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How to Think Like a Roman Emperor
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Celebrian
Katen-Löwin


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BeitragVerfasst am: 10.03.2018, 08:54                                  +/-

Tyler Durden
Ich habe mich über deinen Vertipper geärgert. Zählt das?


Ich habe mich über den Vertipper und über den Sexismus geärgert. Dabei fand ich den ursprünglichen Witz tatsächlich grinsenswert. zwinkern

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Arianrhod



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BeitragVerfasst am: 10.03.2018, 13:45                                  +/-

Und hier geht es weiter mit

Woche 3: Schmerz und Krankheit bewältigen

Diese Woche fokussiert zeitlich auf den Ersten Markomannischen Krieg, also jenen Zeitraum, in dem Marc Aurel wahrscheinlich seine Selbstbetrachtungen schrieb, und zwar in Carnuntum, an der östlichen Grenze des heutigen Österreich.

Marcus war nicht mit einer robusten Konstitution gesegnet, sondern hatte Zeit seines Lebens mit gesundheitlichen Beeinträchtigungen zu kämpfen. Er litt an chronischen Brust- und Bauchschmerzen, Appetit- und Schlaflosigkeit, später auch an Schwindel und blutigem Erbrechen. Wahrscheinlich hatte er ein Magengeschwür. Sein Umgang mit Krankheit und Schmerz veränderte sich indessen über die Jahre. Während aus seinem jungen Erwachsenenalter ein Briefwechsel mit seinem Rhetoriklehrer Fronto bekannt ist, in dem beide Männer sich wortreich über ihre gesundheitlichen Leiden auslassen und sich gegenseitig ihres Mitgefühles versichern, legt der Marcus aus den Selbstbetrachtungen eine deutlich stoischere Grundhaltung an den Tag. Er zitiert einen Brief Epikurs, in welchem dieser empfiehlt, sich jeglicher Klagen über gesundheitliche Beschwerden zu enthalten und sich stattdessen ganz auf das eigentliche Ziel im Leben zu konzentrieren.

Offenbar hatte er zudem einige bedeutsame Vorbilder im Umgang mit Krankheit und Schmerz, nämlich seine stoischen Lehrer Apollonius von Chalcedon und Claudius Maximus, die beide in der Konfrontation mit einer schweren, womöglich tödlichen Krankheit eine bewundernswerte Würde an den Tag gelegt hatten. Auch sein Adoptivvater Antoninus Pius hatte mit chronischen Kopfschmerzen oder Migräne zu kämpfen und ertrug diese tapfer und ohne Klagen.

Der geschichtliche Hintergrund

Am Ende des fünfjährigen Parthischen Krieges waren die Römischen Truppen erschöpft und - auch durch die Anontinische Pest - massiv dezimiert, bis auf ein Zehntel ihrer ursprünglichen Truppenstärke. Der junge markomannische König Ballomar, der schon lange heimliche Bündnisse gegen die Römer geschmiedet hatte, sah seine Chance gekommen, brach den Friedensvertrag und fiel mit seinen Männern in die nördlichen Provinzen des Römischen Reiches ein. Sie überrannten förmlich die Truppen im Norden, überquerten die Alpen und kamen sogar bis nach Norditalien, nach Aquileia, eine Stadt nicht weit vom heutigen Triest. Ihr könnt euch sicher vorstellen, dass die Römer in Panik waren.

Einem der damaligen Kriegshelden, einem römischen General namens Pompeianus, gelang es, Aquileia zu verteidigen und die Markomannen bis hinter die italischen Grenzen zurückzudrängen. Marcus unternahm große Anstrengungen, um die Armee zu verstärken und sich für einen weiteren Krieg zu rüsten, der erneut acht Jahre dauern sollte. So nahm er beispielsweise Sklaven und Gladiatoren in die Armee auf, eine Entscheidung, mit der er sich keineswegs nur Freunde im Senat machte. Im Alter von 48 Jahren war er nach römischen Maßstäben ein gebrechlicher alter Mann, zudem ohne jegliche militärische Erfahrung. Dennoch entschloss er sich, gemeinsam mit seinem Bruder Lucius gen Norden zu reiten.

Doch erneut schlug das Schicksal zu: Lucius erkrankte und starb, vermutlich an der Pest. Marcus, der vermutlich vorgehabt hatte, die militärischen Entscheidungen seinem Bruder zu überlassen, sah sich allein an der Spitze des größten Heeres, das je in einen Grenzkrieg gezogen war. Entlang der Donau, vom Schwarzwald bis zum Schwarzen Meer, waren zwölf Legionen stationiert, 140.000 Männer. Und Marcus, der Italien bisher noch nie verlassen hatte, war auf einmal für all das allein verantwortlich. Er musste sich zu jener Zeit schrecklich isoliert gefühlt haben, umso mehr als ein Jahr später auch sein verehrter stoischer Lehrer Junius Rusticus starb, vermutlich ebenfalls an der Pest.

Womöglich begann Marcus zu schreiben, um seine Isolation und den Tod seines Lehrers zu bewältigen. Zudem verschlimmerten sich seine gesundheitlichen Beschwerden im rauen Klima des Nordens, sicher auch angesichts der der beschwerlichen Lebensumstände und der Belastungen, denen er sich ausgesetzt sah. Er war umgeben von Krankheit und Tod; nach wie vor wütete die Antoninische Pest in den römischen Lagern. Das war die Situation, in der er seine Selbstbetrachtungen verfasste.

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Arianrhod



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BeitragVerfasst am: 10.03.2018, 14:57                                  +/-

Der Briefwechsel zwischen Fronto und Marc Aurel

Fronto war Marcus' Rhetoriklehrer, und in den Briefen, die jene beiden sich schrieben, als Marcus achtzehn und Fronto um die vierzig waren, kommen im Wesentlichen zwei Dinge zum Vorschein: Zum einen wird deutlich, dass Marcus ein außerordentlich charmanter, intelligenter und liebevoller Mensch war, der nicht davor zurückscheute, seine Zuneigung offen und ungehemmt zum Ausdruck zu bringen.

Marcus an Fronto
Auf Wiedersehen, Atem meines Lebens! Wie soll ich nicht vor Liebe zu dir brennen, wenn du mir solche Dinge schreibst? Was soll ich tun? Ich kann nicht damit aufhören. Letztes Jahr um diese Zeit, genau an diesem Ort, war es mein Los, vor Sehnsucht nach meiner Mutter zu brennen. Dieses Jahr bist du es, der diese Sehnsucht in mir entfacht hat.

Zum anderen lassen sich die beiden lang und breit über ihre Wehwehchen aus:

Fronto an Marcus
Nach deiner Abreise packte mich ein Schmerz im Knie, mild genug, um ehrlich zu sein, dass ich noch mit der nötigen Vorsicht und unter Zuhilfenahme eines Wagens laufen kann. Heute Nacht setzte der Schmerz heftiger ein, aber noch nicht so schlimm, dass ich es im liegen nicht aushalten könnte, wenn er nicht schlimmer wird.

Die beiden bringen gegenseitig ihre Sorge um die Gesundheit des anderen bzw. dessen Familie zum Ausdruck. Schon damals wird die fragile Gesundheit des jungen Marc Aurel deutlich.

