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How to Think Like a Roman Emperor
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Arianrhod



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BeitragVerfasst am: 24.02.2018, 10:15                                  



Letzte Woche habe ich mich zu einem Online-Kurs angemeldet, dem die Selbstbetrachtungen des römischen Kaisers Marc Aurel zugrundeliegen. Veranstaltet und angeboten wird der Kurs von Donald Robertson, einem gebürtigen Schotten und mittlerweile in Kanada lebendem Psychologen und Psychotherapeuten, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, die moderne kognitive Psychotherapie mit den Erkenntnissen der stoischen Philosophie zu verbinden. Zu diesem Zweck bietet er in regelmäßigen Abständen Online-Kurse zum Thema an. Im vergangenen Sommer hatte ich mich schon einmal zu einem solchen Kurs angemeldet. Das vierwöchige "Stoic Mindfulness and Resilience Training" war kostenlos, fiel aber genau in die Zeit, in der mein Liebster und ich einen größeren Umzug zu bewältigen hatten, und so blieb unterm Strich nicht viel Kapazität übrig, um mich dem Training zu widmen.

Diesmal geht es um Marc Aurel, den "Philosophenkaiser", dessen Selbstbetrachtungen zu den wenigen überlieferten Schriftwerken der stoischen Philosophie und außerdem zur Weltliteratur gehören. Da mich die Stoa schon damals im Latein-Leistungskurs interessiert hat und ich als Fachkollegin von Mr. Robertson auch beruflich von diesem Wissen profitiere, macht mir der Kurs viel Freude. Und da ich am besten lerne, wenn ich das Wissen für mich selbst zusammenfasse, dachte ich mir, dass ich auch die Kneipe davon profitieren lassen könnte, indem ich das hier in diesem Thread tue. Vielleicht ergibt sich ja sogar der eine oder andere Gedankenaustausch daraus. Ich weiß, dass altrömische Philosophie nicht gerade zum Spezialgebiet der Kneipe gehört, aber es kann ja nicht schaden, mal eine Tür zu öffnen, die in andere Räume führt.

Gepostet am 24.02.2018, 09:40:

WOCHE 1: Ärger überwinden und Empathie entwickeln

Das Ziel des Lebens aus Sicht der Stoa

Die Stoiker definieren das Ziel des Lebens als "Leben in Übereinstimmung mit der Natur". Dies bedeutet sowohl in Übereinstimmung mit der eigenen menschlichen Natur zu leben als auch in Übereinstimmung mit dem Kosmos als Ganzem. Die menschliche Natur betrachten die Stoiker als rational und vernunftbegabt sowie auch als sozial - wir bilden soziale Gemeinschaften und kümmern uns umeinander. In Übereinstimmung mit der Natur zu leben bedeutet, unser innewohnendes Potential zu entwickeln und in dreifacher Hinsicht in Harmonie zu leben:

Ein integeres Leben zu führen, in Übereinstimmung mit unseren Werten, vernunftbegabt und weise.
In Harmonie zu leben mit der restlichen Menschheit, indem wir versuchen, andere Menschen zu verstehen, und sie gerecht, fair und freundlich behandeln.
Eins mit der Natur des Universums zu sein, indem wir die Ereignisse unseres Lebens akzeptieren und uns daran anpassen, wobei wir immer den größeren Zusammenhang im Blick behalten.

Die stoische Philosophie selbst umfasst drei Disziplinen, die wiederum mit den drei oben beschriebenen Aspekten korrespondieren: Logik, Ethik und Physik. Die Logik umfasst dialektische Argumentation, Rhetorik und eine Form des Wissens, die viele Ähnlichkeiten zur modernen kognitiven Psychologie aufweist. Die Disziplin der Logik ermöglicht es uns, vernünftige Schlussfolgerungen zu ziehen und insofern unser Potential als vernunftbegabte Wesen zu erfüllen. Die Ethik umfasst politisches Handeln sowie Aspekte der Lebensführung, die wir heute aus der kognitiven Psychotherapie kennen. Sie befasst sich in erster Linie mit dem Verhältnis zu unseren Mitmenschen. Die Physik schließlich umfasst die stoische Kosmologie und Theologie. Die Stoiker waren Pantheisten, die davon ausgingen, dass das gesamte Universum göttlich ist. Diese Disziplin hilft uns dabei, unseren Platz in der Welt zu finden und zu akzeptieren.




Zuletzt bearbeitet von Arianrhod am 24.02.2018, 13:18, insgesamt 4-mal bearbeitet
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Arianrhod



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BeitragVerfasst am: 24.02.2018, 11:02                                  +/-

Letztlich besteht das Ziel des Lebens darin, ein gutes Leben zu führen, d.h. das beste aller möglichen Leben. Die Griechen hatten dafür einen eigenen Begriff, nämlich den der Eudaimonie. Mit diesem Begriff bezeichneten sie ein gelungenes Leben in Übereinstimmung mit den Anforderungen der philosophischen Ethik sowie den damit einhergehenden Zustand der Gemütsruhe. Eudaimonie meint nicht einfach nur ein glückliches Leben im modernen Sinne, sondern eher ein Aufblühen, eine Form der Erfüllung, die aus Charakterstärke und einer vortrefflichen Lebensführung in Übereinstimmung mit den eigenen Werten erwächst. (Auch dafür hatten die Griechen einen eigenen Begriff, nämlich Arete, lateinisch virtus, der sich im Deutschen nur unzureichen mit "Tugend, Tapferkeit, Tüchtigkeit, Vortrefflichkeit" wiedergeben lässt.)

Wirklich "gut" ist das, was uns hilft, unser Potential als rationale Wesen zu entfalten, sodass wir Weisheit und einen vortrefflichen Charakter entwickeln können. Dies ist für die Stoiker gleichbedeutend mit geistiger Gesundheit. Es geht darum, ein ehrbarer Mensch voller innerer Schönheit zu werden. Das, was die Stoiker als Tugend oder Vortrefflichkeit (Arete) bezeichnen, ist letztlich angewandte Weisheit. Im Wesentlichen konzentrieren sich die Stoiker dabei auf ihre eigene Persönlichkeit, da sie es nur als sinnvoll betrachten, Dinge zu erstreben und zu verfolgen, die wir tatsächlich kontrollieren können. Anstatt sich also lang und breit darin zu ergehen, den allgemeinen Sittenverfall zu beklagen, konzentrieren sich die Stoiker lieber auf sich selbst und ihre eigenen Handlungen. Nur diese allein sind gut oder schlecht.

Alles andere, also all das, was wir nicht kontrollieren können, betrachten die Stoiker als indifferent, also gleichgültig: Leben und Tod, Gesundheit und Krankheit, Lust und Schmerz, Schönheit und Hässlichkeit, Stärke und Schwäche, Reichtum und Armut, Ansehen und Schande, Abstammung und ähnliche Dinge. (Der geneigte Leser wird an dieser Stelle bemerken, dass die stoische Philosophie sich nicht ohne Komplikationen auf die modernen Verhältnisse übertragen lässt, da wir heute durchaus in der Lage sind, einige der oben genannten Dinge zu kontrollieren - oder wir zumindest hoffen, sie kontrollieren zu können. Ich erinnere an die Genforschung, den herrschenden Gesundheits- und Fitnesswahn oder Schönheitsoperationen.)

Wenn die Stoiker diese Dinge als gleichgültig klassifizieren, so meinen sie damit, dass sie nicht erforderlich sind, um Eudaimonie zu erlangen. (An dieser Stelle kann man Herrn Marx sich räuspern hören.) Sokrates und Dionysos werden als Beispiele für solch exzellente Charaktere ins Feld geführt, die unabhängig von äußeren Lebensumständen ein vortreffliches Leben verwirklicht haben. Plato und Aristoteles waren übrigens anderer Meinung: Sie gingen davon aus, dass die Eudaimonie ein gewisses Maß an äußeren Gütern und Segnungen voraussetzt.

Die Stoiker lösen dieses Dilemma insofern, als sie es als vernünftig bezeichnen, einige externe Güter gegenüber anderen zu bevorzugen. Es ist angenehmer, gesund, reich und schön zu sein als krank, arm und hässlich. Nichts von dem Genannten besitzt jedoch einen höheren Wert als die Vortrefflichkeit des Charakters. Auf der anderen Seite ist es nahezu unmöglich, Charakterstärke zu entwickeln, ohne Bewertungen vorzunehmen: Nur weil wir gewisse Aspekte des Lebens als bedeutsamer und erstrebenswerter empfinden als andere, sind wir überhaupt in der Lage, gerecht oder mutig zu handeln oder Mäßigung an den Tag zu legen. Allerdings sind diese externen Dinge es nicht wert, sich unnötig darüber aufzuregen oder das eigene Selbstwertgefühl daran zu knüpfen. Insbesondere hat es keinen Sinn, sich wegen vergangener Ereignisse das Leben schwer zu machen. Was vergangen ist, lässt sich nicht mehr ändern. Es ist unserer Kontrolle vollständig entzogen und von daher indifferent. (Es gibt jedoch durchaus die Möglichkeit, unseren gegenwärtigen Gemütszustand zu beeinflussen, indem wir unsere Vergangenheit gedanklich neu konstruieren und bewerten.)

Die Unterscheidung zwischen Dingen, die angenehm oder unangenehm wären, und jenen, die wir unbedingt erreichen oder vermeiden müssen, ist übrigens ein Kernpunkt der modernen kognitiven Psychologie. Diese betrachtet geistige Gesundheit und psychische Stabilität oder Resilienz als die Fähigkeit, absolutistische Forderungen ("Die Dinge müssen unbedingt so und so sein, und wenn sie es nicht sind, ist das die absolute Katastrophe!") durch flexible Präferenzen zu ersetzen ("Es wäre schön, wenn die Dinge so und so wären, aber wenn sie es nicht sind, geht davon die Welt auch nicht unter und ich werde schon einen Weg finden, damit klarzukommen.").



Zuletzt bearbeitet von Arianrhod am 24.02.2018, 20:02, insgesamt 2-mal bearbeitet
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Arianrhod



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BeitragVerfasst am: 24.02.2018, 12:08                                  +/-

Die Kardinaltugenden

Schon die alten Griechen kannten vier Kardinaltugenden, die auch in der modernen Ethik noch eine große Rolle spielen:

1. Weisheit im Gegensatz zur Torheit oder Ignoranz umfasst sowohl die Fähigkeit, ein tieferes Verständnis der Dinge zu erlangen, als auch diese Erkenntnis angemessen zu kommunizieren.

2. Gerechtigkeit oder Rechtschaffenheit im Gegensatz zur Ungerechtigkeit bedeutet, angemessen mit anderen Menschen umzugehen, sie freundlich und fair zu behandeln.

3. Mut oder Tapferkeit im Gegensatz zur Feigheit steht für Beherztheit, Entschlossenheit und Ausdauer im Angesicht der Gefahr sowie von Hürden, Hindernissen und Herausforderungen.

