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How to Think Like a Roman Emperor
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Arianrhod



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BeitragVerfasst am: 26.02.2018, 20:35                                  +/-

tl;dr für Oxi:

Die Stoiker gehen davon aus, dass wir alle von Natur aus vernunftbegabte und soziale Wesen sind. Sinn und Ziel des Lebens - und letztendlich Quelle tiefer persönlicher Zufriedenheit - ist es, diese Veranlagung in Form eines exzellenten Charakters zur Entfaltung zu bringen. Der entscheidende Fokus liegt dabei auf dem eigenen Denken und Handeln, also jenen Aspekten des Daseins, die unserer direkten Kontrolle unterstehen.

Marc Aurel, seines Zeichens von 161 bis 180 n. Chr. Kaiser von Rom, war ein überzeugter Anhänger der stoischen Philosophie. Mit ihrer Hilfe versuchte er die Katastrophen zu bewältigen, die während seiner gesamten Regentschaft nahezu im Sekundentakt über ihn hereinbrachen. Während er im Feldlager an den Ufern der Donau saß und Krieg gegen die Markomannen führte, schrieb er die Selbstbetrachtungen, in denen er sich immer wieder seine stoischen Grundsätze vor Augen führte und sich selbst praktische Anweisungen gab, wie mit schwierigen Situationen umzugehen sei.

Donald Robertson ist ein Psychologe und kognitiver Verhaltenstherapeut, der festgestellt hat, dass viele der Ideen und Strategien, die schon die alten Stoiker kannten, wie man überbordende und belastende Gefühle im Zaum hält, sich in der modernen Psychotherapie wiederfinden bzw. sich auf diese übertragen lassen. Wesentliche Schritte in diesem Veränderungsprozess, den übrigens auch schon die Stoiker als "Therapie" bezeichneten, sind Selbstbeobachtung, kognitive Distanzierung und rationale Disputation. Es geht nicht darum, Gefühle als solche zu überwinden, sondern rationale von irrationalen Gefühlen zu unterscheiden und zu vermeiden, dass wir uns durch ungünstige Gedankenmuster in problematische Gefühlszustände hineinsteigern.

Und dazwischen hab ich mir dann jeweils selber so meine Gedanken zum Thema gemacht.

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Arianrhod



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BeitragVerfasst am: 27.02.2018, 09:59                                  +/-

Tyler Durden im Politikthread
Gurthang
Die Partei selbst ist aber verfassungskonform und wird (im Gegensatz zur Linken) auch (noch) nicht vom Verfassungsschutz beobachtet.

Und Gurthang so innerlich: Smilie
"Das ist ein unparteiisches neutrales Kriterium gegen das niemand Einwand haben kann. Das wird Euse überzeugen und er wird mir jetzt sicherlich zustimmen, dass die Nazikeule rausholen übertrieben war. Vielleicht kommt er mit mir mal mit zum CSU Stammtisch."

Euse
Mir geht es darum, dass eine Partei mit ganz offensichtlich nationalsozialistischem Gedankengut .... unseres Grundgesetzes offen verachtenden Partei …

Und Euseppus so innerlich: Smilie
"Gurthang hat nur das offensichtlich nationalsozialistische Gedankengut übersehen. Wenn ich nochmal nationalsozialistisch ausschreibe, wird er mir sicher zustimmen, und wir werden uns jeden Donnerstag Abend treffen, um uns für Artikel 20, Absatz 4, zu wappnen."

Das ist übrigens ein wunderschönes Beispiel für Punkt 3 des 10-Punkte-Programms von Marc Aurel:

Arianrhod
Marcus Aurelius
Drittens: Wenn sie das mit Recht tun, darfst du dich darüber nicht ärgern; tun sie es aber mit Unrecht, dann tun sie es doch offenbar wider ihren Willen und aus Mangel an Einsicht. Denn wenn jede Seele nur wider ihren Willen der Erkenntnis der Wahrheit beraubt wird, so auch der Fähigkeit, mit einem jeden nach Gebühr umzugehen. Sie fühlen sich daher gekränkt, wenn man sie als ungerecht, rücksichtslos, habgierig, mit einem Wort, als Frevler gegen ihre Mitmenschen bezeichnet.


Die Grundannahme hier ist, dass alle Menschen letztlich nach der Wahrheit streben. Niemand hebt an zu denken mit der bewussten Absicht, sich zu irren. Niemand möchte falsch liegen, vor allem nicht, wenn es um die wesentlichen Dinge im Leben geht. Aus diesem Grund muss jede Form des Irrtums als unabsichtlich betrachtet werden. [...] Wir dürfen nie aus den Augen verlieren, dass die anderen von ihrer Sicht der Dinge überzeugt sind, egal wie absurd sie uns auch vorkommen mag. Epiktet lehrte seine Schüler im Angesicht von aufsteigendem Ärger immer wieder den Satz zu wiederholen: "Es erschien ihm richtig." Er rät dazu, den Mangel an klarer Urteilskraft ähnlich zu behandeln wie Fieber oder Wahnsinn.

Das ist ein heikler Punkt, weil er falsch verstanden nur allzu leicht zu intellektuellem Dünkel führen kann. Den anderen als unmündiges Kind zu betrachten, während man selbst im Besitz der Wahrheit ist, mag zwar den eigenen Ärger mildern, die Verständigung zwischen Personen mit unterschiedlichen Ansichten aber nicht unbedingt befördern. Von daher finde ich die Warnung wichtig, dass auch man selbst derjenige sein könnte, der im Unrecht ist.

