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Tyler Durden
Administrator


Beiträge: 23206
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BeitragVerfasst am: 20.12.2018, 13:38                                  +/-

Der Artikel war vom März:

https://uebermedien.de/26268/berliner-kultursena...orter-getaeuscht/

Im „Spiegel“ steht diese Woche ein langer Text über den Tod einer Frau, die in Berlin an einer Überdosis Drogen gestorben ist. Geschrieben hat die Reportage Alexander Osang, der seit vielen Jahren beim „Spiegel“ arbeitet, ein renommierter Reporter, eine so genannte Edelfeder, mit etlichen Preisen dekoriert. Seine neueste Geschichte aber wirft Fragen auf, auch zu Osangs Arbeitsweise.


Und Stefan Niggemeier zum aktuellen Fall:

https://uebermedien.de/33962/der-spiegel-und-die...chten-erzaehlens/


Als ich für den „Spiegel“ gearbeitet habe, vor sechs, sieben Jahren, hatte das Gesellschaftsressort den Ruf, es im Zweifel nicht zu übertreiben mit der Wahrheitsliebe. Gemeint waren damit sicher keine Fälschungen und Erfindungen, aber Verdichtungen, Zuspitzungen, kreative Freiheiten. Die Unterstellung lautete: Das wichtigste Ziel sei es, die bestmögliche, dichteste, begeisterndste Geschichte zu erzählen, nicht unbedingt die genaueste.

.... Ein Grund dafür, dass ich nach kurzer Zeit wieder ging, war die frustrierende Erfahrung, wie wenige Kollegen im Haus damals meine Haltung zu teilen schienen.

Der „Spiegel“ gab und gibt sich größte Mühe, Fehler zu verhindern. Aber wenn sie passiert waren, ging es einigen Beteiligten und Verantwortlichen nach meiner Wahrnehmung damals vor allem darum, das Gesicht zu wahren. Nicht so sehr um eine möglichst schonungslose Aufklärung und Annäherung an die Wahrheit.

Vor dem Hintergrund dieser Erfahrung lese ich es mit einem merkwürdigen Gefühl, wenn „Spiegel“-Redakteur Ullrich Fichtner heute in Pathos badet:

Wer das Atrium der SPIEGEL-Zentrale am Ericusgraben in der Hamburger Hafencity betritt, hat an der Wand gegenüber das Motto des SPIEGEL-Gründers Rudolf Augstein vor Augen, in dem sich das publizistische Ideal des Hauses in seiner knappsten Form verdichtet: „Sagen, was ist.“ Das ist der Auftrag immer gewesen, und niemand sollte die silbernen Lettern für bloßen Wandschmuck oder journalistische Folklore halten. Sagen, was ist, das heißt in den Worten des Statuts von 1949: „Alle im SPIEGEL verarbeiteten und verzeichneten Nachrichten, Informationen, Tatsachen müssen unbedingt zutreffen […] Berichtigungen kann sich der SPIEGEL nicht erlauben.“ Das gilt. Es ist Verpflichtung. Wort für Wort.


Joa.

Der junge, vielfach preisgekrönte Redakteur Claas Relotius soll also bei seinen Artikeln in großem Umfang gefälscht und Redaktion und Leser betrogen haben. Der „Spiegel“ hat diesen Fall selbst öffentlich gemacht und behandelt ihn angemessen als Katastrophe.

Zentraler Aufklärungs-Artikel ist eine sehr lange „Rekonstruktion“ von Fichtner, aus der das Zitat von den „silbernen Lettern“ stammt. Fichtner steigt im kommenden Jahr in die Chefredaktion des Nachrichtenmagazins auf.

Sein Artikel kommt schonungslos daher, aber in Wahrheit ist er vor allem gegenüber dem Kollegen schonungslos. Was die eigene Rolle des Nachrichtenmagazins und seiner Kultur in dem Debakel angeht, ist er stellenweise erstaunlich selbstgerecht. Und die Art, wie Fichtner den Fall aufschreibt und daraus eine „Spiegel“-Geschichte macht, spricht dafür, dass er gar nicht erkannt hat, wie sehr gerade das Geschichten-Erzählen ein Problem in diesem Fall ist.


