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Freier Wille - alles Einbildung?
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Ramujan



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BeitragVerfasst am: 08.06.2006, 10:54                                  +/-

Ein paar interessante Ansätze, Arbrandir, du machst es dir allerdings ziemlich einfach: Smilie

Zitat:
Gut erkannt. Und das ist genau das Gebrechen, an dem das naturwissenschaftliche Welterklärungsmodell krankt, das sich an solcherlei unfaßbare Phänomene wie "Seele" nicht herantraut und sie lieber per Handstreich als nichtexistent definiert.

Hier müsstest du - wie Helcaraxe schon schrieb - natürlich erst einmal erklären, wie man an Begriffe wie "Seele" naturwissenschaftlich herangehen kann. Eine Seele ist eben tatsächlich nicht fassbar, man kann sie mit derzeitiger wissenschaftlicher Methodik nicht greifen. Eben deshalb wird die Seele auch nicht als nichtexistent definiert, man lässt sie nur aussen vor. Wenn man das nicht machen würde, hätte man eine Deus Ex Machina, die immer dann greift, wenn man eine Lücke in der Argumentationskette feststellt, eine Allzweckbegründung zum Kitten von Lücken und Löchern. Übrigens geht Singer sehr wohl auf diesen Punkt ein (letzte Seite des Interview) - und er macht das sehr geschickt, wie ich finde. Natürlich kann man an dieser Stelle auch ganz laut und deutlich "Falszifizierbarkeit" in die Welt hinausschreien.


Zitat:

Das passiert ständig, meine Güte! "Ich weiß, daß dieses und jenes nicht gut für mich (oder andere) ist, aber ich tue es trotzdem."

Das kann verschiedene Gründe haben: Bequemlichkeit; Ausnutzen eines kurzfristig erkennbaren Vorteils unter Eingehen des Risikos von Langzeitschäden; pathologisch bedingte Fehlfunktionen (ich drücke das alles ganz bewusst "verdinglicht", also materialistisch aus). Oft kann man also schon, ohne lange zu suchen, Kausalketten erkennen, die zu einem Ergebnis führen.

Zudem: Du gehst davon aus, dass jede Handlung zweckgerichtet ist und nimmst dabei eine streng anthropologische Sicht ein; du siehst Zweckgerichtetheit also als etwas, was einen Zweck für den Menschen (oder die Menschheit) erfüllt. So etwas gibt es auf einer Ebene jedoch nicht mehr, die auf rein physikalische Prozesse reduziert ist. Du findest auch bei der Evolution keine Zweckgerichtetheit: Die Natur probiert verschiedene Wege aus, um sich zu entfalten; viele Wege, die sie dabei einschlägt, sind nicht erfolgreich. Der Mensch ist damit kein Endprodukt einer zielgerichteten Kette von Selektion und Mutation, sondern auch nur ein Ergebnis unter vielen, das bisher erfolgreich war, was aber nicht bedeutet, das dies für alle Zeit so sein muss.

Zitat:

Aber niemand wird je in der Lage sein, mir einleuchtend darzulegen, warum dieses Gedicht immer zu meinen gehüteten Lieblingen gehören wird, dieses (vom gleichen Autor) mich dagegen völlig kaltläßt.

Weil das erste Gedicht zu den von den Neuronen codierten Mustern in deinem Gehirn gepasst hat, das zweite nicht. Die Muster werden hervorgerufen, durch Genetik, Erfahrung, Erziehung, Schule, Familie, erste Liebe, eigentlich von deinem gesamten Leben. Die Neuronen haben gefeuert, als du das Gedicht gelesen hast und die "Gefühle" eingebrannt. Das zweite Gedicht wirkte wie ein defektes Zahnrad, das die anderen Zahnräder nicht so recht zum Drehen bewegen konnte.

AdrianB

Ein physikalistischer Monismus, der ja gerade dieses impliziert (dass das Denken nur aus neurophysiologischen Prozessen besteht und es keine immaterielle "Seele" o.ä. gibt) impliziert NICHT etwa auch, dass es keinen freien Willen gebe.