Interessant ist ja nun die Frage, wie zwei Menschen mit so gegensätzlichen Ansichten auf einen Nenner kommen können. Genügt hier die Grundhaltung "we agree to disagree"? Oder lässt sich eine Ebene finden, auf der die beiden übereinstimmen? Eine Gemeinsamkeit ist zum Beispiel, dass für beide die deutsche Verfassung das entscheidende Beurteilungskriterium ist. Gibt es weitere? Hier müsste man wahrscheinlich tiefer graben, nach den zugrundeliegenden Bedürfnissen, Überzeugungen und Werthaltungen. Ich hab jetzt leider keine Zeit für eine ausführliche Analyse, aber spannend wär das schon. Mediation für politische Gegner - ein neues Tätigkeitsfeld für Psychologen! Smilie

(Wobei das ja nicht unbedingt stoisch ist. Für die Stoiker ist es ja zweitrangig, ob sie mit ihrem Gegenüber auf einen Nenner kommen. Das Wichtigste ist nur, sich von ihm nicht zu Zornesausbrüchen hinreißen zu lassen. Allerdings gehört das Bewusstsein, dass wir alle Brüder und Schwestern im Geiste sind, schon auch zur Stoa, und dafür wiederum wäre es sinnvoll, die verbindende Gemeinsamkeit in einer sachlichen Auseinandersetzung nicht aus den Augen zu verlieren.)



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Arianrhod



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BeitragVerfasst am: 28.02.2018, 00:05                                  +/-

Woche 2: Ängste und Sorgen bezwingen

Marc Aurel beschreibt sich selbst als einen Menschen mit einer Veranlagung zu hitzigen Temperamentsausbrüchen. So erzählt er beispielsweise, dass sein stoischer Lehrer Junius Rusticus ihn wiederholt gekränkt habe und er heilfroh sei, im Zorn nichts Unüberlegtes getan zu haben. Er litt unter chronischen Bauch- und Brustschmerzen und Schlaflosigkeit, beides durchaus geeignet, einen Menschen in eine gereizte Stimmung zu versetzen. Zudem hatte er während seiner Regentschaft immer wieder mit Personen zu tun, die versuchten, ihn zu manipulieren, oder die ihn schlichtweg verrieten. Genug Grund, um zornig zu werden also. Dennoch beschreiben alle externen Quellen ihn als freundlichen und ausgeglichenen Zeitgenossen. Es scheint ihm also gelungen zu sein, mit den beschriebenen Strategien seinen Ärger im Zaum zu halten. Womöglich war ihm hier sein Adoptivgroßonkel, der Kaiser Hadrian, ein abschreckendes Beispiel, der im Zorn einem Sklaven das Auge ausgestochen hatte. Später bereute er sein Handeln und fragte den Sklaven, wie er sein Vergehen wiedergutmachen könne. Der Sklave jedoch erwiderte, er wolle eigentlich nur sein Auge zurück. Das könnte Marcus lebhaft vor Augen geführt haben, welchen Schaden ungebremster Zorn anrichten kann.

Die Sorgen eines Kaisers

In der zweiten Woche des Online-Kurses wird es nun aber nicht mehr um Ärger gehen, sondern um Angst - und auch diesbezüglich hatte Marc Aurel in seinem Leben viel Gelegenheit, um stoische Gleichmut zu üben. Ich hatte es bereits erwähnt: Während sein Adoptivvater, Antoninus Pius, eine lange Regentschaft in Frieden genossen hatte, brachen über Rom, kaum dass Marcus Kaiser war, zahlreiche Katastrophen herein. Der Fluss Tiber trat über die Ufer, zerstörte zahllose Häuser, das Vieh ertrank und eine große Hungersnot war die Folge, möglicherweise noch verbunden mit einer Malaria-Epidemie. Germanische Stämme plünderten die nördlichen Provinzen, und im Osten marschierte der parthische König Volongases IV mit seinem Heer in Armenien ein, das damals ebenfalls unter dem Einfluss des Römischen Reiches stand. Später kamen dann noch eine Reihe anderer Desaster dazu: weitere Kriege, darunter auch ein Bürgerkriege (Marcus hatte auch innenpolitisch einige Gegner) und der Ausbruch der Antoninischen Pest (an der er schließlich auch selber starb). Die folgende Grafik veranschaulicht die Sachlage sehr schön:



Direkt nach Erlangung der Kaiserwürde hatte Marcus seinen neun Jahre jüngeren Adoptivbruder, Lucius Verus, zum Mitkaiser ernannt. Lucius war ein ganz anderer Typ als sein Bruder, der schmächtige Bücherwurm. Er war gutaussehend und charmant, sportlich und recht beliebt bei der Armee. Es erstaunt also nicht weiter, dass Marcus seinen Bruder nach Syrien schickte, um den Parthischen Krieg zu befehligen. Leider erwies sich das nicht gerade als seine glücklichste Entscheidung. Lucius, voller Angst angesichts der Gefahren des Krieges, verbrachte seine Zeit nämlich lieber mit Orgien, Glücksspiel und Alkohol. (Es gibt sogar Hinweise darauf, dass er Alkoholiker war.) Die Gegend war berühmt für ihre Wellness Ressorts, wie man heute sagen würde, und auch die Soldaten dort galten als verweichlicht. Aus diesem Grund hatte Marcus auch einen erfahrenen und hochdisziplinierten Feldherrn namens Avidius Cassius nach Syrien gesandt, um unter dem weibischen Pack aufzuräumen und ihnen "die Blumenkränze von Kopf, Hals und Brust zu zerren". Ohne diesen hätte Lucius Verus in Syrien und Armenien vermutlich einpacken können. (Avidius Cassius zettelte nach dem Tod von Lucius Verus einen Bürgerkrieg gegen Marcus an. Aber das steht wieder auf einem anderen Blatt.)

