Tylers Kneipe Foren-Übersicht Tylers Kneipe

 
 FAQFAQ   SuchenSuchen   MitgliederlisteMitgliederliste     RegistrierenRegistrieren 
 ProfilProfil   Einloggen, um private Nachrichten zu lesenEinloggen, um private Nachrichten zu lesen   LoginLogin 
Zum ChatSkypen

Allgemeines Buchgeplauder IV
1, 2, 3 ... 39, 40, 41, 42  Weiter Alle
 
Neues Thema eröffnen  Dieses Thema ist gesperrt, du kannst keine Beiträge editieren oder beantworten. Tylers Kneipe Foren-Übersicht -> Literaturcafé
 
 
Autor Nachricht
Quar



Beiträge: 4744
Wörter pro Beitrag: 44
Wohnort: Mannheim
Private Nachricht senden

BeitragVerfasst am: 16.03.2011, 23:25                                  +/-

Bezugnehmen auf Mikes Kommentar aus dem vorherigen Thread:


Robert Merle mag ich ganz gerne, ja. "Die Insel" kenne ich aber noch nicht. "Malevil" würde zur momentanen politischen Lage sehr makaber passen. Geschockt Das Buch mag ich aber sowieso nicht. Monsieur Merle schreibt immer mit einem latent chauvinistischen Unterton, in dem Buch geht's mir aber zu hoch her.
In seinen anderen Büchern und besonders in der "Fortune de France" Reihe sehe ich aber über sein ewiges Flirten mit der schönen Leserin hinweg. Denn er schreibt wirklich sehr amüsant und spannend. Davon abgesehen interessiert mich die französische Geschichte sehr und die bereitet er sehr anschaulich auf.
Außerdem hat mich "Die Geschützten Männer" in meiner schweren PuMo*-Phase sehr begeistert. An Fortune de France kommt aber nix ran. Da hab ich im DAF mal was zu geschrieben, glaube ich. ?????


*pubertäres Monster ((C) meine Tante)

Nach oben
Antworten mit Zitat
Morgi



Beiträge: 8323
Wörter pro Beitrag: 102
Wohnort: Sonnenscheinweg 33, Regenbogenstadt
Private Nachricht senden

BeitragVerfasst am: 21.03.2011, 20:47                                  +/-

Am Wochenende gelesen:

Joseph Roth, "Tarabas"

Ein kurzer, melancholischer Roman Roths von 1934, in dem er die Geschichte des baltischen Adelssprosses Nikolaus Tarabas erzählt. Tarabas schließt sich im frühen 20. Jahrhundert mehr aus zielloser Unruhe denn aus politischer Überzeugung einer anarchistischen Terrorgruppe an und wird nach dem Attentat auf einen zaristischen Gouverneur vor Gericht gestellt, zwar freigesprochen, aber von seinem konservativen Vater verstoßen und zur Emigration nach Amerika gezwungen. Im gehassten New York erwacht in Tarabas eine brennende Sehnsucht nach seiner Heimat, er lässt sich treiben, macht keinen Versuch, sich in die neue Umgebung zu integrieren:

"Allein schon zwei Monate nach seiner Ankunft in der großen, steinernen Stadt erwachte das Heimweh in ihm. Obwohl die Welt noch vor ihm lag, schien es ihm manchmal, sie läge hinter ihm bereits. Zuweilen fühlte er sich wie ein alter Mann, der sich nach einem verlorenen Leben sehnt und dem keine Zeit mehr bleibt, ein neues anzufangen. Also ließ er sich denn gehen, wie man sagt, machte keinerlei Versuche, sich an die neue Umgebung anzupassen und nach einem Unterhalt zu suchen. Er sehnte sich nach dem zartblauen Dunst seiner väterlichen Felder, den gefrorenen Schollen im Winter, dem unaufhörlich schmetternden Gesang der Lerchen im Sommer, dem süßlichen Duft bratender Kartoffeln auf herbstlichen Äckern, dem quakenden Lied der Frösche in den Sümpfen und dem scharfen Gewisper der Grillen auf den Wiesen. Das Heimweh trug Nikolaus Tarabas im Herzen. Er haßte New York, die hohen Häuser, die breiten Straßen und überhaupt alles, was Stein war. Und New York war eine steinerne Stadt."

