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Der "Stanislaw Lem"-Schmachtthread
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Helcaraxe



Beiträge: 15839
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BeitragVerfasst am: 14.07.2005, 18:34                                  +/-

Stanislaw Lem: Die Siebente Reise

Das Weltall ist unendlich, aber begrenzt, und deshalb kehrt ein Lichtstrahl, wohin er auch aufbricht, nach Milliarden von Jahrhunderten an seinen Ausgangspunkt zurück, sofern er nur genügend Kraft hat; nicht anders ist es mit den Nachrichten, die zwischen den Sternen und Planeten kreisen. Eines Tages erreichte Trurl aus großer Ferne die Kunde von zwei mächtigen Konstrukteuren - Benefaktoren, die über so viel Vernunft und so viel Vollkommenheit verfügten, daß niemand ihnen gleichkäme. Alsbald begab er sich zu Klapaucius. Der aber erklärte ihm, die Nachricht spreche nicht von geheimnisvollen Rivalen, sondern von ihnen selbst, sie habe den Kosmos umkreist. Der Ruhm jedoch hat es so an sich, daß er über Niederlagen gewöhnlich schweigt, sogar wenn die höchste Perfektion sie hervorgerufen hat. Wer daran zweifelt, möge sich der letzten von Trurls sieben Reisen erinnern. Er hatte sie allein unternommen, weil Klapaucius von dringenden Pflichten festgehalten wurde, sodaß er ihn nicht begleiten konnte.
Trurl war damals grenzenlos überheblich, und die Zeichen der Verehrung, die man ihm entgegenbrachte, nahm er als etwas ganz Gewöhnliches hin. Mit seinem Raumschiff flog er nach Norden, weil diese Richtung ihm am wenigsten bekannt war. Lange flog er durch die Leere, mied Globen voll Kriegsgeschrei und solche, die die Stille vollständiger Leblosigkeit einte, bis ihm zufällig ein kleiner Planet in den Weg kam, eigentlich ein geradezu mikroskopischer Brocken verirrter Materie.
Auf der Oberfläche dieses Felsblocks lief jemand hin und her, sprang in die Höhe und machte seltsame Gebärden. Erstaunt über solche Einsamkeit und beunruhigt von diesen Anzeichen der Verzweiflung oder des Zorns, landete Trurl eilends.
Ein Mann von riesiger Gestalt kam ihm entgegen, ganz aus Iridium und Vanadium, rasselnd und klirrend, und tat ihm kund, er heiße Exilius Tartareus und sei der Herrscher von Pankrycia und Cenendera; die Bewohner dieser beiden Monarchien hätten ihn in einem Anfall königsmörderischen Wahnsinns von seinem Thron gestoßen, ihn vertrieben und auf diesen wüstenhaften Brocken gesetzt, damit er in alle Ewigkeit mit ihm in den dunklen Driften der Gravitation umherirre.
Nachdem er erfahren, mit wem er es zu tun hatte, begann jener Monarch zu fordern, Trurl als gewissermaßen berufsmäßiger Wohltäter solle ihn unverzüglich in seine früheren Würden wiedereinsetzen; schon der Gedanke an eine derartige Wendung der Dinge ließ seine Augen im Feuer ersehnter Rache aufleuchten, und seine stählernen Finger krallten sich zusammen, als hielten sie bereits die Kehlen der ungetreuen Untertanen umklammert.
Weder konnte noch wollte Trurl die Wünsche der Exilius erfüllen, denn das hätte viel Böses und viele Verbrechen nach sich gezogen, zugleich aber wünschte er, die beleidigte Majestät irgendwie zu besänftigen und zu trösten, er meditierte also eine gute Weile und gelangte zu der Überzeugung, auch in diesem Falle sei nicht alles verloren, man könne nämlich beides bewerkstelligen, den König befriedigen und seine Untertanen ungeschoren lassen. Nachdem er ausgiebig überlegt und seine meisterliche Kunst zu Hilfe gerufen hatte, konstruierte ihm Trurl deshalb einen völlig neuen Staat. Es gab dort Städte, Flüsse, Berge, Wälder und Bäche, einen Himmel mit Wolken, Kriegerscharen voller Kampfeslust, Burgen und Vesten und Frauenzimmer; ferner gab es von der Sonne grell beleuchtete Jahrmärkte, Tagesarbeit im Schweiße des Angesichts, Nächte voller Tanz und Gesang bis zum hellen Morgen, und das Rasseln der Säbel.
Auch fügte er in jenen Staat meisterlich eine herrliche Hauptstadt ein, ganz aus Marmor und Bergkristall, dazu einen Rat uralter Weisen, Winterpaläste und Sommerresidenzen, Verschwörungen von Königsmördern, Ehrabschneider, Ammen, Zuträger, Herden prächtiger Reitpferde und im Winde wehende purpurne Federbüsche; dann sättigte er die Luft mit den silbernen Fäden der Fanfarenklänge und den bauchigen Kugeln des Kanonensaluts, fügte die notwendige Handvoll Verräter und eine zweite Handvoll Helden hinzu, tat eine Prise Wahrsager und Propheten hinein, je einen Erlöser und einen Sänger der grausamen Macht des Geistes und führte dann, nachdem er sich neben dem fertigen Werk niedergelassen, eine Generalprobe durch, bastelte in ihrem Verlauf mit mikroskopischen Instrumenten daran herum, gab den Frauen des Staates noch etwas Schönheit, den Männern düsteres Schweigen und besoffenes Gezänk, den Beamten Hochmut und