Gegen Ende des Ersten Markomannischen Krieges scheint seine Gesundheit sich so verschlechtert zu haben, dass sogar Gerüchte seines Todes durchs Land gingen, welche wiederum Auslöser für einen Bürgerkrieg um Avidius Cassius (den ehemaligen Feldherrn im Pathischen Krieg, erinnert ihr euch?) war. Marcus jedoch erholte sich wieder, schlug den Bürgerkrieg rasch nieder und lebte noch weitere sechs Jahre. Obwohl er als gebrechlicher Mann beschrieben wurde, sind die historischen Schriften doch voll des Lobes über seine Standhaftigkeit und sein Durchhaltevermögen.

Die Leidensfähigkeit des Epiktet

Eine der berühmtesten Geschichten über die stoische Leidensfähigkeit handelt von Epiktet, einen der wenigen Stoiker, von denen uns literarische Werke überliefert sind. Epiktet war ursprünglich der Sklave eines Mannes namens Epaphroditus, der in früheren Jahren ebenfalls einmal Sklave gewesen war. Der Kirchenvater Origines berichtet, dass Epaphroditus einmal im Zorn das Bein des Epiktet schmerzhaft verdrehte. Epiktet jedoch blieb völlig ruhig und warnte seinen Herrn lediglich, dass er ihm das Bein brechen werde, wenn er so weitermache, was schlimmstenfalls zu einer Lähmung seines Sklaven führen könne. Epaphroditus hörte jedoch nicht auf, und es passierte genau das, was Epiktet befürchtet hatte. Der antwortete nur: "Habe ich dir nicht gesagt, dass mein Bein brechen würde?" Später wurde Epiktet freigelassen, vielleicht aus einem Schuldgefühl seines Herrn heraus.

Epiktet rät beim Umgang mit Schmerz, nicht über diesen zu klagen und ihn nicht zu katastrophisieren, sondern ihn mit Gleichmut zu betrachten und als unvermeidliche Gegebenheit der Natur zu akzeptieren. Außerdem sollten wir uns fragen, mit welchen Ressourcen die Natur uns ausgestattet hat, um den Schmerz zu ertragen. (Diese Empfehlungen ähneln wiederum jenen, die wir aus der modernen Schmerztherapie kennen; dazu komme ich später noch.)

Der stoische Umgang mit Krankheit und Schmerz

Im ersten Kapitel der Selbstbetrachtungen würdigt Marc Aurel zwei seiner wichtigsten Lehrer, Apollonius von Chalcedon und Claudius Maximus, für ihre Gleichmut selbst im Angesicht heftiger Schmerzen und langer Krankheit. Er scheint also gegenüber dem frühen Briefwechsel mit Fronto eine Entwicklung durchlebt zu haben.

Für Stoiker ist die erste, spontane Reaktion auf Krankheit und Schmerz völlig natürlich und vernünftig, das Leiden jedoch zu vergrößern oder in die Länge zu ziehen, indem man darüber klagt, betrachten sie als unnatürlich und unvernünftig. Letztlich kommt hier auch die Körper-Geist-Dichotomie der Stoiker zum Tragen: Es ist nur der Körper, der Schmerz oder Krankheit erleidet, nicht der Charakter. Dieser nimmt also nicht durch den Schmerz selbst Schaden, sondern nur durch Klagen und Selbstmitleid.

Der Brief des Epikur

Marc Aurel zitiert in seinen Selbstbetrachtungen aus einem Brief des Epikur, in dem dieser ebenfalls rät, sich jeglicher Gespräche über die eigenen Krankheitssymptome zu enthalten, sondern sich weiterhin völlig auf die Liebe zur Weisheit zur konzentrieren. Außerdem weist Epikur darauf hin, dass akuter Schmerz nicht lange anhält, chronischer Schmerz hingegen meist nicht so gravierend ist wie ersterer. Sprich: So schlimm chronischer Schmerz auch sein mag, er ist nie so schlimm wie der schlimmste akute Schmerz, den wir schon erlebt haben. (Marcus sieht es so: Wenn Schmerz tatsächlich unerträglich ist, sterben wir; in jedem anderen Fall ist er zu ertragen.)

Für die Stoiker ist es wichtig, den Schmerz nicht als gut oder schlecht zu bewerten. Da er sich nicht unmittelbar kontrollieren lässt, gehört er zu jenen Dingen, die als indifferent zu betrachten sind. Marcus weist zudem darauf hin, dass wir, indem wir lernen, andere Unannehmlichkeiten wie heißes Klima, Appetitverlust oder Müdigkeit zu ertragen, gleichzeitig jene Fertigkeiten entwickeln, die uns helfen, Schmerzen zu bewältigen.

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Arianrhod



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BeitragVerfasst am: 10.03.2018, 20:23                                  +/-

Wie Marcus mit Krankheit und Schmerz umgeht

In seinen Selbstbetrachtungen beschreibt Marc Aurel eine Reihe von Techniken zum Umgang mit Krankheit und Schmerz, die der modernen Schmerztherapie erstaunlich nahekommen:

1. Daran erinnern, dass die Angst vor dem Schmerz größeren Schaden anrichtet als der Schmerz selbst (funktionale Analyse)

Die Angst setzt unserem Charakter zu, der Schmerz nur unserem Körper. De facto führt die angstbedingte Anspannung häufig zu einer Verschlimmerung des Schmerzes, da sie mit erhöhter Anspannung und Schonhaltungen einhergeht. Auch die schlichte Tatsache, dass wir dem Schmerz anhaltend Aufmerksamkeit schenken, kann die Schmerzwahrnehmung vergrößern.

2. Sich gedanklich von der Empfindung distanzieren: Nicht die Dinge selbst beunruhigen uns, sondern unsere Meinungen über die Dinge (kognitive Distanzierung)

Der Schmerz selbst ist zunächst einmal nichts anderes als eine rohe Empfindung, weder gut noch böse. Wenn wir externen Dingen, die wir nicht beeinflussen können, zu viel emotionale Bedeutung zuschreiben, werden wir von diesen Dingen zu stark angezogen oder abgestoßen und geraten aus dem inneren Gleichgewicht. Wenn wir den Schmerz negativ bewerten, werden wir ihn möglichst rasch loswerden wollen und vielleicht versuchen, ihn zu unterdrücken; auch dies kann die Symptome jedoch oftmals verschlimmern.

3. Körperempfindungen ohne Bewertung beschreiben (objektive Darstellung)

Indem wir unser Schmerzerleben neutral und objektiv beschreiben, so wie es vielleicht auch ein Arzt tun würde, spiegeln wir die Natur wider und ehren sie, anstatt uns gegen sie aufzulehnen. Das bedeutet nicht, dass wir wegen unserer Schmerzen keinen Arzt aufsuchen, aber wir jammern und klagen nicht. Der Weise akzeptiert, dass Schmerz, Krankheit und Tod ein unvermeidlicher Bestandteil des Lebens sind. Da die Natur diese Dinge gleichermaßen über gute wie schlechte Menschen ausgießt, können sie nicht gut oder böse sein, sondern müssen zu den indifferenten, neutralen Dingen gehören.