Hier, denke ich, hast du eine andere Definition von freiem Willen als Singer. Eigentlich führt das zu dem Punkt, dass es zwar keinen freien Willen gibt, dies aber auf einer höheren geistigen Ebene nicht erkennbar ist. Damit hat diese Erkenntnis keine Alltagsrelevanz. Was macht es aus, wenn mein Gehirn beim Lesen eines Gedichts, Neuronen feuert, wenn ich von diesen Low-Level-Prozessen nichts mitbekomme und nur das Ergebnis "fühle"? Letztendlich könnte das Programm "Gehirn" auch nur eine Computersimulation sein; es ändert nichts daran, dass ich mich als agierendes Ich in einer Welt wahrnehme.

Eigentlich müsste man an dieser Stelle erst einmal Begriffe wie Determinismus, Emergenz, Qualia, usw. definieren.

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Adrian
Die Zahnfee


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BeitragVerfasst am: 08.06.2006, 11:49                                  +/-

Was ich unter "freiem Willen" verstehe, steht in meinem ersten Beitrag hier!

Eine längere Antwort auf deinen recht interessanten Beitrag muss noch etwas warten, jetzt erstmal keine Zeit mehr.

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Adrian
Die Zahnfee


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BeitragVerfasst am: 08.06.2006, 15:13                                  +/-

Arbrandirs Aussage, auf rein materialistischer bzw. physikalistischer Ebene seien ästetische Präferenzen nicht erklärbar, hat Ramujan schon beantwortet. Solche ästhetischen Vorlieben haben übrigens auch nichts mit freier Entscheidung zu tun, sondern schlicht mit der individuellen Art des Empfindens, ebenso wie letztlich auch der sexuelle oder kulinarische Geschmack.

Aber, wie gesagt, ist auch das "Leib-Seele"-"Problem", auch wenn dies kontraintuitiv erscheinen mag, von der Frage nach der Existenz eines "freien Willens" weitgehend unabhängig, was Singer übersieht. "Frei" ist eine Entscheidung bzw. ein Denkakt dem Wortsinn nach immer dann, wenn er nicht durch Faktoren determiniert wird, die außer ihm liegen, also zB durch die Genstruktur oder die soziokulturelle Prägung. Nun lässt sich, schon aufgrund der heute in der Physik nicht mehr bezweifelten Annahme, dass jedes Ereignis auf jedes andere einwirkt, zwar nicht bzw. de facto nicht bezweifeln, dass unser materiell realisiertes Denken durch vor diesem liegende Faktoren beeinflusst wird (durch einige stärker, durch andere schwächer), aber hieraus ergibt sich noch keine DETERMINATION, d.h. es ist sehr wohl möglich, dass die für das Ergebnis des Denkaktes entscheidenden Prozesse während dieses Denkaktes selbst ablaufen bzw. dass sich erst während desselben entscheidet, zu welchen Schlüssen das Individuum kommt und was es tun wird - wenn auch natürlich VORstrukturierungen genetischer und sicher auch soziokultureller Art nicht abgestritten werden können.
Dass derartige "freie Entscheidungen", wenn auch ganz sicher nicht in der Mehrzahl der Fälle, tatsächlich ablaufen, scheint mir sogar relativ evident zu sein. Dazu vielleicht später noch mehr.

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Kaylee



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BeitragVerfasst am: 08.06.2006, 15:25                                  +/-

Siehe auch -> minority report (die Handlungen eines Menschen können nicht, auch nicht von dem begnadetesten Medium, zweifelsfrei vorhergesagt werden, weil sich der Mensch in der letzten Sekunde anders entscheiden könnte).

Da liegt für mich allerdings noch ein Definitionsproblem.

Zitat:
"Frei" ist eine Entscheidung bzw. ein Denkakt dem Wortsinn nach immer dann, wenn er nicht durch Faktoren determiniert wird, die außer ihm liegen, also zB durch die Genstruktur oder die soziokulturelle Prägung.

So wie du es formulierst, Adrian, gibt es für mich keinen wirklich freien Willen. Wozu auch? Wenn man nicht Fakir werden will, oder so.

Aber innerhalb bestimmter Prämissen, würde ich dem Menschen durchaus einen freien Willen zugestehen.


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Adrian
Die Zahnfee


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BeitragVerfasst am: 08.06.2006, 15:34                                  +/-

Kaylee, beachte den Unterschied zwischen Vorstrukturierung und Determination!