Tarabas wird hart, zynisch und grausam, und als der Erste Weltkrieg ausbricht, ist es für ihn eine Befreiung - er fährt sofort zurück nach Russland und meldet sich freiwillig zur Armee, wo er sich voll in seinem Element findet. Da sein Leben ihm nichts bedeutet, wird er ein eiserner, tapferer Soldat, steigt auf und wird kommandierender Offizier. Seine Soldaten fürchten und verehren ihn wie einen Kriegsgott. Als der Krieg sich zu Ende neigt, steht Tarabas vor einem Loch: Er, der das Leben hasst und den Tod liebt, weiß mit dem Frieden nichts anzufangen, fürchtet sich davor, wieder in derselben Leere zu versinken. Er zieht mit dem von seinem Regiment übriggebliebenen Häufchen Freiwilliger, die ebenfalls nicht wissen, was sie ohne Krieg mit ihrem Leben anfangen sollen und ihm bedingungslos ergeben sind, als Condottiere in seine unabhängig gewordene baltische Heimat, schließt sich ihrer neuen Armee an und übernimmt die Aufgabe, im Provinzstädtchen Koropta ein neues Regiment aufzustellen.

Dort aber löst seine Ankunft Angst und Schrecken aus: Die Stadt hat den Frieden schon willkommen geheißen, die Menschen atmen über das Ende des Krieges auf, beginnen wieder mit ihrem alltäglichen Leben, die Soldaten werfen ihre Waffen weg und gehen nach Hause. Ländliche Idylle zieht wieder ein in diesem weltabgeschiedenen Winkel. In diesen Frieden bricht nun der despotische, strenge Tarabas, richtet mit seinen Getreuen eine harte Militärherrschaft über die Stadt auf, zieht jeden verfügbaren jungen Mann ein und unterwirft sie einem erbarmungslosen Drill. Die kleinen Bauern und die jüdischen Krämer der Stadt spüren dumpfe Furcht vor dem schrecklichen Tarabas, manche halten ihn für einen Teufel, andere für den König des neuen Landes. Die Stimmung in der Stadt heizt sich mehr und mehr auf, bis sie sich schließlich in einem grausamen Pogrom gegen die Juden Koroptas entlädt. Tarabas versagt, kann die Lage nicht unter Kontrolle bekommen und muss die Erfahrung machen, seine Autorität in der einzigen Sache zu verlieren, die ihm das Leben noch lebenswert gemacht hatte. Doch Roth wäre nicht Roth, wenn er den Roman damit zu Ende gehen ließe: Stattdessen tut Tarabas Buße, zieht als Bettler durch das Land und geht geläutert und in Frieden in den Tod, ein wenig denkt man an "Schuld und Sühne".

Roths Romane haben alle einen Hang zur Sentimentalität, und auch in "Tarabas" neigt er zu einer mild religiösen Verklärung der Realität, die seinem Stoff, auch wenn er sich in einer klar definierten historischen Wirklichkeit abspielt, etwas Zeitloses, Märchenhaftes verleiht. Getragen wird es von Roths wehmütiger Liebe zur Welt des alten Mittel- und Osteuropas mit seiner Entrückung von der Moderne und seiner ethnischen Diversität, die schon zu seinen Zeiten zu verschwinden begann und von der heute keine Reste mehr übrig sind. Es ist ein schöner, berührender Roman, aber letztlich transportiert Roth doch in jedem seiner Bücher dieselbe Stimmung.


Erich Maria Remarque: "Liebe deinen Nächsten"

Remarque schrieb diesen Roman 1941 im amerikanischen Exil, als die Niederlage Nazideutschlands noch nicht abzusehen war und Remarque wie viele andere Emigranten die europäische Kultur für immer im Amoklauf Deutschlands untergehen sah. Dementsprechend düster und hoffnungslos ist dieses Buch, das sich - wie auch der spätere, berühmtere Roman "Die Nacht von Lissabon" - mit dem Schicksal heimatloser Emigranten beschäftigt, ausgefallen. Es ist eine unpathetische, sehr realistische Schilderung des Lebens, das dieses menschliche Strandgut jahrelang führte: Die verschiedensten Gruppen von Flüchtlingen - Juden, Kommunisten, Sozialdemokraten, antinazistische Katholiken - werden, ohne Papiere, ohne Visa und ohne Aufenthalts- oder Arbeitserlaubnis, von einem Land zum anderen weitergeschoben, niemand ist für sie zuständig: Von Tschechien nach Österreich. Von Österreich in die Schweiz. Von der Schweiz nach Frankreich. Von Frankreich wieder zurück in die Schweiz. Überall stoßen sie dabei auf den Argwohn und die Abneigung der Sesshaften, Gesicherten, der Legalen, nirgends finden sie mehr als Isolation, Elend, Rechtlosigkeit, bitterste Armut, um nach ein paar Wochen wieder herausgeworfen und an das nächste Land weitergeschoben zu werden. Überwiegend sind es Intellektuelle, die sich im praktischen Leben wenig bis gar nicht zurechtzufinden wissen und in einer solchen Situation nackten Überlebenskampfes zugrundegehen, ohne dass sich irgendjemand um ihr Schicksal kümmert, überschattet vom drückenden Gefühl, gerade den Untergang Europas mitzuerleben und nur noch ein paar Monate, mit Glück ein paar Jahre Aufschub zu gewinnen, ehe alles zu Ende ist. Manche werden von den elenden Lebensbedingungen aufgerieben, anderen hängen sich in ihren Elendsasylen auf, andere brechen zusammen und lassen sich freiwillig ins Gefängnis bringen, um nur endlich ausruhen zu dürfen.

