihrer Mutter lieber bei Verwandten auf deren Farm aufwachsen ließ, als sie mit auf See zu nehmen. Besagte Tochter Anna, die ihren Nachnamen zu "Christie" verkürzt hat, kündigt darin ihren Besuch an. Chris, der seiner Tochter nie die ganze Wahrheit über sein Leben erzählte, möchte sich im bestmöglichen Licht präsentieren, es kommt zum Streit mit Marthy, die beiden trennen sich, und Chris verläßt die Kneipe. Kurz darauf steht Anna in der Tür, eine hochgewachsene Blondine, die sofort die Blicke aller anwesenden Männer auf sich zieht, elegant gekleidet ist und mit rauchiger Stimme ihren ersten Satz spricht: "Give me a whiskey with ginger ale on the side, and don't be stingy, baby." Anna serviert alle Männer angewidert und zynisch ab und kommt stattdessen mit Marthy ins Gespräch, der Zuschauer erfährt so die Gründe für Annas Männerhaß, von ihrer harten Arbeit auf der Farm, einer Vergewaltigung durch einen Cousin, ihrer Flucht in die Stadt und ihrer Arbeit als Prostituierte, um ihren Lebensunterhalt zu finanzieren. Irgendwann kommt Chris zurück in die Bar, Marthy geht und Anna läßt sich überreden, zu ihrem Vater auf ein Kohlenschiff zu ziehen, begeistert ist sie nicht, aber alles ist besser als eine Rückkehr in ihr vorheriges Leben.



Akt II:
Auf dem Schiff. Anna empfindet ihr neues Leben und das sie umgebende Wasser und die Seeluft als befreiend, reinigend. Ein Sturm zieht auf und die Besatzung eines gekenterten Schiffs rettet sich auf das Kohlenschiff, unter ihnen Mat Burke, ein irischer Heizer (blödes Wort. Ein Stoker halt, jemand der auf einem Dampfschiff Kohlen schaufelt). Nach anfänglichen Schwierigkeiten verlieben sich Mat und Anna ineinander. Chris sieht das nicht so gerne und hadert mit dem Leben und vor allem der See. Warum nur hat die See seine Anna und diesen dreckigen Heizer zusammengeführt? Ist ja nicht mal ein richtiger Seemann, ist ein dreckiger, stinkender Kerl, der Kohlen schaufelt.



Akt III:
Anna erklärt ihrem Vater, daß sie nie heiraten möchte, und verläßt das Schiff für einen Landgang. Mat jedoch möchte Anna heiraten und nutzt die Gelegenheit, bei ihrem Vater um Annas Hand anzuhalten. Riesenzoff! Messer werden gezückt, Stühle fliegen, Schimpfwörter und Hiebe werden ausgetauscht, am Ende gewinnt Mat zwar in körperlicher Hinsicht, Chris aber glaubt sich als wahrer Gewinner, schließlich weiß er, daß Anna nicht heiraten will. Als Anna auftaucht, stellt ihr Mat natürlich die Heiratsfrage, Anna lehnt ab, schon wieder großes Drama und Riesenzoff, vor allem zwischen den beiden Männern. Schließlich platzt Anna, da sie niemand nach ihrer Meinung zur Sache fragt und die beiden Gockel sich aufführen, als wäre sie nicht im Raum. Wütend erzählt sie ihre bisherige Lebensgeschichte, anschließend herrscht Schweigen im Raum, dann verlassen die beiden Männer das Schiff, Mat tobend, Chris enttäuscht. Anna bleibt allein zurück.

Akt IV:
Anna ist immer noch allein und sitzt auf ihrem gepackten Koffer, ein Zugticket in der Hand. Tage später kommt zunächst Chris zurück, man sieht ihm an, daß er die ganze Zeit durchgesoffen hat. Er macht sich Vorwürfe, daß er in Annas Kindheit nicht für sie da war, Anna vergibt ihm, Chris erzählt ihr, daß er auf einem Schiff nach Südafrika angeheuert hat, und verläßt wieder das Schiff. Auftritt Mat, auch er hat durchgesoffen. Anna versteckt sich zunächst vor ihm, Mat randaliert rum, droht Anna zu ermorden, kann es aber doch nicht, als er sie schließlich findet. Mehr Drama, Mat läßt Anna schwören, daß sie nie wieder als Prostituierte arbeiten wird, man könnte ein Happy End vermuten, aber in seinem Suffwahn hat auch er auf einem Schiff angeheuert. Nach Südafrika. Chris taucht wieder auf und Anna eröffnet den beiden Streithähnen, daß sie Shipmates sein werden. Sie bleibt zurück und verspricht den beiden, daß sie ihnen ihr Heim schaffen und auf sie warten wird, die beiden Männer brechen auf. Es ist unklar, ob sie sich jemals alle wiedersehen werden.