Auch Marcus hatte während der ersten Jahre seiner Regentschaft vermutlich schlaflose Nächte. Wir wissen, dass er sich hin und wieder aus gesundheitlichen Gründen auf einen seiner Landsitze zurückzog, um neue Kraft zu schöpfen. Allerdings plagte ihn dann stets das schlechte Gewissen, seine kaiserlichen Pflichten nicht ausreichend zu erfüllen. Im 1. Marcomannischen Krieg zog er selbst mit seinen Truppen nach Norden und stellte sich auch den kriegerischen Herausforderungen. Er setzte sein stoisches Wissen ein, um der Angst die Stirn zu bieten. Anstelle der äußeren Zuflucht suchte er nun Zuflucht in seinem Inneren:

Da suchen sich die Menschen Stätten, um sich zurückzuziehen: Aufenhalt auf dem Land, an der See, im Gebirge. Und auch du pflegst dich am meisten nach solchen Stätten zu sehnen. Und doch ist all solches Verlangen in höchstem Grade kindisch, während es doch möglich ist, sich zu jeder Stunde, wenn man will, in sich selber zurückzuziehen. Denn der Mensch zieht sich nach keiner anderen Stätte zu größerer Ruhe und Ungestörtheit zurück als in seine eigene Seele, vor allem derjenige, der in sich einen solchen Seelengrund hat, dass er, wenn er in ihn untertaucht, sich alsbald in vollendeter Ruhe befindet. Unter "Ruhe" aber verstehe ich nichts anderes als vollende Harmonie. Suche dir daher ständig diese Zuflucht und erneuere dich selbst. Es soll aber kurz und grundlegend sein, was dir im gegebenen Falle sofort einfallen und genügen wird, um den ganzen Hofstaat von dir abzusperren und dich zu geleiten, ohne dass du über das grollst, zu dem du zurückkehrst. [...] Unter den Sätzen aber, die dir unmittelbar zur Hand sein müssen, auf die du dich zurückziehen kannst, sollen die folgenden zwei sein: Erstens, dass die Dinge nicht die Seele berühren, sondern außerhalb dieser regungslos dastehen, dass vielmehr die Beunruhigungen ausschließlich aus der Meinung in uns kommen. Und zweitens, dass all das, was du hier siehst, beinah schon in Umwandlung begriffen ist und bald gar nicht mehr sein wird. Denk auch stets daran, wie vieler [Dinge und Menschen] Umwandlungen du selber schon erlebt hast.

Beim Lesen wird schon spürbar, dass Marcus mit seinem Schicksal zu kämpfen hat. Wenn er sich's aussuchen könnte, wäre er sicher lieber am Mittelmeer anstatt im rauen Klima nördlich der Alpen. Aber er ermahnt sich selbst, das Eigentliche und Wesentliche nicht aus den Augen zu verlieren, und scheint daraus wirklich die nötige Kraft gezogen zu haben, sich den Herausforderungen zu stellen.

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Thanil
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BeitragVerfasst am: 28.02.2018, 07:53                                  +/-

Ich komme nicht hinterher!!!!


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BeitragVerfasst am: 28.02.2018, 10:34                                  +/-

Und ich rave überhaupt nichts. Erstmals* fahre ich mit dem Prinzip des konsequenten Querlesens voll gegen die Wand.




* zumindest meiner Ansicht nach hähö


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Arianrhod



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BeitragVerfasst am: 28.02.2018, 13:16                                  +/-

Dabei habe ich sogar eigens für dich ein tl;dr geschrieben. Traurig

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Oxford
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BeitragVerfasst am: 28.02.2018, 14:48                                  +/-

Arianrhod
Dabei habe ich sogar eigens für dich ein tl;dr geschrieben. Traurig


Das hab ich tatsächlich gelesen UND verstanden Yes Und die dahinterstehende Idee erscheint mir durchaus sehr sympathisch.


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Nichtraucher
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BeitragVerfasst am: 28.02.2018, 15:23                                  +/-

Ich find nur die geschichtlichen Ereignisse interesssant, nicht die Philosophie. Wie damals in Latein, da hab ich auch nur das Geschichtliche mitgenommen und alles Sprachliche verpennt. Ich glaub auch dass 2000 Jahre alte Philosophie irgendwie auch veraltet sein muss, wie alle Erkenntnisse, wir sind doch sicher schon viel weiter, mit Neurologie und so. Ich glaub eh nur, an das, was man unterm Mikroskop kann. Wir sind doch nur biologische Maschinen. Denken wird überbewertet.


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Arianrhod



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BeitragVerfasst am: 01.03.2018, 00:03                                  +/-

Ja, manche Aspekte des stoischen Gedankenguts sind heute sicher nicht mehr haltbar. Aber das Interessante daran ist eben, dass viele der stoischen Techniken und Strategien den Methoden der modernen kognitiven Psychotherapie so ähnlich sind - und diese haben ihre Wirksamkeit mittlerweile deutlich bewiesen. Sprich: Das Wissen der Alten hat sich in der modernen Foschung als richtig und sinnvoll herausgestellt.