Es ist der einzige spätere Roman Remarques, den ich bisher gelesen habe, der annähernd wieder das Niveau von "Im Westen nichts Neues" erreicht, der es durch seine äußerste Schmucklosigkeit und schlichte Tatsachendarstellung schafft, den Leser stärker zu berühren, als es ein literarisch ausgefeilterer, von langen Reflexionen durchsetzter Roman schaffen könnte. Nicht umsonst trägt die englische Fassung den Titel "Strandgut", denn die Einsamkeit der Flüchtlinge, die eiskalte Gleichgültigkeit gegenüber ihrem Schicksal, die Unmöglichkeit, nach ihrer Entwurzelung wieder Fuß zu fassen, ziehen sich als roter Faden durch den ganzen Roman, bis zu dessen ratlosem Ende.

Nach oben
Antworten mit Zitat
Helcaraxe



Beiträge: 15839
Wörter pro Beitrag: 42

Private Nachricht senden

BeitragVerfasst am: 22.03.2011, 18:04                                  +/-

Quar: Ich kann Dir noch "Der Tod ist mein Geschäft" empfehlen, das ist super. Malevil wirkt auch auf den männlichen Leser sehr chauvi, aber es ist einer der besten Endzeit-Romane - und irgendwie müssen die Frauen ja aufgeteilt werden, wenn die Menschheit ausstirbt. grins Regenbogen und einBaum würden den Roman vermutlich in der Luft zerreißen, Morgi ihn dagegen lieben.

Nun ja, die eigentliche Stärke von Merle ist sowieso das Beschreiben von zwischenmenschlichen (nicht unbedingt zwischengeschlechtlichen) Konflikten. Ich finde, das kann er wie kaum ein anderer. Yes


_________________
I'm tired of everyone and that includes myself
Nach oben
Antworten mit Zitat
Morgi



Beiträge: 8323
Wörter pro Beitrag: 102
Wohnort: Sonnenscheinweg 33, Regenbogenstadt
Private Nachricht senden

BeitragVerfasst am: 28.03.2011, 17:01                                  +/-

In den letzten Tagen gelesen:

-Ernst Meyer: "Römischer Staat und Staatsgedanke"

Eine auf etwa 400 Seiten komprimierte Abhandlung zur römischen Verfassung und Staatstheorie, die sich in einen historischen Abriss der Entwicklung des republikanischen Systems, eine umfangreiche Darstellung des römischen Staatssystems in klassisch-republikanischer Zeit sowie einen Ausblick auf Verfall und Untergang dieses Systems gliedert. Die Stoffdichte ist enorm, die Lektüre daher ziemlich mühsam, sodass ich nach jedem gelesenen Abschnitt noch schriftlich die Kernpunkte memorieren musste, um es zu behalten.