4. Mäßigung im Gegensatz zu Leichtsinn und Mutwille setzt eine gewisse Form der Selbstaufmerksamkeit voraus sowie die Fähigkeit zur Selbstbeschränkung und Selbstdisziplin, vielleicht auch ein Gefühl von Würde. In gewisser Hinsicht überschneidet sich diese Tugend mit dem, was heute unter dem Begriff der Achtsamkeit verstanden wird.

Die wichtigste Tugend ist angewandte Weisheit, also die Fähigkeit zur Unterscheidung zwischen gut, schlecht und gleichgültig (indifferent). Oder mit anderen Worten: die Unterscheidung zwischen dem, was wir kontrollieren können, und dem, was wir nicht kontrollieren können, und die daraus resultierenden Handlungen. Alle anderen Tugenden ergeben sich von selbst, wenn die diese Form der Erkenntnis in unterschiedlichen Lebensbereichen zum Einsatz kommt. Gerechtigkeit zum Beispiel, die sich durch Fairness und Freundlichkeit auszeichnet, ist angewandte Weisheit im Umgang mit anderen. Mut und Mäßigung wiederum beziehen sich auf den Umgang mit problematischen Emotionen und Wünschen, die Stoiker sprechen von Leidenschaften. Schmerz und Unbehagen auszuhalten und negative Gefühle zu überwinden erfordert Mut. Ungesunde Wünsche und Begierden im Zaum zu halten setzt Mäßigung voraus. Insofern ist es zwingend notwendig, zumindest ein gewisses Maß an Begierden und Leidenschaften zu erleben, um ein tugendhaftes Leben entwickeln zu können. Wer keine Angst kennt, kann auch nicht mutig sein.



Gepostet am 24.02.2018, 11:14:

Die Leidenschaften

Unter Leidenschaften verstehen die Stoiker irrationale Bewertungen, unnatürliche und ungesunde Gedankenmuster sowie exzessive und möglicherweise zwanghafte Handlungsimpulse. Sie werden nicht per se als Laster verstanden, können jedoch auf moralischen Schwächen beruhen bzw. sind eine Folge davon, wie z.B. Ignoranz, Ungerechtigkeit, Grausamkeit, Feigheit, Schwäche oder mangelnder Selbstkontrolle.

Die Stoiker identifizieren vier ungesunde Leidenschaften, von denen zwei in die Zukunft gerichtet sind und zwei auf die Gegenwart bzw. auf die Vergangenheit:

Furcht, also Sorgen, Ängste, Panik etc. (die Antizipation zukünftigen Leidens).

Verlangen, Gier oder Wollust, die Hass, Ärger, sexuelle Begierde und exzessives Streben nach Vergnügen, Reichtum und Ansehen umfassen (also die Antizipation potentieller Freuden).

Emotionales Leiden, also Gefühle von Neid, Frustration, Kummer, Sorgen und Depression.

Genuss oder eher Schwelgerei, also zu viel Wert auf leere Vergnügungen zu legen wie z.B. Egoismus, Freude am Leiden anderer oder auch Hedonismus.



Die Stoiker kennen allerdings auch drei gesunde Leidenschaften, die sich als Folge eines vortrefflichen Lebens ergeben:

Freude oder Wonne, ein tiefes inneres Gefühl der Zufriedenheit, einer spirituellen Erhabenheit oder inneren Ruhe, die sich aus der Erfahrung ergibt, ein Leben in Weisheit und Tugend zu führen. Es ist dies die Alternative zu den ungesunden hedonistischen Freuden.

Besonnenheit und Diskretion, ein gesundes Gefühl von Würde und Angemessenheit und eine natürliche Abneigung gegen Torheit und Laster als Alternative zu irrationaler Sorge oder Furcht.

Wünschen oder Wollen, ein rational begründetes Verlangen nach Liebe, Weisheit und Vortrefflichkeit des Charakters, eine Art vernünftige Selbstliebe, welche die Alternative zu irrationalen und ungesunden Begierden darstellt.

Es gibt keine gesunde Alternative zu emotionalem Leiden, weil der ideale Weise all jene Dinge erfolgreich vermeidet, welche die Macht haben, ihn leiden zu lassen, also eigene Torheiten und Laster.


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Arianrhod



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BeitragVerfasst am: 24.02.2018, 15:41                                  +/-

ZWISCHENSTOP

So, nach diesem Crashkurs in stoischer Philosophie würde ich jetzt gerne mal kurz innehalten und mir überlegen, wie ich das eigentlich sehe. Ganz grundsätzlich ist mir die stoische Betonung menschlicher Vernunft sehr sympathisch. Ich liebe die menschliche Fähigkeit, innezuhalten, einen Schritt zurückzutreten und die Dinge - auch die eigene Person - aus der Distanz zu betrachten. Ich habe ein besonderes Faible für kluge Analysen, differenzierte Argumentationen und die nüchterne Gelassenheit reiner Vernunft. Ob ich soweit gehen würde, die Ratio als den zentralen Aspekt menschlicher Identität zu definieren, da bin ich mir noch nicht so schlüssig. Aus der Psychologie wissen wir, dass Menschen manchmal schrecklich irrationale Wesen sind, dass unser Denken zahlreichen Fehlern unterliegt und wir dazu neigen, die Wirklichkeit unseren vorgeformten Überzeugungen anzupassen. Wenn die Vernunft also ein bestimmender Aspekt menschlichen Seins ist, so ist uns diese Gabe ganz sicher nicht in die Wiege gelegt. Sie muss hart erarbeitet werden. (Allerdings würden mir die Stoiker da wahrscheinlich gar nicht widersprechen. Es bräuchte die Philosophie nicht, wenn alles so einfach wäre.)

Was mir allerdings sofort ins Auge springt, ist der Umstand, dass die von den Stoikern hervorgehobenen Qualitäten - der Mensch als rationales, soziales Wesen - unserer digitalisierten und medialisierten Zeit sehr gut tun würden. Der hochemotionalisierte Diskurs und die egozentrierte Selbstdarstellung könnten von einer stärker vernunftorientierten Herangehensweise und der Verbundenheit in einer Gemeinschaft, in der sich die Menschen gegenseitig unterstützen und füreinander da sind, anstatt in einem ständigen Wettbewerb um Lob und Aufmerksamkeit zu stehen, mit Sicherheit profitieren. Vielleicht ist es angesichts des modernen Zeitgeistes kein Wunder, dass die Stoa derzeit wieder so en vogue ist.

Worin die Stoiker mich sofort abholen, sind ihre drei zentralen Aspekte der Harmonie. Schon vor Jahren, als ich noch Rituale und Jahreskreisfeste gefeiert habe, habe ich mich zur Wintersonnwende immer gefragt: "Was ist wirklich wichtig und wesentlich in meinem Leben?" Und die Antwort, die mir als allererstes und ganz spontan in den Sinn kam, war Verbundenheit - die Verbundenheit mit mir selbst (im Sinne eines inneren Einklangs mit mir selbst), mit den Menschen in meinem Leben und mit der Natur als Ganzem. Selbst der pantheistische Blick der Stoiker ist mir erstaunlich nahe. Dazu muss man gar nicht zwangsläufig in Begriffen von Göttern denken (auch wenn mir dieses Bild nicht völlig fremd ist). Es erzeugt allein schon ein Gefühl der Verbundenheit, dass wir alle ungefragt ins Dasein geworfen wurden und keiner von uns sich aussuchen konnte, wo und unter welchen Umständen wir geboren wurden. (Das gilt sogar für Pflanzen und Tiere.) Uns bleibt nichts anderes übrig, als nun das Beste daraus zu machen. Ob das, was geschieht, einem größeren Sinn und Plan folgt, ist gar nicht so wichtig. Für mich erzeugt allein schon diese existentielle Ausgangslage ein Gefühl der Verbundenheit.

Was nun die Frage des Sinns angeht, fühle ich mich sehr nahe bei Victor Frankl, der nach seinen Erfahrungen im Konzentrationslager festgestellt hat, dass wir die Frage nach dem Sinn des Lebens grundsätzlich umkehren müssen. Es geht nicht darum, was wir vom Leben erwarten, sondern vielmehr darum, was das Leben von uns erwartet. Wir selbst sind die Befragten, an die das Leben täglich, stündlich Fragen stellt - Fragen, auf die wir nur durch unser Verhalten, durch unser Handeln die rechte Antwort geben können. Das ist - Götter hin, Götter her - für mich mit der stoischen Philosophie erstaunlich gut vereinbar.

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Arianrhod



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BeitragVerfasst am: 24.02.2018, 19:02                                  +/-

Was das gute Leben angeht, so kann ich den Stoikern grundsätzlich folgen, bin mir aber, was die Gemütsruhe angeht, noch nicht ganz im Klaren. (Das ist ein ähnliches Problem, das ich auch schon mit dem Zustand der Leidlosigkeit im Buddhismus hatte.) Ja, ein Mensch mit ausgewogenem Temperament, der einen Zustand der Gemütsruhe und der heiteren Gelassenheit verströmt, hat schon was. Und es ist auch schön, wenn man selbst nicht ständig von den Wellen heftiger Gefühle hin und her geworfen wird. Aber auch hier würde ich sagen: Alles eine Frage des richtigen Maßes. Weder erschiene es mir sonderlich erstrebenswert, wenn alle Menschen Felsen in der Brandung wären - es muss auch Menschen geben, die Brandung sind - noch würde ich mir für mich selbst wünschen, ständig in einem solchen Zustand zu sein.

Nun ist Eudaimonie natürlich kein Zustand der Gefühllosigkeit. Es geht wohl eher darum, sich von Gefühlen nicht allzu stark mitreißen zu lassen oder sich gar hineinzusteigen. Aber selbst das könnte ich als Ideal für mich selbst nicht vollständig akzeptieren. Allzu verlockend erscheinen mir da doch die Zustände überschäumenden Gefühls, sei es im Kontrollverlust des ausgelassenen Lachens (von dem Epiktet einem Stoiker ja eher abrät), sei es im Mitfiebern bei einem sportlichen Wettkampf, in der Ekstase erotischer Lust oder in der Glückseligkeit beim Erreichen eines lang erstrebten Ziels. Ja, ich möchte nicht einmal jene Emotionen missen, die im Allgemeinen als negativ bezeichnet werden. Jedes Gefühl hat seine Funktion und seine Berechtigung. Gefühle dienen der zwischenmenschlichen Kommunikation, sie ermöglichen uns rasches Handeln, wenn die Zeit für ausgewogenes Nachdenken fehlt, und sie motivieren Handlungen ganz generell. Wäre es der Verstand allein, der unser Handeln in Gang setzt, es wäre nicht so schwer, als ungünstig erkanntes Verhalten zu ändern. Aber ohne die nötige Motivation, die immer mit irgendeiner Form von Gefühl verbunden ist, gewöhnt sich niemand das Rauchen ab, lässt kein Autofahrer seinen Wagen stehen und fängt kein Faulpelz an, Sport zu treiben. Somit haben Gefühle oft eine evolutionsbiologisch wichtige Funktion. Es gibt rationale und irrationale Gefühle, genauso wie es rationale und irrationale Gedanken gibt.