4. Körperempfindungen in isolierte Elemente zerlegen (Minderung durch Analyse)
    - Die Empfindung als räumlich begrenzt betrachten (z.B. mein Arm hat Schmerzen)

    - Die Empfindung als zeitlich begrenzt betrachten, als veränderlich und vorübergehend (z.B. akuter Schmerz lässt bald nach)

Ganz grundsätzlich bemühen sich die Stoiker, sich nicht in Grübeleien über die Vergangenheit oder Sorgen um die Zukunft zu verlieren, sondern sich ganz auf die Gegenwart zu konzentrieren. Indem wir uns immer nur der Gegenwart zuwenden und versuchen, Probleme Schritt für Schritt zu lösen, lassen sie sich leichter bewältigen. Ebenso verfolgt Marcus die Strategie, den Schmerz in seine Bestandteile zu zerlegen und ihn als räumlich und zeitlich begrenzt einzuordnen. In der modernen Psychotherapie gibt es eine ähnliche Übung, bei welcher der Schmerz als farbige Form beschrieben und aus der Distanz betrachtet wird. Selbst chronischer Schmerz ist nie gleich, sondern verändert sich von Zeit zu Zeit.

5. Den Kampf aufgeben und die Empfindung als naturgegeben akzeptieren (stoische Akzeptanz)

Solange er unseren Körper nicht am grundsätzlichen Funktionieren hindert, ist Schmerz völlig natürlich, harmlos und absolut indifferent. Marcus geht sogar noch weiter und stellt sich vor, die Natur hätte ihm, einem Arzt vergleichbar, Schmerz und Mühsal quasi verordnet. Dies hilft ihm, sein Schicksal zu akzeptieren und es sogar willkommen zu heißen. Diesbezüglich waren die Stoiker auch von den Zynikern beeinflusst und übten sich in "freiwilliger Härte", z.B. indem sie im Winter nackt eiskalte Bronzestatuen umarmten oder sich im heißen Sand wälzten und sich einem asketischen Lebensstil und harten Übungen unterzogen. (Marcus selbst fing schon als Junge an, nur noch auf hartem Untergrund zu schlafen.)

Die moderne Psychologie hat herausgefunden, dass Menschen, die verzweifelt versuchen, unangenehme Gefühlszustände und Empfindungen zu vermeiden, gegenüber Belastungen weniger widerstandsfähig sind. Zum einen gewinnen diese Gefühle dadurch an Bedeutung und ziehen umso mehr Aufmerksamkeit auf sich und zum anderen erhöhen sich dadurch unsere Angst und Anspannung. In der Psychotherapie gewinnt daher das Konzept der "radikalen Akzeptanz" zunehmend an Bedeutung.

6. Daran erinnern, dass die Natur uns Durchhaltevermögen (oder Mut) verliehen hat, um uns über den Schmerz zu erheben, und wie sehr wir diese Fähigkeit an anderen bewundern (Kontemplation der Tugend)

Marcus erwähnt des Öfteren, dass viele Menschen in ihrem Streben nach Reichtum oder Ansehen großen Mut oder Selbstdisziplin an den Tag legen und bereit sind, vielerlei Mühen auf sich zu nehmen. Daran zeigt sich, dass wir in der Lage sind, Schmerzen um eines höheren Gutes willen zu ertragen. Uns andere Menschen, die wir in dieser Hinsicht bewundern, zum Vorbild zu nehmen oder den Schmerz mit einem höheren Ziel zu verknüpfen, kann unsere Schmerzbewältigung unterstützen. Auch der Gedanke, dass der Schmerz uns nicht wirklich schaden kann, mag hilfreich sein.

Hinzu kommen noch zwei von Epikur stammende Empfehlungen:

7. Nicht zu viel über den Schmerz oder andere Symptome zu reden, sondern stattdessen den Pfad der Weisheit weiter verfolgen

8. Daran erinnern, dass Schmerz entweder intensiv und kurz oder chronisch, aber leicht ist (i.S.v. "Es könnte schlimmer sein.")

Donald Robertson hat in seinem Kurs ebenfalls eine geführte Imaginationsübung, bei der es darum geht, Schmerzen besser zu ertragen. Um von dieser profitieren zu können, sollte man unangenehme Gefühle aktiv herbeiführen (er selbst zum Beispiel hält seinen Laptop ca. 20 Minuten an ausgestreckten Armen von sich weg). Ich habe die Übung noch nicht ausprobiert, aber da ich gerade mit leichten Rückenschmerzen zu kämpfen habe - ich habe mich leider beim Yoga ein wenig übernommen - wäre dies an sich die ideale Gelegenheit. Allerdings muss ich gestehen, dass ich die Anwendung von Schmerzmitteln zur Linderung akuter Schmerzen den oben genannten Strategien jederzeit vorziehen würde...

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Arianrhod



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BeitragVerfasst am: 11.03.2018, 21:10                                  +/-

Donald Robertson gerade eben im Live Webinar (ich hab's mal sinngemäß übersetzt):

Donald Robertson
Die Stoiker hatten mehr Ahnung von Psychotherapie als Sigmund Freud.

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Oxford
Dr. Olympics


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BeitragVerfasst am: 12.03.2018, 10:11                                  +/-

Tyler Durden
Ich habe mich über deinen Vertipper geärgert. Zählt das?


Ja, is okay. Danke.


_________________
Somit sage ich, nicht ich schreibe das, sondern mein Zeitgewissen.
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Nichtraucher
Fun Bobby


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BeitragVerfasst am: 12.03.2018, 11:26                                  +/-

Boah, Arianrhod, du hast dir echt den langweiligsten Teil der tausendjährigen römischen Geschichte ausgesucht, um darüber ein Seminar zu besuchen Traurig Literally jedes andere Thema über Rom wäre für mich interessanter. Ich finde praktisch alles toll, was mit der Antike zu tun hat, bis auf die Philosophen. Ich bin damals schon beim Lateinunterricht weggenickt, wenn es um die Stoa ging (war dummerweise auch noch so'n Steckenpferd unseres Lateinlehrers, bin daher vorbelastet).


_________________
You met me at a very strange time in my life.
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Arianrhod



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BeitragVerfasst am: 12.03.2018, 22:20                                  +/-

Die Interessen sind eben verschieden. Mich haben die Stoiker schon damals im Latein-Leistungskurs fasziniert. Wir haben damals nur Seneca gelesen, alle anderen haben ja in Griechisch geschrieben, aber die Grundgedanken der stoischen Philosophie haben mir sofort gefallen. Und dann habe ich vor gut einem Jahr mal einen Artikel in der Süddeutschen gelesen, in dem von einem Revival der stoischen Philosophie berichtet wurde - schon mit Verweis auf entsprechende Online-Kurse. Einen davon habe ich letztes Jahr im Juli schon belegt, hatte damals aber leider keine Zeit, mich vertieft mit dem Thema zu beschäftigen. Bei mir kommt neben dem grundsätzlichen Interesse ja auch noch die berufliche Komponente hinzu.

Über die intellektuelle Beschäftigung mit dem Thema bin ich bislang allerdings auch noch nicht rausgekommen. Wirklich spannend wird es ja erst, wenn man die Erkenntnis dann auch im Handeln umsetzt.

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Arianrhod



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BeitragVerfasst am: 31.03.2018, 11:07                                  +/-

Da ich zuletzt so viel um die Ohren hatte, fehlt hier noch die letzte Woche des Online-Kurses, die ich unbedingt noch nachreichen möchte. Diesmal geht es um die letzten aller Dinge.

Woche 4: Sich mit Sterblichkeit und Verlust arrangieren

Zeitlich fokussiert die letzte Woche des Online-Kurses auf dem Zeitraum vom Ende des Ersten Markomannischen Krieges über den Bürgerkrieg des Avidius Cassius und den Zweiten Markomannischen Krieg bis hin zu Marc Aurels Tod im Jahre 180 n. Chr.