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Arianrhod



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BeitragVerfasst am: 03.03.2018, 19:10                                  +/-

Ich mache mal weiter hier - morgen wird schon der Inhalt der dritten Woche bereitgestellt und ich hinke gerade etwas hinterher.

Wie Marc Aurel seinen Ängsten begegnet

Wir waren bei einem Zitat von Marc Aurel stehengeblieben, durch das er in sich selbst die Ruhe zu finden suchte, die er früher auf seinen Ausflügen aufs Land gefunden hatte. Zwei Prämissen stehen dabei im Vordergrund: (a) Es sind nicht die Dinge selbst, die uns in Aufruhr versetzen, sondern unsere Werturteile über diese, und (b) alle Dinge sind vergänglich und in ständigem Fluss. Mit dieser Geisteshaltung lassen sich viele Lasten des Lebens ertragen. Ein Leben in Übereinstimmung mit der Natur, in Weisheit, versetzt uns in die Lage, der Unbill des Lebens mit der nötigen Gelassenheit zu begegnen.

Marc Aurel vergleicht diese Geisteshaltung übrigens mit der eines Ringers: Der wahre Weise ist stets auf plötzliche und unerwartete Angriffe gefasst. Jedes Unglück bietet die Chance, die eigene Seelenstärke weiterzuentwickeln, über die Belastungen hinauszuwachsen und so das Unglück in Glück zu verwandeln.

Die Stoiker wären heutzutage sicher auch Anhänger des modernen Minimalismus, denn sie sind der Meinung, dass ein einfaches Leben ohne allzu viel Zerstreuung und Ablenkung, und konzentriert auf einige wenige Dinge und Aktivitäten, es uns erlaubt, uns stärker auf das auszurichten, was wirklich wesentlich ist, nämlich die Entwicklung von Charakterstärke.

Grundlage des stoischen Umgangs mit Ängsten und Sorgen ist die Akzeptanz all jener Dinge, die wir nicht kontrollieren können. Die eigentliche Quelle des Leidens ist das Selbstmitleid, selbst wenn es nur im Stillen und innerlich geschieht. Es ist an dieser Stelle jedoch wichtig zu betonen, dass die stoische Akzeptanz der Dinge nicht gleichbedeutend mit Passivität ist. Im Gegenteil: Erst die Akzeptanz dessen, was ist, versetzt uns in der Lage, ruhig und vernünftig zu handeln und auf diese Weise womöglich die Gegebenheiten zu verändern, anstatt uns in Ängsten, Klagen oder sinnlosen Grübeleien zu ergehen. (Das bringen wir auch unseren Patientinnen bei unter dem Label "Radikale Akzeptanz".)

Um die Umstände und Ereignisse zu akzeptieren, hilft es, sie mit einem nüchternen, diestanzierten Blick zu betrachten und sie auf ihre Substanz zu reduzieren, vor allem wenn wir dazu neigen, sie als allzu begehrenswert oder bedrohlich zu bewerten. (Mich erinnert das ein bisschen an die buddhistische Praxis, sich den eigenen Körper verrottend im Grab vorzustellen, um die Anhaftung an die eigene Körperlichkeit zu überwinden.) Kurz gesagt: Es geht darum, die Fakten von unseren Meinungen und Bewertungen zu trennen.

Dieser ganze Prozess erinnert an das, was in der kognitiven Psychotherapie als Entkatastrophisieren beschrieben wird. Wenn wir Dinge als unerträglich oder katastrophal beschreiben, nährt das unsere Angst vor dem Eintreten der vermeintlichen Katastrophen. Sie zunächst einmal als schlichten Sachverhalt zu betrachten und diesen in einer nüchternen, neutralen Sprache zu beschreiben, frei von allen Bewertungen, kann unsere Angst reduzieren.

Gepostet am 03.03.2018, 18:26:

Die Vorbehaltsklausel

Wenn Stoiker handeln, so tun sie dies immer "unter Vorbehalt", d.h. sie tun es im Bewusstsein der Tatsache, dass selbst bei besten Absichten das Ergebnis nicht so ausfallen könnte, wie sie es ursprünglich geplant und angestrebt hatten. Bei allem, was sie tun und anstreben, ergänzen sie in Gedanken "wenn das Schicksal es zulässt". Dieselbe Haltung ist uns eher als religiöse Formulierung bekannt, z.B. als "so Gott will" oder Inschallah. Der Terminus der "Vorbehaltsklausel" stammt ursprünglich von Epiktet.

Marc Aurel selbst schreibt, dass unsere Handlungen drei Grundprinzipien folgen sollten:
1. Sie sollten stets im Bewusstsein der Vorbehaltsklausel ausgeführt werden ("wenn das Schicksal es gestattet").
2. Sie sollten dem Allgemeinwohl dienen - auch wenn wir dieses Ziel nicht unmittelbar kontrollieren können.
3. Sie sollten im Hinblick auf wünschenswerte äußere Ergebnisse erfolgen (z.B. Gesundheit ist wünschenswerter als Krankheit).

Die Vorbehaltsklausel ist eine machtvolle Strategie, um Ängste und Sorgen zu überwinden. Sie versetzte die Stoiker in die Lage, ein aktives politisches und gesellschaftliches Leben zu führen, anstatt sich, wie es Epikur empfahl, aus allen sozialen Bindungen und Verwicklungen zurückzuziehen, um nur in einem kleinen Kreis erlesener Freunde den eigenen Seelenfrieden zu bewahren. Die Essenz ist ganz einfach: Wir tun unser Bestes und akzeptieren, dass es nicht in unserer Macht steht, was dabei herauskommt.