Nun muss ich aber die Stoiker auch wieder verteidigen, denn sie nehmen an dieser Stelle eine feine, aber bedeutsame Differenzierung vor: Die spontan aufwallenden Emotionen, die wir teilweise auch im Tierreich finden, wie z.B. Aggression, Niedergeschlagenheit oder Angst, betrachten sie als naturgegeben und nicht kontrollierbar, somit indifferent. Ungesund und nicht wünschenswert sind lediglich die Gedankenmuster, die dazu führen, dass wir diese spontanen Emotionen in exzessiver Weise übersteigern. (Und das wiederum ist ein Ansatz, auf dem auch die Grundprinzipien der modernen kognitiven Verhaltenstherapie beruhen.)

Ärger zum Beispiel beruht in der Regel auf der Grundannahme, dass jemand sich nicht so verhalten hat, wie er sich hätte verhalten sollen (also der Verstoß gegen eine individuelle oder allgemein anerkannte Norm). Das kann - als spontane Reaktion - gesund und sinnvoll sein, wenn ich dadurch z.B. meine Grenzen verteidige. In vielen Fällen aber steigern sich die Betroffenen immer weiter in ihren Groll hinein oder ihr Ärger beruht vielleicht sogar auf völlig überzogenen Ansprüchen und Erwartungen. Und hier sind die Stoiker ganz klar: Es ist nicht vernünftig, davon auszugehen, dass andere ein wie auch immer geartetes Verhalten an den Tag legen sollten. Ja, sie gehen sogar so weit zu sagen: Es ist nicht vernünftig zu verlangen, dass es - auf gut Deutsch - keine Idioten auf der Welt geben sollte. Sie sind Teil dieses Universums und damit müssen wir uns abfinden. Das ist nichts, was wir kontrollieren könnten. Sich jetzt stundenlang darüber aufzuregen, führt zu nichts, sondern ist eher der eigenen Eudaimonie abträglich.

Ebenso kann spontane Angst - zum Beispiel angesichts eines rasch heranrasenden Autos - eine rationale, gesunde Reaktion sein, die uns blitzschnell handeln lässt und so unser Überleben sichert. Sich im Straßenverkehr aber ständig bis ins Detail auszumalen, was alles Schreckliches passieren könnte, ist einem sicheren Verkehrsverhalten eher nicht zuträglich.

Grundsätzlich gefällt mir der Ansatz, sorgfältig zu prüfen, welche Aspekte einer Situation wir ganz unmittelbar kontrollieren können und welche nicht. Das mag in der modernen Welt ein wenig komplexer sein als in der Antike, aber im Wesentlichen läuft es doch darauf hinaus, dass wir in erster Linie den Fokus unserer Aufmerksamkeit und unsere eigenen Handlungen kontrollieren können. Schon der Ausgang dessen, worum wir uns bemühen, ist meistens ungewiss. Insofern bleibt uns nur, nach bestem Wissen und Gewissen zu handeln, im Bewusstsein dessen, dass die Ergebnisse unseres Handelns von sehr vielen Faktoren abhängen, die wir nicht beeinflussen können. Wahrscheinlich ist der Kern der stoischen Philosophie der schöne Spruch: "Gott gebe mir den Mut, die Dinge zu verändern, die ich ändern kann, die Gelassenheit, das hinzunehmen, was ich nicht ändern kann, und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden." (Jeder einzelne dieser drei Aspekte hat es in der Praxis ganz schön in sich, was vermutlich gerade all jene hier im Forum hautnah zu spüren bekommen, die entscheiden müssen, ob sie für oder gegen die große Koalition stimmen sollen.)

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Tyler Durden
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BeitragVerfasst am: 24.02.2018, 20:08                                  +/-

bin mir aber, was die Gemütsruhe angeht, noch nicht ganz im Klaren


Denkst du denn, man kann überhaupt die eigene Mentalität/Persönlichkeit groß beeinflussen? Marcus Aurelius wird schon als Kind als außergewöhnlich ernsthaft beschrieben. Dass er sich einer Philosophie zuwendete die seine Charaktereigenschaften als Tugend sahen ging vielleicht auch gar nicht anders?
Auf der anderen Seite wählen sich Menschen, die du so schön als Brandung bezeichnet hast, Vorbilder und Ideale die ihrem Naturell entsprechen?


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Actually, throughout my life, my two greatest assets have been mental stability and being, like, really smart.
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Arianrhod



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BeitragVerfasst am: 24.02.2018, 20:40                                  +/-

Ja, das ist natürlich eine interessante Frage, welche die Anlage-Umwelt-Interaktion berührt. Von Marc Aurel wissen wir, dass er sich schon sehr früh der Philosophie zuwandte und z.B. als Junge darauf bestand, nur noch auf hartem Untergrund zu schlafen, um seine Selbstdisziplin zu trainieren. War er so ernst und gleichmütig, weil er das schon so früh trainiert hat? Oder hat er sich zu diesem Training hingezogen gefühlt, weil es schlicht seiner Persönlichkeit entsprech? Oder beides?

Ich würde sagen, dass Veränderungen in Maßen möglich sind. Marcus selbst erzählt, dass er immer wieder mit aufflammendem Ärger zu kämpfen hatte und sich ganz besonders darin übte, seinen Ärger zu zügeln. Wir wissen auch, dass er keine besonders robuste Gesundheit hatte. Er litt unter Erschöpfungszuständen und chronischen Kopfschmerzen, ein Umstand, der sicher auch nicht gerade zu einer heiteren Stimmung beitrug. Umso mehr aber übte er sich darin, sich von seinem Temperament nicht zu unüberlegten Reaktionen hinreißen zu lassen. Aber auf Marcus und seinen Umgang mit Ärger komme ich noch zu sprechen. Das ist der eigentliche Schwerpunkt in der ersten Woche des Online-Kurses.

Ein berühmtes Beispiel ist auch der Kaiser August, der für seine zorniges Temperament berühmt war. Dem riet ein stoischer Lehrer, bei einer Provokation jedes Mal sämtliche Buchstaben des griechischen Alphabeths aufzusagen, ehe er antwortete - und es schien so, dass diese Übung ihm geholfen hat, seinen Zorn zu bezähmen.

Aber du magst recht haben, dass auch die Philosophie, der man folgt, schon etwas mit der eigenen Veranlagung zu tun haben mag. Interessant ist eben nur, dass viele der von den Stoikern empfohlenen Strategien und Grundsätze in die moderne kognitive Psychotherapie Eingang gefunden und sich dort in der Praxis sehr bewährt haben.

Gepostet am 24.02.2018, 19:42:

Weil ich gerade deine Signatur sehe: Ein interessantes Trainingsobjekt wäre natürlich der amerikanische Präsident. Smilie

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Arianrhod



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BeitragVerfasst am: 24.02.2018, 22:17                                  +/-

Wer war Marc Aurel?

Marc Aurel war der Adoptivsohn des römischen Kaisers Antoninus Pius und regierte als dessen Nachfolger von 161 bis 180 nach Christus. Als er Kaiser wurde, war er bereits 40 Jahre alt, und während er bis dahin eine exzellente Ausbildung und die anhaltende Friedenszeit unter seinem Adoptivvater hatte genießen können, war er als Herrscher eigentlich permanent herausgefordert. Kaum hatte er die Kaiserkrone übernommen, wurde Rom infolge einer katastrophalen Überschwemmung des Flusses Tiber von schwerwiegenden Hungersnöten und Seuchen heimgesucht. Angesichts des durch diese Belastungen geschwächten römischen Volkes sahen die Gegner des Römischen Reiches ihre Chance gekommen und fielen mehrfach von Germanien und Mesopotamien her in das römische Herrschaftsgebiet ein. Sein letztes Lebensjahrzehnt verbrachte Marc Aurel daher fast ausschließlich im Feldlager. Hier - genau genommen auf dem Gebiet des heutigen Österreich - schrieb er auch die Selbstbetrachtungen, womöglich um sich selbst unter diesen rauen Bedingungen an die Grundsätze seiner philosophischen Weltanschauung zu erinnern.

Als junger Mann scheint er ein besonderes Interesse für die Malerei entwickelt zu haben. Er hatte auch eine besondere Vorliebe und ein Talent für Boxen, Ringen, Laufen, Ballspiel, Jagen und Vogelfang. All diese Liebhabereien traten jedoch gegenüber seinem schon früh erwachenden Interesse an der Philosophie zurück. Bemerkenswert waren seine Zärtlichkeit und sein Humor im Umgang mit geliebten Menschen. Seine Briefe zeigen, dass er niemals davor zurückschreckte, seine Zuneigung zum Ausdruck zu bringen. Er sagte den Menschen, die ihm wichtig waren, gerne und oft, dass er sie liebte. (Unter Römern war das seinerzeit ein eher unübliches Verhalten.)

Trotz seiner Selbstwahrnehmung, ein eher aufbrausendes Temperament zu haben, beschrieben ihn andere als ausgesprochen ausgeglichenen Menschen. Sein Aussehen schien ihm nicht so wichtig gewesen sein, er trug einen langen Bart, kleidete sich eher schlicht und verzichtete überwiegend auf Schmuck und anderen Prunk. Zwar war er nicht mit einer besonders kräftigen körperlichen Konstitution gesegnet, doch kompensierte er dies durch lang trainierte Zähigkeit und Ausdauer. Beim Volk und vor allem bei seinen Soldaten war er sehr beliebt und sein Tod wurde sehr betrauert. Mit ihm endete die Ära der römischen Adoptivkaiser, denn Marc Aurel hatte einen leiblichen Sohn, der ihm auf den Thron nachfolgte.

Das erste Kapitel der Selbstbetrachtungen besteht übrigens ausschließlich aus einer Würdigung der Vorzüge jener Menschen in Marcus' Leben, die ihm wichtig waren und die ihn geprägt haben. Es ist dies gleichzeitig eine Abwandlung einer wichtigen stoischen Übung, nämlich der Kontemplation des Weisen. In schwierigen Situationen tendieren Stoiker dazu, sich zu fragen, wie der ideale stoische Weise handeln würde. In ähnlicher Weise dürfte Marcus sich die Qualitäten seiner wichtigsten Bezugspersonen vor Augen geführt haben. Nachfolgend nur als Beispiel die Wertschätzung, die Marcus seinem (Adoptiv-)Vater Antoninus Pius entgegenbrachte - seine Worte sagen viel über seine Werte und Ideale:

Von meinem Vater die Milde und das unerschütterliche Beharren auf dem Standpunkt, den er nach eingehender Prüfung eingenommen hatte. Und seine Unbestechlichkeit gegenüber scheinbaren Ehren. Und seine Liebe zur Arbeit und seine Ausdauer. Und dass er ein offenes Ohr für diejenigen hatte, die etwas Gemeinnütziges vorzuschlagen hatte. Und dass er unbeirrbar einem jeden das zuteil werden ließ, was ihm zukam. Und seine Erfahrung darin, wo Anspannung der Kräfte und wo Ausruhen am Platze ist. Und dass er der Knabenliebe ein Ende machte. Und seine Leutseligkeit. Und dass er keinen Zwang auf seine Freunde ausübte, mit ihm unter allen Umständen zu speisen oder ihn auf seinen Reisen zu begleiten, und dass er in seinem Wesen gegenüber denjenigen, die aus irgendeinem dringenden Grunde zu Hause geblieben waren, stets derselbe war.