Das Stück "Anna Christie" schrieb Eugene O'Neill in den 1920ern. "Anna Christie" ist das erste Theaterstück, in dem Slang und Dialekte im Text der Charaktere festgehalten wurden, O'Neill gilt als der Erfinder des Urban Slangs und "Anna Christie" gewann einen Pulitzerpreis als bestes Theaterstück. Anna wurde anders dargestellt als die Prostituierten auf den anderen Bühnen zu ihrer Zeit, sie ist eine selbständige Frau, nicht blind vor Liebe, nicht stolz auf ihren Beruf und sie hat auch kein Herz aus Gold, außerdem bietet ihre Lebensgeschichte nur den Hintergrund für das eigentliche Thema des Stückes, nämlich Annas Entwicklung und ihr Seelenleben.

Das Donmar Warehouse ist das perfekte Theater für so ein kleines Kammerstück: Nicht viel größer als ein (großes) Wohnzimmer, die Bühne ist auf drei Seiten vom Publikum umgeben, unten gibt es fünf Sitzreihen, oben im Rang ganze drei Sitzreihen, also mehr Platz für die Bühne als für's Publikum. Es gibt auch keine Sitze im normalen Sinn, sondern (gottseidank gepolsterte) Bänke und Geländer aus Stahlrohren, perfekt als Fußablage, das Publikum fläzt sich also mehr in der Gegend rum. Aber Achtung: Schick machen dafür! Das Donmar ist Kult! In seiner jetzigen Form als unabhängiges Haus war Sam Mendes der erste künstlerische Leiter, seitdem geben sich hier die großen Stars die Klinke in die Hand, und das Donmar lebt in erster Linie von dem Spenden reicher Gönner, hier geht die High Society ins Theater. Dafür gibt es dann die wenigen Karten, die es im freien Handel oder morgens an der Theaterkasse gibt, zum Schnäppchenpreis, ich habe satte 10 Pfund für meine Karte gezahlt, dafür komme ich in London nicht mal ins Kino.