Unterwürfigkeit, den Astronomen Sternentrunkenheit, den Kindern lärmendes Wesen. Das alles aber war, vereint, verbunden und zugeschliffen, in einem Kasten untergebracht, nicht allzu groß, genauso, daß Trurl ihn ohne Mühe tragen konnte. Darauf gab er ihn dem Exilius zum Geschenk und bot ihm die ewige Herrschaft darüber an. Zuvor zeigte er ihm, wo die Eingänge und Ausgänge zu diesem Zwergenkönigreich lagen, wie man dort Krieg programmiert, Aufstände niederwirft, Abgaben und Aushebungen festlegt, auch lehrte er ihn, wo die kritischen Punkte explosiver Übergänge dieser miniaturisierten Gesellschaft lägen, das heißt die Maxima und Minima der Palastrevolutionen und Sozialumstürze, und er erläuterte das so gut, daß der seit jeher an ein tyrannisches Regiment gewöhnte König die Belehrung im Nu begriff und vor den Augen des Konstrukteurs versuchsweise einige Edikte erließ, indem er die mit kaiserlichen Adlern und Löwen geschmückten Regulationsknöpfe betätigte. Es waren das Edikte, die den Ausnahmezustand einführten, die Polizeistunde und einen Sondertribut. Dann, als in dem Königreich ein Jahr vergangen war, in Trurls und des Königs Zeit aber kaum eine Minute, hob der König durch einen Akt allerhöchster Gnade, also durch ein Tippen des Fingers auf den Regulator, ein Todesedikt auf, setzte den Tribut herab und geruhte, den Ausnahmezustand zu annullieren - und aus dem Kasten erhob sich, gleich dem Piepsen von Mäuschen, die man an den Schwänzen zieht, ein froher Lärm. Durch das gewölbte Glas oben konnte man sehen, wie sich das Volk auf den hellen, staubigen Wegen und an den Ufern der träge dahinfließenden Flüsse, in denen sich bauchige Wolken spiegelten, freute und die unvergleichlich hochherzige Gnade des Herrschers pries.
Der Monarch, anfangs durch Trurls Geschenk gekränkt, weil es gar zu klein und einem Kinderspielzeug ähnlich sei, sah jedoch, wie groß alles darin wurde, wenn man es durch das dicke Glas auf der Oberseite betrachtete, und fühlte vielleicht auch unklar, daß die Größenverhältnisse hier keine Rolle spielten, da man Staatsdinge nicht nach Meter und Kilogramm mißt, die Gefühle aber sowohl der Riesen wie der Zwerge irgendwie einander gleichen; er dankte dem Konstrukteur, wenn auch nur halb laut und steif. Wer weiß, vielleicht hätte er sogar gern befohlen, die Palastwachen sollten ihn für alle Fälle in Ketten legen und mit Torturen vom Leben zum Tode befördern, weil es sicher zweckmäßig wäre, jede Kunde davon bereits im Keim zu ersticken, daß ein hergelaufener, in allen Kunststücken versierter Nichtsnutz der Majestät ein Königreich geschenkt habe.
Doch war Exilius nüchtern genug, um einzusehen, daß daraus wegen des grundsätzlichen Mißverhältnisses der Kräfte nichts werden konnte; denn eher könnten die Flöhe ihren Ernährer gefangensetzen, als daß dies dem königlichen Heer mit Trurl gelungen wäre. Also nickte er noch einmal kaum merklich mit dem Kopf, steckte Zepter und Reichsapfel in die Brusttasche, hob nicht ohne Mühe den Kasten mit dem Staat hoch und trug ihn in seine Exilstube. Und während sie die Sonne abwechselnd im Rhythmus der Umdrehungen des Planetoiden beleuchtete und die Nacht sie in ihren frostigen Bann schlug, übte der König, den seine Untertanen bereits als den größten auf der Welt anerkannten, fleißig seine Herrschaft aus, befahl, verbot, ließ hinrichten, belohnte und ermunterte auf diese Weise ohne Unterlaß seine Winzlinge zu vollkommener Untertänigkeit und Thronverehrung.
Trurl hingegen erzählte, nach Hause zurückgekehrt, nicht ohne Zufriedenheit sogleich seinem Freunde Klapaucius, mit welcher Darbietung konstruktiver Meisterschaft er die monarchistischen Bestrebungen des Exilius mit den republikanischen seiner einstigen Untertanen in Einklang gebracht hatte. Klapaucius jedoch, o Wunder, zollte ihm nicht die geringste Anerkennung. Im Gegenteil, Trurl konnte etwas wie Tadel in seinen Augen lesen.
"Habe ich dich recht verstanden?" sagte er. "Du hast diesem grausamen König, diesem geborenen Sklavenhalter, diesem Torturophilen oder Qualenfreund eine ganze Gesellschaft zu ewiger Herrschaft geschenkt? Und erzählst mir noch von dem freudigen Lärm, den die Annullierung eines Teils seiner grausamen Edikte hervorrief! Wie konntest du so handeln!"
"Du beliebst zu scherzen!" rief Trurl. "Schließlich hat dieser ganze Staat in einem Kasten Platz, dessen Größe hundert zu fünfundsechzig zu siebzig Zentimeter beträgt - er ist nichts anderes als nur ein Modell ..."
"Modell wessen?"
"Was heißt hier wessen? Einer Gesellschaft, hundertmillionenfach verkleinert."
"Und woher weißt du, ob es nicht Gesellschaften gibt, die hundertmillionenmal größer sind als unsere? Wäre dann unsere nicht ein Modell dieser riesenhaften? Und überhaupt, was für eine Bedeutung haben die Ausmaße. Dauert in diesem Kasten, das heißt in diesem Staat, die Reise von der Hauptstadt bis zu den Antipoden nicht Monate - für die Bewohner dort? Leiden sie nicht, arbeiten sie nicht mühevoll, sterben sie nicht?"