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Actually, throughout my life, my two greatest assets have been mental stability and being, like, really smart.
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DMolloy



Beiträge: 783
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BeitragVerfasst am: 20.12.2018, 16:26                                  +/-

Es ist schon sehr perfide ein Interview mit dem letzten lebenden Mitglied der Weißen Rose einfach zusammenzuerfinden:
Noch ein Klick für SPON

Er hat immerhin tatsächlich vor Ort mit ihr geredet. Ein Interview dieser Länge ließe sich auf keinen Fall während einer Gesamtbesuchsdauer von etwa 90 Minuten führen - wie von Lafrenz schon angedeutet ist wohl der Großteil frei erfunden.

Er hat wohl zudem behauptet es gäbe keine Audioaufnahme, obwohl er was auf seinem Smartphone hatte.

Jetzt frage ich mich aber schon ob Interviews nicht vom Interviewten vor der Veröffentlichung überprüft und abgesegnet werden müssen..? Ist das kein journalistischer Standard?

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Eiranion
Dr. rer. nat Frühstück


Beiträge: 12611
Wörter pro Beitrag: 44
Wohnort: Aachen
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BeitragVerfasst am: 20.12.2018, 16:31                                  +/-

Der SPON-Artikel erklärt, dass es in Deutschland Praxis ist, sich Interviews autorisieren zu lassen, anderswo aber nicht. Da das Interview in den USA geführt wurde, wo sowas nicht üblich ist, ist das in diesem Fall nicht passiert. Auf der anderen Seite wird aber beim Spiegel (bislang) der Inhalt von Interviews nicht extra geprüft, weil hierzulande überlicherweise eine Autorisierung eingeholt wird.


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Schwarz und Gelb sind unsere Farben
Die wir in den Herzen tragen
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BVB!
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DMolloy



Beiträge: 783
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BeitragVerfasst am: 20.12.2018, 16:46                                  +/-

Aber gerade bei derart langen (und wichtigen, das landete in der Printausgabe) Interviews sollte man von Journalistenseite auf Autorisierung bestehen, besonders wenn sie anderweitig nicht überprüft werden und wenn er nicht mal eine Audioaufnahme liefern wollte (wer macht bei letzten Zeitzeugen keine Audioaufnahmen?). Es wundert schon sehr dass die Spiegel-Redaktion erst jetzt auf die Idee kommt mal selbst anzurufen. Frau Lafrenz haben sie ja offensichtlich gestern sofort ans Telefon bekommen. Die Sensationsgier war hier wohl zu stark.

Mit zukünftigen Aussagen von dem Kerl sollte man (wie bei ähnlichen Fällen) sehr vorsichtig sein. Die starke Angewohnheit sein Umfeld zu manipulieren legt so jemand nicht einfach ab.

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Oxford
Dr. Olympics


Beiträge: 50568
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BeitragVerfasst am: 21.12.2018, 10:22                                  +/-

Die ganz große Empörung will sich bei mir einfach nicht einstellen. "Lügen", wie die, dass in Fergus Falls in Wirklichkeit nur 62% (statt wie von Relotius behauptet 70%) pro Trump gestimmt haben, eignen sich irgendwie nicht, um den Untergang des journalistischen Abendlandes einzuläuten. Zumal es hier um Reportagen geht, nicht um faktenbasierte Newsartikel. Ich würde zwar auch in Reportagen korrekte Angaben erwarten und es ist auf jeden Fall okay, Relotius wegen dieser Schlampereien zu entlassen (weil man so als Journalist nicht arbeitet), aber das hat dennoch (noch) nichts mit Fake News (wie ich sie verstehe) zu tun. Da hat jemand anekdotische Geschichten erzählt, die halt nur z.T. akkurat sind. Okay. Ärgerlich und vielleicht würde ich es auch anders sehen, wenn ich Spiegel-Abonnent wäre. Aber der eigentliche Skandal scheint mir auch eher zu sein, dass die Überpüfung im Haus so schlampig war. Insgesamt wird mir gerade vom Spiegel selber viel zu viel Bohei um den Fall gemacht. Er wird (in meinen Augen aufgeblasen) und Relotius erscheint mir mehr und mehr als ein Bauernopfer, dem man es jetzt aber so richtig gibt. Man scheint beim Spiegel froh zu sein, jemanden zu haben, auf den man zeigen kann. Die Art und Weise wie Relotius jetzt am Nasenring durch die Manage gezogen wird, befremdet mich, und ist dem Vergehen irgendwie nicht angemessen.