Jetzt hab ich doch mal das ganze Interview gelesen. Sieh da, meine obigen Ausführungen (physikalistischer Monismus impliziert keine "Unfreiheit"-) bestreitet Singer gar nicht GRUNDSÄTZLICH, sondern nur faktisch, mit der Begründung, dass unser Denken zu sehr von Unbewusstem (Trieben, Wünsche usw.) beeinflusst würde.

Das mag ja in der Mehrzahl, vielleicht auch der überwältigenden Mehrzahl der Fälle richtig sein, ich bin aber dennoch überzeugt, dass man sich der unbewussten Einflüsse auf das eigenen Denken und die eigenen Entscheidungen bewusst werden und sich von ihnen emanzipieren kann, jedenfalls bis zu einem gewissen Grade, der es mE auf jeden Fall rechtfertigt, weiterhin von einem freien Willen zu sprechen.

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Kaylee



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BeitragVerfasst am: 08.06.2006, 15:43                                  +/-

Wenn er sich von allem emanzipiert, was dich ausmacht, kannst du dann überhaupt noch von DEINEM freien Willen sprechen? ?????


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Adrian
Die Zahnfee


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BeitragVerfasst am: 08.06.2006, 16:35                                  +/-

Nun, allem, für das ich mich entscheiden kann, müssen natürlich irgendwelche biologisch oder soziokulturell bedingten Präferenzen zugrunde liegen, das ist klar; es kann ja nicht aus dem Nichts kommen bzw. andernfalls müsste tatsächlich eine immaterielle Seele angenommen werden. Entscheidend ist aber, denke ich, dass man sich bewusst entscheiden kann, bestimmte innere Triebe/Wünsche usw. zu unterdrücken und bewussten Prinzipien unterzuordnen, die ursprünglich letztlich natürlich auch eine emotionale Basis haben müssen.

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Thanil
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BeitragVerfasst am: 08.06.2006, 17:12                                  +/-

Ja aber was ist, wenn diese Unterordnung selbst unfrei ist? Wenn ich mir also nur einbilde, dass ich bestimmte Dinge unterdrücke und andere damit zur Geltung bringe? Wenn all dies nur nachträgliche Rationalisierungen von völlig außerhalb meiner BEWUSSTEN Kontrolle ablaufenden Prozessen sind? Dann sitzen wir doch in einer Welt aus Scheiße, oder?


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Tyler Durden
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BeitragVerfasst am: 08.06.2006, 18:04                                  +/-

Ich glaube, ich beginne Wolf Singer erst jetzt richtig zu verstehen. Das wir mit dem Hirn denken ist eine triviale Erkenntnis, sonst hätten wir die graue Masse ja nicht im Kopf. Die ganzen Philosophen arbeiteten sich an ihm ab, weil er folgendes sagt:

Zitat:
Das Ins-Bewusstsein-Treten von Argumenten ist die Folge neuronaler Prozesse, die der Bewusstwerdung vorangehen. Uns erscheint es aber anders.


Die von jedem erlebte Freiheit der eigenen Entscheidung ist eine Illusion. Oder umformuliert: Die Taten eines Menschen sind vorherbestimmt. Das was wir als Abwägen/Überlegen/Nachdenken bezeichnen und als freie Willensbildung unserer Selbst bejubeln, ist in Wirklichkeit nur die nachträgliche Suche nach Gründen. Das Vorgaukeln von Freiheit.

Beispiel:
Wenn Herr Singer Kaylee fragen würde, warum sie Minority Report ins Spiel gebracht hat, würde sie ihm ausführen, dass in dem Film Verbrechenstaten vorhergesehen werden bevor sie begangen werden, sich Menschen letztendlich aber doch umentscheiden können, und das dies relevant für die Diskussion ist oder zumindest denselben Themenkomplex berührt. Nein, nein, Kaylee, sagt darauf Herr Singer, das mag im Film so sein, weil wir uns selbst gerne als frei begreifen, tatsächlich ist dem aber eben nicht so: Menschen tun was sie tun, weil sie im fraglichen Augenblick nicht anders könnten, sonst hätten sie anders gehandelt. Sie, werte Fee, konnten gar nicht anders als auf Antworten klicken, den Beitrag schreiben (und zwar Buchstabe für Buchstabe so wie er ist) und um 16:25 Uhr Absenden klicken. Im Übrigen mussten sie durch ein fehlgeleitetes Neuron an Tom Cruise denken und nur deshalb erwähnten sie den Film.