Der römische Staat der klassischen republikanischen Zeit war doch ein überraschend originelles politisches Gebilde, für das mir mit seiner Mischung aus aristokratischen, repräsentativ demokratischen und basisdemokratischen Elementen keine historische Entsprechung einfiele. Polybius führte ja die Stabilität und den Erfolg der römischen Republik gerade auf den Umstand zurück, dass sie die besten Elemente jeder bisherigen Staatsform miteinander verschmolzen habe. Für einen den modernen Parlamentarismus mit seiner offiziellen Blindheit gegenüber der Existenz sozialer Klassen gewöhnten Leser ist besonders das offene Eingeständnis des römischen Staates verwunderlich, dass es sich hierbei um eine - bedingt durch das extreme Klassenwahlrecht - Klassenherrschaft der senatorischen und ritterlichen Großbürgerfamilien handle - und noch verwunderlicher, dass man dennoch die Staatsklugheit besaß, den Mittel- und Unterschichten diesen Zustand dadurch erträglich zu machen, dass man ihnen verfassungsmäßig garantierte Schutzmechanismen gegen eben diese staatlich gesicherte Klassenherrschaft an die Hand gab. Besonders interessant ist dabei das Amt der von der Plebs gewählten Volkstribunen, die das Recht besaßen, ihr Veto gegen jede Amtshandlung eines anderen Beamten bzw. einer Behörde einzulegen, wenn sie vermuteten, dass es sich hierbei um eine Ungerechtigkeit gegenüber einem Plebejer handelte. Man muss sich die Tragweite eines solchen Amtes einmal klarmachen: Da richtet ein Staat offiziell ein Amt ein, dessen Träger die Befugnis hat, jeden legalen Akt eben dieses Staates zu unterbinden! Mommsen nennt das Volkstribunat (Das schon bald nach dem Sturz des Königtums eingerichtet worden war, als die Plebs sich gegen die in der neuen Republik schrankenlose patrizische Herrschaft erhoben hatte) ja auch "die legalisierte Revolution in Permanenz".

Dabei ist es übrigens ein typischer Zug der römischen Republik, so konservativ zu sein, dass man einmal geschaffene Ämter und Institutionen nicht etwa abschafft oder einschränkt, wenn sie sich als in einer bestimmten Situation unbrauchbar erwiesen haben, aber gleichzeitig flexibel genug, ein weiteres Amt als Ergänzung zu schaffen, das die Fehler des betreffenden Amtes korrigieren kann. Unter diesem Gesichtspunkt ist auch das bemerkenswerte und seltsamerweise kaum jemals nachgeahmte römische Prinzip der Kollegialität zu verstehen, d.h. die Bestimmung, dass es in jeder Stufe der Beamtenhierarchie bis hoch zum Konsul stets mehrere gleichberechtigte Amtsträger geben muss, die zwar souverän sind und ohne Rücksprache mit ihrem Kollegen handeln können, von diesem aber wiederum durch sein Veto an der Ausführung jeder Handlung gehindert werden können, ohne sie für illegal oder ungültig erklären zu müssen. Ein ungewöhnliches, aber eigentlich sinnvolles Modell, auch wenn für uns heute der Gedanke etwas seltsam wäre, dass es bspw. immer zwei Bundeskanzler gebe, von denen jeder die volle Amtsgewalt besitzt und ohne Rücksprache mit diesem agieren, aber eben auch wieder an der Ausführung jedes Beschluss gehindert werden kann. Der Haken dabei ist freilich der, dass die Wahl miteinander verfeindeter Beamter in dasselbe Kollegium den Staat für die Dauer ihrer Legislaturperiode vollkommen lahmlegen kann, auch wenn das bemerkenswerterweise so gut wie nie geschehen ist.

Grundlage dieses Systems ist der schwer übersetzbare lateinische Begriff des Imperiums, der die volle staatliche Machtfülle bezeichnet (Die römische Republik kennt keine Teilung der Staatsgewalt in zivil und militärisch, d.h. jeder hohe Staatsbeamte ist automatisch auch militärischer Kommandant) und in dessen Besitz sich alle Beamten im Rang eines Konsuls oder Praetors befinden, d.h. jeder dieser jeweils acht Beamten hat grundsätzlich das Recht, jede Staatshandlung bis hin zu Kriegserklärungen und Friedensschlüssen ohne vorherige Rücksprache vorzunehmen, wenn diese Kompetenz auch, wie gesagt, in der Praxis durch das System der Kollegialität mit ihrem gegenseitigen Interzessionsrecht eingeschränkt ist. Besonders seltsame Blüten treibt dieses Konzept des Imperiums bei den Provinzgouverneuren, die ja im Rang eines Praetors stehen müssen, sich somit im Besitz des Imperiums befinden und nach eigenem Ermessen angrenzenden Nachbarstaaten den Krieg erklären und selbstständig ein Heer aufstellen können - man muss sich das so vorstellen, als ob bspw. der Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen das Recht hätte, selbstständig eine Armee zu rekrutieren und damit Belgien den Krieg zu erklären, der Ministerpräsident von Niedersachsen gegen die Ausführung dieses Beschlusses allerdings sein Veto einlegen kann, das er ja gleichrangig mit seinem nordrhein-westfälischen Amtskollegen ist.