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Arianrhod



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BeitragVerfasst am: 03.03.2018, 20:02                                  +/-

Strategien der kognitiven Verhaltenspsychotherapie zum Umgang mit Ängsten und Sorgen

Zunächst einmal können dieselben Strategien, die wir bereits beim Thema Ärger kennengelernt haben, nämlich Selbstbeobachtung, kognitive Distanzierung und zeitlicher Aufschub, auch beim Umgang mit Ängsten zum Einsatz kommen. Man kann eine Strichliste führen, wann immer einem ein sorgenvoller Gedanke durch den Kopf schießt, oder notieren, wie lange man sich jeweils in diesen Sorgen ergeht. Auch das bewusste Erkennen und Wahrnehmen der Frühwarnzeichen von Angst fällt in diesen Bereich. Man schreibt den Angstgedanken auf und nimmt sich vor, später darauf zurückzukommen (dann wieder zu einem festen Zeitpunkt an einem festen Ort, z.B. dem "Sorgensessel"). Auch hier kann man das Problem natürlich sofort fallen lassen, wenn es sich später als nicht mehr relevant erweist.

Bei hartnäckigen Ängsten empfiehlt es sich nun, ein "Entkatastrophisierungsskript" zu schreiben. Sprich: Man beschreibt das Worst-Case-Szenario, und zwar in klaren, einfachen, prägnanten Worten, ohne jede Bewertung oder emotionale Begrifflichkeiten. Es ist wichtig, sich auf die objektiven Fakten zu beschränken: Was geschieht? Wer tut was? Wer sagt was? Und was geschieht dann? Und dann? Und dann? (Dieses Vorgehen erinnert sehr an jenes der Stoiker, wenn sie versuchen, die Dinge auf ihre Substanz zu reduzieren.)

Je weiter man dieses Szenario in die Zukunft ausdehnt - gerne auch in einen Zeitraum von ein, zwei oder sogar zehn Jahren hinein -, umso besser. Für den Anfang ist es allerdings ratsam, sich keine allzu schweren, allzu überfordernden Szenarien auszusuchen. Auch den Umgang mit Angst muss man erst einmal trainieren.

Nun geht es darum, sich dieses Worst-Case-Szenario wieder und wieder vor Augen zu führen, wie einen Filmclip, der wieder und wieder abgespielt wird, rund 15 bis 20 Minuten lang.

Die gedankliche Wiederholung angstbesetzter Szenarien hat unterschiedliche psychologische Wirkungen:
- Nachlassen der Angstreaktion durch Wiederholung (Habituation)
- Kopplung der Szene mit den Entspannungsreizen der äußeren Situation (Desensibilisierung)
- Durchbrechen der üblichen, gewohnten und automatisierten Verhaltensmuster (Deautomatisierung)
- Entstehen neuer Problemlösungsideen (kreatives Problemlösen)
- Entwicklung einer neuen Perspektive auf die Situation (Generieren von Alternativen)
- Durchdenken möglicher Handlungsweisen und ihrer Konsequenzen (mentales Training von Bewältigungsstrategien)

Wenn die Angst erst einmal deutlich nachgelassen hat, können Strategien der kognitiven Umstrukturierung zum Einsatz kommen, indem man sich folgende Fragen stellt:
- Welche Aspekte der Situation unterstehen meiner direkten Kontrolle und welche nicht?
- Was würde der/die ideale Weise tun?
- Was würde eine von mir sehr bewunderte Person in dieser Situation tun?
- Was würde ich einer anderen Person in dieser Situation raten?
- Was würde eine sehr weise Person mir raten?
- Welche Fähigkeiten oder Charakterstärken besitze ich, die mir helfen könnten, diese Situation zu bewältigen?
- Wie würde ich in dieser Situation weiser handeln?
- Wie würde ich in dieser Situation gerechter, freundlicher und fairer handeln?
- Wie würde ich in dieser Situation mutiger, geduldiger und ausdauernder handeln?
- Wie würde ich in dieser Situation maßvoller und disziplinierter handeln?

Auch hier gilt: Übung macht den Meister. Es ist sinnvoll, diese Strategien täglich für einen Zeitraum von mindestens zwei bis drei Wochen zu üben. (Im Online-Kurs gibt es hierfür eine eigene Audio-Datei, die einen durch die Übung führt.)

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Olmops



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BeitragVerfasst am: 07.03.2018, 15:29                                  +/-

Arianrhod

Nach Einschätzung der Stoiker handelt der Mensch wider seine Natur, wenn er sich gegen seine Mitmenschen wendet, um ihnen Leid zuzufügen. (Wie sich das mit der Tatsache vereinbaren lässt, dass Marcus zu dieser Zeit gerade Krieg führte, ist mir noch nicht ganz klar, aber ich nehme an, dass er den Krieg in einer anderen Schublade unterbringt als den Zorn.)


Mitmenschen = andere römische Bürger?

Wie passt das Konzept denn zur im römischen Reich praktizierten Sklaverei?


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Nichtraucher
Fun Bobby


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BeitragVerfasst am: 07.03.2018, 16:08                                  +/-

Sklaven waren sprechende Maschinen.

