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Große Seele - Russische SciFi/Fantasyromane
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Craggan



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BeitragVerfasst am: 15.03.2010, 22:41                                  +/-

ich habe es ja verschiedentlich schon angedeutet, zuletzt hier im allgemeinen Buchgeplauder, aber das Thema ist viel zu groß und Facettenreich, um irgendwo unterzugehen!

Ich meine – das ganze SciFi-Genre nach der Ära Jules Verne wurde in wesentlichen Teilen von Isaac Asimow geprägt. Seine Robotergesetze zählen heute noch zum Allgemeingut der Literaturszene.

Und jetzt, in den letzten paar Jahren tauchen mit Sergej Lukianenko und Dimitry Glukhovsky gleich zwei fantastische fantastische russische Autoren auf der Bildfläche auf und rocken nicht nur die russische Szene.

Sergei Wassiljewitsch Lukjanenko wurde 1968 geboren und ist nach einigen Fantasy-Romanen, die ich noch nicht das Vergnügen hatte zu lesen, mit der

Wächter-Trilogie

berühmt:



Wächter der Nacht
Wächter des Tages
Wächter des Zwielichts
Dann hat er noch einen vierten Band nachgeschoben „Wächter der Ewigkeit“. Der kommt nicht ganz an die ersten 3 ran, ist aber immer noch sehr gut.

Es geht darum, dass die Erde seit Urzeiten von übernatürlich begabten Männern und Frauen bevölkert ist – den „Anderen“, das sind Zauberer, Vampire und Formwandler. Stets wählen sie entweder die Seite des Lichts oder der Dunkelheit. Allerdings sind die Lichten nicht uneingeschränkt gut und die Dunklen nicht nur Böse. Es wird sehr interessant der innere Konflikt beider Seiten dargestellt.

Nach diversen blutigen Kriegen hat man einen Nichtangriffspakt geschlossen, der von zwei „Wachen“ gesichert wird. Tagsüber schieben die „Dunklen“ Wache, um sicherzustellen, dass die Lichten nicht allzu viel Gutes tun und Menschen mit entsprechendem Potenzial zu Lichten machen (um damit das Gleichgewicht zu zerstören) und nachts die Lichten.

(einige von Euch kennen eventuell die Filme - die erfolgreichsten jemals gedrehten russischen Filme übrigens. Diese reichen in keinerlei Hinsicht an die literarische Vorlage heran!)

Das Ganze wird gewürzt mit einer großen Prise russischer Seele. Man trinkt Wodka in Gramm, isst dazu Hartwurst, philosophiert über Gott und die Welt, bewegt sich im Moskau von heute – ich habe sehr viel Lust bekommen, mal nach Moskau zu fahren, als ich das las.

Letzteres gilt auf für

Weltengänger und Weltenträumer

Eine Dilogie, in der es Pforten zwischen unterschiedlichen Welten (unsere ist eine davon) gibt, die von einer Art Türhüter bewacht werden müssen. Ein junger IT-Verkäufer wird plötzlich in dieses Szenario, das mitten um uns herum stattfindet, hineingerissen. Auch hier wieder viel russische Seele, ein toller Plot mit unvorhergesehenen Twists – ebenfalls sehr lesenswert.

Lukjanenko hat noch viel mehr geschrieben. Ich arbeite mich gerade mit sehr viel Vergnügen da durch. Was mir noch wahnsinnig gut gefällt ist sein Bezug zu der aktuellen russischen Musikszene. Er protegiert da exotische Bands und Songwriter, die ich bislang nur bei extrem verschrobenen Spezialversendern gefunden habe und zitiert deren z.T. sehr niveauvollen Texte, stellt sie in Bezug zu seinen Stories. Er schreibt auch insgesamt etwas „literarischer“ als der gerade von mir gelesene

Dimitry Glukhovsky



Glukhowsky ist nochmals 10 jahre jünger als Lukjanenko. Er hat in Jerusalem internationale Beziehungen studiert und arbeitete als Journalist für Russia Today und die Deutsche Welle und kam vor 2 Jahren ganz groß raus mit METRO 2033(gefolgt 2009 von Metro 2034).

Die russische Metro ist ja nicht nur absolut faszinierend gebaut, sie dient(e) auch als Atomschutzbunker für die Moskowiter, so tief unter der Erde liegt sie. Ich war Ende der 80er mal da. Fotografieren war leider verboten, aber durch die ewigen Rolltreppen und die antike Anmutung der Stationen strahlt die Metro in der Tat etwas mythisches aus.