Und sein scharfes Eindringen in die Sache in den Sitzungen des Kronrates und seine Beharrlichkeit; er gab auch nicht die Untersuchung vorzeitig auf, indem er sich mit oberflächlichen Erwägungen begnügt hätte. Und seine Kunst, sich seine Freunde zu erhalten. Er wurde ihrer auch nie überdrüssig, aber er war auch nicht in sie vernarrt. Und seine Selbstgenügsamkeit in jeder Hinsicht und seine Heiterkeit. Und dass seine Fürsorge weit in die Zukunft reichte, und dass er die kleinsten Erfordernisse schon im voraus bedachte, ohne viel Aufhebens davon zu machen. [...] Und seine Gabe, alle die Dinge, die zur Annehmlichkeit des Lebens beitragen, wie sie das Glück in Fülle spendet, bescheiden und doch ohne jedes Bedenken zu gebrauchen, so dass er sie, wenn sie da waren, ganz unbefangen benutzte, wenn sie aber fehlten, ihrer nicht bedurfte. Und dass auch nicht einer von ihm hätte sagen können, er sei ein Sophist oder ein vorlauter Schwätzer oder ein Pedant, sondern ein gereifter Mann, fertig in jeder Hinsicht, unzugänglich gegen Schmeichelei, ein Charakter, der seine eigenen Angelegenheiten und die anderer zu verwalten mag.

Dazu kam seine Schätzung der echten Philosophen, ohne dass er darum die anderen getadelt hätte; doch beeinflussen ließ er sich von ihnen nicht. Ferner seine angenehme Art im Umgang und seine Liebenswürdigkeit, die jedoch nie zu weit ging. Und dann seine Fürsorge für den eigenen Körper, die sich gerade in den rechten Grenzen hielt. Denn er hatte nichts von einem Menschen, der allzusehr am Leben hängt oder dadurch nur eine gute Figur machen will; aber er war auch nicht etwa gleichgültig dagegen, sondern er lebte so, dass er infolge seiner eigenen Aufmerksamkeit nur ganz selten einen Arzt oder Arzneien oder äußere Umschläge brauchte. Ein besonders schöner Zug an ihm war es, dass er neidlos vor Leuten zurücktrat, die ein besonderes Können besaßen, wie zum Beispiel Beredsamkeit oder gründliche Kenntnis der Gesetze oder von Sitten und Bräuchen oder gewissen anderen Dingen, und dass er sich zusammen mit solchen Männern bemühte, dass ein jeder entsprechend seinen besonderen Vorzügen anerkannt würde. [...]

Und dass er nach den wütenden Anfällen von Kopfschmerzen gleich wieder frisch war und voll Kraft an seine gewohnten Arbeiten ging. Und dass er nicht viele Geheimnisse hatte, sondern nur ganz wenige und ganz selten, und zwar nur im Interesse des Gemeinwohls. Er zeigte sich auch verständig und maßvoll in der Veranstaltung von öffentlichen Spielen und der Errichtung von Bauwerken und bei der Austeilung von Spenden und dergleichen, als ein Mann, der sein Augenmerk nur auf das richtet, was not tut, nicht auf den Ruhm, den sein Tun ihm einbringen könnte. Er badete auch nicht zur Unzeit, war nicht darauf versessen, immer neue Bauten zu errichten, dachte nicht über Genüsse des Gaumens nach nicht über Gewebe und Farben von Gewändern oder über die Schönheit junger Leiber. [...] Da war nichts Barsches in seinem Wesen, geschweige denn unerbittliche Härte, nichts Hemmungsloses oder Übertriebenes, [...] sondern alles war bis ins Einzelne erwogen; ohne Hast, ohne jede Unruhe, eins nach dem anderen, mit Mut und Kraft, im Einklang miteinander. Es dürfte auf ihn passen, was man von Sokrates erzählt, dass er die Fähigkeit sowohl zum Verzicht wie zum Genuss solcher Dinge hatte, auf die die meisten Menschen zu schwach sind zu verzichten, während sie im Genuss kein Maß kennen. Aber stark und standhaft und nüchtern in beider Hinsicht zu sein, das ist die Art eines Mannes, der den rechten und unbesiegbaren Charakter hat, wie es sich bei der Krankheit des Maximus zeigte.

(Die Markierungen stammen von mir - es sind einfach Stellen, die ich in irgendeiner Weise kurios oder bemerkenswert fand.)

Marc Aurel spricht übrigens niemals auch nur annähernd so positiv von seinem Adoptivgroßvater, dem Kaiser Hadrian. Dieser scheint vor allem in seinen letzten Lebensjahren paranoid und gewalttätig gewesen zu sein. Man erzählt sich die Geschichte, dass er einem Sklaven in einem Anfall von Wut ein Auge ausstach. Gut möglich, dass er ein negatives Rollenmodell für Marcus war, ein Beispiel dafür, wie ein Kaiser nicht sein sollte. Eine ganze Reihe der oben aufgeführten Formulierungen können auch als Abgrenzung gegenüber dem Kaiser Hadrian verstanden werden. Und noch eines ist bemerkenswert (um noch einmal auf Tylers Anlage-Umwelt-Frage zurückzukommen): Der vielgerühmte Antoninus scheint kein Philosoph gewesen zu sein - womöglich hatte er einfach einen guten Charakter. Smilie

Gepostet am 24.02.2018, 21:46:

Die Kontemplation des Weisen

An vielen Stellen in seinen Selbstbetrachtungen setzt Marc Aurel sich mit der Frage des Umgangs mit Kritik auseinander - sowohl der Kritik am Handeln anderer Menschen als auch der Kritik am eigenen Handeln. Während die Stoiker einerseits großen Wert auf Ehrlichkeit legten - Marcus sagt an einer Stelle sogar, wir sollten uns darin üben, nur solche Gedanken zu denken, die wir jederzeit ohne Bedenken aussprechen könnten -, pflegen sie doch andererseits auch die Tugend eines einfühlsamen Taktgefühls, wenn es darum geht, andere zu ermahnen. Sie selbst versuchen sich auf der einen Seite völlig unabhängig zu machen von dem, was die Leute denken, und auf der anderen empfänglich zu bleiben für berechtigte Kritik, die von echten, als weise erkannten Autoritätspersonen kommt. Eine Abwandlung dessen ist die bereits erwähnte Kontemplation des Weisen, welche Stoiker nutzen, um ihr eigenes Denken und Handeln im Lichte eines fiktiven idealen Weisen zu betrachten. (Die Stoiker sagen, der perfekte Weise sei so selten wie ein ägyptischer Phonix - es gebe ihn nur einmal in fünfhundert Jahren.)

Donald Robertson hat in seinem Kurs eine Meditation integriert, die sich an der Kontemplation des Weisen orientiert. Leider kann ich euch die Datei hier nicht verlinken, obwohl ich seinen schottischen Akzent ganz reizend finde, aber ich möchte die Kernstelle, die auf die einführende Anleitung zur Entspannung folgt, an dieser Stelle gerne zitieren:

Take a moment to picture yourself as you are right now … Imagine taking a step back and looking at yourself from the outside … or as if you’re looking at your reflection in a mirror ..Imagine you can see through your words and actions, your body language and facial expression, and perceive your own innermost nature … The type of person you are right now … What sort of character you have ... What sort of things you value most in life ... What sort of things you desire ... What things you fear or avoid ... Imagine you can see yourself very clearly and objectively in this way … Take a moment to contemplate this perspective more deeply.

[Pause.]

Now imagine what a Stoic Sage, a wise person, might say if they were looking at you as you are right now … The Stoics advise us to flourish by living in agreement with nature … Fulfilling our potential as rational beings by applying reason to our lives, and living wisely, with virtues like justice, kindness, fairness, courage, and self-discipline … What would a wise Stoic teacher see in you? How would they speak to you? What advice would they give you? Likewise, consider what advice you’d give yourself … What you’d like to change or improve … or how you’d like to see yourself develop over time … Take a moment, once again, to contemplate this perspective more deeply.

[Pause.]

Now gradually, in steps and stages, begin to picture yourself turning into the person you wish to be … See yourself evolving bit by bit into your ideal self, and imagine how the changes would occur over time … See a healthy and realistic progression from the present day toward your future goal … Just like an acorn grows into an oak tree, imagine your future self developing naturally out of your present self’s inner potential … See yourself growing more emotionally resilient, becoming wiser, more confident, more Stoic in general … Picture realistic changes happening in achievable steps and stages … Take a moment, once again, to contemplate this process more deeply …

[Pause.]

Now just imagine that again, making it a bit more vivid and more detailed … See your present self-image first of all, then picture it gradually evolving, and transforming into your ideal future self … Take a moment, once again, to contemplate this process more deeply.

[Pause.]

Now just imagine that one more time, making it even more vivid and detailed … See your present self-image first of all, then picture it gradually evolving, and transforming into your ideal future self… Take a moment, one more time, to contemplate this process more deeply.

[Pause.]

Now imagine actually being your ideal future self … you walk and talk like the person you want to be. You have the habitual thoughts and feelings of your ideal self. Use your imagination to really immerse yourself in that role … Dare to be wise … Become your ideal future self for a while.

Now, with that in mind, ask yourself what’s different about your life? What do you do differently now that you’ve achieved your goal? What’s changed about the way you feel inside? How are your emotions different and what things do you feel differently about? What’s changed about your thoughts and attitudes? How has your perspective on life changed? What else has changed? How do you know you’ve achieved your goal? What did you do to improve your life? How did you get there? Take a moment, once again, to contemplate this perspective more deeply.

[Pause.]

Now you’re getting better and better at imagining yourself having achieved those goals, and identifying with a wiser and more Stoic outlook on life … It’s becoming easier and easier for you to see yourself as that kind of person ... thinking, acting, and feeling, that way … You love picturing your goals in life and planning how you’re going to reach them … and because you enjoy thinking about your goals, you find yourself doing this each day … picturing yourself in the future and imagining what it feels like to get closer and closer to real wisdom and emotional resilience … Every day, continue to think about your ideal and how you can make progress in that direction, even small steps, one at a time … You constantly work on your self-image like a sculptor creating a statue and giving shape to their vision.