Der erwähnte Bürgerkrieg wurde vermutlich unter anderem durch die rapide Verschlechterung von Marcus' Gesundheit ausgelöst, sogar einhergehend mit Gerüchten, er sei bereits tot, die womöglich von Avidius Cassius selbst gestreut wurden. Marcus konnte den Bürgerkrieg relativ rasch beenden und lebte danach noch sechs weitere Jahre. Er war allerdings bereits recht gebrechlich und musste sich mit dem Gedanken auseinandersetzen, dass er nicht mehr lange leben würde. Zudem sah er sich mit vielen schmerzlichen Verlusten konfrontiert, vom Tod seiner Kinder über den seiner Frau bis hin zum Verlust vieler langjähriger Freunde.

Stoizismus, Verlust, Tod und der Blick von oben

Zu Beginn des Ersten Markomannischen Krieges hatte Marcus keinerlei militärische Erfahrung. Der Tod seines Mitkaisers und Adoptivbruders Lucius Verus zwang ihn jedoch, in dessen Fußstapfen zu treten und selbst die Rolle des militärischen Führers zu übernehmen. Nun, sechs Jahre später, ist er tatsächlich in diese Rolle hineingewachsen. Seine Truppen verehren ihn und erweisen ihm höchste Loyalität. Ihm werden sogar zwei militärische Wunder zugeschrieben: So sollen seine Gebete einen Blitzschlag heraufbeschworen haben, der ein gegnerisches Belagerungsgerät zerstörte, und einen Monat später, als die Römer von Feinden umzingelt waren und in der glühenden Sommersonne zu verdursten drohten, soll es wieder sein Gebet gewesen sein, das einen heftigen Regenschauer auslöste und den Truppen das Leben rettete. Spätestens nach diesem Ereignis galt Marcus seinen Männern als ein Günstling der Götter.

Zu jener Zeit nutzte jedoch Avidius Cassius, Marcus' bester General im Osten und entscheidender Heerführer während des Parthischen Krieges, die aufkeimenden Gerüchte um Marcus' schlechte Gesundheit, um sich selbst von der Ägyptischen Legion zum Kaiser ausrufen zu lassen. Der Senat geriet in Panik, erklärte ihn zum Volksfeind und beschlagnahmte sein Vermögen. Im Volk brach Unruhe aus, man befürchtete einen Verlust der ägyptischen Getreidevorräte und somit eine drohende Hungersnot sowie die Plünderung Roms durch Cassius.

Marcus hingegen blieb erstaunlich ruhig. Er ließ verkünden, dass er jeden, der an der Verschwörung beteiligt sei, begnadigen würde. Cassius jedoch wich von seinem Anspruch nicht ab und verhöhnte Marcus als "altes Philosophenweib". Also beendete Marcus zügig die Friedensverhandlungen mit den nordischen Stämmen und bereitete sich darauf vor, gegen Cassius in Syrien zu marschieren - etwa drei Wochen Fußmarsch entfernt. Bevor die beiden Armeen sich jedoch begegnen konnten, griffen zwei Offiziere aus der Armee von Cassius diesen aus dem Hinterhalt an, als er gerade auf dem Pferd saß, und schlugen ihm den Kopf ab. Damit war die Rebellion beendet. Wollte man es ironisch ausdrücken, könnte man sagen, dass Marcus Cassius durch seine Güte tötete. Denn die Aussicht auf Begnadigung erschien den Soldaten offenbar verlockender, als unter Cassius gegen eine römische Übermacht in den Krieg zu ziehen. Marcus hielt Wort und begnadigte alle, die an der Verschwörung beteiligt waren. Er stellte auch Cassius' Familie unter seinen persönlichen Schutz (eine Entscheidung, die sein Sohn Commodus allerdings kurz nach Marcus' Tod revidierte: er ließ alls Mitglieder von Cassius Familie bei lebendigem Leibe verbrennen).

Während Marcus gemeinsam mit seinem Sohn Commodus durch die östlichen Provinzen reiste, um dort den Frieden wiederherzustellen, starb seine Gemahlin Faustina, ein weiterer schwerer Verlust in seinem Leben. Nach seiner Reise nahm Marcus zum ersten Mal seit acht Jahren seine Regierungsgeschäfte in Rom wieder auf. Doch schon innerhalb eines Jahres rebellierten die nördlichen Stämme erneut und der Zweite Markomannische Krieg begann. Von dort sollte Marcus nicht wieder nach Rom zurückkehren. Er starb vier Jahre später in Wien (Vindobona) an der Antoninischen Pest. Er wurde unter großen Ehren in Rom beigesetzt. Mit ihm endete eine lange kaiserliche Blütezeit. Sein Sohn Commodus war ein schrecklicher Kaiser, der viele der Wohltaten seines Vaters wieder rückgängig machte. Cassius Dio, ein Historiker, der unter Commodus auch als Senator diente, vertrat die Ansicht, dass mit Marcus' Tod ein Goldenes Zeitalter endete und Rom unter Commodus korrumpierte und in eine Ära aus Rost und Verfall abstieg.

Marcus bereitete sich immer wieder gedanklich darauf vor, seinem eigenen Tod ruhig ins Auge zu sehen, wie es schon sein Adoptivvater Antoninus Pius vor ihm getan hatte. Er übte sich in regelmäßigen Kontemplationen über die eigene Sterblichkeit - es ist dies eines der häufigsten Themen in den Selbstbetrachtungen. Die Meditation des eigenen Todes oder jenes geliebter Personen scheint jedoch nicht für alle Menschen geeignet zu sein. Manche empfinden diese Vorstellung als zu belastend, sodass sich der Online-Kurs auf den "Blick von oben" beschränkt. Es ist dies eine Übung, bei der wir unser Leben aus der Vogelperspektive betrachten, um uns klar zu machen, wie klein es sich innerhalb des großen Ganzen ausnimmt, und wie unbedeutend und vergänglich unsere Sorgen sich doch darstellen. Der Tod ist innerhalb dieser Perspektive unvermeidlich und ein völlig natürliches Phänomen. Die Stoiker knüpfen hier sehr stark an das Heraklit'sche "Alles fließt" an, die Betonung der Vergänglichkeit alles Irdischen. Während unser Körper oft nur auf einen sehr engen Ausschnitt der Wirklichkeit reagiert, nämlich die unmittelbare Bedrohung im Hier und Jetzt, ist unser Geist in der Lage, das große Gesamtbild zu betrachten und unsere Erfahrungen entsprechend einzuordnen.

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Arianrhod



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BeitragVerfasst am: 31.03.2018, 11:53                                  +/-

Und hier noch zwei Auszüge aus den Selbstbetrachtungen, mit denen wir uns im Onlinekurs intensiver auseinandersetzen sollten:

Die Seele des Menschen misshandelt sich selbst, vor allem dann aber, wenn sie ein Geschwür, sozusagen ein Auswuchs des Kosmos wird, soweit dies an ihr liegt. Denn sich über irgendetwas ärgern, was geschieht, ist ein Abfall von der Natur, in deren Bereich die Naturen anderer Menschen enthalten sind.
Dann aber, wenn sie sich von einem Menschen abkehrt oder ihm gar feindlich entgegentritt, um ihm zu schaden, wie es die Seelen der Zornigen tun.
Drittens misshandelt sie sich, wenn sie der Lust oder dem Schmerz erliegt.
Viertens, wenn sie heuchelt und voll Verstellung und Falschheit etwas tut oder sagt.
Fünftens, wenn sie eine ihrer Handlungen oder Entschlüsse ohne ein (bestimmtes) Ziel unternimmt und planlos und ohne Folgerichtigkeit etwas tut, während doch auch unsere kleinsten Handlungen im Hinblick auf den Endzweck erfolgen sollten. Endzweck der vernünftigen Wesen aber ist es, der Vernunft und Satzung des ältesten Staates (gemeint ist der Kosmos, Anm. von mir) zu folgen.