In Metro 2033 hat sich die überlebende Bevölkerung nach einem Atomkrieg in ebendiese Metro zurückgezogen. Die Erde ist verstrahlt. Man lebt mittlerweile seit über 20 Jahren in der Dunkelheit. Die einzelnen Stationen sind jeweils unabhängige „Regierungen“, oder sie haben sich zu Handels- oder Politikbündnissen zusammengeschlossen. In den Tunnels lauern diverse Gefahren, so z.B. üble Mutanten (die verstrahlten Oberflächenbewohner, die hinabkommen), Ratten und andere üble Kreaturen. Es wird das Abenteuer eines Jungen beschrieben, der aus der Sicherheit seiner Station in den Sog dieser Unterwelt gerät.

Glukhowsky schreibt nicht ganz so differenziert wie Lukjanenko, aber sehr sehr spannend und intensiv.

Ich bin derzeit voll im Russenfieber, möchte Wodka aus Wassergläsern trinken, Papyrossi rauchen und Hartwurst dazu essen! Die hierzuforum herumlungernde Fantasycrowd sei hiermit mit einem intensiven Lesebefehl beordert!


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#18



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BeitragVerfasst am: 15.03.2010, 23:05                                  +/-

Ich werde nie verstehen, warum Heyne die Begriffe in Metro 203x deutsch transkribiert, aber den Namen vom Autor Englisch. Allenthalben hört man "Glukoffski", dabei heißt der Mann Gluchowski

Craggsy
Glukhowsky




On Topic.
Gluchowski ist ein faszinierender Erzähler, ein Typ, mit dem ich gern von Moskau bis Wladiwostok fahren würde, der mir sogar den Gang zum Samowar noch fesselnd erzählen könnte. Teilweise streckt er mir die Monologe der Charaktere zu lang, und wirklich vielschichtig sind Artjom und Konsorten nicht gerade, aber wen störts. 2034 ist leider ein Abklatsch von 2033, was aber auch daran liegen kann, dass ich mir vom Vorgänger mehr erhofft hatte, als ein Streifzug durch bisher noch nicht abgehandelte Ubahnhöfe.

Von Lukjanenko habe ich bisher nur "Spektrum" gelesen, und das war klasse. Keine Neuerfindung des Rades, aber schöne Unterhaltung. Der Rest seiner Romane ist mir von vorneherein zu fantasylastig, mit Vampiren und Magiern und so.

Craggsy
Ich meine – das ganze SciFi-Genre nach der Ära Jules Verne wurde in wesentlichen Teilen von Isaac Asimow geprägt.


Würde ich so nicht sagen. Asimov ist vor allem durch seine Robotergeschichten bekannt geworden. Seine zwei besten Romane sind meiner Meinung nach aber "Am Ende der Ewigkeit" und "Lunatico", letzteres besonders wegen einer Idee, die Vernor Vinge später wieder aufgegriffen hat: Was ist, wenn Naturkonstanten nicht überall im Universum konstant sind?
Asimov ist einer der bekanntesten SF-Autoren der 1900er, hat sich aber später nur noch auf seine Foundation-Serie und populärwissenschaftlichen Kram beschränkt. Wirklich neue Themen findet/fand man bei John Brunner, Frederik Pohl, Stanley G. Weinbaum und natürlich Philip K. Dick.


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titania



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BeitragVerfasst am: 15.03.2010, 23:50                                  +/-

Ich finde, die Wächter-Filme reichen nicht nur nicht an ihre Vorlage heran, sie haben gelinde gesagt nicht viel mehr als die Grundidee mit ihnen gemein.

Aber so als eigenständige Filme betrachtet, sind sie .... wirr. grins


Am Besten von Sergej Lukianenko finde ich bisher (ich habe außer diesem aber auch nur die o.g. gelesen) "Spektrum".

Hast Du das schon gelesen, Craggan?


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Craggan



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BeitragVerfasst am: 15.03.2010, 23:58                                  +/-

titania
"Spektrum".

Hast Du das schon gelesen, Craggan?


nein, aber ich bin jetzt stolzer Besitzer des Gesamtwerks und habe mir Spektrum sowie die Sternendilogie für den Urlaub reserviert


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titania



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BeitragVerfasst am: 16.03.2010, 00:03                                  +/-

Ich hab's auch im Urlaub gelesen - ein passender Schmöker, der lange vorhält.
Ich mag als nächstes "Die Ritter der vierzig Inseln" lesen.