Für die Ausdehnung des römischen Staates war dieses System äußerst effektiv, denn natürlich versuchte jeder Statthalter einer Grenzprovinz, seinen Ruhm, sein Ansehen und (da er berechtigt war, über die Kriegsbeute zu verfügen) seinen Reichtum durch eine solche selbstständig geleitete Expansion zu mehren. Somit dehnte der römische Staat sich quasi automatisch immer weiter aus, ohne dass die Zentrale der Staatsmacht in Rom damit viel zu tun gehabt hätte. Der Nachteil freilich bestand darin, dass die Statthalter als Imperiumsträger zum einen ihre Provinz schamlos ausbeuten konnten und das i.d.R. auch taten und sich zweitens vollkommen legal ein Privatheer aufstellen durften, mit dem sie einen Bürgerkrieg anzetteln konnten - und genau daran ist die Republik dann ja auch im 1. Jahrhundert v.Chr. zugrundegegangen.

Mögen auch einzelne Elemente der römischen Republik Eingang in neuzeitliche Verfassungen gefunden haben - im Kern war dieses Staatswesen doch eine der eigenständigsten Schöpfungen der römischen Kultur überhaupt.

-Alexander Solschenizyn: "Krebsstation"

Einer der bedrückendsten Romane Solschenizyns, in dessen Mittelpunkt die Krebsstation eines sowjetischen Provinzkrankenhauses in Usbekistan in der politischen Tauwetterperiode kurz nach Stalins Tod steht. Eigentliche Protagonisten lassen sich schwer benennen, denn Solschenizyn räumt gut einem Dutzend verschiedenen Figuren - Patienten, Ärzten, Krankenschwestern - ähnlich viel Raum ein, doch die beiden dominanten Figuren, die beiden Antipoden des Romans sind der Dissident Kostoglotow und der Systemprofiteur Rusanow. Kostoglotow hat wegen einiger unvorsichtiger Äußerungen als Student Jahre im Strafarbeitslager verbracht und wurde anschließend auf Lebenszeit in die kasachische Steppe verbannt, wo er an Krebs erkrankt und sich schon halbtot ins Krankenhaus schleppt. Rusanow hingegen hat als Parteimitglied und eifriger Denunziant Karriere gemacht und eine hohe Stellung in einem großen Staatsbetrieb erreicht. Die Krebserkrankung trifft ihn völlig unvermittelt auf dem Gipfel der Zufriedenheit mit sich selbst und seinem Leben.

So verständlich Solschenizyns Hass und Abscheu gegenüber Typen vom Schlag Rusanows ist - seine polemische Darstellung ist doch ein erheblicher literarischer Makel, denn Rusanow wird im Laufe des Romans mehr und mehr zu einer verzerrten Karikatur. Einige Stellen - etwa Rusanows Phantasien, wie er noch auf dem Totenbett davon träumt, öffentliche Hinrichtungen von Spekulanten und Chaoten mitverfolgen zu dürfen, oder seine Tiraden gegen arbeitsscheues Pack - lösen geradezu Lachreiz aus, wären in einer Satire gar nicht übel gelungen, wirken aber völlig deplatziert in einem ansonsten sehr ernsthaften Roman ohne jegliche humoristischen Züge.

Die restlichen Charakterzeichnungen allerdings sind gelungen, und Solschenizyns Stil wie immer von einfacher Schönheit, schmucklos, klar und ohne alle formalistischen Spielereien. Wie schon an anderer Stelle erwähnt, ist das überhaupt ein Zug, der mir an der osteuropäischen Prosa nach 1945 wesentlich besser gefällt als an der modernen westlichen Prosa: Die Sprache ist niemals Selbstzweck, Literatur niemals ein onanistisches Spielchen, um zu zeigen, welche artistischen Kunststückchen der Autor beherrscht, sondern Werkzeug, um eine Geschichte zu erzählen und den Charakter eines Menschen plastisch darzustellen. Mir scheint, dass der Autor sich in der osteuropäischen Literatur tendentiell nur als Medium der von ihm erzählten Geschichte versteht, ohne sich selbst übermäßige Bedeutung beizumessen, wohingegen westliche Autoren sich und ihre Arbeit als Mittelpunkt des Universums aufzufassen pflegen, deren mehr oder wenige zufällige Eigenschaft es ist, nebenbei auch etwas zu erzählen zu haben.

-Hans Fallada: "Wer einmal aus dem Blechnapf frisst..."