Immer wieder listet Marcus die Grundgedanken der Stoa auf, wie um sie sich besser einprägen und sie verinnerlichen zu können. Ein wichtiger Aspekt ist das Leben in Übereinstimmung mit der Natur, die als weise und planvoll erlebt wird. Nichts in der Natur geschieht zufällig oder willkürlich, alle Dinge sind an dem ihr zugedachten Platz. Sich also über etwas verurteilend zu erheben, das von der Natur geschaffen wurde, betrachten die Stoiker als vermessen. Das gilt eben auch für unsere Mitmenschen in all ihrer Vielfalt und Unterschiedlichkeit.

Dies ist ein Aspekt der stoischen Lehre, der eine gewisse Form von Religiosität und Glauben voraussetzt und der somit auf die Erkenntnisse der Moderne - oder gar der Postmoderne - nicht so leicht übertragbar ist. In unserer heutige Zeit gelten Zufall und Willkür durchaus als anerkannte Grundlagen menschlicher Existenz. Selbst die Freiheit des Willens wird von der Wissenschaft in Frage gestellt. Was allerdings unzweifellos bestehen bleibt, sind die subjektive Freiheit des Willens und die Fähigkeit, unsere Aufmerksamkeit bewusst zu lenken. Die unantastbare Würde eines jeden Menschen ist ein moderner Ausdruck der alten stoischen Lehre, dass jeder Mensch naturgewollt ist. Ich persönlich finde es gut und hilfreich, mir das immer wieder vor Augen zu führen und mir klar zu machen, dass meine Art, die Welt zu betrachten und den Herausforderungen meines Lebens zu begegnen, zwar für mich persönlich richtig und stimmig sein mag, diese aber nicht ohne Weiteres auf andere Menschen übertragbar sein mögen.

Die Verachtung der Lust ist ein Thema, das bei den Stoikern immer wieder auftaucht und dem ich zwiespältig gegenüberstehe. Natürlich ist mir klar, was gemeint ist: Je weniger ich mein Glück von Dingen abhängig mache, die ich nicht kontrollieren kann - und Lust und Schmerz gehören zweifellos dazu -, desto leichter fällt es mir, meine Seelenruhe zu bewahren und ein gemäß meiner Werte gutes Leben zu führen. Allerdings bin ich mir unschlüssig, ob das für mich wirklich erstrebenswert ist. Das ist schon etwas, das letztlich zu meiner Abkehr vom Buddhismus geführt hat: Ich will mich nicht von all meinen Anhaftungen lösen. Ich liebe es zu sehr, mich tief zu binden und das Wagnis einzugehen, große Trauer zu riskieren, um im Gegenzug höchstes Glück zu erfahren. Lust und Ekstase sind für mich elementare Größen menschlichen Daseins. Wenn ich mich diesen entziehe oder diese zu vermeiden suche, kann ich niemals ganz ermessen, was es bedeutet zu leben. Allerdings ist das vielleicht nicht gleichbedeutend mit der Formulierung "Lust und Schmerz zu erliegen", denn was heißt es schon, beidem zu erliegen? Es muss nicht zwingend bedeuten, dass ich beides vermeide, im Gegenteil. Für die Stoiker sind diese Aspekte des Daseins indifferent, sie gehören zu den Dingen, die unserem unmittelbaren Einfluss entzogen sind, sodass es darum geht, sie hinzunehmen, wie sie kommen. Wir sollten nur nicht all unsere Energie darauf verwenden, Lust zu erlangen und Schmerz zu vermeiden. Dennoch: Ich glaube, dass ich doch zu sehr eine Liebhaberin der Lüste bin, um ganz und gar Stoikerin zu sein.

Etwas zwiespältig betrachte ich auch den Hinweis, dass all unsere Handlungen im Dienste der kosmischen Ordnung stehen sollen. Grundsätzlich ja: in Übereinstimmung mit den eigenen Werten zu handeln und dabei nicht nur die persönlichen Vorteile im Blick zu haben, sondern auch die Gemeinschaft, das große Ganze, ist sicher ein sinnvolles Leitprinzip des eigenen Handelns. Aber zum menschlichen Dasein gehören auch die spielerische Leichtigkeit, Verausgabung und Verschwendung. Wenn alles nur im Dienste der Vernunft geschieht, verliert das Leben an Farbigkeit und Vielfalt. Insbesondere der Humor, der jede Form von Herrschaft - auch die des Verstandes - untergräbt, ist eine der wichtigsten Ressourcen der menschlichen Natur. Einfach mal da sitzen zu können, die Seele baumeln und den lieben Gott einen guten Mann sein zu lassen, planlos, ohne Sinn und Ziel - das halte ich für eine essentielle Voraussetzung seelischer Gesundheit

Alles das, was du auf Umwegen zu erreichen hoffst, kannst du schon jetzt haben, wenn du es dir nicht selber versagst. Dann nämlich, wenn du alles Vergangene dahinten lässt und die Zukunft der Vorsehung anheimstellst und nur dein gegenwärtiges Leben auf Frömmigkeit und Gerechtigkeit richtest. Auf Frömmigkeit, damit du lieb hast, was dir beschieden ist. Denn dir hat es die Allnatur gebracht und dich ihm. Auf Gerechtigkeit aber, damit du frei und ohne Umschweife die Wahrheit sagst und nach dem Gesetz und nach Gebühr handelst. Und es darf dich weder die Schlechtigkeit noch die Meinung anderer hindern, noch was die Leute sagen, noch eine Empfindung des um dich herum gewachsenen Fleisches. Der leidende Teil deines Körpers wird schon sehen (wo er bleibt). Wenn du nun, wenn du schließlich aus diesem Leben scheiden musst, alles andere zurückgelassen hast und nur deine Vernunft und das Göttliche in dir ehrst und keine Angst davor hast, einmal dein Leben zu beenden, sondern nur davor Angst hast, niemals angefangen zu haben, gemäß der Natur zu leben, dann wirst du ein Mensch sein, würdig des Kosmos, der dich hervorgebracht hat, und wirst aufhören, ein Fremdling in deinem Vaterland zu sein und dich über Dinge, die alle Tage geschehen, wie über Unerwartetes zu wundern und (in deinem Seelenfrieden) hiervon und davon abzuhängen.