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Somit sage ich, nicht ich schreibe das, sondern mein Zeitgewissen.
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Euseppus



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Wohnort: Winterkatingen
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BeitragVerfasst am: 21.12.2018, 19:26                                  +/-

Insgesamt wird mir gerade vom Spiegel selber viel zu viel Bohei um den Fall gemacht. Er wird (in meinen Augen aufgeblasen) und Relotius erscheint mir mehr und mehr als ein Bauernopfer, dem man es jetzt aber so richtig gibt.


Mich ärgert dieses scheinheilige Getue gerade auch ziemlich.


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"Jeder spricht Unsinn. Es ist nur ein Unglück, wenn man es feierlich tut." (Michel de Montaigne)
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Arianrhod



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BeitragVerfasst am: 23.12.2018, 08:40                                  +/-

Jan Böhmermann schreibt auf Zeit Online über die Relotius-Affäre: the rhinozerus in the room

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Thanil
Iniesta de Toto


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Wörter pro Beitrag: 42
Wohnort: ...
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BeitragVerfasst am: 23.12.2018, 09:27                                  +/-

Relotius hat wohl auch Spendengelder veruntreut:

https://m.faz.net/aktuell/feuilleton/medien/betr...der-15955791.html


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„Scientists told them, it was a really bad idea. They didn‘t listen.“ – „That‘s going to be carved on humanity‘s gravestone.“
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Bard
Ewig Erste Liga


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Wörter pro Beitrag: 33
Wohnort: Kiel
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BeitragVerfasst am: 23.12.2018, 13:03                                  +/-

So viel zum Thema "der Druck war zu hoch".

Er wäre nicht der erste Hochstapler und Betrüger, den zuvor fast alle als netten, freundlichen Kollegen wahrgenommen haben. Das sind die besten.


_________________
Strong, not entirely stable, leadership.
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Celebrian
Katen-Löwin


Beiträge: 5474
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BeitragVerfasst am: 23.12.2018, 16:47                                  +/-

Arianrhod
Jan Böhmermann schreibt auf Zeit Online über die Relotius-Affäre: the rhinozerus in the room


Hihi, da sind Perlen drin:

Quatscherzähler, also Künstler, im Hauptberuf zu sein, bringt den Luxus mit sich, befreit davon zu sein, irgendetwas von Bedeutung zum Weltgeschehen beitragen zu müssen, aber es versuchen zu können, wenn man Bock drauf hat.


Journalismus ist niemals langweilig, aber dafür leider wahnsinnig anstrengend, unterliegt strengen Regeln, man gewinnt keine Beliebtheitswettbewerbe und wenn, dann bekommt man seinen Preis bloß widerwillig von einem mies gelaunten Jörg Thadeusz überreicht. Und zum Dank wird man auch noch mies bezahlt. Einige wenige fantasieaffine oder prominente Journalisten dürfen manchmal gefühlige Meinungsstücke, scheppernde Kolumnen oder, besonders unangenehm, herrlich bissige Glossen verfassen, werden dafür aber zu Recht von echten Journalisten und professionellen Quatscherzählern gleichermaßen verachtet.


...eine der köstlichsten Unappetitlichkeiten des deutschen Qualitätsjournalismus seit dem letzten Tweet des WELT-Chefredakteurs (irgendwas mit Freiheit oder Porsche oder Elfenbeinturm)...


Und ein bißchen Storytelling im Spiegel-Style:
Krachend schlägt der Blitz in den rostigen Mast des Wracks der "Sorrow". Funken sprühen. Der alte Schweizer Tanker liegt nur etwa zweihundert Meter von ihm entfernt, dort hinten im strömenden Regen vor dem Fenster seines, hoch oben im palastartigen SPIEGEL-Bunker an der Erascospitze gelegenen, Einzelbüros. Der namenlose, unbefristet fest angestellte Qualitätsredakteur atmet schwer und legt unbeeindruckt seine Lieblingsschallplatte auf. Wie jeden Mittwoch gegen sieben.


Das wird dann ein bissel gewollt meta, aber schon ganz launig als Spiel mit den Ebenen.

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