Gepostet am 07.03.2018, 15:19:

Arianrhod

- Welche Aspekte der Situation unterstehen meiner direkten Kontrolle und welche nicht?
- Was würde der/die ideale Weise tun?
- Was würde eine von mir sehr bewunderte Person in dieser Situation tun?
- Was würde ich einer anderen Person in dieser Situation raten?
- Was würde eine sehr weise Person mir raten?
- Welche Fähigkeiten oder Charakterstärken besitze ich, die mir helfen könnten, diese Situation zu bewältigen?
- Wie würde ich in dieser Situation weiser handeln?
- Wie würde ich in dieser Situation gerechter, freundlicher und fairer handeln?
- Wie würde ich in dieser Situation mutiger, geduldiger und ausdauernder handeln?
- Wie würde ich in dieser Situation maßvoller und disziplinierter handeln?

Der Punkt ist doch, das weiß ich ja alles. Aber ich halt mich nicht dran. Ich wüsste genau, was ich einem anderen raten würde, käme er mit meinen Problemen zu mir. Ich setze aber nichts davon um. Warum ist das so? Wissen das deine schlauen Bücher auch?


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Zuletzt bearbeitet von Nichtraucher am 08.03.2018, 11:34, insgesamt einmal bearbeitet
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Arianrhod



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BeitragVerfasst am: 07.03.2018, 22:31                                  +/-

@Olmops: Nein, an sich waren die Stoiker Kosmopoliten, d.h. sie waren der Ansicht, dass alle Menschen von Natur aus frei und gleich waren. (Wobei selbst die Stoiker unter "Menschen" damals natürlich nur "Männer" verstanden.) Auch der Sklave steht seiner Natur nach auf einer Stufe mit dem Kaiser. Er ist genauso mit einem vernunftbegabten und sozialen Wesen ausgestattet wie der Freie. Epiktet, einer der wenigen Stoiker, dessen Texte uns heute noch überliefert sind, war ein Sklave. Und Seneca betont in einem seiner Briefe, dass ein Sklave ohne Weiteres sein Freund sein könne. Für römische Verhältnisse war das wohl schon recht fortschrittlich. Auf der anderen Seite fehlt den Stoikern meinem Empfinden nach jeglicher revolutionäre Geist. Sie versuchen die Verhältnisse eher durch Evolution (also die Entwicklung des menschlichen Charakters) zu verändern als durch Revolution. (Niklas Luhmann, der Begründer der modernen Systemtheorie, meinte dazu ja 2000 Jahre später mal: "Evolution genügt.")

@Nichtraucher: Der lange Weg vom Kopf zur Hand - ein leidiges Problem in der Psychotherapie! An dieser Stelle kommt ein anderer Begriff zum Einsatz, nämlich jener der Motivation. Eine Erkenntnis führt in der Regel nur dann zur Verhaltensänderung, wenn wir hoch motiviert sind, das angestrebte Ziel zu erreichen. Außerdem setzt jede Verhaltensänderung eine Menge Übung und Ausdauer voraus. Es genügt nicht, es einmal anders zu machen, sondern man muss es wieder und wieder und wieder anders machen, damit einem das neue Verhalten in Fleisch und Blut übergeht. Das ist, verglichen mit der automatisierten Gewohnheit, durchaus anstrengend und unangenehm und kostet immer wieder aufs Neue Überwindung. Außerdem sind Verhaltensänderungen oft mit Unbehagen verbunden, mit der Angst vor dem Unbekannten, mit dem Verlust von Sicherheit und mit Belohnungsaufschub, d.h. ich verzichte zugunsten eines langfristig positiven Zustandes auf kurzfristige Annehmlichkeiten (z.B. zugunsten meiner Gesundheit auf den Genuss einer Zigarette). Und hier spielen wiederum Emotionen eine ganz entscheidende Rolle. Nur wenn ich mir ganz sicher bin, dass ich das Ziel wirklich erreichen möchte, wenn ich nicht nur rational einsehe, dass ich es erreichen sollte, sondern ich mir wirklich intensiv wünsche, es zu erreichen, habe ich echte Chancen auf eine Veränderung.

Nun könnte ich mir vorstellen, dass für einen echten Stoiker der Wunsch nach charakterlicher Exzellenz recht stark war. Marc Aurel tut in seinen Selbstbetrachtungen kaum etwas anderes, als sich immer wieder dem emotionalen Wert und die Bedeutung stoischen Gedankenguts vor Augen zu führen und damit seine Motivation zu stärken, entsprechend seiner Werte zu handeln.

Auch in der modernen Psychotherapie ist die Arbeit mit Werten ein wichtiger Aspekt der Motivationsarbeit: Was ist mir wirklich wichtig im Leben? Wie möchte ich auf meinem Sterbebett auf mein Leben zurückblicken, was möchte ich dann über mein Leben sagen können? Wofür bewundere ich andere Menschen? Sich über die eigenen Werte klar zu werden, kann bei Veränderungsprozessen eine wichtige Ressource sein. Allerdings genügt das nicht, sondern es ist wichtig, aus dieser Veränderung konkrete Verhaltensschritte abzuleiten und diese immer und immer wieder, Tag für Tag zu üben, sich morgens ein konkretes Ziel für den Tag vorzunehmen und abends Bilanz zu ziehen, wie viel davon tatsächlich umgesetzt wurde. Und du ahnst es schon: Das wird am Ende nur gelingen, wenn die angestrebte Veränderung eine hohe emotionale Bedeutung für mich hat.