Auch hier wieder: Die Konzentration auf die Gegenwart, auf das, was ich hier und jetzt tun und sagen und entscheiden kann, anstatt wehmütig der Vergangenheit nachzuhängen oder ängstlich der Zukunft entgegenzugrübeln, halte ich für sinnvoll und heilsam. Auch die Akzeptanz des Unabänderlichen und das Bemühen, in Übereinstimmung mit den eigenen Werten und Überzeugungen zu handeln, erscheinen mir schlüssig und einleuchtend. Die Verachtung des Fleisches, die ich für eine typisch patriarchale Eigenart halte und die auch im Christentum, das von der Stoa stark beeinflusst war, exzessiv zelebriert wurde, sehe ich hingegen kritisch. Unser Körper ist eine Quelle von Intuition und Weisheit, seine Instinkte und Bedürfnisse zu missachten, erscheint mir töricht und zu kurz gedacht. Warum sollte das, was die Stoiker als Vernunft beschreiben, die Weisheit des Körpers nicht miteinschließen? Letztlich war das ja auch schon bei den Gefühlen so: Wenn ich ärgerlich werde, so ist das eine wichtige Information meines Körpers darüber, dass meine Grenzen verletzt wurden oder ich mein Recht bedroht sehe. Diese Information sollte ich zunächst einmal wahrnehmen und ihr auf den Grund gehen, anstatt sie einfach wegzurationalisieren. Und ich möchte ganz sicher einen Weg finden, meinen Tod friedvoll anzunehmen, der dennoch eine liebevolle und wertschätzende Grundhaltung zu meinem Körper miteinschließt.

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Arianrhod



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BeitragVerfasst am: 31.03.2018, 16:38                                  +/-

Schmerzliche Verluste im Leben des Marcus Aurelius

Seit dem Ausbruch der Antoninischen Pest im Jahr 166 n. Chr. war Marcus mit den schwerwiegenden Folgen dieser Krankheit konfrontiert, die rund 5 Millionen Menschen im gesamten Römischen Reich das Leben kostete. Hinzu kamen die vielen Kriege, die Rom in jener Zeit führte, und die ebenfalls mit zahlreichen Verlusten einhergingen. Während der Krieg vor allem Männer in ihren besten Jahren dahinraffte, suchte sich die Pest ihre Opfer bevorzugt unter den Schwächsten, den Ältesten und Jüngsten. Viele Ärzte waren unter den ersten Opfern, da sie der Krankheit ganz unmittelbar ausgesetzt waren und keine Mittel kannten, um sich zu schützen. Marcus selbst reflektiert häufig darüber, wie viele Ärzte, Propheten, Philosophen und Generäle bereits ihr Leben lassen mussten. Alles wiederholt sich, alles menschliche Streben ist flüchtig und vergänglich im ewigen Wechsel zwischen Geburt und Tod. Sich vor dem Hintergrund dieser Vergänglichkeit um ewigen Nachruhm zu bemühen hält Marcus für ebenso töricht, wie darüber betrübt zu sein, dass die Generationen vor uns nie von uns gehört haben.

Freunde und Familie

Zu dem Zeitpunkt, da Marcus die Selbstbetrachtungen schrieb, hatte er selbst bereits viele schmerzliche Verluste erlebt. Schon als dreijähriges Kind hatte er seinen leiblichen Vater zu betrauern, sein Adoptivgroßvater, der Kaiser Hadrian, folgte, als Marcus 17 Jahre alt war. Nur drei Jahre später starb seine Adoptivmutter. Seine jüngere und einzige leibliche Schwester verschied in ihren frühen Dreißigern, etwa zur gleichen Zeit wie Marcus' leibliche Mutter, all dies in den Jahren vor Beginn seiner Regentschaft. Sein Adoptivvater, der Kaiser Antoninus Pius, erreichte immerhin das stolze Alter von 74 Jahren; dennoch dürfte sein Tod für Marcus ein bedeutsamer Verlust gewesen sein. Acht Jahre nach Antoninus' Tod verstarb auch Marcus' Adoptivbruder und Mitkaiser, Lucius Verus, möglicherweise an einem Schlaganfall.

Marcus fragt sich in seinen Selbstbetrachtungen, ob die Liebsten der Verstorbenen wohl noch immer an deren Särgen trauern - auch dies ein Versuch, sich die Vergänglichkeit allen Seins vor Augen zu führen. Unsere Liebsten trauern eine Weile um uns, dann geht ihr Leben weiter, und selbst wenn sie für immer in Trauer versinken würden, wüssten die Toten nichts davon.

Eine enge Beziehung hatte Marcus auch zu seinen stoischen Lehrern. Claudius Maximus starb wahrscheinlich zwischen 158 und 161, sein Rhetoriklehrer und enger Freund Fronto fiel wahrscheinlich im Jahre 167 der Pest zum Opfer. Am schwersten aber scheint Marcus der Tod von Junius Rusticus im Jahr 170 getroffen zu haben. Es ist möglich, dass er anfing, die Selbstbetrachtungen zu schreiben, um die Leere zu füllen, die dieser Verlust in seinem Leben hinterlassen hatte.

Kinder

Nicht zuletzt hatte Marcus den Tod zahlreicher Kinder zu beklagen. Von seinen dreizehn Kindern überlebten nur fünf den eigenen Vater. Fünf Kinder starben, noch ehe er den Thron bestieg. Nun verbrachten die alten Römer nicht viel Zeit mit ihren Kindern, überließen deren Betreuung ihren Müttern oder eigens dafür angestellten Ammen. Dennoch wissen wir von Marcus aus Briefen, dass er seinen Kindern sehr liebevoll zugetan war.

Kurz ehe er mit seinen Selbstbetrachtungen begann, war sein siebenjähriger Sohn und designierter Co-Caesar Marcus Annius verstorben, sodass Commodus als einziger lebender Sohn und Erbe übrig blieb. Es ist verständlich, dass der Kaiser und seine Gemahlin große Sorge hatten, dass auch ihr letzter Sohn der Pest zum Opfer fallen könnte. Offenbar wurde der 19-jährige Commodus aus diesem Grund fortgeschickt, als Marcus in den nördlichen Provinzen im Sterben lag; man wollte verhindern, dass auch er sich infizierte.

Es ist anzunehmen, dass Marcus beim Schreiben seiner Selbstbetrachtungen auch mit der Trauer um den Tod seiner Kinder zu kämpfen hatte. Er war sehr bemüht, ihr Sterben aus einer stoischen Perspektive zu betrachten und sich immer wieder vor Augen zu führen, dass auch ihr Tod einem höheren Plan folgt. Selbst wenn die Gründe im Verborgenen liegen mögen, so handeln die Götter doch immer rational und wohlwollend. Marcus versucht von seinen Kindern zu denken, als wären sie Herbstlaub, von Natur aus vergänglich und sterblich. Angesichts der vielen Todesfälle in seiner Familie mag es leichter für ihn gewesen sein, eine solch fatalistische Sichtweise zu entwickeln.

Ich sehe, dass mein Kind krank ist, gewiss. Dass es aber in Gefahr ist, sehe ich nicht. - So bleib nun immer bei den ersten Vorstellungen stehen und setz' aus deinem eigenen Innern nichts hinzu; dann passiert dir nichts. Oder vielmehr, mach einen eigenen Zusatz als ein Mann, der mit jedem einzelnen Vorgang im Kosmos vertraut ist.


Allüberall gibt er sich selbst Ratschläge, wie er mit befürchteten Katastrophen umgehen könnte, insbesondere mit der Krankheit und dem drohenden Tod eines Kindes (möglicherweise war auch Commodus zu jener Zeit erkrankt):

Ein Mann betet: "Lass mich bloß das Kind nicht verlieren!" Du: "Lass mich keine Angst davor haben, es zu verlieren!" - Überhaupt gib deinen Gebeten eine solche Wendung und gib acht, was dann geschieht!