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Helcaraxe



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BeitragVerfasst am: 16.03.2010, 11:10                                  +/-

Da fehlen noch die Brüder Strugazki, von denen ich bislang nur ein einziges Buch kenne ("Die bewohnte Insel"), welches aber exzellent ist. Interessanterweise verknüpfen die beiden wohl recht oft Elemente aus russischen Märchen mit Motiven der Science Fiction. Das macht ihre Erzählungen auch formal sehr interessant.

Wikipedia schreibt:

Von literaturkritischem Interesse ist die Vielfalt der Erzählstrukturen, derer sich die Brüder Strugazki bedienen. Die Wellen ersticken den Wind etwa ist als Briefroman ausgeführt, andere Werke kommen gänzlich ohne Zeitsprünge und Perspektivwechsel aus. Bei einem Autorenduo liegt die Vermutung nahe, dass sich die Stoffe von Kapitel zu Kapitel in mitunter unvorhergesehene Richtungen entwickelt haben, und beispielsweise in Das lahme Schicksal finden die Handlungsstränge auch nicht zusammen, in Die Last des Bösen bleiben sie lange unversöhnt, um sich auf der letzten Seite kunstvoll zu kreuzen oder ineinander zu spiegeln.

Die in ihren Büchern beschriebenen fiktiven Gesellschafts- und Herrschaftssysteme sind häufig als Allegorien auf den realen Sozialismus oder die Prinzipien des Kommunismus zu lesen. Besonders in ihren späteren Werken wird die Rolle des Individuums in bürokratischen oder totalitären Systemen zum zentralen Motiv – so etwa in den Romanen Das lahme Schicksal und Das Experiment, die aufgrund ihres gesellschaftskritischen Inhalts erst nach dem Zerfall der Sowjetunion veröffentlicht wurden. Auch Bücher wie Montag beginnt am Samstag und Troika, die ganz offensichtlich in der Sowjetunion spielen, lassen sich als Kritik an starren Verwaltungsstrukturen lesen. Ersteres hat auch Züge eines ulkigen, rasanten Metamärchens.



Und sag mal, welche Erzählungen von Stanislaw Lem kennst Du eigentlich, Craggan? Ich weiß, er ist Pole, aber wieso nicht das Thema um den osteuropäischen Raum erweitern?

Lem ist für mich der geistreichste und witzigste SF-Autor aller Zeiten, mit einer beinah schon unheimlichen Sprachbeherrschung, was man ja von aktuellen Autoren oft nicht gerade behaupten kann. Wie verhält es sich da mit Gluchowski? Genügt er literarischen Ansprüchen?


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Zuletzt bearbeitet von Helcaraxe am 16.03.2010, 11:22, insgesamt einmal bearbeitet
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Morgi



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BeitragVerfasst am: 16.03.2010, 11:14                                  +/-

Lem ist für mich der geistreichste und witzigste SF-Autor aller Zeiten, quasi der Tolkien unter ihnen


Was genau ist an Tolkiens Werk geistreich und witzig? Tolkien dürfte einer der humorlosesten Schriftsteller sein, die ich kenne.

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Thanil
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BeitragVerfasst am: 16.03.2010, 11:18                                  +/-

Was ist eigentlich dieses Russland, von dem alle immer reden?


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Helcaraxe



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BeitragVerfasst am: 16.03.2010, 11:21                                  +/-

Morgi: Das stimmt schon, ich meinte eher die herausragende Stellung, die Lem innerhalb der SF-Literatur einnimmt. Ich wollte den Satz gerade editieren.


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#18



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BeitragVerfasst am: 16.03.2010, 14:49                                  +/-

Helcaraxe

Lem ist für mich der geistreichste und witzigste SF-Autor aller Zeiten, mit einer beinah schon unheimlichen Sprachbeherrschung, was man ja von aktuellen Autoren oft nicht gerade behaupten kann. Wie verhält es sich da mit Gluchowski? Genügt er literarischen Ansprüchen?