"Nun ja, mein Lieber, du weißt doch selbst, daß alle diese Prozesse so ablaufen, weil ich sie programmiert habe, also nicht in Wirklichkeit."
"Wieso nicht in Wirklichkeit? Willst du damit sagen, der Kasten sei leer und die Umzüge, Torturen und Hinrichtungen nur eine Täuschung?"
"Sie sind insofern keine Täuschung, als sie tatsächlich stattfinden, indessen allein als bestimmte mikroskopische Erscheinungen, zu denen ich die Atomschwärme gezwungen habe", sagte Trurl. "Auf jeden Fall sind jene Geburten, Liebschaften, Heldentaten und Zuträgereien nichts als ein Sichtummeln winziger Elektronen in der Leere, geordnet durch die Präzision meiner nichtlinearen Kunst, die ..."
"Ich mag die Worte deines Selbstlobs nicht länger hören!" schnitt ihm Klapaucius das Wort ab. "Du sagst, das seien Prozesse der Selbstorganisation?"
"Aber ja doch!"
"Und sie vollziehen sich zwischen winzigen elektronischen Wolken?"
"Das weißt du genau."
"Und daß die Phänomenologie der Morgen- und Abenddämmerungen und der blutigen Kriege hervorgerufen wird von den Spannungen relevanter Variablen?"
"So ist es."
"Und sind wir selbst, wenn man uns physikalisch, kausal und handgreiflich untersuchte, nicht ebenfalls Wölkchen elektronischen Sichtummelns? Positive und negative, in die Leere montierte Ladungen? Und ist unser Sein nicht das Resultat solcher Teilchengeplänkel, obwohl wir selbst die Wirbeltänze der Moleküle als Angst, Verlangen oder Überlegung empfinden? Und was geschieht in deinem Kopf anders, wenn du träumst, als die duale Algebra der Umschaltungen und die unermüdliche Wanderung der Elektronen?"
"Mein lieber Klapaucius! Willst du unser Sein etwa identifizieren mit dem Sein dieses in den Glaskasten eingeschlossenen Quasi-Staates?" rief Trurl aus. "Nein, das ist zuviel. Meine Intention war doch, nur einen Simulator der Staatlichkeit zu schaffen, ein kybernetisch vollkommenes Modell, mehr nicht!"
"Trurl! Die Vollkommenheit ist unser Fluch, der durch die Unberechenbarkeit seiner Folgen jedes unserer Werke belastet!" sagte Klapaucius mit gewichtiger Stimme. "Denn ein unvollkommener Nachahmer, der anderen Torturen zuzufügen wünscht, würde sich eine unförmige Puppe aus Holz oder Wachs schaffen, ihr eine gewisse äußerliche Ähnlichkeit mit einem vernünftigen Wesen verleihen und sie dann ersatzweise und künstlich quälen! Doch bedenke den Fortgang der Vervollkommnung solcher Praktiken, mein Lieber! Denke dir als nächsten einen Bildhauer, der eine Puppe mit einem Tonband im Bauch herstellt, damit sie unter seinen Schlägen stöhnt. Denke dir eine, die, wird sie geschlagen, um Erbarmen fleht, eine, die aus der Puppe zum Homöostaten wird, denke dir eine Puppe, die Tränen vergießt, die blutet, eine Puppe, die sich vor dem Tode fürchtet, obwohl sie sich zugleich nach seiner Ruhe sehnt, die gewisser ist als jede andere! Siehst du nicht, wie die Vollkommenheit des Nachahmers bewirkt, daß der Schein zur Wahrheit wird, die Täuschung zur Wirklichkeit? Du hast einem grausamen Tyrannen die ewige Herrschaft über unzählige Mengen leidensfähiger Wesen verliehen, du hast also etwas Schandbares getan ..."
"Das sind alles Sophismen!" schrie Trurl heftig, weil die Worte seines Freundes ihn getroffen hatten. "Die Elektronen hüpfen nicht nur in unseren Köpfen, sondern auch in den Schallplatten, und aus dieser allgemeinen Eigenschaft ergibt sich nichts, was zu so hypostatischen Analogien berechtigen könnte! Die Untertanen des Ungeheuers Exilius verlieren tatsächlich den Kopf und das Leben, sie schluchzen, schlagen und lieben sich, weil ich die Parameter in der erforderlichen Weise abgestimmt habe, aber ob sie dabei irgend etwas empfinden, das weiß man nicht, Klapaucius, denn davon werden die in ihren Köpfen hüpfenden Elektronen nichts sagen!"
"Wenn ich dir den Kopf zerschlüge, würde ich auch nichts erblicken als die Elektronen, das ist gewiß", sagt jener. "Du tust doch nur so, als sähest du nicht, was ich dir zeige, ich weiß sehr wohl, du bist nicht so dumm. Eine Schallplatte kannst du nicht befragen, eine Schallplatte fleht nicht um Erbarmen und fällt auch nicht auf die Knie. Man weiß nicht, sagst du, ob sie unter den Schlägen stöhnen, nur weil ihnen die Elektronen in ihrem Innern dazu die Impulse geben wie Räder, die sich geräuschvoll bewegen, oder ob sie wirklich aus ehrlich empfundenem Schmerz schreien? Das ist mir eine Unterscheidung! Es leidet doch nicht, wer dir sein Leiden hinhält, damit du es abtastest, untersuchst und wägst, sondern wer sich wie ein Leidender verhält! Beweise mir hier auf der Stelle, daß sie nicht leiden, daß sie nicht denken, daß es sie überhaupt nicht gibt als Wesen, die sich des Eingeschlossenseins zwischen den beiden Abgründen der Nichtexistenz bewußt sind, zwischen der vor der Geburt und der nach dem Tode, beweise mir das, und ich werde aufhören, dich zu behelligen! Beweise mir auf der Stelle, daß du das Leiden nur nachgeahmt, aber nicht geschaffen hast!"