Einer der realistischsten sozialkritischen Romane Falladas, 1934 erschienen und sofort von den Nazis verboten. Fallada erzählt hier die Geschichte des kleinen Büroangestellten Willi Kufalt, der versucht hatte, mit Unterschlagung von Firmengeldern seinen prekären Lebensverhältnissen zu entkommen, dabei aber gefasst wurde und fünf Jahre ins Gefängnis kam. Nach der Haftentlassung versucht Kufalt, sich eine bescheidene bürgerliche Existenz aufzubauen, aber für einen entlassenen Sträfling gibt es keine Perspektive. Sein erneutes Abdriften in die Kriminalität wird als quasi naturgesetzlicher Vorgang geschildert, als Notwendigkeit in einer Gesellschaft, in der Armut und Ausgestoßensein zwangsläufig zum Verbrechen führen müssen, in der das Verbrechen die logische Konsequenz der bürgerlichen Klassenherrschaft ist. Kufalt und seine Zufallsgenossen sind allesamt durchaus sympathische Kerle, die sich um ein neues Leben bemühen, aber niemals eine Chance bekommen, die gegen die Gesellschaft revoltieren müssen, wenn sie nicht verrecken wollen. Eigentlich kaum zu glauben, dass die Publikation eines solchen Romans im Jahr 1934 für Fallada keine gravierenderen Konsequenzen hatte.

Nach oben
Antworten mit Zitat
Euseppus



Beiträge: 8857
Wörter pro Beitrag: 63
Wohnort: Winterkatingen
Private Nachricht senden

BeitragVerfasst am: 28.03.2011, 19:50                                  +/-

Eigentlich kaum zu glauben, dass die Publikation eines solchen Romans im Jahr 1934 für Fallada keine gravierenderen Konsequenzen hatte.

Vermutlich, weil die Nazitrottel schlichtweg nicht den IQ hatten zu verstehen, was da steht.
Der Vorgänger-Roman "Kleiner Mann - was nun?" (1932) ist vermutlich weniger radikal, dafür auf eine andere Art und Weise unglaublich berührend und schildert den ewigen Kampf des kleinen Mannes.


_________________
"Jeder spricht Unsinn. Es ist nur ein Unglück, wenn man es feierlich tut." (Michel de Montaigne)
Nach oben
Antworten mit Zitat
Gimli



Beiträge: 23155
Wörter pro Beitrag: 35

Private Nachricht senden

BeitragVerfasst am: 16.04.2011, 21:15                                  +/-

Hat hier jemand Wheel of Time gelesen?


_________________
Yeah, well, you know, that's just, like, your opinion, man.
Nach oben
Antworten mit Zitat
Sunny



Beiträge: 2871
Wörter pro Beitrag: 33

Private Nachricht senden

BeitragVerfasst am: 17.04.2011, 08:09                                  +/-

Ich hab mal die ersten 4-5 Bücher gelesen. War schon ok, hatte dann aber keine Motivation mehr für den Rest dieser endlosen Serie.


_________________
Shut up, Crime!
Nach oben
Antworten mit Zitat
Oxford
Dr. Olympics


Beiträge: 49324
Wörter pro Beitrag: 34

Private Nachricht senden

BeitragVerfasst am: 17.04.2011, 19:05                                  +/-

Gimli
Hat hier jemand Wheel of Time gelesen?


Haha, ist das nicht diese 12-bändige Reihe, die nicht beendet wurde, weil der Autor starb?

@Sunny, Sven schimpft da immer drüber hähö


_________________
Somit sage ich, nicht ich schreibe das, sondern mein Zeitgewissen.
Nach oben
Antworten mit Zitat
Gimli



Beiträge: 23155
Wörter pro Beitrag: 35

Private Nachricht senden

BeitragVerfasst am: 17.04.2011, 19:13                                  +/-

Vollendet wurde es wohl, wenn auch auf Basis von Notizen geschrieben von einem anderen Autor.


_________________
Yeah, well, you know, that's just, like, your opinion, man.
Nach oben
Antworten mit Zitat
Wichtel



Beiträge: 18028
Wörter pro Beitrag: 28

Private Nachricht senden E-Mail senden

BeitragVerfasst am: 04.05.2011, 20:23                                  +/-

Gestern Abend begann ich um zehn mit Lukianenkos "Labyrinth der Spiegel". Das war eine schlechte Idee. Zwei Stunden später zwang ich mich zum Buchweglegen und Schlafen. Heute war ich redlich müde. Geschockt

Nach oben
Antworten mit Zitat
Craggan



Beiträge: 23799
Wörter pro Beitrag: 34
Wohnort: Way Down South
Private Nachricht senden

BeitragVerfasst am: 05.05.2011, 06:15                                  +/-

Du solltest maximal 12 Stunden in der Tiefe bleiben und dort möglichst nicht schlafen!