Now, just allow those thoughts to sink in for a moment longer, and continue to imagine what it would mean to live in accord with Stoic attitudes and behaviours … Imagine becoming more and more Stoic every day and making progress toward genuine wisdom and strength of character.


Es ist dies übrigens ein Aspekt der stoischen Herangehensweise, die ich im Lichte des modernen Selbstoptimierungswahns kritisch sehe. Das ständige Bemühen, zu besseren Menschen zu werden, kann uns auch davon abhalten, dankbar zu bejahen, was schon da ist, auf unsere Ressourcen zu vertrauen und zu akzeptieren, dass niemand vollkommen ist. Ich habe mich selbst schon dabei ertappt, ständig mit einem Gefühl von "Ich sollte noch..." herumzulaufen, und auf die Dauer ist das ganz stressig. Dann habe ich das Bedürfnis, mich einfach zurückzulehnen, die Seele baumeln zu lassen und ein wenig an George Bataille zu denken, der das Prinzip der unproduktiven Verschwendung als einen wesentlichen Aspekt menschlicher Kultur betrachtete.

Hach, der moderne Pluralismus hat schon auch seine Vorzüge!

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Arianrhod



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BeitragVerfasst am: 25.02.2018, 00:06                                  +/-

Und wie geht man jetzt mit Ärger um?

Wir hatten weiter oben ja schon festgestellt, dass Marc Aurel sich selbst der Disposition zu einem aufbrausenden Temperament bezichtigt. Von daher ist es wohl kein Wunder, dass er sich sehr ausführlich und umfassend mit der Frage auseinandersetzt, wie er seine Neigung zum Ärger mäßigen kann. In Kapitel 11.18 der Selbstbetrachtungen beschreibt er dazu zehn Punkte, die er dem Gott Apollon und den neun Musen widmet:

Erstens daran denken, wie mein Verhältnis zu den Menschen ist, und dass wir um einander willen da sind und dass ich in anderer Hinsicht dazu bestimmt bin, ihr Führer zu sein, wie der Widder jener der Schafherde, der Stier jener der Kuhherde. Gehe aber aus von dem Satz: "Wenn die Welt nicht aus Atomen besteht, so gibt es eine alles durchwaltende Natur. Und wenn das der Fall ist, so ist das Niedere um des Höheren willen da, das Höhere aber um einander willen."

Hier bezieht sich Marcus auf eine der Grundannahmen stoischer Philosophie, nämlich dass wir von unserer Natur aus soziale Wesen sind, dazu bestimmt, einander zu helfen und füreinander da zu sein. Als Kaiser hat ihn das Schicksal zudem mit besonderer Macht und Autorität ausgestattet, die mit besonderer Verantwortung einhergehen. Er geht im Übrigen davon aus, dass die Dinge, Pflanzen und Tiere (das Niedere) im Dienste der Menschen stehen, die Menschen selbst (das Höhere) aber niemals Mittel zum Zweck sein dürfen, sondern immer Selbstzweck sind.

Nach Einschätzung der Stoiker handelt der Mensch wider seine Natur, wenn er sich gegen seine Mitmenschen wendet, um ihnen Leid zuzufügen. (Wie sich das mit der Tatsache vereinbaren lässt, dass Marcus zu dieser Zeit gerade Krieg führte, ist mir noch nicht ganz klar, aber ich nehme an, dass er den Krieg in einer anderen Schublade unterbringt als den Zorn.) Auf der anderen Seite wäre es naiv und somit irrational anzunehmen, dass alle Menschen sich wie unsere Freunde verhalten werden. Im Gegenteil, die Stoiker sind jederzeit darauf gefasst, einem unangenehmen Menschen zu begegnen, sie verstehen diesen jedoch als eine Art Sparringspartner, um die stoischen Tugenden zu trainieren. Gegenüber jenen Menschen geduldig, fair und mitfühlend aufzutreten, die uns lieben, ist leicht. Zur echten Herausforderung wird es erst, wenn der andere ernsthaft an unseren Nerven zehrt.

An dieser Stelle ist die stoische Philosophie der christlichen Nächstenliebe erstaunlich ähnlich, vielleicht mit dem Unterschied, dass es nicht unbedingt zu den stoischen Tugenden zählt, die andere Wange hinzuhalten. Aber der Grundgedanke, dass wir alle aus demselben Holz geschnitzt sind, Brüder und Schwestern im Geiste, wird hier zum tragenden Element einer praktizierten Friedfertigkeit.

Ich versuche das an dieser Stelle mal auf ein ganz praktisches Beispiel runterzubrechen, nämlich auf die Frage, ob diese innere Haltung uns im politischen Diskurs weiterhelfen könnte. Nehmen wir ruhig mal Feministinnen und Macho-Männer oder Grünen- und AfD-Wähler. Sobald es so konkret wird, merke ich sofort meine inneren Widerstände. Andererseits muss ich an das Experiment der ZEIT denken, Menschen mit sehr unterschiedlichen politischen Ansichten zum Dialog zusammenzubringen, oder an die Kunst der Mediation, die Rosenkriege zwischen scheidenden Ehepartnern zu vermeiden versucht: Hier ist eine Einigung oft nicht auf der vordergründig-sachlichen Ebene möglich, sondern erst wenn man eine Ebene tiefer geht und die zugrundeliegenden Sehnsüchte, Wünsche und Bedürfnisse betrachtet. Diesen Respekt zu zollen und sie anzuerkennen ist vermutlich ein wichtiger Schritt im Konfliktlösungsprozess, auch wenn man sich in der Frage, wie diese Bedürfnisse zu erfüllen sind, nicht sofort einig wird. Und ich könnte mir auch vorstellen, dass man bei manchen Menschen schon in sehr tiefen existentiellen Ebenen herumgraben muss, um auf einen gemeinsamen Nenner zu kommen. Aber die Zielrichtung ist trotzdem klar und eindeutig. In moderne politische Sprache übertragen lautet sie beispielsweise: Auch im Ringen mit den Feinden der Verfassung darf ich mich selbst niemals verleiten lassen, den Boden der Verfassung zu verlassen.

Zweitens: Wie sich die Menschen bei Tisch zeigen, wenn sie im Bett liegen und sonst! Vor allem aber, unter welchem Zwang von Grundsätzen sie stehen und welchem Dünkel sie danach leben!

Marcus ermahnt sich hier selbst, bei der Einschätzung der Situation immer den Charakter der betreffenden Person als Ganzes zu betrachten. Dann fällt es uns vielleicht leichter, das gegenwärtige Verhalten einzuordnen und zu verstehen, anstatt es als Ausdruck von Bösartigkeit zu sehen. Den Ärger zu überwinden, bedeutet ja nicht, ihnen zuzustimmen oder sie gewähren zu lassen. Wir können uns ihnen dennoch faktisch entgegenstellen, tun dies dann aber aus Überzeugung und nicht aus Zorn.

Falls es sich um Menschen handelt, deren Wertschätzung für uns nicht von Bedeutung ist, sollte es uns ohnehin gleichgültig sein, mit welcher Einstellung oder welchem Ausdruck sie uns begegnen. Der Weise legt einzig Wert auf die Meinung jener Menschen, die ihrerseits in Übereinstimmung mit der Natur handeln.

Den Aspekt, das Verhalten anderer Menschen in einen größeren Gesamtkontext einzuordnen, finde ich wichtig und hilfreich - ebenso wie die Differenzierung, dass diese Art des Verstehens nicht mit Zustimmung oder Gewährenlassen verwechselt werden darf.

Drittens: Wenn sie das mit Recht tun, darfst du dich darüber nicht ärgern; tun sie es aber mit Unrecht, dann tun sie es doch offenbar wider ihren Willen und aus Mangel an Einsicht. Denn wenn jede Seele nur wider ihren Willen der Erkenntnis der Wahrheit beraubt wird, so auch der Fähigkeit, mit einem jeden nach Gebühr umzugehen. Sie fühlen sich daher gekränkt, wenn man sie als ungerecht, rücksichtslos, habgierig, mit einem Wort, als Frevler gegen ihre Mitmenschen bezeichnet.

Die Grundannahme hier ist, dass alle Menschen letztlich nach der Wahrheit streben. Niemand hebt an zu denken mit der bewussten Absicht, sich zu irren. Niemand möchte falsch liegen, vor allem nicht, wenn es um die wesentlichen Dinge im Leben geht. Aus diesem Grund muss jede Form des Irrtums als unabsichtlich betrachtet werden.

Marcus weist hier aber auch auf die Möglichkeit hin, das der andere recht haben könnte und wir es sind, die uns irren. Sollte dies der Fall sein, dürfte das unseren Ärger von vornherein mildern (es sei denn, wir sind Anhänger der Psychoanalyse; diese Geschichte mit dem Unbewussten hat das Ganze gewaltig verkompliziert). Falls der andere sich aber irrt, ist eher Mitgefühl angebracht als Ärger.

Wir dürfen nie aus den Augen verlieren, dass die anderen von ihrer Sicht der Dinge überzeugt sind, egal wie absurd sie uns auch vorkommen mag. Epiktet lehrte seine Schüler im Angesicht von aufsteigendem Ärger immer wieder den Satz zu wiederholen: "Es erschien ihm richtig." Er rät dazu, den Mangel an klarer Urteilskraft ähnlich zu behandeln wie Fieber oder Wahnsinn.

Das ist ein heikler Punkt, weil er falsch verstanden nur allzu leicht zu intellektuellem Dünkel führen kann. Den anderen als unmündiges Kind zu betrachten, während man selbst im Besitz der Wahrheit ist, mag zwar den eigenen Ärger mildern, die Verständigung zwischen Personen mit unterschiedlichen Ansichten aber nicht unbedingt befördern. Von daher finde ich die Warnung wichtig, dass auch man selbst derjenige sein könnte, der im Unrecht ist. Und dann kommt hier noch ein Aspekt des modernen Konstruktivismus hinzu, der den Stoikern fremd gewesen sein dürfte: nämlich dass es durchaus möglich ist, dass beide auf ihre Weise Recht haben, weil die Wahrheit nun mal nichts Absolutes ist, sondern immer durch unsere ureigene Brille gefiltert wird. ("Alles, was gesagt wird, wird durch einen Beobachter gesagt.") Gleichzeitig finde ich diesen Punkt gerade im gegenwärtigen Diskurs unglaublich wichtig. In den Kommentarspalten der Zeitungen bin ich immer wieder erstaunt, mit welcher Selbstverständlichkeit die gegnerischen Parteien sich im alleinigen Besitz der Wahrheit wähnen.

(Ich muss an dieser Stelle mal erwähnen, dass sich mein Vorhaben, durch das Aufschreiben meiner Gedanken selbst größere Klarheit zu gewinnen, gerade hervorragend bewährt. Ich beginne, einige Dinge, die mir beim ersten Leben noch seltsam erschienen, zunehmend besser zu verstehen.)