Julian Nida-Rümelin entgegnet darauf:
Zitat:
"dann liegt hier jetzt tatsächlich unser Konflikt: Das humanistische Weltbild geht davon aus, dass das Ergebnis nicht feststeht, sondern erst eine Folge des Abwägens ist."


Dieser kleine, aber feine Unterschied ist mehr als bloßer Brainfuck oder ein Primadonnenstreit. Es geht um die Frage von Verantwortung und auch um Schuld. Singer begreift zum Beispiel die juristische Wertung zwischen freien und nicht-freien Handlungen als willkürrlich. Ein Straftäter der wegen einem Tumor im Kopf eine Straftat beging wird milde bestraft, während ein zweiter Angeklagter der im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte begriffen wird dies nicht in Anspruch nehmen kann. Dabei sind die Nervenbahnen in seinem Kopf genauso verdrahtet, dass er eben nicht anders handeln konnte, so wie er handelte!


Zitat:
Dürften wir das einmal etwas brutal in den Alltag übertragen? Ein Mann wird von seiner Frau beim Ehebruch ertappt und sagt ihr: "Ich tat, was ich tat, weil ich im fraglichen Augenblick nicht anders konnte. Mein Gehirn war halt in diesem Zustand." Diese Erklärung würde doch keine Frau akzeptieren, Herr Singer.

WS: Doch, die kann das ohne weiteres akzeptieren. Aber dann hinzufügen: "Lieber Mann, jemand, der so angelegt ist wie du, der unter solchen Bedingungen so handelt wie du, ist nicht der, mit dem ich auf Dauer zusammenleben kann. Entweder du änderst jetzt dein Verhalten, oder ..."

Nach Ihrer Theorie müsste die Frau sagen: "Du änderst jetzt sofort dein Gehirn, denn mein Gehirn will sonst mit deinem nicht mehr zusammenleben."

WS: Natürlich, das ist doch dasselbe. Die Argumente und Drohungen ändern in dem Gehirn des Ehebrechers eine ganze Menge. Sie bilden plötzlich neue Attraktoren aus, neue Gesichtspunkte kommen ins Spiel: "Ich verliere möglicherweise meine Partnerin, wenn ich so weitermache." Dadurch hat sich der Gehirnzustand des Mannes vielleicht so verändert, dass er das nächste Mal anders handeln wird.

Aber die Frau wird natürlich der Meinung sein, dass er das vorher hätte wissen können.

WS: Das ist doch aber die Frage, ob sie dieser Meinung sein sollte. Schauen Sie mal: Dieser Mann sitzt an der Bar und ist von der Dame neben ihm in Bann gezogen. Aufgrund dieser fokussierten Aufmerksamkeitslage gelangen nur ganz bestimmte Inhalte in sein Bewusstsein und andere nicht. Über diesen Auswahlprozess, der unbewusst abläuft, hat er schon gar keine Kontrolle.

Finden Sie?

WS: Natürlich, sonst käme ja etwas anderes in sein Bewusstsein. Diese im Bewusstsein aufscheinenden Variablen und die vielen unbewussten Motive führen dann dazu, dass sein Gehirn entscheidet: "Ja, ich tue es." Hätte er vorher einen Spaziergang gemacht, hätte er sich kurz ernüchtert, wären vielleicht auch die Variablen in sein Bewusstsein gedrungen, die Gegenkräfte entfaltet hätten. Die Entscheidung wäre anders ausgefallen.

Dann müsste also auch die Ehefrau einsehen, dass er nichts dafür konnte?

WS: Richtig. Er ist eben nicht ins Freie gegangen. Warum nicht? Weil der Gesamtzustand seines Gehirns, die Motivationslage so eindeutig war, dass ihm nicht einmal die Idee dazu kam.

Wie praktisch.