"Du weißt genau, das ist unmöglich", entgegnete Trurl leise. "Denn indem ich die Instrumente zur Hand nahm, als der Kasten noch leer war, mußte ich sogleich die Eventualität eines solchen Beweises voraussehen, um ihr bei der Projektierung des Staates für Exihus zuvorzukommen, und zwar damit in dem Monarchen nicht der Eindruck entstand, er habe es mit Marionetten zu tun, mit Puppen statt mit ganz realen Untertanen. Ich konnte nicht anders handeln, versteh doch! Denn alles, was die Illusion absoluter Realität unterhöhlt, hätte den Ernst der Herrschaft zerstört und sie zu einem mechanischen Spiel gemacht ..."
"Ich verstehe, ich verstehe genau! " rief Klapaucius. "Deine Intentionen waren edel - du wolltest nur einen Staat errichten, der einem wirklichen möglichst ähnlich sei, ähnlich bis zur Ununterscheidbarkeit, und ich begreife dein Grauen, daß dir das gelungen ist. Seit deiner Rückkehr sind nur Stunden vergangen, aber für die da, die in dem Kasten eingeschlossen sind, ganze Jahrhunderte. Wieviel zugrunde gerichtete Existenzen, nur damit Exilius' Hochmut sich aufplustern und aufblähen kann!"
Ohne noch etwas zu sagen, begab sich Trurl zu seinem Raumschiff und sah, daß sein Freund ihm folgte. Nachdem er die Raumfähre wie einen Kreisel herumgedreht hatte, richtete Trurl ihren Bug auf die Stelle zwischen zwei großen Haufen zeitloser Feuer und drückte auf die Steuer, bis Klapaucius sagte:
"Du bist unverbesserlich. Immer handelst du erst und denkst später. Was willst du tun, wenn wir dort ankommen?"
"Ich werde ihm den Staat wegnehmen!"
"Und was damit machen?"
Vernichten, wollte Trurl schreien, doch bei der ersten Silbe hielt er inne, sie kam ihm nicht über die Lippen. Er wußte nicht, was er sagen sollte, und murmelte:
"Ich werde Wahlen ansetzen. Sollen sie sich selbst gerechte Herrscher aussuchen."
"Du hast sie als Feudalherren und Lehnsmänner programmiert, was nützen da Wahlen, wie sollen sie ihr Los ändern? Erst müßtest du die ganze Struktur dieses Staates zerbrechen und von neuem fügen ..."
"Aber wo hört der Strukturwandel auf und beginnt die Umformung der Geister?!" rief Trurl. Klapaucius antwortete ihm nicht, und sie flogen in düsterem Schweigen, bis sie den Planeten des Exilius erblickten. Als sie ihn vor der Landung umkreisten, bot sich ihren Augen ein ungewöhnlicher Anblick.
Unzählige Anzeichen vernünftigen Handelns bedeckten den ganzen Planeten. Mikroskopische Brücken überspannten wie Striche die Bäche, und die Teiche, in denen sich die Sterne spiegelten, waren voll hobelspangroßer Schiffchen ... Die sonnenabgewandte, nächtliche Halbkugel war bedeckt mit den Pocken lichterglitzernder Städte, und auf der hellen sah man Siedlungen, wenn man auch die Bewohner selbst wegen ihrer Winzigkeit nicht einmal durch die stärksten Gläser wahrnehmen konnte. Nur von dem König war keine Spur zu finden.
"Er ist weg ...", flüsterte Trurl verwundert seinem Gefährten zu.
"Was haben sie mit ihm gemacht? Es ist ihnen gelungen, die Wände des Kastens zu sprengen, sie haben den gesamten Brocken eingenommen ..."
"Sieh nur!" sagte Klapaucius und wies auf ein Wölkchen in Form eines winzigen Stopfpilzes, das langsam in der Atmosphäre verging. "Sie kennen schon die Atomenergie. Und dort hinten - siehst du die Formen aus Glas? Das sind Reste des Kastens, zu einem Heiligtum umgestaltet ..."
"Ich verstehe das nicht. Es war doch nur ein Modell. Nur ein Prozeß aus zahlreichen Parametern, ein monarchistisches Trainingsgerät, eine Imitation, verkoppelt aus Variablen im Multistat ...", murmelte der verblüffte, verdutzte Trurl.
"Ja, aber du hast den unverzeihlichen Fehler übermäßiger Perfektion in der Nachahmung begangen. Da du kein Uhrwerk bauen wolltest, hast du ungewollt aus Pedanterie bewirkt, was möglich und notwendig ist - also das Gegenteil des Mechanismus ..."
"Hör auf!" schrie Trurl. Sie schauten also nur hin, bis etwas an ihr Raumschiff stieß, aber nur in ganz leichter Berührung. Und sie sahen den Gegenstand, denn ein schmaler Lichtstreif aus dem Hintergrund beleuchtete ihn. Es war ein Fahrzeug oder nur ein künstlicher Satellit, verblüffend ähnlich einem der stählernen Schuhe, die der Tyrann Exilius getragen hatte. Und als sie die Blicke hoben, sahen sie hoch über dem Kleinplaneten einen leuchtenden Körper, den er früher nicht besessen hatte. Sie erkannten an seiner runden, vollkommen kalten Oberfläche die stählernen Züge des Exilius, der auf diese Weise zum Mond der Mikrominianten geworden war.