In der kognitiven Verhaltenstherapie steht am Ende des gedanklichen Erkenntnisprozesses immer eine sogenannte "Übungsleiter", d.h. es geht darum, die neu gewonnene Einsicht nun im Handeln umzusetzen, ausdauernd und in steter Wiederholung so zu handeln, als hätte man die Einsicht längst verinnerlicht, und die begleitenden unangenehmen Emotionen auszuhalten. Dadurch stellen sich nach und nach neue Emotionen und Erfahrungen ein. Wir machen beispielsweise die Erfahrung, dass eine gefürchtete Situation weniger schlimm ist als gedacht oder wir ein gewisses Unbehagen durchaus aushalten können oder dass es uns gelingt, mit den Herausforderungen angemessen umzugehen - all das ist schon sehr stoisch. Aber erst im Handeln wachsen die dazugehörigen neuen Emotionen, die uns motivieren, das neue Verhalten beizubehalten.

Mit einem Patienten, der mir sagt: "Ich weiß das ja alles, aber ich mach's nicht", würde ich immer erst mal die Motivation überprüfen, d.h. versuchen herauszufinden, was der- oder diejenige davon hat, alles beim Alten zu lassen und was die Kosten der Veränderung wären und ob er wirklich dahin will, wohin er glaubt zu wollen. Die meisten Menschen hätten nämlich gerne, dass alles anders wäre, ohne den Weg dorthin in Kauf zu nehmen.

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Oxford
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BeitragVerfasst am: 08.03.2018, 10:28                                  +/-

Arianrhod

@Nichtraucher: Der lange Weg vom Kopf zur Hand - ein leidiges Problem bei der Maturbation


Hm... weiß nicht. Klingt für mich eher nach einem spezifisch weiblichen Problem, wenn überhaupt.


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Nichtraucher
Fun Bobby


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BeitragVerfasst am: 08.03.2018, 11:45                                  +/-

Ach, mir klingt das alles immer noch zu einfach gestrickt. Als wäre alles nur eine Disziplinfrage (und da waren die alten Römer ja groß drin) und man müsste nur den inneren Schweinehund überwinden, wie beim morgendlichen Joggen. Was ist aber mit den Abgründen des Gehirns?

Selbsthass, Selbstsabotage, weil man unterbewusst sich gar kein Glück zugesteht, weil man es nicht verdient zu haben glaubt? Frauen, die sich immer dieselben Arschloch-Männer suchen, um sich für irgendwas zu bestrafen. Männer, die sich sehenden Auges kaputttrinken. Selbstzerstörerische Rockstars, denen all ihr Erfolg nichts gibt. Die moderne Psychologie hat doch ein anderes, fragileres Bild von der Psyche gefunden, bis hin zur Debatte, ob es überhaupt einen freien Willen gibt. Die antiken Philosophen klingen für mich immer so nach "Man muss nur das Richtige erkennen und dann tun". Aber die wussten ja auch noch viel weniger darüber, wie unser Gehirn tickt.

Wie gesagt, ich trau so alten Erkenntnissen nicht. In derselben Zeit haben Ärzte auch noch ihre Patienen nach den Lehren der vier Säfte und der fünf Elemente behandelt und warme Steine auf den Bauch gelegt, um die bösen Säfte aus der Niere zu ziehen. Sie konnten Knochenbrüche schon sehr gut behandeln, aber eher keine Virenerkrankungen und fiese Autoimmunraktionen und so, weil sie die Zusammenhänge gar nicht erkennen konnten. Warum soll die Verhaltenforschung dann doch schon so weit gewesen sein? Wenn mich Zipperlein plagen, les ich ja auch keine Medizinratgeber aus der Antike.


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Arianrhod



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BeitragVerfasst am: 08.03.2018, 21:28                                  +/-

Ah, ich sehe schon, du wärst wahrscheinlich im Psychoanalyse-Lager besser aufgehoben. Nur schade, dass die so wenig wissenschaftliche Evidenz für die Wirksamkeit ihrer Methode liefern können...

Ich habe nicht gesagt, dass es einfach ist. Und es ist keineswegs nur eine Frage des Willens. Motivation hat viel mit unseren "alten" Hirnregionen zu tun und eher wenig mit dem Kortex, also den bewusstseinsnahen Hirnarealen. Um den "inneren Schweinehund" zu überwinden, braucht der etwas, wofür es sich zu springen lohnt. Einen emotional hoch bedeutsamen Anreiz. Fehlt der, kann ich lange warten.

Die systemische Theorie würde nun sagen, es ist für eine Verhaltensänderung weitaus weniger wichtig, was wirklich die Ursache für unser Problem ist, als das, was wir für die Ursache halten. Wenn ich davon ausgehe, dass mein Problem die Folge dysfunktionaler Gedankenmuster und mangelnder Übung ist, hat das auf die Wahrscheinlichkeit einer tatsächlichen Verhaltensänderung einen anderen Einfluss, als wenn ich mein Problem als Resultat frühkindlicher Traumata und unbewusster Verstrickungen betrachte. (Wobei sich beides de facto nicht ausschließt, aber selbst wenn ich davon ausgehe, dass mein heutiges Denken eine Folge frühkindlicher Prägungen ist, kann ich doch leider die Vergangenheit nicht ändern, sondern nur die Gegenwart, also mein heutiges - bewusstes - Denken und Handeln.)