WS: Moment, natürlich dürfen wir nicht sagen: "Es steht ja alles fest, deshalb muss man sich mit allem abfinden." Natürlich gibt es Entscheidungen, die wir nicht tolerieren können. Und wir wissen auch, wie wir diese beeinflussen können: Indem wir andere Attraktorräume aufspannen, indem wir belohnen, bestrafen, bedrohen, argumentieren.

Herr Nida-Rümelin, überzeugt Sie diese naturwissenschaftliche Erklärung von Willensfreiheit, Schuld und Verantwortung?


JNR: Nein. Und Ihr Alltagsbeispiel zeigt das Problem des Naturalismus sehr gut. Herr Singer, Sie verfehlen das, was ich den humanistischen Kern unserer Lebenswelt nenne. Dass wir verantwortlich sind für unsere Handlungen, dass wir deshalb auch begründen müssen, warum wir etwas getan haben. Das akzeptieren wir alle, Sie auch, und Sie haben ja auch schon eingeräumt, dass Sie das auch in Ihrer Familie so praktizieren. Und das Ganze erscheint uns nur sinnvoll, wenn Personen nicht von vorneherein festgelegt sind, das eine zu tun oder das andere zu lassen. Genau das bezeichnen wir als Freiheit.


Quelle.

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Adrian
Die Zahnfee


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BeitragVerfasst am: 08.06.2006, 18:14                                  +/-

thanil:
Tja, ausschließen kann man das natürlich nicht (wobei, in einer Welt aus Scheiße wären wir mE nur, wenn theoretisch Gedanken- und Willensfreiheit möglich wäre, in der Praxis aber grundsätzlich Unfreiheit bestünde; wenn ersteres nicht zuträfe, könnten die Verhältnisse ja gar nicht anders sein und unsere Ideale wären eine sinnlose Konstruktion, bzw. wir könnten mir dem, was wir für Willensfreiheit halten, was es letztlich aber nicht wäre und sein könnte, durchaus zufrieden sein).

Ich denke aber, dass uns allein schon die Fähigkeit, überall unbewusste Einflüsse/Strukturierungen/Dispositionen etc. zu vermuten, auch dazu befähigt, immer mehr tatsächliche zu identifizieren und uns von ihnen bis zu einem gewissen Grade zu lösen. Sicher sein kann man sich da aber selbstverständlich nicht, wie in allem.

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Adrian
Die Zahnfee


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BeitragVerfasst am: 08.06.2006, 18:34                                  +/-

Man, schon wieder dieser Scheiß mit dem Ehebruch (nun gut, wenn vorher Monogamie vereinbar wurde, ist es natürlich ein Vertauensbruch).

Mit Sicherheit hat ein intelligenter und willensstarker Mensch die Möglichkeit, das zuvor bewusst gewählte Prinzip der Monogamie (wie gesagt, das Beispiel halte ich für sehr ungünstig) über die aktuellen Sinnesreize zu stellen. Auch wenn in diesem Augenblick viele Informationen/Erwägungen unbewusst gefiltert werden mögen, ist das, was letztlich passiert, mE mit Sicherheit auf eine autonome Willensentscheidung zurückzuführen, oder richtiger, eine solche ist möglich (kann "erwartet" werden).
Ich muss allerdings zugeben, dass die einzige Methode, die ich hier anwende bzw. auf deren Grundlage ich zu dieser Aussage komme, die der Selbstbeobachtung und -analyse ist.

Ich bin mit übrigens ziemlich unsicher, was ich unterm Strich von Singer halten soll. Mit der allgemeinen Art seines Denkens und seinen Grundpositionen bin ich einverstanden, mit vielen Einzelheiten aber nicht (wobei, ob die Willensfreiheit eine Einzelfrage ist?) Ich frage mich zB, wie er zu dem Schluß kommt, bestimmte behinderte Menschen seien nicht leidensfähig. Aber selbst wenn dem so wäre, würde ich seine Schlußfolgerungen wohl nicht teilen.

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Tyler Durden
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BeitragVerfasst am: 08.06.2006, 18:55                                  +/-

Es ist nur ein Beispiel, du kannst das auf jedes menschliche Handeln erweitern: Brötchen holen gehen (Sesam oder Mohn?), Rauchen anfangen/aufhören, Fernsehen, die Wahl eines Buches, ob man seinen Chef umbringt oder nicht. Selbst nichtstun und einfach nur so auf der Couch sitzen und die Wand anschauen... Wolf Singer sagt, dass unsere Selbstbeobachtung und -analyse falsch ist.