Smilie

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Helcaraxe



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BeitragVerfasst am: 17.08.2005, 09:48                                  +/-

rolling on the floor...

Trurl konstruiert den "Elektrobarden", eine Maschine, die dichten kann.
Klapauzius, wie immer neidisch auf seinen Kollegen, befiehlt ihr, ein erotisches Gedicht zu verfassen.
"Es darf maximal sechs Zeilen haben und soll von Liebe und Treuebruch, Musik, Mohren und höheren Sphären handeln, sowie von Unglück und Inzest. Natürlich muss es gereimt sein, und sämtliche Worte dürfen nur mit dem Buchstaben S beginnen!"

grins Spitze

Der Elektrobarde dichtet:
"Sonette so süß sang Sensophil seiner schwarzen Schönen,
Sittsam schien sie, sehr scheu, sehr stolz, sehr stur,
Sie schauderte, sie spürte schon der Sünde sanftes Stöhnen,
So schnell schmolz sie, so sinnlich schien sein Schwur.
... Sensophil, schamlosester Sproß seiner Sippe, schwächte
seine schwarzlockige Schwester."


uglylol

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Gimli



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BeitragVerfasst am: 17.08.2005, 14:33                                  +/-

Oh Teufel ist das gut! grins


Die Geschichte davor fand ich übrigens interessant, aber leicht saftlos. zwinkern


_________________
Yeah, well, you know, that's just, like, your opinion, man.
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läppchen



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BeitragVerfasst am: 16.09.2005, 15:20                                  +/-

... zu lem lässt sich's wahrlich schmachten : )

bin ja grad mitten in "Frieden auf Erden" ... lem von seiner herzig-, satirischen seite. ijon tichy muss dabei den mond erkunden, auf dem die erde ihre ganze rüstungsindustrie ausgelagert hat, vollautomatisch selbstevolutionierend, versteht sich von selbst. zurück kommt er dann mit einer selbstständig gewordenen rechten gehirnhälfte ... herrlichst.

ach ja ... hallo allerseiz!
nette kneipe!

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Thanil
Iniesta de Toto


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BeitragVerfasst am: 16.09.2005, 15:26                                  +/-

Datt läppchen ist zurück... Hallo

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läppchen



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BeitragVerfasst am: 16.09.2005, 15:32                                  +/-

juhuuu !
hallo thanil !

ich sag mal "auf besuch" ... die tage, während denen ich genug zeit für wirklich anregende online-diskussionen hatte (also mein zivildienst) sind ja schon lange vorbei, leider. aber meine regelmäßigen nostalgieschübe treiben mich eh immer wieder mal in hiesige gefielde.

wie läuft's denn so ?

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Thanil
Iniesta de Toto


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BeitragVerfasst am: 16.09.2005, 15:38                                  +/-

So richtig anregende Online-Diskussionen wirst du hier auch nicht mehr finden. Diese Zeiten sind vorbei. Wir sind hier alle schon mehr oder weniger im Endstadium. hähö

Aber wenn du ab und zu so alle paar Monate mal reinschaust, dann wäre das sicher nicht schlecht. Immerhin geht's schon lange nicht mehr um Tolkien. Tolkien ist tot. grins

Übrigens, wenn du noch mehr alte Bekannte treffen willst, dann schau doch mal hier vorbei!

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Helcaraxe



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BeitragVerfasst am: 16.09.2005, 17:05                                  +/-

Tsstss, entweiht thanil mir doch glatt den schönen Thread mit schnöder Werbung für die Schürkchen. Echt schlimm

läppchen
... zu lem lässt sich's wahrlich schmachten : )

bin ja grad mitten in "Frieden auf Erden" ... lem von seiner herzig-, satirischen seite.

Jepp, die ernsteren SF-Geschichten von ihm sind zwar auch genial, aber mitunter etwas mühsam zu lesen.
Seine absurd-phantastischen Texte sind sowieso viel schöner. Da lässt er seinem Spieltrieb als Literat völlig freien Lauf und es kommen herrliche Sachen dabei heraus. Lem hat einen abartigen Einfallsreichtum - und formulieren kann der Mann!

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läppchen



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BeitragVerfasst am: 16.09.2005, 19:07                                  +/-

meine lieblingsbücher vom lem sind bis jetzt ja "terminus" und "die jagd", also alles rund um den piloten pirx, der hat's mir einfach angetan : )

die sind nämlich so schön zwischen ernsthaft und parodistisch angesiedelt, mit kleinen krimi- und tagträumerei-einlagen ... find ich ...

jedenfalls wunderschön !