Marcus sandte die besten Ärzte des Reiches an das Krankenbett seiner Kinder. Ihm ging es darum, nachdem er sein Bestes getan hatte, ihnen medizinisch zu helfen, nun nicht um ein Wunder zu bitten, sondern um die Seelenstärke zu akzeptieren, was immer das Schicksal ihm bescheren möge. Anstatt sich selbst zu belügen, war er bemüht, der Wahrheit ins Gesicht zu schauen, dass wir alle und auch die, die wir lieben, sterblich sind und sicherlich eines Tages sterben werden.

Faustina

Faustina war die Ehefrau des Marcus Aurelius und somit Kaiserin des Römischen Reiches. Die Historia Augusta enthält viel Klatsch über ihre Untrue. Viele Autoren äußerten sogar den Verdacht, dass Commodus das Kind eines Seitensprunges gewesen sein könnte, da es allgemein bekannt war, dass Faustina ihre Liebhaber gerne unter Seeleuten und Gladiatoren wählte. Marc Aurel soll jedoch jede Aufforderung, sich von ihr scheiden zu lassen oder sie gar zu töten zurück, unter anderem mit der Bemerkung zurückgewiesen haben: "Wenn wir unser Weib verstoßen, müssen wir auch ihre Mitgift zurückgeben." Und diese war nicht weniger als seine Regentschaft, die er von seinem Schwiegervater Antoninus Pius geerbt hatte.

Allerdings ist unklar, wie viel von diesen Gerüchten zu halten ist. Marcus jedenfalls hielt während seiner gesamten Ehe große Stücke auf Faustina. Um 175 herum, während er selbst fern der Heimat weilte, erreichte ihn die Nachricht ihres plötzlichen Todes, der wohl einer akuten Erkrankung geschuldet war. Er ließ sie mit allen Ehren bestatten und errichtete für sie sogar einen eigenen Tempel.

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Arianrhod



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BeitragVerfasst am: 31.03.2018, 17:59                                  +/-

Die Kontemplation über den Fluss der Zeit

Von Heraklit - überliefert durch Platon - stammen die beiden berühmten Aussprüche "Alles ist im Wandel und nichts bleibt, wie es ist" und "Du kannst niemals zweimal in denselben Fluss steigen", beides Aspekte des von ihm vertretenen Grundprinzips panta rhei - alles fließt. Marc Aurel bezieht sich in seinen Selbstbetrachtungen häufig auf das Bild des Flusses, womöglich auch, weil viele Schlachten an den Ufern oder auf der gefrorenen Oberfläche der Donau stattfanden, der Fluss also sehr präsent in seinem Bewusstsein war.

Anfänglich brachte die Konfrontation mit der gefrorenen Donau den Römern einige schmerzliche Niederlagen bei. Die römische Infanterie pflegte sich nämlich mit Hilfe der sogenannten Schildkrötenformation gegen die feindliche Kavallerie zu verteidigen: sie bildeten mit ihren Schilden ein gut abgesichertes Rechteck, das nicht so leicht zu durchbrechen war. Wenn es denn Barbaren jedoch gelang, die Römer aufs Eis zu locken, verloren diese ihren festen Stand und die Formation war leicht zu zersprengen. Marcus aber entwickelte eine neue Strategie: Die innenstehenden Soldaten stießen ihre Schilde fest ins Eis, sodass die außenstehenden genügend Halt fanden, um dem Ansturm zu widerstehen. Auf diese Weise konnten die Römer das Kriegsglück zu ihren Gunsten wenden.

Zudem befehligte Marc Aurel eine gewaltige Flotte, die auf der Donau kreuzte, man trieb Handel und die Römer bauten Schwimmbrücken über den Fluss. Man kann also davon ausgehen, dass Marcus nach zehn Jahren an den Ufern der Donau recht vertraut mit dem Gewässer war. Kein Wunder, dass er das Bild des Flusses auch in seinen Selbstbetrachtungen häufig nutzte.

Immer eilen die einen Dinge ins Dasein, die anderen beeilen sich zu vergehen, und von dem, was entsteht, ist bereits etwas vergangen. Strömungen und Veränderungen erneuern den Kosmos unaufhörlich, gerade wie der nie versiegende Strom der Zeit die grenzenlose Ewigkeit stets neu werden lässt. Was sollte man da von den Dingen, die in diesem Strom an uns vorüberjagen, wertschätzen, wo man doch keinen festen Standpunkt von ihm ausgehend gewinnen kann? Das wäre ja gerade, wie wenn sich jemand in einen der vorüberfliegenden Sperlinge verlieben würde, während er doch schon seinen Blicken entzogen ist.

Wie können wir externen Dingen einen allumfassenden Wert beimessen, wenn doch alles im Leben vergänglich ist? Sich die Flüchtigkeit von Reichtum, Ruhm und sogar des Lebens selbst vor Augen zu rufen, hilft uns, den Dingen, die wir nicht unmittelbar kontrollieren können, nicht zu viel Wert beizumessen. Der Tod ist ein Teil der Natur, wir können ihm nicht entrinnen. Wohl aber besitzen wir die Freiheit, in Übereinstimmung mit der Natur zu leben und die stoischen Tugenden zum Maßstab unseres Handelns zu machen.

Die Kontemplation von Tod und Verlust

Marcus führt sich selbst immer wieder zwei Grundprinzipien vor Augen: (1.) Es sind nicht die Dinge selbst, die uns beunruhigen, sondern unsere Meinungen über die Dinge. (2.) Alles, was du hier siehst, ist beinahe schon in Umwandlung begriffen und wird bald gar nicht mehr sein.

Doch nicht die Dinge selbst verändern sich, sondern auch unsere Erinnerungen lösen sich auf und verwehen. Weshalb also sollten wir nach Ruhm streben? Nichts Neues unter der Sonne: Letztlich spielen sich nur dieselben Dramen immer und immer wieder ab. Wenn wir uns dies mit schöner Regelmäßigkeit vor Augen rufen, kann uns so leicht nichts überraschen oder uns aus der Bahn werfen.

Wandel ist natürlich und indifferent

Der beständige Wandel ist ein natürlicher Prozess und von daher nichts Böses oder Schädliches, sondern schlicht indifferent. Marcus zieht die Vorstellung vor, dass die Dinge weniger zerstört als vielmehr neu zusammengesetzt werden. Wenn starke Emotionen uns aus dem Gleichgewicht zu bringen drohen, kann es hilfreich sein, das Geschehen in einer nüchternen, objektiven Sprache zu beschreiben, die Ereignisse in ihre elementaren Bestandteile zu zerlegen und sich den ständigen Wandel vor Augen zu rufen.

Epiktet empfiehlt, nicht so sehr davon zu sprechen, dass wir Dinge oder Menschen verloren haben, sondern dass sie der Natur zurückgegeben wurden, um abermals Neues zu gestalten. Verlust ist demnach auch nichts anderes als Wandel.

Bedenke, dass du fortwährend stirbst

Das Leben ist kurz, nichts bleibt, wie es ist und selbst die Zellen unseres Körpers sterben fortwährend, um neuen Platz zu machen. Jeder Gedanke, jedes Wort, jede Handlung sollte im Bewusstsein dessen geschehen, dass unser Leben jeden Moment enden könnte. Insbesondere sollten wir keine Gelegenheit verstreichen lassen, uns in Weisheit und Gerechtigkeit zu üben.