Viertens: Du sündigst ja selber vielfach, bist ja selber ein Mensch solcher Art! Und wenn du gewisse Sünden meidest, so hast du doch wenigstens den Hang dazu, wenn du auch aus Feigheit oder aus Rücksicht auf deinen guten Ruf oder einem ähnlichen niedrigen Motiv Sünden dieser Art meidest.

Aussage ist klar: Nobody is perfect - und du selbst schon gleich gar nicht. Man hätte das vielleicht mit etwas weniger Selbstbeschimpfung und Selbstabwertung formulieren können, aber der selbstkritische Umgang mit der eigenen Person kann einen in den entscheidenden Momenten auf jeden Fall vor Hybris bewahren. Insofern ist der vierte Punkt eine wichtige Ergänzung zum dritten. Uns bewusst zu machen, dass wir alle denselben Fehlschlüssen unterliegen und im Angesicht überschäumender Emotionen ziemlich unvernünftig handeln, kann uns helfen, nachsichtiger mit anderen zu sein.

Fünftens: Du bist ja nicht einmal sicher, ob sie sich verfehlen! Denn die Menschen tun vieles nur in Rücksicht auf die besonderen Umstände. Und überhaupt muss man vieles vorher wissen, um ein richtiges Urteil über die Handlungsweise eines anderen abgeben zu können.

Cool! Mir wird gerade bewusst, dass Marc Aurel hier den fundamentalen Attributionsfehler adressiert! Dieser stammt aus der psychologischen Forschung und besagt, dass Beobachter einer Handlung dazu neigen, diese auf die Eigenarten der handelnden Person zurückzuführen ("Der tut das halt, weil er ein schlechter Mensch ist."), während die Handelnden selbst ihre Handlungen sehr viel stärker mit situativen Einflüssen begründen ("Ich habe das getan, weil die Situation so oder so war.").

Wir wissen nun einmal nie, was in den Köpfen anderer Menschen vorgeht, können über ihre Motive nur spekulieren und sollten daher mit Hypothesen und Interpretationen zurückhaltend sein. Indem wir uns klarmachen, dass es womöglich andere mögliche Erklärungen für das Verhalten des Gegenübers gibt, erweitern wir unsere Perspektive und die Flexibilität unseres Denkens.

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Arianrhod



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BeitragVerfasst am: 25.02.2018, 01:11                                  +/-

Ok, weiter geht's im Text! Uns fehlen noch vier Punkte für die Musen und ein fünfter für Apollo selbst.

Sechstens: Bedenke, wenn du dich über die Maßen ärgerst oder dein Gemüt sonstwie verstört ist, dass das Menschenleben nur eine kurze Weile währt und dass wir alle bald im Sarg liegen.

Wir werden alle sterben! So einfach ist das. Erinnert an eine typische, wenn auch nicht ganz so drastische Methode aus der kognitiven Psychotherapie: "Wie werden Sie in einem Jahr über die Angelegenheit denken? Wie in zehn Jahren?" oder "Wenn Sie nur noch ein Jahr zu leben hätten, wie viel Zeit würden Sie dieser Angelegenheit gerne einräumen?" Diesmal erweitern wir unseren Blickwinkel also nicht im Raum, sondern in der Zeit.

Siebentens: Nicht ihre Handlungen sind es, die uns quälen - denn diese entspringen ja aus ihren Seelen -, sondern unsere Meinung darüber! Sie musst du aufgeben, musst dich entschließen, dein Urteil darüber als etwas Schlimmes aufzugeben - dann ist dein Zorn verflogen. Wie du sie abtun sollst? Wenn du bedenkst, dass [keine Handlung eines anderen] eine Schande für uns ist. Denn wenn nicht einzig und allein die Schande ein Übel ist, dann ist es unvermeidlich, dass auch du viel sündigst und zum Räuber und zu allem Schlimmen fähig wirst.

Er hat's mit den Selbstbeschimpfungen, der Marcus. Aber ansonsten trifft er hier auch wieder einen wichtigen Punkt, der Grundlage aller kognitiven Therapie ist: Es sind nicht die Dinge selbst, die uns beunruhigen, sondern unsere Anschauungen der Dinge. (Dieser Satz stammt von dem Stoiker Epiktet und wird in jedem kognitiv-verhaltenstherapeutischen Lehrbuch zitiert.)

Wir ärgern uns über Dinge, die wir als schädlich für uns selbst betrachten. Aber der Stoizismus geht davon aus, dass andere Menschen unserem Charakter nicht schaden können, solange wir dies nicht zulassen, und da unser Charakter die wichtigste Sache der Welt ist - wenn nicht die einzig wichtige - kann uns eigentlich gar nichts passieren. In diesem Fall ist Ärger ein Zeichen dafür, dass wir gerade zu viel Wert auf externe Dinge legen, die wir nicht kontrollieren können.

Stoiker balancieren hier auf einem schmalen Grat, weil sie einerseits alle Menschen als Brüder und Schwester betrachten und ihnen mit Liebe begegnen, sobald die Brüder und Schwestern sie aber ärgern, werden sie indifferent - aus dem einfachen Grund, weil sie zu den externen Dingen gehören, die wir nicht kontrollieren können. Dies gilt für ihre Meinung uns gegenüber genauso wie für ihre Handlungen. Welche Haltung wir gegenüber anderen Menschen einnimmt, hat also etwas mit der Blickrichtung zu tun: Sobald es unsere eigenen Handlungen betrifft, sollten wir uns von den Kardinaltugenden leiten lassen. Geht es indessen um die Handlungen der anderen Menschen, ist Indifferenz die beste Haltung.

Achtens: Bedenke, wie viel schlimmer die Folgen unseres Zorns und unseres Grams über solche Handlungen [unserer Mitmenschen] sind als diese Handlungen selber, über die wir in Zorn oder Gram geraten.

Die Zielrichtung ist klar: Das Wichtigste ist die Vortrefflichkeit des Charakters. Dieser schaden wir mit unserem eigenen Zorn mehr als die anderen mit ihrem Handeln. (Stoiker sind ja auch der Ansicht, dass die Angst vor dem Tod schlimmer ist als der Tod selbst, der letztlich nur eine Tatsache der Natur ist.) Keinesfalls sollten wir uns also auf das Niveau des anderen herunterziehen lassen. Als erstes geht es darum, den Ärger zu zügeln, der unserer eigenen Kontrolle unterliegt, erst danach sollten wir uns den externen Dingen zuwenden, die diesen Ärger ausgelöst haben und die unserer Kontrolle entzogen sind.

Dieses Argument steht und fällt natürlich mit der Annahme, inwieweit wir mit der Charakterstärke als höchstem Gut übereinstimmen und inwieweit Gefühle von Ärger tatsächlich unserem Charakter schaden. Wenn ich so an meine Klientel denke, dann richtet der unterdrückte Ärger mitunter mehr Schaden an als der offen zum Ausdruck gebrachte. Allerdings sind unsere Patienten natürlich auch keine stoischen Philosophen. Sie haben keinen bewussten Umgang mit ihrem Ärger gefunden, sondern halten ihn zurück, weil sie ansonsten befürchten, nicht mehr geliebt zu werden. Heck! Das ist teilweise ganz schön tricky und balanciert wirklich auf einer rasiermesserscharfen Schneide. Ich bin aber trotzdem der Ansicht, dass ein spontan und unverhüllt ausgedrückter Ärger manchmal unproblematischer ist als ein psychologisch vorgecoachter. (Hier sind wir aber natürlich wieder bei der Unterscheidung zwischen spontanen Gemütsregungen und intellektuell sorgfältig gepflegtem Groll.)

Neuntens: Dass die Güte unbesiegbar ist, wenn sie echt und nicht nur gezwungen oder erheuchelt ist. Denn was kann dir der bösartigste Mensch tun, wenn du bei deiner Güte gegen ihn verharrst und ihn bei der Gelegenheit sanft ermahnst und eines Besseren belehrst, indem du gerade dann auf dem Posten bist, wenn er dir weh tun will: "Nicht doch, mein Sohn! Wir sind zu anderem bestimmt. Ich für meine Person habe schwerlich Schaden davon, doch du leidest Schaden, mein Sohn!" - Und dann ihm sanft und ohne Anzüglichkeit zeigen, dass das wirklich so ist, dass das nicht einmal die Bienen tun oder andere Tiere, die den Trieb zur Gemeinschaft empfinden. Du musst das aber weder mit Ironie noch unter Schmähungen tun, sondern voll Liebe und ohne Bitterkeit; auch nicht in schulmeisterlichem Ton oder in der Absicht, dass dich ein anderer, der dabei steht, bewundert, sondern allein zu ihm gewandt sprechen, auch wenn andere Leute dabeistehen sollten.

Hui! Ich versuche mir das gerade mal bildhaft vorzustellen: Wenn ich gerade wütend auf jemanden bin, und der kommt mir mit "Mein Sohn!" (oder meinetwegen auch mit "Meine Tochter!") und versucht mir zu erklären, wie sehr ich mir gerade selbst schade, dann kann ich mir primär zwei Reaktionen vorstellen: Entweder ich werde noch wütender, weil ich das als impertinente Frechheit empfinde. Oder ich kriege einen Lachanfall. Ich weiß, was Marcus meint, aber dafür den richtigen Ton zu finden, ohne herablassend oder etwas neben der Spur zu wirken, erscheint mir nahezu unmöglich. Ich gebe ihm aber recht, dass aufrichtig kommunizierte Güte, die auch beim Gegenüber als solche ankommt (!), auf einen Konflikt sicher Wunder wirken dürfe.

Güte im stoischen Sinne ist ja der Wunsch, dass es dem anderen wohlergehen möge, auch aus ihm also ein weiser und guter Mensch werden möge, auch wenn der Stoiker akzeptiert, dass die Erfüllung dieses Wunsches seiner Kontrolle entzogen ist. Wahrscheinlich ist das hier tatsächlich die Königsdisziplin. Einem anderen Menschen, der mir noch dazu gerade als Gegner gegenübersteht, so liebevoll eine kritische Rückmeldung zu geben, dass er sich nicht angegriffen, belehrt oder herabgewürdigt fühlt, setzt wahrscheinlich eine hohe persönliche Reife und heitere Gelassenheit voraus.

Allerdings knüpft Marcus hier wohl an eine andere stoische Technik an, nämlich jene, sich zu fragen, mit welchen Ressourcen die Natur uns ausgestattet hat, die uns helfen könnten, die kritische Situation zu bewältigen. Die Güte könnte hierbei eine dieser Ressourcen sein.