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Tyler Durden
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BeitragVerfasst am: 27.03.2006, 16:31                                  +/-

Aus aktuellem Anlass eine Frage an Helcaraxe:
Jemand hat mir auf einer schon lange zurückliegenden Party über eine eben gelesene Kurzgeschichte erzählt, in dem sich ein Weltraumfahrer als Zeitreisender selbst begegnet und sich die Schokolade klaut. Wie oft bei nichtigen Informationen ging mir das nie aus dem Kopf. Hört sich nach Lem an, gibt es da so etwas? Und falls ja, kannst du sie zu meinem Seelenfrieden posten?

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Thuringwethil



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BeitragVerfasst am: 27.03.2006, 16:42                                  +/-

Die Geschichte müsste zu dem Erzählzyklus "Sterntagebücher" gehören. Gibt es soweit ich weiß auch als Hörbuch und als Filme, also zumindest Teile davon.


_________________
"Wenn wir irgendetwas beim Nationalsozialismus anerkennen, dann ist es die Tatsache, dass ihm zum ersten Mal in der Politik die restlose Mobilisierung der menschlichen Dummheit gelungen ist."
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Helcaraxe



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BeitragVerfasst am: 27.03.2006, 16:50                                  +/-

Ja, richtig, der Zeitreisende müsste Ion Tichy aus den Sterntagebüchern sein. Diese spezielle Geschichte kenne ich übrigens gar nicht, was ich aber bald nachholen werde.

Gerade habe ich noch einen Text dazu gefunden:


Lems Schreibart wird oft leichtfertig der Science Fiction zugeordnet, doch sein Werk enthält mehr als vordergründige Abenteuer, die der seichten Unterhaltung dienen. Ein wiederkehrendes Motiv in Lems Erzählungen ist die Zeitreise, sei sie vorsätzlich oder unbeabsichtigt.

Ion Tichy ist einer der Lemschen Helden: Ein weit herumgekommener Weltraumfahrer, dessen Erlebnisse in den Sterntagebüchern niedergelegt sind. Die Reisen sind numeriert, doch durch die Zeitreiseabenteuer sind sie weder in der Reihenfolge ihrer Numerierung niedergeschrieben, noch gibt es eine erste Reise. Dafür sind die neunzehnte und die einundzwanzgste Reise identisch.
Tichys Rakete ist, wie aus den unterschiedlichen Reisebeschreibungen zu erahnen ist, technisch weder auf dem neuesten Stand, noch besonders zuverlässig - ich scheue mich zu schreiben: "weltraumtauglicher Schrotthaufen". Doch der gewitzte Held arrangiert sich.

Stanislaw Lem: Sterntagebücher / die siebente Reise

In der neunzehnten Reise versagt Tichy die Steuerung seiner Rakete. Um sie zu reparieren, bräuchte Tichy einen Helfer, der den zweiten Schraubenschlüssel hält, um die alles entscheidende Mutter anzuziehen. Glücklicherweise befindet sich Tichy in der Nähe einer Sternformation, in der schon Fälle von Personenverdoppelungen, ja sogar -verdreifachungen beobachtet wurden. Mit Mühe korrigiert er ein wenig den Kurs und lenkt seine Rakete geradewegs in die Zeitstrudel.
Nun entspinnt sich eine ergötzliche Geschichte, in der sich der Held innerhalb von Zeitschleifen immer häufiger begegnet, sich mich sich selber streitet und ob seines Starrsinns schimpft. Tichy schlägt sich auf Umwegen im Verlauf der Reise eine kräftige Beule, belügt sich und futtert in einer Sekunde der seelischen Not schändlicherweise seinem vergangenem/zukünftigen Selbst seinen eisernen Vorrat an Schokolade weg. Und vor lauter Zeitparadoxa und Streitereien kommt er nie dazu, seine Steuerung zu reparieren. Zumal er übersehen hat, seinen Raumanzug vor der Verdoppelung anzuziehen, so daß im entscheidenden Moment nur ein Anzug vorhanden ist. Ein Mangel, der sich offenbar durch die Häufung der Zeitstrudel beheben ließe und dennoch: "...Eine Anzahl Personen hatte Beulen und ein blaues Auge, und fünf der Anwesenden trugen einen Raumanzug. Doch anstatt sofort durch die Klappe zu gehen, um den Schaden zu beheben, begannen sie zu streiten, zu feilschen, zu diskutieren und zu zanken..." [Sterntagebücher, S. 29] .Im Verlauf der Geschichte werden einige sehr interessante Aspekte deutlich:

* Die Rakete ist zeitlich gefleckt - so die These Tichys - an einige Stellen herrscht noch Gegenwart, an anderen bereits die Zukunft.
* Obwohl die technische Sachlage klar ist und der Fehler einfach behebbar, verstrickt sich der Protagonist in seiner eigenen Gedankenwirrnis
* Tichy verdoppelt, vervielfältigt sich, aber nicht die Rakete! Ebensowenig der restliche Inhalt der Rakete. Weder die Schraubenschlüssel noch die Essensvorräte verdoppeln sich. Und ganz besonders nicht der Raumanzug, jedenfalls nicht ohne vorher angezogen worden zu sein.