Lem kann man meiner Meinung nach allenfalls in der atmosphärischen Dichte mit Gluchowski vergleichen, schreiben tut er bei weitem nicht so unterhaltsam. Hatte mal Golem XIV gelesen, witzig war das nicht gerade, ein bisschen Mischung aus Stanley G. Weinbaums "The new Adam" und einem von John Brunners besseren Werken, wo ein Supercomputer das Sagen hat. Allerdings ist mir auch bekannt dass der Helci ein Lem-Fanboy ist, und daher der liebe Stanislaw für ihn wohl sakrosankt.

Von den Strugatzkis erscheinen in diesem Jahr übrigens 3 Romanbände auf den Markt, die auch die zwei Fortsetzungen zu "Die bewohnte Insel" enthalten.


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Euseppus



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BeitragVerfasst am: 16.03.2010, 15:59                                  +/-

Lem! Die Robotermärchen! Lesen!!
Was ein irrer Kram!
Haaaammer!!!

(Wenn ICH sowas als Empfehlung für ein Buch lesen würde, würd ich´s niemals lesen. Es entspringt aber meinem innersten tiefsten Ausdruck und Gefühl gegenüber diesem Buche, drum musste es so geschrieben sein. Aber ich kanns ja nochmal anders probieren:)

Poetisch! Bizarr! Sprachgewaltig! Fantasievoll auf einer Ebene, die jeder Beschreibung spottet! Witzig!

LESEN!


#18: Kennst Du von Brunner "Schafe blicken auf"? Ist das gut?...


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Thanil
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BeitragVerfasst am: 16.03.2010, 16:07                                  

Packende, überraschende, unvorhersehbare Geschichten – Eine volle Ladung feingeistiger Literatur. Yes


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Craggan



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BeitragVerfasst am: 16.03.2010, 16:34                                  +/-

ich schulde dem Helci ja noch die Antwort: Von Lem kenne ich nur Solaris. Die Sternentagebücher stehen bei mir auf der Liste, ich habe sie nur noch nicht in Angriff genommen, weil ich ja derzeit literaturmental in Russland weile, da darf man sich nicht mit polnischer Literatur kontaminieren zwinkern


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Helcaraxe



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BeitragVerfasst am: 16.03.2010, 17:44                                  +/-

Brav!

#18
Lem kann man meiner Meinung nach allenfalls in der atmosphärischen Dichte mit Gluchowski vergleichen, schreiben tut er bei weitem nicht so unterhaltsam. Hatte mal Golem XIV gelesen, witzig war das nicht gerade, ein bisschen Mischung aus Stanley G. Weinbaums "The new Adam" und einem von John Brunners besseren Werken, wo ein Supercomputer das Sagen hat. Allerdings ist mir auch bekannt dass der Helci ein Lem-Fanboy ist, und daher der liebe Stanislaw für ihn wohl sakrosankt.

Nää, unantastbar ist Lem für mich nicht. Aber sprachlich macht ihm so schnell keiner was vor. Ich kenne auf dem Gebiet der SF zumindest keinen Vergleichbaren.

Und es wurde hier schon einmal gesagt: Bei Stanislaw Lem muß man immer unterscheiden zwischen den ernsthaften Werken (z.B Solaris, Fiasko, Der Unbesiegbare oder eben Also sprach Golem) und den satirischen (z.B. Kyberida, Robotermärchen, Sterntagebücher)… Erstere sind zum Teil wirklich anstrengend zu lesen, während letztere für mich zu den sprachlich tollsten Büchern bzw. Kurzgeschichtensammlungen überhaupt gehören.

Beides ist auf seine Weise sehr genial, aber der Satiriker Lem schreibt schon sehr, sehr anders als der trocken-wissenschaftlich dozierende Lem. Wenn Dir nur 'Golem' bekannt ist, kennst Du nur die eine Seite.

Und - war das jetzt zu fanboyig? ?????


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Glaurung



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BeitragVerfasst am: 17.03.2010, 00:22                                  +/-

Was Craggan vorstellt, klingt für mich nach Fantasy, nicht Science Fiction. Wird ja gerne fast gleichgesetzt und hat sicherlich auch sich überschneidende Fangruppen (inklusive mir), aber ich setze den Schwerpunkt bei SF ja schon auf der Science. Star Wars ist zB keine SF, sondern Fantasy, die zufällig in einem "Weltraum" spielt.