Gepostet am 25.02.2018, 00:25:

Diese neun Sätze behalte so fest im Gedächtnis, als wenn du sie von den Musen als Geschenk erhalten hättest, und fang endlich einmal an, Mensch zu sein, solange du lebst. Und ebenso, wie du dich hüten musst, ihnen zu zürnen, musst du meiden, ihnen zu schmeicheln! Denn beides widerspricht dem Geist der Gemeinschaft und führt nur zum Schaden. Wenn du aber zornig werden willst, dann denk an den Satz, dass nicht der Zorn eine mannhafte Regung ist, sondern dass Milde und Sanftmut, wie sie menschlicher, so auch männlicher sind, und dass ein solcher Charakter Kraft, Sehnen und Tapferkeit besitzt, nicht aber der, der tobt und sich ärgert. Denn je verwandter solche Seelenhaltung der Apathie ist, umso verwandter ist sie auch der Kraft. Und wie der Gram, ist auch der Zorn ein Zeichen von Schwäche. Denn beide sind verwundet und haben sich hinreißen lassen.

Wenn du willst, nimm noch ein Zehntes als Gabe von dem Musenführer Apollon: dass es unsinnig ist zu verlangen, dass die Bösen nicht sündigen! Wer das will, fordert Unmögliches! Sich aber damit abzufinden, dass sie gegen andere Menschen so handeln, und dabei zu verlangen, dass sie nur gegen dich selber nicht freveln, das ist unvernünftig und ein Zeichen von überheblicher Gesinnung.

Ja, gut, lassen wir dieses Geschwafel von echter Mannhaftigkeit mal beiseite: Die Stoiker betrachten Güte und Sanftmut nun mal im Vergleich zum Zorn als die stärkeren und kraftvolleren Gemütsregungen. Das ist eine Einschätzung, mit der sie wieder den Christen die Hand reichen können. Sicher hat die stoische Philosophie auch die nachfolgenden christlichen Philosophen nachhaltig beeinflusst.

Den letzten Punkt hatten wir schon: Der Weise ist auf alles vorbereitet, auch auf die Idioten dieser Welt. Der Gedanke "Ich fasse es nicht!" ist dem Weisen fremd, weil er sich eben mit allem schon einmal befasst hat und ihn so leicht nichts mehr aus der Fassung bringt. Als Nero seine Männer zu Seneca schickte mit dem Befehl, sich umzubringen, blieb der vergleichsweise ruhig. Ihm war klar, dass Nero ein Mörder war, und die Wahrscheinlichkeit, dass seine Mordlust irgendwann auch ihn selbst, Seneca, erfassen würde, war von jeher hoch gewesen. Er hatte genug Zeit gehabt, sich gedanklich darauf vorzubereiten.

Zu fordern, dass es keine Mörder, Terroristen, Selbstmordattentäter, Rassisten, Neonazis oder Amokläufer geben dürfte, ist eine irrationale Annahme. (Und dasselbe gilt natürlich auch ein paar Nummern kleiner.) Ebenso irrational ist es, davon auszugehen, dass andere Menschen uns unsere Wohltaten mit gleicher Münze vergelten werden. Ein Stoiker tut nicht deshalb Gutes, weil er sich davon etwas von den anderen erhofft, sondern weil es der Exzellenz seines eigenen Charakters dient. (So allmählich wird deutlich, dass diese Grundannahme eine ganz entscheidende Funktion innerhalb der stoischen Psychohygiene hat. Wer tatsächlich nur vor sich selber geradestehen muss, schützt sich auf effektive Weise vor Angriffen, die von außen kommen.)



Zuletzt bearbeitet von Arianrhod am 25.02.2018, 21:31, insgesamt einmal bearbeitet
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Arianrhod



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BeitragVerfasst am: 25.02.2018, 12:07                                  +/-

Strategien der kognitiven Verhaltenstherapie (KVT) gegen übermäßigen Ärger

Donald Robertson beschreibt in einem seiner Videos ein paar bewährte Strategien zum Umgang mit Ärger und setzt diese in Bezug zu stoischen Techniken.

Frühwarnzeichen von Ärger erkennen
- In welchen Situationen und angesichts welcher Ereignisse wirst du für gewöhnlich ärgerlich?
- Was sind die allerersten Gedanken, Gefühle oder körperlichen Empfindungen, die dir signalisieren, dass gerade Ärger in dir hochsteigt?
- Wie verändern sich deine Gesichtszüge, wenn du ärgerlich wirst?
- Was wäre das erste Anzeichen deines Ärgers, das ein Außenstehender beobachten könnte?

Die Beantwortung dieser Frage erfordert gründliche Selbstbeobachtung und eine gewisse Erfahrung in Achtsamkeit und Selbstaufmerksamkeit. Richtig angewandt führt oft schon die Selbstbeobachtung allein zu einer Reduktion der Häufigkeit, Intensität und Dauer von Ärgerepisoden.

Zwei Methoden zur Selbstbeobachtung bieten sich an (erst einmal eine Woche):
- Führen einer Strichliste, wann immer man einen ärgerlichen Gedanken/Gefühl wahrnimmt, und einzelne Tage vergleichen
- Aufschreiben, wie viele Minuten man damit verbringt, über Dinge nachzugrübeln, die einen ärgern

Kognitive Distanzierung und zeitlicher Aufschub:
- Sobald du ein Frühwarnzeichen von Ärger erkennst, betrachte es aus der Distanz - wie ein Wissenschaftler, der die Gedanken und Gefühle anderer Personen untersucht, ganz objektiv.
- Akzeptiere die Anwesenheit ärgerlicher Gedanken und Gefühle, ohne in irgendeiner Weise auf diese zu reagieren. Kämpfe nicht dagegen an, versuche nicht, sie loszuwerden, vertiefe dich aber auch nicht in sie oder grübele darüber nach. Zucke einfach mit den Schultern: "Was soll's?". Tue gar nichts.
- Schreib den Gedanken auf einen Zettel, falte diesen zusammen und stecke ihn in die Tasche, um zu einem späteren Zeitpunkt darauf zurückzukommen.
- Nimm dir eine Auszeit von deinen ärgerlichen Gedanken und Gefühlen, betrachte sie mit Gleichgültigkeit, nicht als etwas Schlechtes, das du vermeiden, oder als etwas Gutes, in dem du schwelgen müsstest, sondern akzeptiere sie mit totaler stoischer Gleichgültigkeit.
- Sag dir, dass du dich später in Ruhe hinsetzen und über die Situation nachdenken wirst, sobald du dich ein bisschen beruhigt hast. Dann wirst du versuchen das Problem zu lösen, sofern es eines gibt.
- Vereinbare mit dir selbst einen festen Zeitpunkt, z.B. um acht Uhr abends, um dich an einen bestimmten Platz, z.B. in einen bestimmten Sessel zu setzen, und zu überlegen, wie du am besten mit der Angelegenheit, die dich ärgerlich macht, umgehen sollst.
- Zum vereinbarten Zeitpunkt frage dich zunächst, ob es dir immer noch wichtig ist, die Angelegenheit zu verfolgen. Falls nicht, kannst du die Übung sofort beenden. Andernfalls setz dich hin und durchdenke die ganze Sache ruhig und vernünftig. Setz dir dabei ein zeitliches Limit von 15 - 20 Minuten.
- Solltest du nach dem festgesetzten Zeitraum noch nicht zu einer Lösung gekommen sein, vertage die Angelegenheit auf morgen, gleiche Zeit, gleicher Ort. (Nach 15 - 20 Minuten verfällt man meistens nur noch in sinnloses Grübeln.)
- Während du über das Problem nachdenkst, nimm wahr, wie du das tust, ob du wieder aufbrausend wirst oder ein wütendes Gesicht ziehst. Du musst daran gar nichts ändern, nimm es einfach nur wahr.

Die genannten Strategien führen bei richtiger und regelmäßiger Anwendung häufig innerhalb von ein bis zwei Wochen zu einer spürbaren Verbesserung. Erst wenn die beschriebene Basis verlässlich funktioniert, hat es Sinn, komplexere Techniken einzusetzen.

Problematische Grundannahmen identifizieren und hinterfragen:
- Was hast du davon, länger bei ärgerlichen Gedanken zu verweilen?
- Verschaffen dir deine Rachefantasien Genugtuung? Helfen sie dir bei der Problemlösung? Betrachtest du es als Schwäche, jemanden "vom Haken zu lassen"?
- Identifiziere all jene Annahmen und Überzeugungen, die dich dazu verleiten könnten, dich auch weiterhin in deinem Ärger zu ergehen, und überprüfe sie sorgfältig im Lichte der Vernunft.
- Mach dir klar, dass Ärger erwiesenermaßen die Problemlösung erschwert. Wir treffen, wenn wir ärgerlich sind, ungünstigere Entscheidungen, als wenn wir dies ruhig und vernünftig tun.

Ähnliche Techniken wie die beschriebenen finden sich bereits in der stoischen Literatur:

- Seneca weist in seinem Buch "Über Ärger" darauf hin, dass sich Ärger leichter kontrollieren lässt, wenn man ihn frühzeitig wahrnimmt und quasi im Keim erstickt.
- Seneca empfiehlt auch, sich die negativen Konsequenzen von Ärger ins Bewusstsein zu rufen. Er vergleicht Ärger mit einem Zustand von Wahnsinn. (Hier empfiehlt es sich, die negativen Konsequenzen so lebhaft und detailreich wie nur möglich vor Augen zu führen.)
- Chrysippus vergleicht heftige Gefühle wie Ärger mit einem Mann, der immer schneller und schneller läuft, bis er gar nicht mehr in der Lage ist, anzuhalten oder Hindernissen auszuweichen, während ein Mann, der langsam und vorsichtig geht, jederzeit einem scharfen Stein ausweichen kann.
- Epiktet empfahl seinen Schülern eine Strichliste darüber zu führen, seit wie vielen Tagen sie frei von heftigen Gefühlen wie Ärger waren. Er betonte auch, dass es nicht die Ereignisse sind, die uns aufwühlen, sondern unsere Bewertungen dieser Ereignisse.
- Ebenso empfahl Epiktet, die Ärgergedanken direkt anzusprechen: "Du bist nur eine Erscheinung und ganz und gar nicht das, was du vorgibst zu sein."
- Epiktet brachte seinen seinen Schülern bei, die Reaktion auf ärgerliche Gedanken zu vertagen und abzuwarten, bis sie sich wieder beruhigt hatten.
- Auch Marc Aurel beschreibt in den besagten zehn Punkten eine Reihe von Techniken zur kognitiven Distanzierung. (Weiter oben habe ich ja schon erwähnt, dass Epiktet seinen Schülern empfahl, sich zu sagen: "Es erschien ihm richtig.", wenn sie sich über jemandes Verhalten ärgerten.)

Wichtig ist es jedoch, die stoischen Anregungen nicht einfach nur stur zu übernehmen, sondern sie eher als Anstoß zu nehmen, die eigenen Ärgergedanken und die eigenen Gründe, sich ihnen hinzugeben, ausführlich zu untersuchen und zu hinterfragen.