Im ersten Akt hat man den Eindruck, daß man mit in der Kneipe ist. Das Theater ist eben so klein, daß niemand wirklich weit entfernt von der Bühne ist, man könnte genauso gut in der Kneipe am Nebentisch sitzen und Leute beobachten und belauschen, dazu trägt noch bei, daß zu diesem Zeitpunkt niemand im Theater im Dunkeln sitzt, die schummrige Kneipenbeleuchtung reicht bis ins Publikum, wodurch es optisch kaum einen Unterschied zwischen Bühne und Zuschauerraum gibt. Im Hintergrund hört man Seegeräusche, wogendes Meer, Möwen, Shanties von rauhen Matrosenkehlen gesungen, langsam beginnt das Fernweh. Ruth Wilson ist eine phänomenale Anna, so fertig mit der Welt, so zynisch, und doch so zerbrechlich und tief im Inneren wohl auf bessere Zeiten hoffend. David Hayman als alternder Seebär ist ebenfalls phantastisch, ich bin völlig gefesselt. Meine Nachbarn gestehen mir in der Pause, daß sie die gebrochenen, schwedischen Akzente schwer zu verstehen finden und sich sehr konzentrieren müssen, ich kann nur feststellen, daß ich das Problem nicht habe. Ist nicht soooo weit weg vom deutschen Akzent, ich find's eine Erholung für Ohren und Hirn, bei Schotten muß ich deutlich konzentrierter zuhören.
Zweiter Akt, Szenenwechsel. Unauffällig kühlt die Klimaanlage das Theater runter, es wird dunkler, Bühnennebel zieht auf, die Bühne beginnt langsam zu schwanken wie bei schwachem Seegang. Je näher der Sturm rückt, desto schräger wird die Bühne, bis sie schließlich ungefähr 30° geneigt ist. Es wird noch dunkler, noch kälter, noch nebliger, und es beginnt zu regnen. Und mit Regen meine ich jetzt nicht irgendwelche Lichtprojektionen, ich meine Regen. Wasser. Kaltes Wasser! Ich bin so froh, nicht in der ersten Reihe zu sitzen. Blitze zucken, Schiffbrüchige werden an Bord gezogen, die Leute flüchten unter Deck, auf der Rückseite der Bühne greift ein sehr muskulöser Arm über die Reeling, ein bärtiger Kerl zieht sich auf's rettende Deck und knallt ungefähr zwei Meter vor mir auf die Bretter und ich überlege, wie lange Jude Law für diesen Auftritt trainiert hat. Der ist zum Tier mutiert! Und liegt plötzlich direkt vor mir, halbnackt, nur mit einer zerfetzten Hose bekleidet, und klatschnaß. Während er die nächsten Minuten damit verbringt wieder zu sich zu kommen, suche ich meine Kinnlade und meinen Herzrhythmus zusammen, versuche völlig unbeteiligt zu wirken und mustere jeden Quadratzentimeter dieses Körpers. Mamma mia! Der hat echt geschuftet, um in einer winzigen Produktion für zwei Monate glaubhaft so einen Seebären und Arbeiter spielen zu können, das ist Einsatz! Mein Nachbar versichert mir, daß auch sein irischer Akzent glaubhaft ist. Law ist in dieser Rolle völlig atypisch besetzt, Mat ist jemand, der immer gleich rumtobt, ziemlich schnell zu Gewalt greift, und ein bißchen dumm ist. Und Law geht auf in dieser Rolle, es ist heftig, wie er über die Bühne randaliert, mehr Muskeln als Hirn, ziemlich grobschlächtig und ungeschickt mit Worten und sehr unbeholfen im Umgang mit Anna. Wenn da nicht mal jemand keine Lust mehr auf sein Schönlingsimage hat und sich als Charakterdarsteller empfehlen will.

Die beiden anderen Hauptdarsteller sind ebenfalls stark und so entwickelt sich ein sehr intensives Psychodrama zwischen den dreien, gekonnt balancierend zwischen Situationskomik, Wortwitz und großem Drama, zwischen Zynismus , den menschlichen Abgründen und der Hoffnung, daß es doch ein besseres Leben gibt, irgendwo da draußen. Passend dazu auch die dauerpräsente Seemetapher, für Chris „dat dirty ole davil sea“, der Teufel, der ihm vieles im Leben zerstörte, und für Mat die Freiheit, jederzeit einem Leben als Landarbeiter vorzuziehen. Für Anna symbolisiert sie einen Neuanfang, reingewaschen von ihrem vorherigen Leben.

Ich überlege wirklich, ob ich jemals ein Theaterstück gesehen habe, daß mich so mitgenommen hat. Kann mich jedenfalls spontan nicht erinnern. Interessant fand ich die Inszenierung besonders ab dem Zeitpunkt, ab dem es auf See spielt. Dadurch, daß es so dunkel und neblig war (und kalt und naß, brrrrrrrrrr), hatte man wirklich den Eindruck eines Schiffs auf See und konnte nie alles sehen. Mal spielten Szenen unmittelbar vor einem, mal auf der anderen Bühnenseite und man sah nur schemenhafte Gestalten im Nebel. Und alles schwankte, immer. Hallo, Seekrankheit! Clever auch die ganze Bühnenkostruktion aus Brettern und Stahlträgern, durch die man je nach Neigung und Beleuchtung und durch Anbau weniger Teile (Fenster, Leiter) Schiffsaußen- und innenseite darstellen konnte. Und permanent wogendes Wasser als Geräuschkulisse.

10 von 10 versoffenen Shanties!

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Lothiriel
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BeitragVerfasst am: 29.11.2011, 23:13                                  +/-

Für Oxi:

Zach Braff spielt nächstes Jahr in London Theater.

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Nichtraucher
Fun Bobby


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BeitragVerfasst am: 14.01.2012, 07:39                                  +/-

just gotta get out just gotta get right out of here


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You met me at a very strange time in my life.
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