_________________
If you’re tired of arguing with strangers on the Internet, try talking with one of them in real life (B. Obama's Farewell address speech, 11.1.2017)
Nach oben
AIM-Name Antworten mit Zitat
Wichtel



Beiträge: 18028
Wörter pro Beitrag: 28

Private Nachricht senden E-Mail senden

BeitragVerfasst am: 05.05.2011, 19:37                                  +/-

Und mir auch immer einen Weg offen halten.

Nach oben
Antworten mit Zitat
Erinti



Beiträge: 4478
Wörter pro Beitrag: 44

Private Nachricht senden

BeitragVerfasst am: 05.05.2011, 20:10                                  +/-

*auf liste setz*

Wobei, ich zähle in meinem Zimmer inzwischen nicht ungelesene Bücher, sondern die Stapel ungelesener Bücher. Geschockt


_________________
How many miles to Babylon?
Three-score and ten.
Can I get there by candle-light?
Yes, there and back again.
Nach oben
Antworten mit Zitat
Craggan



Beiträge: 23799
Wörter pro Beitrag: 34
Wohnort: Way Down South
Private Nachricht senden

BeitragVerfasst am: 05.05.2011, 20:30                                  +/-

Der böse Plattkopfgeist hat gerade Dreibaum umgebracht Traurig


_________________
If you’re tired of arguing with strangers on the Internet, try talking with one of them in real life (B. Obama's Farewell address speech, 11.1.2017)
Nach oben
AIM-Name Antworten mit Zitat
Euseppus



Beiträge: 8857
Wörter pro Beitrag: 63
Wohnort: Winterkatingen
Private Nachricht senden

BeitragVerfasst am: 05.05.2011, 20:37                                  +/-

Erinti
*auf liste setz*

Wobei, ich zähle in meinem Zimmer inzwischen nicht ungelesene Bücher, sondern die Stapel ungelesener Bücher. Geschockt


Dann lass "Labyrinth" aus.
Ist Lukianenkos schlechtestes Buch. (Wie ich inzwischen bewerten kann... Verlegen )


_________________
"Jeder spricht Unsinn. Es ist nur ein Unglück, wenn man es feierlich tut." (Michel de Montaigne)
Nach oben
Antworten mit Zitat
Erinti



Beiträge: 4478
Wörter pro Beitrag: 44

Private Nachricht senden

BeitragVerfasst am: 05.05.2011, 20:53                                  +/-

Hier liegt eh noch ein anderes von ihm rum, das ich noch nicht gelesen hab. *gg*( gekauft im März 2009 )


_________________
How many miles to Babylon?
Three-score and ten.
Can I get there by candle-light?
Yes, there and back again.
Nach oben
Antworten mit Zitat
Craggan



Beiträge: 23799
Wörter pro Beitrag: 34
Wohnort: Way Down South
Private Nachricht senden

BeitragVerfasst am: 05.05.2011, 20:54                                  +/-

Euseppus
Erinti
*auf liste setz*

Wobei, ich zähle in meinem Zimmer inzwischen nicht ungelesene Bücher, sondern die Stapel ungelesener Bücher. Geschockt


Dann lass "Labyrinth" aus.
Ist Lukianenkos schlechtestes Buch. (Wie ich inzwischen bewerten kann... Verlegen )


ist es nicht!


_________________
If you’re tired of arguing with strangers on the Internet, try talking with one of them in real life (B. Obama's Farewell address speech, 11.1.2017)
Nach oben
AIM-Name Antworten mit Zitat
Euseppus



Beiträge: 8857
Wörter pro Beitrag: 63
Wohnort: Winterkatingen
Private Nachricht senden

BeitragVerfasst am: 05.05.2011, 21:22                                  +/-

ist es doch!


_________________
"Jeder spricht Unsinn. Es ist nur ein Unglück, wenn man es feierlich tut." (Michel de Montaigne)
Nach oben
Antworten mit Zitat
Craggan



Beiträge: 23799
Wörter pro Beitrag: 34
Wohnort: Way Down South
Private Nachricht senden

BeitragVerfasst am: 06.05.2011, 06:36                                  +/-

du hast doch gerade mal 4-5 Lukis gelesen!


_________________
If you’re tired of arguing with strangers on the Internet, try talking with one of them in real life (B. Obama's Farewell address speech, 11.1.2017)
Nach oben
AIM-Name Antworten mit Zitat
Wichtel



Beiträge: 18028
Wörter pro Beitrag: 28

Private Nachricht senden E-Mail senden

BeitragVerfasst am: 06.05.2011, 20:14                                  +/-

Der Schluss, also der vierte Teil sozusagen, war echt nicht so pralle. Das trübt natürlich den Gesamteindruck stärker. Wäre die Mitte doof gewesen, dann hätte man das bei einem guten Schluss fast vergessen. Aber so … leicht schal. Schade.