Für die Stoiker ist Ärger ein völlig sinnloses Gefühl. Er wird in der Regel durch die Überzeugung ausgelöst, dass ein Schaden entstanden oder eine Ungerechtigkeit geschehen sei, meist gefolgt von der Überzeugung, dass die andere Person böswillig sei und man sie bestrafen sollte. Das ist nicht gleichbedeutend mit dem spontanen Ausdruck von Aggression angesichts einer unmittelbaren Bedrohung (z.B. dem Knurren eines Hundes). Wir geben uns unseren aggressiven Gefühlen hin, schwelgen in ihnen, lassen sie anwachsen und steigern uns immer mehr hinein. DAS ist das eigentliche Problem und diesem ist am besten beizukommen, indem ich die Ausgangsüberzeugung in Frage stelle. (Und für die Stoiker kann ja der eigene Charakter keinen Schaden nehmen, solange wir es nicht zulassen.)

Der für mich entscheidende Punkt bei diesem Thema ist tatsächlich die Frage: Hat Ärger eine sinnvolle Funktion oder nicht? Über diese Frage würde ich gerne noch etwas eingehender nachdenken.

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Arianrhod



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BeitragVerfasst am: 25.02.2018, 23:23                                  +/-

Wozu brauchen wir Wut?

Um die Frage zu beantworten, ob Ärger/Wut eine sinnvolle Funktion hat, müssen wir zunächst die Emotionen im Allgemeinen betrachten. Psychophysiologisch gesehen sind Gefühle - vor allem die komplexeren unter ihnen - verkörperte Bewertungen einer Situation. Der Vorteil von Gefühlen ist, dass sie unglaublich schnell reagieren können, gerade weil sie nicht den Umweg übers Großhirn nehmen. Bevor wir eine Situation noch rational durchschaut haben, reagiert unser Körper schon auf die wahrgenommenen Reize und setzt das entsprechende Verhaltensprogramm in Gang.

Insofern haben Gefühle zwei Hauptfunktionen: Sie dienen der Kommunikation bzw. der Information und sie initiieren bzw. motivieren Handlungen. Tatsächlich ist das ein Argument, auf das Seneca in seinem Buch "Über Ärger" eingeht. Auf den Einwand hin, dass wir den Ärger bräuchten, um die nötige Motivation zu haben, uns zu schützen oder andere zu bestrafen, fragt er, ob ein Jäger wütend auf das Tier sei, dass er tötet. Es gebe nichts, das der Ärger ermögliche, was die Vernunft nicht wesentlich effektiver vermöge, und sogar ohne die damit verbundenen Risiken oder negativen Konsequenzen.

Eben da bin ich mir nicht so sicher. Es gäbe Gefühle nicht, wenn sie nicht eine biologisch sinnvolle Funktion hätten. Eben das, was die Stoiker teilweise auch als negative Konsequenz des Ärgers ins Feld führen, nämlich z.B. das zur Fratze verzerrte Gesicht, ist ein Teil des kommunikativen Aspekts von Gefühlen, und ebendieser hat sich als außerordentlich wirksam erwiesen. Wie die fauchende und buckelnde Katze, die ihr Nackenhaar aufstellt, im Zustand der Aggression größer wirkt, so soll auch der Ärger dem Gegenüber signalisieren: "Vorsicht! Mit mir ist nicht gut Kirschen essen. Pass lieber auf, mit wem du dich anlegst!" Und das kann manchmal nachhaltiger sein als viele freundliche, wohlgesetzte Worte.

Dieser Tage habe ich auch noch mal im Feminismus-Thread geschmökert und bin wieder über einBaums vielfach besternten Beitrag gestolpert, in dem sie ihren Unmut im Hinblick auf einige Forenuser und deren Einstellung zur #metoo-Debatte begründet. Dabei ist mir noch einmal deutlich geworden, wie wichtig der Zorn ist, wenn es um revolutionäre Veränderungen geht. Gerade Frauen, denen das Rollenklischee auferlegt, still und freundlich und angepasst zu sein, sind deutlich wirkmächtiger, wenn sie auf die Straße gehen und schreien: "Tremate! Tremate! Le streghe son tornate!" (Zittert! Zittert! Die Hexen sind zurück!) Ich bin mir nicht sicher, ob die Feministinnen in gleicher Weise Gehör gefunden hätten, wenn sie stets nur vernünftige und wohlformulierte Eingaben gemacht hätten.

Nicht zuletzt sind Gefühle auch eine wichtige Information an uns selbst. Sie zeigen uns, dass da etwas passiert ist, das eben erst einmal nicht gleichgültig ist. Dass da meine Grenze verletzt wurde. Dass eine Erwartung nicht erfüllt wurde. Dass jemand gegen ein Grundprinzip verstoßen hat, das mir wichtig ist. Inwiefern meine Erwartungen berechtigt sind oder ich davon ausgehen darf, dass andere dieselben Ziele und Werte verfolgen wie ich, steht auf einem anderen Blatt. Aber ohne die deutliche Emotion würde ich vielleicht gar nicht merken, dass da irgendetwas schiefgelaufen ist.

Nein, ich bleibe dabei: Gefühle sind wichtig und hilfreich. Es geht nur um das richtige Maß, darum, die rationalen von den irrationalen Gefühlen zu unterscheiden, die spontan auftauchenden Gefühle durch Vernunft auszubalancieren und sich nicht unnötig in Emotionen hineinzusteigern. Die stoische Fähigkeit, zurückzutreten und sich selbst aus der Distanz zu betrachten, ist dabei sicher von unschätzbarem Wert. Sie ist aber kein Allheilmittel für alles und jeden, sondern es kommt auf die Situation und die jeweilige Person an, inwiefern sie hilfreich ist. Die von Marcus beschriebenen Strategien sind von daher wahrscheinlich besonders für Menschen nützlich, die ein hitziges Temperament besitzen und in akutem Ärger immer wieder Dinge tun, die sie hinterher bereuen, oder die dazu neigen, leise vor sich hin zu grollen. Die eher sanftmütigen Naturen unter uns, die anderen immer den Vortritt lassen und sich dauernd entschuldigen, dürften eher davon profitieren, etwas mehr Ärger in ihrem Leben zuzulassen.



Zuletzt bearbeitet von Arianrhod am 25.02.2018, 23:27, insgesamt 2-mal bearbeitet
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BeitragVerfasst am: 25.02.2018, 23:26                                  +/-

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BeitragVerfasst am: 25.02.2018, 23:29                                  +/-

Du hast das jetzt aber nicht alles gelesen?!

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BeitragVerfasst am: 25.02.2018, 23:36                                  +/-

O Gott, nein. Aber mich interessiert Geschichte und ich fühle mich hier zu Unrecht getriggert. Es geht gar nicht um römische Kaiser als solche, sondern nur um einen, eher untypischen. Ein typischer römischer Kaiser hat sicher ganz andere Sachen gedacht. Ich muss diese Kritik jetzt mal anbringen. Der Threadname ist false advertisement.


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BeitragVerfasst am: 25.02.2018, 23:53                                  +/-

Es ist der Titel des Online-Kurses, den ich belegt habe, der stammt nicht von mir. Und ja, es geht nur um einen römischen Kaiser, nämlich um Marc Aurel. Der war sicher untypisch, wenn du ihn mit früheren Herrschern wie Nero oder Caligula vergleichst, aber die Stoa war im Alten Rom als Philosophie durchaus weit verbreitet und anerkannt. Und es zeichnet sie aus, dass sie keine Klassenunterschiede kannte. Zwei der wichtigsten Stoiker, deren Werke uns heute noch überliefert sind, sind Epiktet und Marc Aurel - und der eine war ein Sklave, der andere Kaiser von Rom.

Geschichtliche Aspekte haben in dem Kurs einen festen Platz, und ich finde es gerade besonders interessant, dass Marcus als Kaiser so massiv herausgefordert war. Bis er Kaiser wurde, lebte er das gemütliche Leben eines Bücherwurms, und kaum saß er auf dem Thron, brach eine Katastrophe nach der anderen über sein Reich herein und er musste plötzlich beweisen, dass seine Philosophie alltagstauglich ist und sich in der Praxis bewährt. Seine Selbstbetrachtungen erscheinen in einem ganz eigenen Licht, wenn man bedenkt, dass er sie im Feldlager an der Donau geschrieben hat, um sich selbst immer wieder vor Augen zu führen, was wichtig ist. Ich persönlich finde es spannend, mich so eingehend mit der Gedankenwelt eines römischen Kaisers auseinanderzusetzen, auch wenn der vielleicht nicht repräsentativ für alle römischen Kaiser war.

Edit: Zeitliche Abfolge der römischen Kaiser korrigiert, weil der pk natürlich recht hat.



Zuletzt bearbeitet von Arianrhod am 26.02.2018, 00:13, insgesamt 2-mal bearbeitet
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BeitragVerfasst am: 26.02.2018, 00:06                                  +/-

Nero und Caligula haben aber weit vor Marc Aurel gelebt.


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BeitragVerfasst am: 26.02.2018, 00:12                                  +/-

Stimmt. *korrigierengeht*

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BeitragVerfasst am: 26.02.2018, 00:17                                  +/-

Sorry, darum geht es hier ja auch gar nicht. Ignorier mich, weitermachen.


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BeitragVerfasst am: 26.02.2018, 03:21                                  +/-

Ich dachte übrigens erst das wäre ein nach oben geschobener alter Thread vom guten Morgi. Bin fast versucht ihm das zu verlinken, vielleicht gibt er eine marxistische Kritik der Stoa.


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BeitragVerfasst am: 26.02.2018, 08:01                                  +/-

Ja, das hatte ich an einer Stelle bereits erwähnt, dass Karl Marx die reine Fokussierung der Stoiker auf innere Werte und deren Annahme, dass diese völlig unabhängig von äußeren Faktoren zu erreichen seien, sicher kritisch sehen würde. (Ebenso wie man der modernen Psychologie kritisch entgegenhalten könnte, dass sie lediglich versucht, Menschen ans bestehende System anzupassen, anstatt das System selbst in Frage zu stellen.) Manche Stoiker postulieren sogar, dass es für den perfekten Weisen möglich wäre, selbst unter der Folter seine Eudaimonie nicht zu verlieren. Das ist schon ein stolzer Anspruch. Allerdings ist es auch Teil der stoischen Philosophie, den Suizid als legitimen Ausweg zu betrachten, wenn es einem Menschen unter den gegebenen Umständen nicht mehr möglich sein sollte, seine innere Vortrefflichkeit aufrechtzuerhalten. Marx würde auch das vermutlich kritisch sehen. Selbstmord statt Revolution ist vermutlich nicht das, was er sich vorgestellt hat. (Ganz davon abgesehen, dass Marc Aurel als Kaiser natürlich einem imperialistischen System dient.)

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BeitragVerfasst am: 26.02.2018, 09:44                                  +/-

Gute Güte! Gibt's hier kein tl;dr? zwinkern Das muss ich mir mal beizeiten zu Gemüte führen.


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