So, ich habe Hunger und gehe jetzt was essen. Ich bin mir noch etwas unschlüssig, ob das was ich essen werde meine eigene Wahl ist oder das vegetative Nervensystem der Verdauungsorgane dies nur mit geschickter Überredungskunst meinem medialen präfrontalen Kortex als vermeintlich eigene Meinung unterschiebt.

Edit:
Ich glaube Adrians neuronale Bahnen verwechseln gerade Wolf Singer (Frankfurt/Main) mit Peter Singer (Melbourne, Australien).

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Éomunds Tochter



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BeitragVerfasst am: 08.06.2006, 19:20                                  +/-

Unser Anthropologie-Prof kam vor 2 jahren ganz aufgelöst in unsere Vorlesung und hat darüber berichtet, dass es aufgrund neuester Neurologischer Forschungsergebnisse vermutlich keinen freien Willen gäbe.
Ich erinnere mich nicht mehr genau, warum. Soweit ich weiss, erwähnte er, dass Entscheidungen im Hirn von anfang an feststehen, egal wie lange wir darüber nachdenken müssen, bevor wir uns tatsächlich "entschieden" haben.

Aber fragt mich jetzt nicht, wie das genau gemeint war. Ich fands interessant, aber ich habe es größtenteils vergessen.

Übrigens, wenn man den präfrontalen Cortex vom restlichen Hirn abschnibbelt, hat man plötzlich keine Probleme mehr, seine Familie mit einem Hackebeilchen hinzurichten. Oder man sitzt einfach nur noch rum und macht gar nichts. Also, die nichtmal-aufs-Klo-gehen-wenn-man-muss-gar-nichts-Art.


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This is not war. This is pest control.
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Adrian
Die Zahnfee


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BeitragVerfasst am: 08.06.2006, 20:15                                  +/-

Tyler: Scheiße man! You`re right!!!!!!!!!!

Naja, Wolf, Peter - da beißt die Maus keinen Faden ab. Spitze

Edit: Man könnte den Thread ja in "Peter und der Wolf" umbenennen. Spitze

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Arbrandir



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Wohnort: East of the Sun, west of the Moon
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BeitragVerfasst am: 08.06.2006, 22:52                                  +/-

Mehr Lesestoff zum Thema.

Eventuell später mehr in diesem Theater; meine Neuronen geben mir gerade den Befehl, mich seichter Unterhaltung hinzugeben. Ich grübele noch über einer Begründung für diese unfreie Entscheidung.


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Life is hard. After all, it kills you.
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Wichtel



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BeitragVerfasst am: 12.02.2007, 20:26                                  +/-



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sphinx



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Wohnort: der falsche
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BeitragVerfasst am: 12.02.2007, 22:15                                  +/-

falls jemand garde ein tieferes lesebedürfnis zu dem thema hat, wäre ich überaus dankbar, wenn er oder sie das buch
Philosophical Foundations of Neuroscience (Taschenbuch)
von Max R. Bennett, Peter M. S. Hacker, M. R. Bennett
liest.
ich hab von hacker andres zeug gelesen (zwangsweise wg magisterarbeit) und finde ihn nicht unintelligent, könnte mir also vorstellen, dass er zu dem thema interessantes jenseits bilogischer experimente oder metaphyisch-diffusen gebrabbels zu sagen hat; hab nur im moment weder nerv noch zeit, das dings zu lesen. also falls mir jemand den gefallen tun will... hähö ugly


_________________
worauf wartet ihr noch? stopft euch den schmuck
in die busen, den büchsenöffner, das cembalo,
bietet der nemesis eine pauschale an
und packt! die vergütungen ein,
die gasmaske und den unterleib!
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Tyler Durden
Administrator


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BeitragVerfasst am: 24.10.2007, 14:45                                  +/-

Ja, super! Spitze

Wobei ich dir trotzdem widersprichen will, aber nur aus Lust weil ich grundsätzlich erstmal gegen alles bin was du sagst.