Das wirft Fragen auf. Mit welchem Recht kann Tichy annehmen, daß sich der Raumanzug verdoppelt, wenn er ihn trägt? Verdoppelt sich z.B. die Armbanduhr des Raumfahrers? Die Stiefel oder die Kleidung? Was erheblich ungünstiger wäre: Gilt die Verdoppelung (nicht) für ein Gebiß oder gar einen Herzschrittmacher? Muß ein Gegenstand mit der Raumfahrer physisch verbunden sein, um die Verdoppelung zu erfahren? Aber warum dann nicht die Rakete? - schließlich ist Tichy mit ihr über seine Füße oder Hände verbunden. Fragen, die sich in ähnlicher Form stellen, will man eine Zeitmaschine bauen. vgl. dazu abgewandte Temporalistik.

Wie Tichy siner Notlage entkommt, möge der neugierige Leser selbst herausfinden...

hähö


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Tyler Durden
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BeitragVerfasst am: 27.03.2006, 21:07                                  +/-

Gwethil hat mir diesen Link gezeigt:
http://www.bildwerke-berlin.de/

Tichys Rakete ist ...



... eine Berliner Altbauwohnung!



Der Mittwochs-Tichy (oder war es der vom Donnerstag?) streitet mit dem Freitags-Tichy wer die Rakete repariert.

Sehr charmantes Filmstudentenprojekt von 2001 zum Runterladen (2 Teile je 45 MB). Der imitierte polnische Akzent stört anfangs ein bisschen, aber man gewöhnt sich daran. Und der Wartungsroboter mit dem Telefonhörer ist einfach nur knuffig.

Für das ZDF haben sie diesen Winter sechs kurze Folgen produzieren. Mal sehen wann das gesendet wird (für das Kinderprogramm ist das eigentlich zu schade.)

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Wolter



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BeitragVerfasst am: 04.12.2006, 00:02                                  +/-

Klapaucius... Spitze Schöne doppelbödige (philosophische) Erzählung...

Überhaupt sehr originelle Namen. Die Geschichte kannte ich bisher nicht, wie ich sowieso bisher *schämschäm* nur eine Geschichte von Lem gelesen habe, aber die war dann auch gleich ein ganzes Buch: Solaris. Veranlaßt hatte mich dazu der Film.
Nein, nicht der von Soderbergh mit Clooney.
Der von Tarkovsky.
Auf einen an Hollywood-Rasanz gewöhnten (vor dem Ende der Blöcke: westlichen) Zuschauer wirkt dieser Film streckenweise ziemlich behäbig; aber die langen Kameraeinstellungen und das zeitweilige "Nichtspassieren" waren nicht wirkungslos - mir hat es gefallen.
Sowohl Film als auch Buch sind Jahre her, deshalb kann ich jetzt nur kurz sagen: den langen Kameraeinstellungen im Film entsprechen (nicht 1:1 natürlich) die seitenlangen Abhandlungen über die Entwicklung der menschlichen Beschäftigung mit diesem Planeten, die sich zu einem eigenen Wissenschaftszweig entwickelt habe. Das ist für den Leser teilweise eine starke Zumutung, aber ich konnte dem Autor während dieses Lesens den Respekt für das Erdenken dieser völlig fiktiven "Forschungsergebnisse" nicht versagen.
Vielleicht gehört Solaris zu den Büchern, die man mindestens noch ein zweites Mal lesen sollte, aber das habe ich bisher nicht geschafft.
Mitten im Schreiben hier geht mir wegen mich nun bestrafender Schlafdefizite die Konzentration flöten, daher genüge ich hier nur noch der Chronistenarbeit, die seinen Tod am 27. März dieses Jahres zu notieren hatte. Dies war dann wohl der von Tyler Durden erwähnte "aktülle Anlaß".
[/Schörlock Humbug]

Thema Schmachten: ist ja eigentlich eher DAF-Domäne, aber hier bin ich gerne zu ein wenig Schmachterei bereit. zwinkern

Wolter


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Helcaraxe



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BeitragVerfasst am: 04.12.2006, 22:23                                  +/-

Solaris ist als Einstieg eher ungeeignet; es gibt, um Lem kennenzulernen, bessere Alternativen. Buch und Film sind beide schwere Geduldsproben für den Leser / Zuschauer, da gebe ich Dir recht. Das spricht nicht gegen sie, aber es schmälert natürlich den Unterhaltungswert. Für sich genommen ist die Soderbergh-Verfilmung übrigens nicht übel, als Buchadaption leistet sie nur das Allernötigste.

Toll (und charakteristisch für Lem): "Eden". Friedliche Kontaktaufnahme mit außerirdischen Zivilisationen ist ja spätestens seit Star Trek ein alter Hut in der Science Fiction. Was Lem von Star Trek unterscheidet, ist, daß die Kontaktaufnahme nicht damit endet, daß die Konföderation (= die USA) die Probleme der Galaxis (= Rest der Welt) löst, sondern die fremde Kultur nicht mal ansatzweise begriffen und durch falsche Analogieschlüsse mit den Zuständen auf der Erde ein totales Fiasko herbeigeführt wird. hähö Oh, "Also sprach GOLEM" und "Rückkehr von den Sternen" sind natürlich (unter wieder anderen Gesichtspunkten) ebenfalls lesenswert. Aber ich will Dir nichts aufschwatzen. Oder doch? Naja, eigentlich schon.