Bei Leuten wie Lem oder solchen Russen finde ich es ja sehr schade, daß ich das nicht im Original lesen kann, sondern nur in der minderen Form der Übersetzung. Übersetzte Bücher (zum ersten Mal) zu lesen ist mir mittlerweile geradezu widerlich Geschockt

Da fällt mir ein, daß ich mal wieder die Bücher von H.W. Franke lesen wollte. Ein deutscher Autor, bei dem die Science tatsächlich großgeschrieben wird. Hab's zuletzt in früher Jugend gelesen, aber als sehr gut in Erinnerung.

Von Asimov hatte ich mal ein Buch ausgeliehen und fand es grauenhaft zäh und öde. Ist aber auch sehr lange her.


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#18



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BeitragVerfasst am: 17.03.2010, 01:35                                  +/-

Glaurung
Was Craggan vorstellt, klingt für mich nach Fantasy, nicht Science Fiction.


Was sich mit dem Titel ja verträgt. Lujanenko schreibt größtenteils Fantasy, Spektrum ist eine Mischung aus harter SF und Krimi. Gefühlt wird in den letzten Jahren immer mehr alles Mögliche zu einer Art "erwachsene Phantastik" verrührt. Beispiele wären die Werke von China Mieville oder Jeff Vandermeer, wohingegen sich Autoren wie Iain Banks (Space Opera) und Greg Bear (Biologie) weitgehend auf Ihre Nischen beschränken.

Diesen April erscheint bei Heyne im Fahrwasser von Lukjanenko und Gluchowski eine weitere Auflage von Sergej Snegows "Menschen wie Götter". Braucht niemand, aber bevor man was Neues übersetzen lässt, wirft Heyne lieber nochmal etwas Ausgelutschtes auf den Markt.

@Helg Sgaraxi:Was mir Lem suspekt macht, ist die hier und da gelesene Aussage: "SF ist literarisch eigentlich Mist, der Einzige, der halbwegs ordentlich schreiben kann ist Stanislaw Lem." Autoren wie Ursula K. LeGuin oder oder die Strugatzkis können auch kunstvoll erzählen, und ich möchte doch SEHR stark in Zweifel ziehen, dass er die - wenn auch teilweise schludrige - Intensität eines Philip K. Dick erreicht. Aber da scheiden sich wohl die Geister, was der eine satirisch und pointiert findet, ist für den anderen peinlich und über alle Maßen aufgepumpt. Solange sich mein Stapel an zu Lesendem nicht verringert, sondern durch spontane 1-Euro-Käufe auf Ebay immer noch weiter anschwillt, behalte ich Lem im Hinterkopf ohne dringenden Kaufzwang.

@Euseppus: Ja, ist neben "Morgenwelt" und dem "Schockwellenreiter" einer von Brunners dystopischen Romanen, in denen alles schlecht ist. Am interessantesten an den Büchern ist die Realitätsnähe, so einiges was sich der John damals ausgedacht hat ist mittlerweile Wirklichkeit.


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lila



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BeitragVerfasst am: 20.03.2010, 13:28                                  +/-

Dieser Thread hat mich dazu gebracht, das seit Jahren in meinem Regal verstaubende Nočnoj Dozor rauszuholen und diesmal ernsthaft zu versuchen, es auf Russisch zu lesen. Yes

Durchaus lesenswert ist übrigens auch "Wir" von Zamjatin. Das schlägt aber eher in die Richtung 1984. Bzw. hat Orwell einfach ganz viel daraus geklaut. hähö

Nicht russisch, aber weil der Name schon gefallen ist: Der futurologische Kongress von Lem ist ganz, ganz toll.


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Helcaraxe



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BeitragVerfasst am: 22.03.2010, 10:18                                  +/-

#18
@Helg Sgaraxi:Was mir Lem suspekt macht, ist die hier und da gelesene Aussage: "SF ist literarisch eigentlich Mist, der Einzige, der halbwegs ordentlich schreiben kann ist Stanislaw Lem." Autoren wie Ursula K. LeGuin oder oder die Strugatzkis können auch kunstvoll erzählen, und ich möchte doch SEHR stark in Zweifel ziehen, dass er die - wenn auch teilweise schludrige - Intensität eines Philip K. Dick erreicht

Is’ nicht so, daß ich neben Lem niemand anderen gelten lasse. (Deshalb frage ich doch hier nach anderweitigen Empfehlungen!) Und ich habe auch nicht gesagt, daß andere Autoren sprachlich nur Mist fabrizieren. Intensität ist außerdem das falsche Wort in Bezug auf Lem. In seinen Märchen experimentiert er halt recht viel mit den Möglichkeiten von Sprache und mit philosophischen Ideen, die das, was Adrian und Morgi hier preisgeben, wie einfältige Fingerübungen eines Fünfjährigen wirken läßt. hähö Das ist nicht direkt spannend, aber sehr toll zu lesen.

lila
Nicht russisch, aber weil der Name schon gefallen ist: Der futurologische Kongress von Lem ist ganz, ganz toll.