Zitat:
Harry zwar viele Veranlagungen mit Voldemort gemeinsam hat, dass er aber z.B. im Gegensatz zu diesem nicht in Slytherin gelandet ist, weil er nicht dorthin wollte und dass letztlich nicht die Anlagen, sondern die Entscheidungen eines Menschen ausmachen, wer und was er wirklich ist.


Aber warum wollte Harry nicht nach Slytherin? Um mal die Dualismusdebatte aufzuwärmen: Dumbledore unterstellt hier einen freien Willen. Bei der Annahme eines materialistischen Monismus hätte sich Potter aber nie anders als gegen die dunklen Künste entscheiden können.



Zuletzt bearbeitet von Tyler Durden am 24.10.2007, 15:00, insgesamt einmal bearbeitet
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Psycho Dad
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BeitragVerfasst am: 24.10.2007, 14:50                                  +/-

Tyler Durden
Aber warum wollte Harry nicht nach Slytherin? Um mal die Dualismusdebatte aufzuwärmen: Dumbledore unterstellt hier einen freien Willen. Bei der Annahme eines materialistischen Monismus hätte sich Harry aber nie anders als gegen die dunklen Künste entscheiden können.


Das sehe ich zwar auch so, ich habe aber diese Woche extrem keine Lust, das mit Adrian zu diskutieren, vor allem da es ja in der Tat wieder auf die Dualismusdebatte hinausläuft.


_________________
„Hm, ich hätte Appetit auf generell asiatisch.“
(Tyler D.)
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Glaurung



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BeitragVerfasst am: 24.10.2007, 15:00                                  +/-

AdrianB

Nein, das kannst du nicht. Wenn jemand aufgrund seiner biologischen Struktur kein moralisches Empfinden hat, ist er dafür natürlich nicht verantwortlich zu machen.

...

Jemand, der von Natur aus aggressiv ist und/oder ein schwach entwickeltes Moralempfinden hat, aufgrund des Empfindens, das er hat, aber ethische Ideale besitzt und nach diesen handelt, ist natürlich keineswegs negativer zu beurteilen als ein von Natur aus sanftmütiger Mensch. Entscheidend ist das, was letztlich herauskommt,


Ist das nicht ein Widerspruch? Da der moralbefreite Mensch nicht für seinen Defekt verantwortlich ist, ist er dann wohl auch nicht für eventuelle Straftaten verantwortlich, die er begeht, weil er ihre Verwerflichkeit nicht einsehen kann. Das ist ja auch in etwa unsere Rechtssprechung. Dann ist aber eben nicht mehr entscheidend, was letztlich herauskommt.


_________________
I have come here to chew bubble-gum and kick ass. And I'm all out of bubble-gum.
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Gimli



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BeitragVerfasst am: 24.10.2007, 15:28                                  +/-

Komisches Interview. Was fehlt den Soziopathen denn nun? Ein "Gewissen" (wie auch immer man das definiert)? Die innere Gefühlswelt (alle Gefühle, sogar Angst und auf der anderen Seite Aggression?)? Die Empathie ja wohl auf jeden Fall. Ich fände es auch gut mal zu erfahren wo denn nun die biologisch feststellbaren Unterschiede im Gehirn liegen. Da geht sie nicht wirklich drauf ein und der Journalist fragt auch nicht nach, es wird nur dahingestellt, dass es eine physisch bedingte Voraussetzung für diese Form der Persönlichkeitsstörung gibt.

Ach, das ist mir alles zu schwammig, wir wissen viel zu wenig über die eigentlichen Forschungsergebnisse. Und wenn sie behauptet, man müsse Soziopath sein, um gewisse Dinge tun zu können, und es reiche nicht einmal in gewissen Situationen zu stecken (Krieg etc.), dann möchte ich nicht wissen, was ihre kranke Phantasie da ausgespuckt hat.


_________________
Yeah, well, you know, that's just, like, your opinion, man.
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Tyler Durden
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BeitragVerfasst am: 24.10.2007, 16:29                                  +/-

Was habt ihr denn immer mit dem Krieg? Nicht jeder Soldat wird zum Monstrum. Andersrum gefragt: Wenn das Gewissen so relativ unbedeutend ist und von den Umständen abhängig, was ist es dann noch wert?

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