Unser Gehirn ist nichts Statisches, sondern es besitzt eine hohe Plastizität. Sprich: Wenn ich neue Erfahrungen mache, bilden sich neue Verknüpfungen im Gehirn. Und wenn ich wieder und wieder neue Erfahrungen mache, werden diese neuen Verknüpfungen irgendwann stärker als die alten. Aber natürlich kann es jede Menge gute Gründe geben, die gegen eine Veränderung sprechen. Alle von dir aufgeführten Beispiele würden in eine solche Motivationsanalyse natürlich mit einfließen. Die Bestätigung des eigenen Selbstbildes ("Ich bin es nicht wert, glücklich zu sein") hat durchaus einen hohen Belohnungscharakter. Menschen ändern nicht gerne das Bild, das sie von sich selbst haben. Auch dann nicht, wenn es ein negatives ist.

Aber ja, ich gebe dir recht: Die Grundhypothese, dass Menschen von Natur aus rationale Wesen sind, kann man in Frage stellen. Allerdings nehmen auch die Stoiker diese Vernunftbegabung nicht als gottgegeben, sondern sie sehen sie als Potential, das es erst zu entwickeln gilt - durch viel Selbstreflexion und Übung. (Ich muss meinen Selbsthass und meine Selbstsabotage erst einmal als solche erkennen, um das Muster durchbrechen zu können.)

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Tyler Durden
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BeitragVerfasst am: 09.03.2018, 00:31                                  +/-

Nichtraucher
Wenn mich Zipperlein plagen, les ich ja auch keine Medizinratgeber aus der Antike.


Gegenbeispiel: Bei der Geometrie würdest du aber schon um die Griechen mit ihren Kreisen im Sand nicht drumrum kommen.

Arianrhod
Die systemische Theorie würde nun sagen, es ist für eine Verhaltensänderung weitaus weniger wichtig, was wirklich die Ursache für unser Problem ist, als das, was wir für die Ursache halten.


Wie meinst das genau? Heißt das nicht, dass die Psychotherapie dann eine leicht beherrschbare "Ursache" erfinden sollte, die man dann zur Verhaltensänderung nutzt?


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Arianrhod



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BeitragVerfasst am: 09.03.2018, 08:28                                  +/-

Ja, Tyler, in gewisser Weise ist das so. Die moderne Psychotherapie arbeitet tatsächlich mit Erklärungsmodellen, die gemeinsam mit den Patienten erarbeitet werden. Diese reduzieren das hochkomplexe Geflecht der ursächlichen und aufrechterhaltenden Faktoren auf ein vergleichsweise einfaches und überschaubares Teufelskreismodell, aus dem heraus die Veränderungsschritte abgeleitet werden. Dieses Modell ist nicht frei erfunden, aber es ist eben vereinfacht, weil die Fokussierung auf einige wenige relevante Faktoren die Veränderung erleichtert - und es auch offensichtlicher wird, wo man ansetzen muss.

Und der Grundgedanke dahinter ist, dass wir keinen Zugang zur objektiven Wirklichkeit haben. Wirklichkeit ist immer eine Konstruktion, ein Produkt unseres eigenen Gehirns. Das können wir uns zunutze machen.

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Oxford
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BeitragVerfasst am: 09.03.2018, 11:42                                  +/-

Oxford
Arianrhod

@Nichtraucher: Der lange Weg vom Kopf zur Hand - ein leidiges Problem bei der Maturbation


Hm... weiß nicht. Klingt für mich eher nach einem spezifisch weiblichen Problem, wenn überhaupt.


Oh come on... nobody? Not even a pity laugh?? Geschockt


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Tyler Durden
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BeitragVerfasst am: 09.03.2018, 21:15                                  +/-

Ich habe mich über deinen Vertipper geärgert. Zählt das?


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Arianrhod



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BeitragVerfasst am: 09.03.2018, 22:30                                  +/-

In diesem Thread wird nicht gelacht! Na warte...

Epiktet, Handbüchlein der Moral
Lache nicht viel, nicht über vieles und nicht hemmungslos.

Epiktet, Handbüchlein der Moral
Vermeide es auch, Gelächter zu erregen. Denn diese Neigung entartet leicht zur Stillosigkeit und ist geeignet, die Achtung deiner Mitmenschen vor dir zu schmälern.
Gefährlich ist es auch, sich zotigen Reden auszusetzen. Wenn nun etwas Derartiges geschieht, dann rede demjenigen, der so weit gegangen ist, ins Gewissen, falls sich eine passende Gelegenheit bietet; ist dies nicht möglich, so zeige wenigstens durch dein Schweigen, dein Erröten und deine finstere Miene, dass du die Worte missbilligst.

Das ist übrigens auch etwas, womit ich bei den Stoikern so meine Schwierigkeiten habe: In ihrer Philosophie scheint wenig Platz zu sein für Rausch und Ekstase, für Witz und Ironie, sinnlose Albernheit und haltloses Gelächter, für Überschreitung, Verausgabung, unproduktive Verschwendung und selbstvergessenes Spiel. Als dies sind jedoch meines Erachtens ebenfalls wichtige Aspekte des menschlichen Daseins. Eine Welt, in der diese Dinge keinen Platz mehr haben, wäre für mich eine entsetzliche Vorstellung.

Allerdings weiß man aus den Briefen Marc Aurels, dass er wohl ein sehr warmherziger und humorvoller Mann war. Vielleicht hatte Epiktet als Sklave auch einfach nicht so viel zu lachen...

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