Na endlich mal jemand, der das auch so sieht! *niederknie-smilie*

Kannst Du etwas mehr zu "Wir" sagen? Ich habe davon nämlich noch nie gehört.


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Craggan



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BeitragVerfasst am: 22.03.2010, 10:23                                  +/-

lila
Dieser Thread hat mich dazu gebracht, das seit Jahren in meinem Regal verstaubende Nočnoj Dozor rauszuholen und diesmal ernsthaft zu versuchen, es auf Russisch zu lesen..


Spitze

und: Neid! Ich möchte auch russische Originale lesen können und Lukanjenko in seiner Landessprache Fanboybriefe schreiben und so

ich bin übrigens gestern noch mit 2033 fertig geworden. Krasser Plot-Twist auf den letzten 5 Seiten Überrascht


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lila



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BeitragVerfasst am: 22.03.2010, 11:18                                  +/-

Ich kann dir deine Fanbriefe ja übersetzen. hähö

"Wir" von Zamjatin ist wie gesagt Orwells 1984 sehr, SEHR ähnlich. Es gibt nur mehr einen (totalitären) Staat, hinter dem nur eine Person steht. Die Menschen haben keine Namen mehr, sondern nur mehr Nummern und werden total kontrolliert. Regimetreue wird erwartet, alles andere wird hart bestraft. Hauptfigur ist D-503, ein Ingenieur, der an einer Rakete arbeitet, die dann eben auch den Weltraum für diesen einen Staat erschließen soll. Der ist halt auch ganz brav regimetreu, bis er ein Mädl, das in einer Untergrundorganisation arbeitet, kennenlernt. Und mehr will ich an Handlung jetzt mal nicht vorweg nehmen.
Das Buch ist jetzt vielleicht nicht so klassische SciFi, schlägt wie gesagt in die Richtung Zukunftsdystopien a la Orwell und Huxley. Orwell hat da ja einiges draus geklaut, heißt aber nicht, dass man sich das Lesen sparen kann, wenn man "1984" kennt. Eigentlich ist es gerade dann sehr interessant.
Was halt in "Wir" eine viel größere Rolle spielt, ist der Technik-und-Fortschrittsglauben, vermittelt auch dadurch, dass die Hauptfigur Ingenieur ist. Wichtig ist dann natürlich auch das "Wir", das Kollektiv, dem sich alle unterordnen (müssen).
Ach ja, der Text erscheint in Form des Tagebuchs des Ingenieurs, und gerade daran lässt sich gut mitverfolgen, wie er in seiner Einstellung immer mehr ins Wanken gerät. Ist das am Anfang noch total pathetisch überzeugt von all dem, was passiert, wirds dann immer konfuser und konfuser.
Rausgekommen ist das Buch 1920. Wurde dann in der Sovjetunion natürlich verboten, eh klar. Und ist bis heute nicht wirklich bekannt, was ich eigentlich schade finde. Steht späteren Werken dieser Richtung nämlich um nichts nach und wenn man überlegt, wie die Geschichte dann weiterging, ist es schon fast erschreckend, was sich der Herr Zamjatin damals ausgemalt hat und wie viel davon wirklich passiert ist.

Hm, Metro 2033 sollte ich mir auch mal besorgen. Gut, dass jetzt Ostern=Geld kommt. hähö


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Craggan



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BeitragVerfasst am: 22.03.2010, 11:34                                  +/-

lila
Ich kann dir deine Fanbriefe ja übersetzen. hähö


das ist nett, aber wahrscheinlich dann doch zu intim und persönlich Verlegen


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Helcaraxe



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BeitragVerfasst am: 22.03.2010, 11:35                                  +/-

Das klingt interessant, lila, ich werde das sicher mal lesen. Kann aber dauern, manchmal vergehen nach solchen Ankündigungen noch Wochen und Monate bei mir.

Ich lese gerade, daß Zamjatin sich danach erfolgreich nach Frankreich absetzen konnte und somit überlebt hat, das gab's ja auch nicht so oft. Spitze


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