Bald, sehr bald wirst du Asche sein oder eine Mumie und nur noch ein Name oder nicht mal das; ein Name aber ist ein leerer Schall und Widerhall.

Hinzu kommt, dass nicht nur unser Leben jeden Tag kürzer wird, sondern wir auch nicht sicher sein können, dass unsere geistigen Fähigkeiten bis zum letzten Tag erhalten bleiben. Zugleich ist für Marcus der Tod auch ein Trost, eine immer offenstehende Tür, eine Zuflucht:

Wie du gelebt haben möchtest, wenn du schon abgeschieden bist, so kannst du schon hier auf Erden leben. Sollten dir die Menschen das aber unmöglich machen, dann scheide wirklich aus dem Leben, doch in der Überzeugung, dass du nichts Schlimmes erleidest. Wenn das Haus sich mit Rauch füllt, macht man sich aus dem Staube. Warum hältst du das für eine große Sache? Solange mich aber nichts Derartiges hinaustreibt, bleibe ich da, als ein freier Mensch, und niemand wird mich hindern, das zu tun, was ich will. Ich will es aber gemäß der Natur des vernünftigen Wesens, das vom Gefühl der Gemeinschaft mit seinesgleichen erfüllt ist.

Der Suizid ist für die Stoiker eine akzeptable Lösung, wenn die Umstände das Leben wertlos machen und es keinen anderen Ausweg gibt, die eigene Seelenruhe zu bewahren.

Der Tod ist indifferent.

Wenngleich es vernünftig ist, das Leben dem Tod vorzuziehen, solange dies nicht mit der Tugend in Konflikt gerät, fügt der Tod unserem Charakter doch keinen Schaden zu, die Angst vor dem Tod hingegen schon. Wir sollten daher nicht stärker darüber beunruhigt sein, dass wir eines Tages sterben werden, als wir es darüber sind, dass wir vor unserer Geburt noch nicht existiert haben. Wir kommen aus der Natur, existieren für eine Weile als kleiner Teil der Natur und kehren am Ende wieder in ihren Urgrund zurück.

Was ist denn das Sterben? Wenn man es an sich betrachtet und durch Zergliederung des Denkens den Schrecken des Todes auf den Grund geht, dann wird man ihn für nichts anderes halten als für ein Werk der Natur. Wenn aber jemand ein Werk der Natur fürchtet, dann ist er ein Kind.

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Arianrhod



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BeitragVerfasst am: 31.03.2018, 21:08                                  +/-

Der Blick von oben

Der Blick von oben umfasst im Wesentlichen zwei sehr ähnliche Techniken:

Betrachte die Ereignisse, als würdest du sie aus großer Höhe beobachten (so wie die Götter vom Berg Olymp).

Betrachte dich selbst innerhalb der Gesamtheit von Zeit und Raum; dies ist eine eher kosmologische oder metaphysische Art, die Dinge zu betrachten.

Es ist eine Technik, die uns hilft, die Dinge mit mehr Distanz zu betrachten und ihnen dadurch eine andere Bedeutung zu geben. Diese Methode war in der Antike weit verbreitet, nicht nur bei den Philosophen, sondern auch in der Poesie. Marcus nutzt diese Methode oft und bezieht sich darauf in seinen Selbstbetrachtungen.

Schön ist der Ausspruch Platons: Wenn man seine Betrachtungen über menschliche Dinge anstellt, muss man auch die irdischen Dinge ins Auge fassen, indem man sie gleichsam von einem Punkt in der Höhe tief unten schaut: Massenaufläufe, Heere, Landbau, Hochzeiten, Scheidungen, Geburten, Todesfälle, Aufregung von Gericht, verödete Landschaften, buntes Gewimmel von Barbarenvölkern, Festtage, Totenklagen, Märkte, das Gemisch von diesem allem und die höhere Ordnung, die sich aus diesen Gegensätzen ergibt.


Du kannst dich von vielen unnötigen Dingen, die dich quälen, befreien; denn sie existieren nur in deiner Einbildung. Und du wirst dir sicher ein weites Feld schaffen, wenn du den ganzen Kosmos mit deinem Geist umfasst und das Wesen der Ewigkeit bedenkst und über die rasche Wandlung der einzelnen Teile eines Dinges nachdenkst: wie kurz die Spanne Zeit vom Entstehen bis zum Vergehen eines Dinges, wie unermesslich die Zeit vor der Entstehung und wie grenzenlos die nach seinem Vergehen ist.

Sinn und Zweck der Übung ist es, unsere Anhaftung von den Dingen zu lösen, indem wir uns vor Augen führen, wie trivial sie sind. Das allerdings ist ein Aspekt, der mir nicht ganz einleuchten will, denn könnte nicht etwas, das innerhalb der Ewigkeit nur einen ganz kurzen Moment aufglimmt, nicht gerade deshalb besonders kostbar sein - unser Leben ein besonderer Schatz, gerade weil es sich nicht wiederholen lässt?

Welch winziger Teil der unendlichen, grenzenlosen Zeit ist einem jeden von uns zugemessen? Verschwindet er doch sofort in der Ewigkeit. Und welch winziger Teil der gesamten Substanz? Welch winziger Teil der gesamten Weltseele? Und auf welch winzigem Klümpchen der gesamten Erde kriechst du herum? All das bedenke und halte nichts für wichtig als dies eine: zu handeln, wie deine Natur dich führt, zu erdulden, was dir die Allnatur bringt.

Der Blick von oben ist eng verbunden mit dem stoischen Pantheismus, der alle Lebewesen als Teil eines großen Organismus betrachtet. Es geht darum, sich die innige Verbundenheit alles Lebendigen vor Augen zu rufen und diese bewusst wiederherzustellen:

Stell dir den Kosmos stets als ein Lebewesen vor, das eine einzige Substanz und eine einzige Seele besitzt, und bedenke, wie alles, was geschieht, einem einzigen Bewusstsein, dem dieses Kosmos nämlich, übermittelt wird, und wie er durch einen einzigen Antrieb alles bewirkt, und wie alles Mitursache ist von allem, was geschieht, und welcher Art die Verflechtung und Verwebung (alles Geschehens) ist.

An dieser Stelle tritt für mich ein positiver Aspekt dieses Blickes von oben in Kraft: Indem ich mich selbst als Teil eines großen Ganzen sehe, fällt der Druck von mir ab, Weltbewegendes leisten zu müssen. Es genügt, wenn ich meinen kleinen Teil erfülle, wenn ich selbst nach bestem Wissen und Gewissen handele, im Vertrauen darauf, dass die Dinge am Ende den naturgemäßgen Verlauf nehmen werden. Und selbst wenn eine Entwicklung für mich persönlich ungünstig sein mag, mag sie doch anderen Teilen des großen Ganzen zu Aufstieg und Blüte verhelfen.

(Donald Robertson bringt hier noch ein paar Zitate von Justus Lipsius und dem Earl of Shaftesbury, ihres Zeichens Vertreter des sogenannten Neostoizismus aus dem 16./17. Jahrhundert, die lasse ich hier aber weg, weil sie keine wesentlich neuen Erkenntnisse liefern.)

Der Online-Kurs enthält auch noch eine geführte Imagination zum Blick von oben, die ich bislang aber noch nicht ausprobiert habe. (Generell muss ich die praktischen Übungen erst noch erkunden. Bislang fehlten mir dazu noch Zeit und Muße.)

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