Nach oben
Antworten mit Zitat
Euseppus



Beiträge: 8857
Wörter pro Beitrag: 63
Wohnort: Winterkatingen
Private Nachricht senden

BeitragVerfasst am: 06.05.2011, 20:41                                  +/-

Craggan
du hast doch gerade mal 4-5 Lukis gelesen!


Inzwischen alle außer denen, die als "Jugendromane" gehandelt werden... Verlegen


_________________
"Jeder spricht Unsinn. Es ist nur ein Unglück, wenn man es feierlich tut." (Michel de Montaigne)
Nach oben
Antworten mit Zitat
Erinti



Beiträge: 4478
Wörter pro Beitrag: 44

Private Nachricht senden

BeitragVerfasst am: 08.05.2011, 18:14                                  +/-

Douglas Hulick - Among Thieves


Was soll ich sagen, dieses Buch ist einfach toll. Es spielt innerhalb einer an sich schon interessanten Welt in einem nie bis ins Detail erklärten und trotzdem oder gerade deswegen sehr lebendigen Mikrokosmos, die Charaktere sind großartig, der Humor ist bitterböse, und der Titelheld ist in die Riege meiner absoluten Lieblngscharaktere gewandert.

Hauptsächlich geht es um Drothe, einen Handlager eines der Gangsterboose, die die Stadt Ildrecca beherrschen. Seine Aufgabe ist es, Gerüchten und Unruhen innerhalb seiner Organisation nachzugehen und falls notwendig selbiges seinem Boss zuzutragen. Allerdings kommt immer mehr alles anders.

Was ich so toll gerade an Drothe finde, daß er einer der seltenen funktionierenden Fälle ist, die keine Maulhelden und Feiglinge sind, aber doch eher aufgeschmissen, wenn sie in echte Kämpfe verwickelt werden. Für diesen Fall hat er Degan, ein Charakter, dessen Hintrgund schon gut genug für eine eigene Geschichte wäre. Das hindert Drothe trotzdem nicht daran, sehr, sehr gut zu sein in dem, was er tut und auch entsprechend auftreten zu können.

“Smart,” I agreed as I grabbed the back of his neck and shoved his head down into the water. I shifted my weight to keep him there, steadying the bucket with my other hand as he struggled.

As a rule, I don’t mind renegotiating—hell, it’s part of doing business with people like Shatters. Kin are always trying to line their pockets with a few extra hawks. But there’s a right way and a wrong way to do it. The right way involves respect and a little give and take from both sides; the wrong way usually involves demanding more money “or else.” Unless I’m the one offering it, I hate “or else.”

hähö


Ein großes Plus ist, daß der Autor selber fechtet, aber nicht den Fehler macht, die Kämpfe totzuerklären. Man merkt mit jedem Satz, daß er weiß, wovon er spricht, aber es läßt einen im Erzählfluß drin. Besonders einer der letzten Kämpfe ist phantastisch beschrieben.
Und es ist schon irgendwie amsüant zu lesen, wie Drothe eigentlich jedes Mal, wenn er seinen Rapier auspacken muß, kurz davor steht, geschnetzelt zu werden, ergo Dinge anders angeht und im Zweifelsfall doch die Hintertür nimmt.
Insgesamt eine unglaublich flotte Geschichte, mal schaun, es soll noch was kommen, das Buch kann man aber auch als abgeschlossen betrachten, wenn man denn wollte.


_________________
How many miles to Babylon?
Three-score and ten.
Can I get there by candle-light?
Yes, there and back again.
Nach oben
Antworten mit Zitat
Beiträge der letzten Zeit anzeigen:   
Neues Thema eröffnen   Dieses Thema ist gesperrt, du kannst keine Beiträge editieren oder beantworten.    Tylers Kneipe Foren-Übersicht -> Literaturcafé Alle Zeiten sind GMT + 1 Stunde
1, 2, 3 ... 39, 40, 41, 42  Weiter Alle
Seite 1 von 42

 
Gehe zu:  
Du kannst keine Beiträge in dieses Forum schreiben.
Du kannst auf Beiträge in diesem Forum nicht antworten.
Du kannst deine Beiträge in diesem Forum nicht bearbeiten.
Du kannst deine Beiträge in diesem Forum nicht löschen.
Du kannst an Umfragen in diesem Forum nicht mitmachen.


Impressum. Powered by phpBB © 2001, 2006 phpBB Group. Deutsche Übersetzung von phpBB.de