Lems Kurzgeschichten stehen dann zu seinen Romanen erst einmal in krassem Gegensatz. Den philosophischen Grundanstrich gibt es auch hier, er ist genauso interessant, aber er kommt sehr viel leichter, humorvoller und kunstfertiger verpackt daher, in Märchen und Fabeln. Die Klapaucius-Geschichten sind alle in der Kyberiade gesammelt. Wer die nicht mag, kann Lem eigentlich gleich links liegen lassen, er wird mit ihm nicht warm werden.


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Glaurung



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BeitragVerfasst am: 04.12.2006, 22:31                                  +/-

Ich glaube, ich kenne von Lem nur Kurzgeschichten, außer "Der futurologische Kongreß", was aber auch nicht gerade lang ist. Ich nahm an, daß seine Romane ähnlich "unrealistisch" fantastisch sind. Will heißen, daß er sich auch dort nicht bemüht, technisch-naturwissenschaftlich glaubwürdig zu sein, sondern sich auf die philosophischen Aspekte beschränkt - was ja nicht schlecht ist.


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Helcaraxe



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BeitragVerfasst am: 04.12.2006, 22:42                                  +/-

Kommt ganz drauf an, bei Lem kann man sich da absolut nicht festlegen. In "Eden" und "Solaris" sind z.B. auch die technisch-naturwissenschaftlichen Aspekte glaubwürdig.

"Der futurologische Kongreß" ist natürlich super. "Meine Butter wird immer kaputter." zwinkern


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Helcaraxe



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BeitragVerfasst am: 16.03.2007, 18:05                                  +/-

Tyler Durden
Für das ZDF haben sie diesen Winter sechs kurze Folgen produzieren. Mal sehen wann das gesendet wird (für das Kinderprogramm ist das eigentlich zu schade.)


Die Serie wird ab dem 26. März um Mitternacht im ZDF gezeigt.

Trailer:



Das sieht einerseits sehr, sehr billig gemacht aus, andererseits hat es sicherlich mehr Charme als die komische Hitchhiker-Verfilmung vor zwei Jahren. Sesamstraße trifft Raumpatrouille Orion oder so ähnlich… Aber es ist Stanislaw Lem und Nora Tschirner spielt mit (als analoge Halluzinelle). Für mich gleich zwei Gründe, mir das anzusehen.


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BeitragVerfasst am: 04.06.2010, 11:10                                  +/-

Die "Sterntagebücher" von Lem klingen so, als ob der Autor vorher zuviel Douglas Adams und Walter Moers gelesen hätte. Was ja nicht sein kann. Würde mich interessieren, wieviel Lem Moers und Adams gelesen haben.

Das ist schon alles sehr beeindruckend. Manchmal sind mir die Allegorien zu offensichtlich und kommt mir das literarische Vergnügen zu kurz, wenn die Story nur noch das Vehikel für politisch-soziologische Betrachtungen ist. Andere Geschichten aber enthalten wunderbare Monologe und völlig spinnerte Ideen.

Meine Lieblingsgeschichte ist bisher die über das Programm zur Verbesserung der Erdgeschichte und wie unsere Erde aufgrund all der Fehler und Grabenkämpfe zu genau dem wurde, was wir heute kennen hähö

Wie kann man sich all so was nur ausdenken? Da schnall ich echt ab.


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Helcaraxe



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BeitragVerfasst am: 04.06.2010, 11:39                                  +/-

Der war einfach wahnsinnig intelligent, gewitzt und hatte pausenlos Einfälle für Geschichten, sein ganzes Leben lang. Dabei war Schreiben für ihn nur eine Notlösung, weil er aus politischen Gründen nicht als Arzt praktizieren konnte. Später hat er sich dann von der Science Fiction distanziert, nur die Sterntagebücher mochte er noch.

Seine Vita ist auch höchst beeindruckend (Widerstandskämpfer im besetzten Polen usw.)


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Nichtraucher
Fun Bobby


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BeitragVerfasst am: 07.06.2010, 13:06                                  +/-

Nach den durchnummerierten Reisen kommen in meiner Ausgabe nun noch kürzere Erlebnisse Tichys, die eher düster und schräg sind, habt ihr die auch (Euse und Mike)? Die sind wiederum nummeriert, wieder bei 1 anfangend.

Da gibt es die Geschichte des verrückten Professors, der seinen Rechnern vorgaukelt, Menschen zu sein und in kompletten Menschenwelten zu leben, ich echt aber hocken sie in Eisenkisten und all ihre Sinneseindrücke entstammen einer weiteren Maschine. Wenn diese Machine mal stottert, weil eine Ameise an Kabeln rumnagt oder so, haben die Rechnergehirne kleine Fehler in ihrer Simulation und erleben Deja vus und Dopplungen etc. Da genau diese Dinge auch in der echten Welt vorkommen, schlussfolgert der Wissenschaftler, dass wir alle nur in einer Simulation leben. Dann beschreibt er noch weitere "Fehler in der Matrix" und überhaupt ist das schon das halbe Drehbuch, das kam mir schon alles sehr bekannt vor. Lem hätte als Drehbuchautor sehr reich werden können.


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Glaurung



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BeitragVerfasst am: 07.06.2010, 13:11                                  +/-

Bei meinen Sterntagebüchern waren die jedenfalls auch dabei, fand ich sehr genial. Leider scheine ich das Buch verloren zu haben, habe vor einiger Zeit danach gesucht und es nicht gefunden.


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